Vera Lengsfeld / 01.09.2016 / 13:35 / 8 / Seite ausdrucken

Dicke Luft bei der Tagesschau

Unter dem Titel „Betreutes Fernsehen: Was die Tagesschau warum verschweigt" veröffentlichte ich auf der Achse des Guten über den Schriftwechsel zwischen einem Bremer-Bürger und der Tagesschau. Er hatte bei der Tagesschau angefragt, warum sie die  Evakuierung eines Bremer Einkaufszentrum aufgrund einer terroristischen Gefährdungslage verschwiegen habe.  In der Antwort des Publikumsservice der Tagesschau hieß es unter anderem: „Uns ist bewusst, dass nun der Vorwurf erhoben wird, wir verschwiegen mutwillig Tatsachen. Es sei Ihnen jedoch versichert, dass wir dies wenn, dann ausschließlich aus medienethischen Gründen und aus einem Verantwortungsgefühl der Gesellschaft gegenüber tun"

Gestern erreichte mich ein Schreiben des Intendanten des Norddeutschen Rundfunks, Lutz Marmor. Darin schreibt er:

„Ich habe mir die Antwort des Publikumsservice, die ich bis dahin nicht kannte, daraufhin angesehen. Sie ist missverständlich und entspricht weder meiner Auffassung noch der journalistischen Praxis im NDR. Selbstverständlich berichtet die 'Tagesschau' angemessen und ausgewogen über alle relevanten aktuellen Ereignisse. Auf meine Bitte hin erfolgte eine nochmalige Prüfung der Antwort und eine Klarstellung durch die Redaktion. Die Stellungnahme von ARD-aktuell füge ich Ihnen bei".

Und hier die beigefügte Stellungnahme:

Stellungnahme der Redaktion

ARD-aktuell erreichen täglich im Durchschnitt mehrere hundert E-Mails zu unseren Programmangeboten. Diese werden vom Publikumsservice der Redaktion beantwortet. ARD-aktuell bedauert, dass die Antwort vom 15.08.2016 zu Missverständnissen geführt hat, und stellt klar:

Die Redaktion enthält den Menschen keine Informationen vor oder verschweigt sie aus falsch verstandener Rücksicht auf die Zuschauerinnen und Zuschauer. Sollte dies der Antwortbrief nahegelegt haben, so bedauert ARD-aktuell diese fehlerhafte Formulierung. ARD-aktuell hat über die Terrorgefahr sowie über Terroranschläge in Europa - und natürlich auch in Deutschland - umfassend, angemessen und verantwortungsvoll berichtet. Die Redaktion ist bei der journalistischen Bewertung insbesondere angewiesen auf die Einschätzung der Gefährdungslage durch Sicherheitsbehörden. Die Suche der Polizei nach einem Algerier, der aus der Psychiatrie Bassum entwichen war, wurde von der Polizei ausdrücklich nicht als „Anti-Terror-Einsatz“ bezeichnet. Weitere Details können der Pressemitteilung der Bremer Polizei entnommen werden:

http://www.presseportal.de/blaulicht/pm/68439/3390042

ARD-aktuell hat den Fall richtig gewichtet. Auf tagesschau.de wurde über ihn berichtet und zusätzlich in der Meldung auf radiobremen verlinkt: http://www.radiobremen.de/nachrichten/gesellschaft/polizeieinsatz148.html

Aufgabe der „Tagesschau“ ist es, Ereignisse nach den Kriterien der Aktualität und Relevanz einzuschätzen und zu berichten. Die Räumung eines Einkaufszentrums in Bremen im Rahmen der Suchaktion fand also aufgrund einer journalistischen Beurteilung und nicht aufgrund einer wie auch immer gearteten Zensur nicht in der „Tagesschau“ statt. Kritik an der Programmentscheidung nehmen wir ernst. Es gibt bei ARD-aktuell, dies ist klar festzuhalten, keine zurückhaltende Berichterstattung über Terrorakte. Die umfassende Berichterstattung über den Amoklauf in München im Ersten sei als nur ein Beispiel genannt. Wir versuchen jeden Fall aufs Neue auf Basis der verfügbaren Informationen zu bewerten. Vage und unbestätigte Bedrohungen finden insofern nicht automatisch Eingang in die Berichterstattung.

Die Redaktion ARD-aktuell wird auch künftig bei Amokläufen grundsätzlich die Gesichter der Täter unkenntlich machen und die Berichterstattung so gestalten, dass es nicht zu einer Heldeninszenierung und Ikonisierung der Täter kommt. Insofern halten wir in Übereinstimmung mit namhaften Kriminologen und Psychologen eine gewisse Vorsicht beim Umgang mit Bildmaterial für geboten.

Natürlich haben die Gewalttaten der letzten Monate zur Verunsicherung der Bevölkerung beigetragen. Bund und Länder haben auf die Bedrohungslage reagiert. Über die Sicherheitslage in Deutschland und die politische Diskussion hat ARD-aktuell über lange Strecken täglich berichtet. Es gelten hierbei uneingeschränkt die bekannten Nachrichtenkriterien. Berichte über terroristische Anschläge werden sich natürlich weiterhin in unseren Nachrichtenangeboten wiederfinden. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich dabei weiterhin darauf verlassen, dass die „Tagesschau“ über Amokläufe, Attentate und Anschläge vorurteilsfrei berichtet.

Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell

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Leserpost

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Ulrich Jäger / 02.09.2016

Gestern Abend in der “Hessenschau”, der kleineren Schwester der “Tagesschau”. Der erste Satz des aktuellen Anchorman: “Brand in einem Flüchtlingsheim in Rüdesheim. Aber es war kein Anschlag, es war ein Verbrechen.” Dazu fällt einem nichts mehr ein! Ich warte immer noch auf die Erklärung, was einen Anschlag von einem Verbrechen unterscheidet. Sicher die Tatsache, dass bei einem Anschlag die halbe hessische Politprominenz wenn schon nicht vor Ort, dann wenigstens geistig sein Mitgefühl geäußert hätte. Bei einem Verbrechen ist das ja nicht nötig.

Arno Besendonk / 02.09.2016

Gesicht unkenntlich machen? Kenne ich guuut vom WDR. Dort wurden jahrelang Strafttäter nur von der Hüfte abwärts gezeigt und verschämt “Personen” genannt. Was natürlich die Gerüchteküche hinsichtlich Verschweigens des “Migrationshintergrundes” erst angeheizt hat. Erst nehmen Journalisten das Informationsinteresse des Zuschauers nicht ernst und dann wundern sich hinterher alle über den Zulauf der Rechten.

Ralf Neitzel / 02.09.2016

Wenn ich das Geld meine Kunden bekommen möchte, dann muss ich das tun, was meine Kunden haben möchten. Das ist auch gut so, denn das gleiche mache ich ja morgens beim Bäcker z.B. Wenn derjenige, der mich - angeblich - mit Informationen versorgt, sowieso sein Geld bekommt (GEZ), dann ist es demjenigen völlig egal, wie er mich informiert. Oder zensiert.

Martin Wolff / 01.09.2016

“Die Redaktion ARD-aktuell wird auch künftig bei Amokläufen grundsätzlich die Gesichter der Täter unkenntlich machen und die Berichterstattung so gestalten, dass es nicht zu einer Heldeninszenierung und Ikonisierung der Täter kommt. “ Den Breivik hat man nicht unkenntlich gemacht. Und dann wäre da noch die Frage an die Zuschauer, ob sie denn zukünftig über solche Ereignisse informiert werden wollen. Diese Frage wird von ARD aktuell sorgsam vermieden.

Axel Wahlder / 01.09.2016

@ Die Suche der Polizei nach einem Algerier, der aus der Psychiatrie Bassum entwichen war, wurde von der Polizei ausdrücklich nicht als „Anti-Terror-Einsatz“ bezeichnet. : Die Agitprop scheint ihre demagogische Panazee doch gefunden zu haben.

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