Als Gratmesser öffentlichen Bewusstseins eignet sich kein Medium so gut wie Facebook. Nachzuvollziehen war das hervorragend im Zuge der amerikanischen Abhöraktivitäten. Die Empörung in meinem Freundeskreis war groß. „Der Ami“ hatte wieder zugeschlagen. Die Abhöraktivitäten wurden schnell in Zusammenhang gesetzt zu einem vermeintlich keine Freunde kennenden amerikanischen Nationalismus. Man legte sehr hohe Maßstäbe an und folgerte, wer abhört, kann kein guter Staat sein.
Und nun? Angesichts der Tatsache, dass der BND sich in die Kommunikation der amtierenden US-Außenministerin eingeklinkt hat? Sie werden es ahnen – nichts. Keine Empörung, kein Entsetzen. Keine großen Analysen des deutschen hysterischen oder paranoiden Nationalcharakters. Wieso nur? Anlässlich der US-Maßnahmen waren doch so hehre moralische Standards und Annahmen über das Verhalten befreundeter Staaten formuliert worden. Wo bleiben die nur?
Der natürlich immer subjektive Eindruck der eigenen Social Media-Kanäle wird trefflich ergänzt durch einen Blick ins politische Berlin und in die deutsche Medienlandschaft. Auch hier herrscht die große Entspanntheit. Empörung, Moralkeulen? Nope. Spiegel online bewertet in einem höchst maßvollen Kommentar die künftige Rolle des BND. Dessen Abhörmaßnahmen werden darin als nüchtern zu bewertendes Element der Positionierung des Landes gesehen. Politmoral? Abwesend. Welcher Unterschied zur pompösen Rhetorik, mit der dasselbe Medium sich über die Aktivitäten der NSA echauffierte.
Nun wird Sie das alles wahrscheinlich nicht besonders überraschen. Mich auch nicht. Wir haben uns längst an diese neue Form des deutschen (oder alteuropäischen) Chauvinismus gewöhnt. Dieses Land nimmt für sich eine Form der moralischen Überlegenheit in Anspruch, die es vor Selbstkritik immun werden lässt – vor allem dann, wenn es um das Beziehungsfeld Deutschland – USA geht. Da ist das Gefühl der eigenen Superiorität so präsent, dass es nicht mehr hinterfragt wird. Die USA sind für den deutschen Identitätsdiskurs ein Instrument der permanenten Selbstüberhöhung. Das fängt mit dem Vorurteil, Amerikaner seien dick und ungebildet, an. Und hört mit den Spionageaktivitäten längst noch nicht auf. Der Mechanismus ist immer derselbe: Selbstüberhöhung durch Stereotypisierung und Stigmatisierung des anderen.
Interessant ist dabei, wie konsequent die sich für links haltenden Amerikahasser in der Kultivierung ihrer Vorurteile die eigenen Prinzipien ignorieren. Alles Völkerverständigende, alles Internationale, alle Neugier für andere Kulturen geht ihnen plötzlich ab. Es wird ein plumper Nationalismus gepflegt, der am Stammtisch jeder völkisch empfindenden Gruppierung einen Ehrenplatz verdient hätte.
Ich fand dieses Gejammere über amerikanische Abhöraktionen überflüssig. Wie überflüssig es tatsächlich war, drückt sich jetzt, bei Umkehrung der Sachlage aus. Keiner "findet etwas dabei", wenn Deutsche spionieren. Natürlich ist es aus deutscher Sicht sinnvoll den "Verein um Erdogan" abzuhören. Wer weiß, was die so ausbrüten, wenn die Sonne nur heiß genug sticht? Und selbstverständlich hören Amis alles in Deutschland ab. Mohammed Atta &Co; haben hier in aller Ruhe studiert und ihre Anschläge vorbereitet, ohne dass der deutsche Geheimdienst auch nur eine leise Ahnung hatte. Der Gipfel der Dummheit war die Empörung darüber, dass das Handy der Kanzlerin abgehört wurde. Natürlich wird es abgehört, wenn es technisch möglich ist. Nicht nur von Amis, sondern von Allen die dazu in der Lage sind. Man sollte sich umgekehrt fragen, wie unfähig und fahrlässig die Kanzlerin ist (und natürlich unser Geheimdienst), dass sie über angezapfte Leitungen kommuniziert. Hoffentlich hat sie nur das übliche Gedöns erzählt. Ein echtes Sicherheitsrisiko nationalen Ausmaßes! Wie doof sind die Verantwortlichen dort eigentlich? Man muss mal zwei Dinge deutlich voneinnander trennen: Einerseits die informelle Selbstbestimmung eines jeden Menschen, die ist in Deutschland geschützt. Wenn der amerikanische oder deutsche Geheimdienst Telefone anzapft oder Emails bei Facebook mitliest und speichert, ist das ohne entsprechende richterliche Anordnung nicht legal und auch nicht besonders nett. Darüber hinaus hat jeder Staat ein ganz legitimes Spionageinteresse. Sollte man in seiner positiven Wirkung nicht unterschätzen! Durch gute, zutreffende Informationen lassen sich unter Umständen nicht nur Terroranschläge, sondern militärische Konflikte verhindern. Der Geheimdienstler sammelt Informationen, wie der Bäcker Brot backt. Das ist sein Beruf. Wo ist das Problem? Das Handy der Kanzlerin wird im Zweifel weiter abgehört, auch wenn sich die Mundwinkel der Besitzerin bis zum Boden runterziehen. Anfang der 80er haben bei der Volkszählung alle "Mord und Brand" geschrieen, jetzt empört man sich, dass "alles und jeder" abgehört wird. Und wenn schon! Sollen sie meinetwegen speichern, bis die Speicher ob des gespeicherten Irrsinns anfangen zu qualmen. Mir tun jetzt schon die leid, die sich all den gequirlten Mist durchlesen müssen, weil sie beim Geheimdienst arbeiten.
"Staaten haben keine Freunde - Staaten haben Interessen" - Charles de Gaulles manchmal auch zitiert als: "Staaten haben keine Freunde - Staaten bilden Allianzen" - was auf das Gleiche hinausläuft. Jeder, der moralintriefend über etwas derart Abstraktes wie einen "Staat" und dessen legitime Selbstschutz-Interessen salbadert, sollte moralische Sichtweisen tunlichst ausblenden und Sachlichkeit einziehen lassen - erst dann können wir von einer "Expertise" reden - alles andere ist dumpfes Moralisieren ohne Substanz....
Sehr gut beobachtet und beschrieben. Leider, leider nehme ich das auch in meinem Freundeskreis wahr. Es ist sehr betrüblich und entfremdend. Vielleicht wäre der Morgenthau-Plan für Deutschland doch das richtige gewesen!
Ja klar, alles nur Chauvinisten hier. Lieber Herr Gutzmer, das ist die selbe Soße wie sie uns Annetta Kahane, Jutta Dithfurz, Fiona Baine / San Fran Farmer (Bolschepedia) u.a. erzählen; es ist das Narrativ vom -richtig:- Querfrontler. Gähn.