Rainer Bonhorst / 27.01.2021 / 13:30 / Foto: Mark Jones / 9 / Seite ausdrucken

Hätte Shakespeare für den Brexit gestimmt?

Der Brexit zeigt seine ersten praktischen Macken. Die Grenzen zwischen England und dem Kontinent sind auf einmal wieder Grenzen geworden. Das tut weh, aber so ist das nun mal, wenn man nicht mehr Familie sein will, sondern nur noch Nachbar. Es ist ein Trennungsschmerz der praktischen Art, keiner, der aus der Seele kommt. 

Denn die Seele ist englisch. Und was das heißt, zeigt eine für weite Kreise ebenso typische, wie kuriose Beschwerde englischer Reisender. In ihren Medien zeigen sie sich entsetzt über ihre Behandlung bei der Ankunft in EU-Ländern: „Wir dürfen uns bei den Grenzkontrollen nicht mehr in der EU-Reihe anstellen, sondern müssen mit all den anderen aus Nicht-EU-Ländern warten!“ Eine doppelte Diskriminierung: nicht mehr EU und dann auch noch zusammen mit Krethi und Plethi anstehen. Und das als Engländer! Eine wahrhaft kuriose Beschwerde, aber eine mit tieferem Hintergrund. Hier ist er: 

Ausländer, die in England leben, sind foreigners, oder, zu später Stunde im Pub, bloody foreigners. Engländer, die im Ausland leben, sind keine Ausländer sondern Ex-Pats, also Leute, die sich außerhalb des Vaterlandes befinden. Ein Engländer kann sozusagen genetisch kein Ausländer sein. Wo immer er sich aufhält, umgibt ihn ein Stück England. Er ist als Person exterritorial. 

Es gibt auf der Welt so manchen lautstärkeren Patriotismus. Aber kaum einen tiefer in die Gene eingedrungenen Patriotismus als den englischen. Es gibt so manchen selbst erfundenen exceptionalism, aber kaum ein exceptionalism ist so exzeptionell wie der englische. Er beginnt bei der Insellage, lebt noch von der Erinnerung an ein Weltreich, in dem die Sonne nie unterging, und nährt sich ganz aktuell und dauerhaft von einem Überbleibsel des Weltreichs, der rund um den Globus gesprochenen englischen Sprache. 

Die Macht der Sprache

Sie, die englische Sprache, ist wohl heute die tragende Säule des ausgeprägten englischen Selbstbewusstseins. Wer diese Sprache spricht, ist fast überall zu Hause. Etwas feinere Engländer erinnern gerne an Shakespeare als den King der Literatur. Er ist sicher einer der Dichterkönige. Aber ein Weltliteraturkönig ist er, weil er englisch schrieb und damit posthum die Welt eroberte. Die Macht der Sprache zeigt sich sogar darin, dass es englischen Pop-Größen gelingen konnte, der überwältigenden amerikanischen Entertainment-Maschine Konkurrenz zu machen. Amerika ist ja auch ein Ergebnis der englischen Sprachglobalisierung, auch wenn George Bernard Shaw sagte, England und Amerika seien durch eine gemeinsame Sprache getrennt.

Was wäre wohl aus den Beatles geworden, wenn sie in Hamburg geblieben wären und eine deutschsprachige Gesangskarriere versucht hätten? Was wäre aus den Scorpions geworden, wenn sie ihren Wind des Wechsels auf deutsch und nicht als „Wind of Change“ vorgetragen hätten? Was aus Abba, hätten sie ihre Ohrwürmer auf Schwedisch in die Welt hinausgetragen? Australien, wo die Gruppe ihre verrücktesten Anhänger hatte, hätte nie von ihnen gehört.

Selbst andere Weltsprachen wie Spanisch und Französisch können da trotz aller Bemühungen nicht Schritt halten. China ist eine Welt für sich, kommuniziert aber nur schriftlich in „einer“ Milliarden-Sprache, die gesprochen ihre Einheit verliert.

Viele Sprecher der Weltsprache Englisch leiden allerdings unter einem auf den Kopf gestellten Provinzialismus. Da sie überall auf der Welt ihrer eigenen Sprache begegnen, fehlt ihnen oft der Zwang, der Drang oder auch nur der Anreiz, sich sprachlich auf fremde Kulturen einzulassen. So kann es passieren, dass der Besitz einer Weltsprache als Muttersprache den Blick in die Welt nicht erweitert sondern verengt. Und gleichzeitig das Eigenbild immer neu bestätigt. Was von den überall nicht perfekt englisch sprechenden foreigners noch verstärkt wird.

Schotten sind anders

Der Abschied der Engländer aus der Familie und der Umzug in die Nachbarschaft hat viele Gründe, aber auch diesen. Man wird sich nach und nach an das neue Verhältnis gewöhnen, das nun mal der Seelenlage auf der Insel entspricht, auch wenn es weh tut. Selbst die meisten Brexit-Gegner in England hängen nicht mit ihrer Seele an der Europäischen Gemeinschaft, sondern aus den vielen praktischen Gründen, die für die alten Familienverhältnisse sprechen.

Das alles gilt allerdings nicht für Englands nördliche Nachbarn. Die Schotten haben nicht nur aus praktischen Gründen gegen einen Brexit gestimmt. Ihre Seelenlage ist nicht die der Engländer, weshalb in diesem Text bisher auch immer nur von England und den Engländern die Rede war. 

Der Patriotismus der Schotten ist von anderer Art. Er ist stark, aber gebrochen. Er lebt zu einem beträchtlichen Teil von der Abgrenzung zu England und von der Erinnerung an tapfer verlorene Schlachten gegen die Engländer. Die schottische Anhänglichkeit an den Kontinent hat mit der schottischen Seelenlage zu tun, mit der einerseits unausweichlichen Nähe zu England und zugleich der Sehnsucht nach Distanz.

Die Sehnsucht nach Distanz kann jeder erleben, der einen Schotten einen Engländer nennt. Er wird den schottischen Zorn in einer Sprache vernehmen, die vom Rundfunk-Englischen so weit entfernt ist wie die Sprache eines Passauers von der eines Hannoveraners. Ob dieser Zorn allerdings so weit trägt, dass sich die Schotten tatsächlich zu einem Exodus aus Britannien entscheiden und eine Rückkehr in die gelobte EU wagen, steht in den Sternen.

Auch Shakespeare, der Macbeth-Autor, war kein Schotte mit rollendem R, sondern durch und durch ein Engländer. Die Schotten können ihn allenfalls als Briten für sich beanspruchen, also als jene Kunstfigur, die für die gesamte Inselbevölkerung erfunden wurde. Der Barde aus der Zeit der ersten Elizabeth hat zwar die ersten Reise-Unternehmen, aus denen später das Empire entstand, als Zeitzeuge miterlebt. Aber er konnte nicht ahnen, dass seine Sprache einmal rund um den Globus reisen würde. 

Hätte er für den Brexit gestimmt? Hätte er nicht gebraucht. Den Engländern gehörte zeitweise sowieso ein gutes Stück Frankreichs. Man hatte das Sagen auf Teilen des Kontinents und erhob noch lange den Anspruch auf den französischen Thron. Während bei den deutsch sprechenden östlichen Nachbarn ein verrückter, wenig anziehender Kuddelmuddel herrschte.

Dass eines Tages von einer Stadt namens Brüssel aus, wo man einen irgendwie englisch klingenden Dialekt sprach, das Leben in England reguliert würde, hätte er wohl als einen Witz der Geschichte empfunden. Mit anderen Worten: Shakespeare wäre wohl gar nicht erst dem europäischen Verein beigetreten. Es ist also nicht auszuschließen, dass Boris Johnson ganz im Sinne William Shakespeares handelte, also in stolzer englischer Tradition.

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Leserpost

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Reinhold R. Schmidt / 27.01.2021

Was man aus alten Zeitungen doch lernen kann (Welt vom 16.09.2014). Sollten die Schotten sich also tatsächlich für unabhängig erklären, könnte die Queen als Staatsoberhaupt abgesetzt werden. Beste Chance auf den Posten als König der Highlands hätte dann ausgerechnet ein Bayer, nämlich Herzog Franz von Bayern. Denn der Wittelsbacher ist nicht nur Franz von Bayern, sondern auch King Francis II., Monarch von Schottland. Das sagt zumindest eine kleine Gruppe schottischer Monarchisten, die den Bayern gerne statt der Queen auf den schottischen Thron setzen würden. Die sogenannten Jakobiten berufen sich dabei auf die Abstammung des 81-Jährigen. Der ist tatsächlich ein entfernter Nachfahre des Hauses Stuart, jener schottischen Familie also, die gut 100 Jahre lang England und Schottland regierte. Die Leitung des Hauses Stuart liegt im Hause Wittelsbach, dessen Oberhaupt Herzog Franz ist, heißt es auf der Seite der monarchistischen Royal Stuart Society. Der Anspruch ist über Maria Theresia von Modena vererbt worden, eine Nachfahrin der Stuarts und Urgroßmutter von Franz. Das wäre doch mal ein Ereignis!

Heinrich Wolter / 27.01.2021

Diese Eigenheit wurde mir schon in den 90ger Jahren von meinem englischen Kollegen mitgeteilt. Damals war ein Spruch im Schwange der ungefähr so lautete: Fast überall auf der Welt ist man ein Fremder. Das wurde umgehend vom Kollegen ergänzt: ... Nur der Engländer ist überall auf der Welt Engländer. Nur eine kurze Anmerkung: Die Werke von William Shakespeare wurden nicht von William Shakespeare geschrieben, sondern von einem Engländer gleichen Namens.

Karl-Heinz Vonderstein / 27.01.2021

Wenn man in Deutschland weiter, zugunsten des Englischen, die eigene Sprache verachtet und zurücksetzt, wird Deutschland in nicht mehr ferner Zukunft ein Teil der englischsprachigen Welt werden.

g.schilling / 27.01.2021

Die Briten haben schon den ersten Erfolg ihres Brexits eingefahren! Die bekommen Impfstoff! Die Kontinentaldeppen von Uschi Hirnlos nicht. Hat sie wohl keinen Verwandten zum kungeln installiert.

Steffen Huebner / 27.01.2021

Etwas hat der Brexit den Engländern doch schon mal gebracht: Sie haben ihren Impfstoff nicht über Uschi`s bräsige Beamtenschaft versorgen müssen, sondern das selbst getan - Monate schneller und haben nun genug davon.

Manni Meier / 27.01.2021

Das Beste an den Briten ist, dass zwar auch sie Fehler machen, aber in der Lage sind, sie zu korrigieren. Siehe EU. Und das Zweitbeste ist ihr Humor, oder sollte man sagen die Selbstironie, sich dann darüber zu mokieren, nun “zusammen mit Krethi und Plethi” bei der Zollkontrolle warten zu müssen.

Daniel J. Hahn / 27.01.2021

Der Schotte braucht Shakespeare nicht, hat er doch Robert Burns. Auch Adam Smith, der große Moralphilosoph, Aufklärer und Ökonom war Schotte. Ganz zu schweigen von den vielen großen Erfindern, James Watt, Alexander Graham Bell, John Boyd Dunlop etc. Genug also, um sich nicht unterlegen zu fühlen.  Bleibt also abzuwarten, ob sich die Schotten zunehmend schottisch und weniger britisch fühlen. Die schottische Unabhängigkeit wäre der Schlußpunkt unter eine jahrhundertelange, teils sehr gewalttätige Expansion der englischen Krone. Diese Expansion ist der Grund für den Brexit, auch weil sich die Engländer mit Blick auf ihre Geschichte nie mit der EU und der deutsch-französischen Dominanz anfreunden konnten. Die Trennung ist schade, aber kein Beinbruch. Jetzt müssen wir halt Klingeln, ehe wir in den Garten kommen. 

Bastian Kurth / 27.01.2021

Kommentar von der Insel als es um den Austritt ging “we want our keys back - thank you”. Das kann man nur zu gut verstehen, offensichtlich aber in Deutschland nicht gewünscht oder verstanden, egal….good riddance EU

Fred Burig / 27.01.2021

Also Herr Bonhorst, ihre Äußerung “Das tut weh, aber so ist das nun mal, wenn man nicht mehr Familie sein will, sondern nur noch Nachbar. ” lässt, angesichts des desaströsen, diktatorischen Machtgehabes der EU- Lenker, bei ihnen auf ein eigenartiges Familienverständnis schließen. Zumal in den meisten funktionierenden Familien eben nicht die Dümmsten und Unfähigsten das Sagen haben dürften! MfG

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