Manfred Haferburg / 23.06.2020 / 16:00 / Foto: Pixabay / 11 / Seite ausdrucken

Die hängenden Arbeiter der Notre Dame

Seit einem Jahr bedeutet das im Feuer teilweise zusammengeschmolzene Gerüst der Dacharbeiten der Notre Dame eine Gefahr für die stark beschädigte Kirche. Wenn diese 200 Tonnen Gerüst auf die Deckengewölbe stürzen – der Schaden wäre nicht auszudenken. Das Gerüst muss weg. Durch Corona gibt es eine dreimonatige Verspätung bei den Rettungsarbeiten. Doch jetzt gehen die Arbeiten voran – durchgeführt von den „hängenden Arbeitern der Notre Dame“.

Es ist eine sehr delikate Aufgabe, die diese Männer lösen müssen. Monatelang haben französische Ingenieure getüftelt, wie sie zu lösen sei. Kein Statiker kann die Haltbarkeit dieser verbogenen, bei 1.000 Grad Celsius zusammengeschmolzenen Rüststangen zuverlässig berechnen. 40.000 Rüststangen, verbogen, geschmolzen, sich gegenseitig stützend, müssen demontiert werden, ohne dass das Mikado sich bewegt oder gar zusammenstürzt. Intuition und Gefühl sind gefragt – doch Ingenieur beinhaltet nicht umsonst das Wort „Genie“.

Eine unerprobte einmalige Lösung musste her. Erst einmal sollte das alte Gerüst unterfangen werden. Aber unterfangen Sie mal ein 200-Tonnen-Mikado, wenn kein Platz darunter da ist. Deshalb wurde oben eine riesenlange Gittertraverse gebaut, an der sich Arbeiter wie Bergsteiger von oben auf das Gerüst abseilen können, ohne es durch ihr Gewicht zu belasten. Solche Arbeitsartisten sind selten auf dieser Welt. Sie hängen bei der Arbeit an Rollenwagen, die auf der Traverse beweglich sind und darauf hin und her fahren. 

Operation aus gefährlicher Handarbeit

Erst werden ein paar Rüststangen mit Seilen fixiert und an den mitarbeitenden Kran  gehängt. Mit Elektrosägemessern wird dann das so gesicherte Teil herausgesägt, bis es frei hängt und hochgezogen werden kann. Doch halt, das Gerüst darf jetzt – ohne die Stützwirkung des herausgesägten Teils – nicht einstürzen. Die Bauleiter beobachten die Arbeit und das Verhalten des Gerüstes von gigantischen Hubplattformen aus. Sie achten darauf, dass die herausgetrennten Teile in perfekter Balance sind. Wenn östlich eine halbe Tonne weg ist, muss das nächste Stück westlich herausgetrennt werden. Nur so bleibt das Riesenmikado im Gleichgewicht. 

Die hängenden Arbeiter sind die wahren Künstler dieser Operation. Sie hängen wie Bergsteiger an mehrere Meter langen Seilen in Höhe von 40 Metern über dem Mikado. Sie steuern ihre Position fern. Sie kommunizieren über Funk. Sie sägen mit ihren Batteriesägen freihängend an den freihängenden Gerüstteilen und leiten sie zum Abtransport erst nach oben und dann zur Seite. Die ganze Operation besteht aus gefährlicher Handarbeit. Und sie wird viele Wochen dauern. 

Währenddessen hängen andere Arbeiter in weißen Anzügen mit Masken vor dem Mund an weißen Seilen über den Kreuzgewölben der Decke der Notre Dame. Die Masken tragen sie aber nicht wegen Corona, sondern wegen des Staubes aus Blei. Während des Brandes hatte sich die Bleikontamination überall oben auf der Kirche verteilt. Neben den Arbeitern hängen Container, in die sie Schutt und Asche schippen. Vorsichtig kratzen sie mit ihren Aluschippen und Besen die Reste des verbrannten Daches von der Oberseite der grazilen Decke und entlasten sie so pro Tag um hunderte von Kilogramm Gewicht.

Auch unfertig bleibt sie Notre Dame

Auch wenn Sie es nicht so mit der französischen Sprache haben, genießen Sie einfach die eindrucksvollen Bilder der artistischen Arbeiter. Jedenfalls freut es mich, dass es noch mutige und findige InGENIEure gibt. Die Demontage des Gerüstes hat ja gerade erst begonnen. Doch sie zeigt den festen Willen der Franzosen, im Jahre 2024 wieder Gottesdienste in der Kathedrale Notre Dame von Paris zu feiern. Ob das erreichbar ist? Wer weiß das schon. 

Napoleon I. hatte seinen Soldaten dereinst versprochen, dass sie bei der siegreichen Heimkehr nach der Schlacht von Austerlitz durch einen Triumphbogen in Paris einziehen würden. Nur wurde der Arc nicht rechtzeitig fertig. Also ließ Napoleon den unfertigen Teil des Arc de Triomphe einfach in Stuck und Holz fertigstellen. Die Soldaten wird es so wenig gestört haben, wie eventuell 2024 nicht beendete Arbeiten an der Notre Dame die Gläubigen beim Gottesdienst stören werden. Und vielleicht hat ja die staatliche Untersuchungskommission bis dahin auch die Brandursache der Notre Dame ermittelt.

Foto: Pixabay

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Wolfgang Nirada / 23.06.2020

“Und vielleicht hat ja die staatliche Untersuchungskommission bis dahin auch die Brandursache der Notre Dame ermittelt.” Aber ob die dann auch noch den Mut die Wahrheit zu sagen….??

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