Gerd Buurmann / 31.03.2024 / 16:00 / Foto: Pixabay / 12 / Seite ausdrucken

Die deutsche Disco der besonderen Verantwortung

Bundesinnenministerin Nancy Faser fordert eine besondere Verantwortung gegenüber Juden. Wenn ich jedoch aus dem Mund eines deutschen Politikers die Worte „besonders“ und „Juden“ in einem Satz höre, bekomme ich Beklemmungen. 

„Aus dem deutschen Menschheitsverbrechen des Holocaust folgt unsere besondere Verantwortung für den Schutz von Jüdinnen und Juden und für den Schutz des Staates Israel.“ Das sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) dem SPIEGEL und fügte hinzu: „Diese Verantwortung ist Teil unserer heutigen Identität.“

Diese Worte sprach Faeser als Erklärung dafür, dass in staatlichen Einbürgerungstests künftig Wissen zum Holocaust, zum Existenzrecht Israels und zu jüdischem Leben in Deutschland abgefragt werden soll. Wer Deutscher werden wolle, müsse wissen, „was das bedeutet, und sich zu dieser Verantwortung Deutschlands bekennen“. Das Bekenntnis müsse zudem „klar und glaubhaft“ sein.

Mich erinnert Nancy Faeser an eine Journalistin, mit der mein Freund Henryk Broder vor einigen Jahren das Vergnügen hatte zu diskutieren. Das Gespräch fand irgendwann nach dem Flüchtlingsstrom im Jahre 2015 statt. Damals fragte Henryk die Journalistin, woran es liegen könnte, dass ausgerechnet Deutschland in der Flüchtlingsfrage einen Sonderweg einschlägt und bereit ist, Flüchtlinge ohne Obergrenze aufzunehmen. Kein anderes Land in Europa würde sich so verhalten, erklärte er und fragte, warum es in Deutschland anders sei. Darauf antwortete die Journalistin allen Ernstes, Deutschland habe nun mal aufgrund seiner Geschichte „höhere moralische Standards“ als alle anderen Länder. Als Henryk das hörte, drehte er sich wortlos auf dem Absatz um und ging. Es gab für ihn nichts mehr zu reden.

Ich verstehe, warum Henryk Broder gegangen ist. Egal wie lieb, offen und tolerant es die Journalistin auch immer gemeint haben mag, was sie mit ihrer Aussage behauptete, war: Auschwitz hat uns Deutsche besser gemacht! Das ist die perverse Logik hinter der Aussage, Deutschlande habe aufgrund seiner Vergangenheit höhere moralische Standards: Erst wurden Juden in Deutschland besonders behandelt, indem sie bürokratisch organisiert ermordet wurden, und nun bewältigen die Deutschen diese Vergangenheit bürokratisch organisiert, woraus eine besondere Verantwortung für die Juden resultiert. Das glauben die wiedergutgewordenen Deutschen tatsächlich. Deutschland hat aber nichts aus der Vergangenheit gelernt. Deutschland darf nämlich nichts aus dem Massenmord lernen, weil es nichts Gutes aus dem Holocaust zu lernen gibt. Es gibt keinen Profit durch gute Erinnerung an das Böse.

Nur die Opfer von damals

Es gibt nichts aus dem Holocaust zu lernen. Was soll es denn auch aus dem Holocaust zu lernen geben? Dass man Menschen nicht millionenfach vergast? Dass Juden auch Menschen sind? Dass man lieb zueinander sein sollte, egal wie man aussieht? All das sollte man auch ohne Holocaust wissen. Der Holocaust ist keine Nachhilfe für moralisch Sitzengebliebene, sondern schlicht ein unvergessbares und unverzeihliches Verbrechen, aus dem es nichts zu lernen gibt. Vor allem aber ist der Holocaust und der Umgang damit keine Frage für deutsche Türsteher, die mit der Beantwortung der Frage darüber entscheiden, ob die Deutsche Disco der besonderen Verantwortung betreten werden darf.

In Deutschland findet Judentum fast nur noch in Gedenkstunden statt. Juden sind Gespenster von damals und werden als Opfer der Vergangenen bewältigt. In Schulen taucht das Judentum deutlich öfter im Geschichtsunterricht auf als im Philosophie-, Ethik-, Religions- oder Gesellschaftskundeunterricht.

Wenn man in New York sagt: „Heute gehen wir in ein jüdisches Stück“, dann freuen sich alle. Jüdisches Theater, das steht in Amerika für spritzige Dialoge, humorvollen Tiefgang, für Woody Allen und Neil Simon. Wenn man aber in Deutschland sagt: „Heute gehen wir in ein jüdisches Theaterstück“, dann kommen deprimierte Gesichter. In Deutschland steht jüdisches Theater für Auschwitz, Holocaust und Anne Frank. Juden sind für viele Deutsche nur die Opfer von damals, nicht die Lebenden von heute. Genau das ist das Problem.

Mehr Denkmäler für Ermordung als für Leistung

In vielen deutschen Städten gibt es mittlerweile mehr Stolpersteine als lebendige Juden. Eine Mehrheit aller Deutschen trifft heute im Alltag deutlich öfter auf tote Juden als auf lebendige. Die Mehrheit der deutschen Schüler war in KZ-Gedenkstätten und weiß, wo in ihrer Nachbarschaft Stolpersteine liegen, aber sie sagen: „Ich habe noch nicht einen Juden kennengelernt.“

Auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Party und nach Hause, überall trifft man in Deutschland auf tote Juden. Dabei erfahren wir jedoch nicht, was diese Juden großes erreicht haben oder wen sie geliebt und worüber sie sich gefreut haben. Wir erfahren, wann, wo und wie sie ermordet wurden. Wer Menschen auf ihren Status als Opfer reduziert, erwartet irgendwann auch von ihnen, Opfer zu sein. Der Schritt, sie zu Opfern zu machen, ist dann nicht mehr weit.

Natürlich ist es wichtig, das unfassbare Verbrechen nicht zu vergessen, aber es ist nicht gut, Menschen auf den Moment ihrer Ermordung zu reduzieren. In Deutschland haben mehr Juden Denkmäler dafür bekommen, ermordet worden zu sein, als dafür, etwas geschaffen zu haben. Solange in Deutschland mehr Denkmäler für ermordete Juden stehen als für Juden, die aus ihrer eigenen Schöpfungskraft etwas erreicht haben, werden es lebendige Juden in diesem Land schwer haben. Was würden Sie über Ihre Nachbarn denken, wenn sie immer wieder zu Beerdigungen innerhalb Ihrer Familie auftauchen, aber nie zu Geburtstagen?

Der Trend zu Stolpersteinen

Das größte Denkmal für Juden in Deutschland ist ein Mahnmal des Todes, das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Warum gibt es in Deutschland nicht ein Denkmal, das mindestens ebenso groß ist wie das Holocaust-Mahnmal und das all die herausragenden und erhabenen Errungenschaften ehrt, die Juden in und für Deutschland geleistet haben? Ich würde gerne zu einem solchen Denkmal gehen. Altkanzler Gerhard Schröder aber sagte, das Holocaust-Mahnmal sei ein Ort, „wo man gerne hingeht“. Der Historiker Eberhard Jäckel brachte es sogar fertig, zu sagen: „Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“

Deutschland ist stolz auf seine Vergangenheitsbewältigung, die es ohne die Vergangenheit natürlich nicht gäbe. Eine deutsche Straße, die was auf sich hält, hat mindestens einen Stolperstein. Ohne Stolperstein findet man als Straße heute gar nicht mehr statt. Der Trend geht zum Zweitstolperstein! Bei dem ganzen Stolz um die ermordete jüdische Familie Stolperstein vergessen viele Deutsche jedoch den Hass auf lebende Juden, der sich heute wieder auf deutschen Straßen breit macht.

Auf deutschen Straßen wird wieder gegen Juden gehetzt, Synagogen werden attackiert, Juden angegriffen und gegen Israel gehetzt. Israel wird kritisiert und gehasst, aber die Stolperstein werden poliert. Die Familie Stolperstein hat sich aber auch so schön vernichten lassen. Ohne Auschwitz gäbe es den Soundtrack von „Schindlers Liste“ nicht, und den hören nun mal viele Deutsche so gerne, weil der so schön traurig ist.

„Was halten Sie von Juden?“

Es gibt Vergangenheitsbewältiger, die nehmen es den Juden von heute übel, dass sie sich wehren, zu Stolpersteinen zu werden, an denen die Vergangenheitsbewätiger dann in Zukunft ihr eigenes Profil der moralischen Überlegenheit im symbolischen Kampf gegen das allgemeine Unrecht schleifen können. Die toten Juden sind die gute Juden, verbrannte Wohlfühljuden quasi. Die lebendigen Juden nerven nur. Darum können viele Deutsche auch ohne Probleme zeitgleich mit der einen Hand einen Kranz für tote Juden an einem Mahnmal abwerfen und mit der anderen Hand einen Protestbrief gegen Israel verfassen, nicht obwohl, sondern weil es den Holocaust gab und sie aus dem Holocaust gelernt haben, nämlich Israel zu kritisieren, gerade als Deutscher, damit sich die Juden dort so benehmen, wie sie es in Deutschland gelernt haben: wie ein Opfer!

Deutschland hat seine Juden am liebsten im Erinnerungsarbeitslager. Für sie verdrücken sie auch gerne mal eine Träne. Für lebendige Juden jedoch gibt es nur die letzte Tinte, und mit der wird Israel kritisiert, weil man das ja wohl noch sagen können muss, besonders unter Freunden. Wenn man daher Menschen, die Deutsche werden wollen, unbedingt daraufhin abhören möchte, welche Beziehung sie zu Juden haben, dann reicht es schon, ganz direkt zu fragen: „Was halten Sie von Juden?“ Wenn man es danach noch etwas genauer wissen möchte, kann man fragen: „Was halten Sie von Israel?“

Diese zwei Fragen reichen schon aus, um zu erfahren, wie ein potenzieller neuer deutscher Bürger drauf ist. Und dazu braucht es nicht mal den Holocaust! 

 

Gerd Buurmann ist Schauspieler, Stand-up-Comedian und Kabarettist. Er spielt, schreibt und inszeniert in diversen freien Theatern von Köln bis Berlin. Seit April 2022 moderiert er den Podcast „Indubio“ der Achse des Guten.

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Chris Gries / 31.03.2024

Heute beim Sonntagsfahrer: „Der Islam hat nichts mit dem Islam zu tun.“ noch Fragen zur Einbürgerung?

Roland Völlmer / 31.03.2024

Vielen Dank für diesen Beitrag. Seit Jahrzehnten versuche ich in meinen alltäglichen Begegnungen klar zu machen, dass Juden mehr als Holocaust und Gaza Konflikt sind. Aber egal was man sagt, ob man über Kishon spricht, über jüdisches Leben in den USA, Besuch in Israel, am Ende kommt wieder die Rede auf Holocaust Betroffenheit und Gaza Konflikt. Kommt mir vor wie manche Engländer, die Deutsche nur als Wehrmachtssoldaten aus Kinofilmen sehen wollen. Es ist schwer, die Vielfalt des jüdischen Lebens zu zeigen, aber es lohnt sich.

L. Luhmann / 31.03.2024

@“Sam Lowry / 31.03.2024 Kinder werden abgestochen und schleppen sich blutend zurück in die Schule. Aber das größte Problem ist ja die AfD… alles nur noch unfassbar!” - Es war eben Allahs guter Wille. Da kann man nichts machen. Man muss eben vertrauen.

Michael Lorenz / 31.03.2024

“Diese zwei Fragen reichen schon aus ...” - ich ergänze den Satz einmal anders: ... um 80% der Schon-Länger-Hier-Lebenden zu beglückwünschen: hätten sie nicht schon ihren Pass durch Geburt erhalten, würden sie nach dem neuen ‘Test’ auch keinen bekommen. Der geniale M. Klonovsky drückte es einmal so aus: “Die beliebtesten Juden in Deutschland sind Herr und Frau Stolperstein”!

Burkhart Berthold / 31.03.2024

Bei all diesen Überlegungen sollten wir bedenken, dass die skurrile “Erinnerunskultur” ein Phänomen von Politik und Medien ist, eine quasi-theologische Übung mit vielen praktischen Anwendungen. Dagegen erkennen normale Leute durchaus, dass es heute nicht primär um das Gedenken an tote Juden, sondern um die Solidarität mit lebenden Juden geht. Den Juden von Auschwitz können wir nicht mehr helfen, sehr wohl aber den Juden in Israel. Und das sollten wir tun.

S.Buch / 31.03.2024

Etwas genauer müsste es heißen: Wenn ich jedoch aus dem Mund eines deutschen (öko-) sozialistischen Politikers die Worte „besonders“ und „Juden“ in einem Satz höre, bekomme ich Beklemmungen.

Bertram Scharpf / 31.03.2024

Dieser Text gehört in Stein gemeißelt. Diese Streitschrift gegen die deutsche Infantilität war überfällig.

Thomas Szabó / 31.03.2024

Ich schlage ein Museum (kein Mausoleum) vor “...das all die herausragenden und erhabenen Errungenschaften ehrt, die Juden in und für Deutschland geleistet haben…” und heute leisten! Geschichte & Gegenwart. Das Haus des jüdischen Lebens. Die historische Ausstellung wird durch Einblicke in das aktuelle jüdische Leben ergänzt: Volkshochschulkurse für jüdische Kultur, Kochkurse für jüdische Küche, Seminare für jüdischen Humor, chassidische Tänze mit Henryk Broder…

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