Man wundert sich fast, dass es so lange gedauert hat. In Erfurt haben unter PegXda-Banner Tausende „gegen die Amerikanisierung des Abendlandes“ demonstriert. Es war klar, dass der enge Fokus auf den Islam den Selbstdefinitionsversuchen der demonstrierenden Kleinbürger nicht ausreicht. Die wahre Stoßrichtung musste eine andere sein, jene, die den deutschen Mainstream ohnehin hysterisiert wie keine andere: der Antiamerikanismus. Amerika, gern noch gepaart mit Israel, ist die Orientierungsfigur, an der sich der deutsche Nationalismus bevorzugt abarbeitet. Neu ist das nicht. Schon der frühe Thomas Mann fabulierte vom teutschen Geist als etwas ganz Eigenem, viel Tieferem als der schröcklich oberflächliche, amerikanisch-angelsächsische Liberalismus.
Die PegXda-Demos, ohnehin ein Schaulaufen sämtlicher unsympathischer Haltungen deutscher Gegenwart, nehmen den Ball nun dankbar auf. Die Bewegung erklärt das nicht weiter. Es macht sie auch nicht interessanter. Spannend wird aber etwas Anderes: Die Haltung der Gegendemonstranten zum Pegi-Pega-Pegaga-Tanz. Denn der Antiamerikanismus ist ein gemeinsamer Nenner, auf den sich viele deutsche Linke mit den Pegidanern gut einigen können. Auch die nächste zu erwartende Floskel, den „Man wird doch noch was gegen Israel…“-Sermon, singen beide gern. Das diffus moralische Superioritätsgefühl gegenüber den USA und Israel ist identitätprägend gerade auch für viele sich „links“ fühlende Deutsche (und auch für andere Europäer). Hinzu kommt ein Sack voll Verständnis für Russland und sein großmäuliges Gehabe. Auch dies wurde gerade in Erfurt artikuliert.
Das heißt: Pegida rückt an die Geisteshaltung von Teilen seiner Gegner heran. Für die wird es nun interessant: Eigentlich könnten man sich gut vereinigen – zu einer gemeinsamen Anti-USA-Demo. Erste Anzeichen dafür waren in Leipzig schon zu sehen. „Wir können nicht auseinanderhalten, wer Gegner, wer Befürworter ist”, zitiert Spiegel online einen Polizeisprecher zum Auftakt der letzten Demo. Der Mann ist womöglich ein Visionär.
Die ganzen Brandherde rund um Europa, die uns die Flüchtlingsströme bescheren, sind doch transatlantischen Ursprungs. Nur gegen die Islamisierung zu protestieren kommt eben auf die Dauer zu kurz. Noch dazu, wenn die Regierung den Eindruck von Marionetten vermittelt, die nur TTIP, TISA und CETA implementieren sollen und danach ihre Schuldigkeit getan haben. So gesehen ist eigentlich bisher PEGIDA die optimale Ablenkung gewesen.
Herr Gutzmer, erst Ihre "Liberalismus-hat-mit-Angst-nichts-zu-tun"-These, dann das hier: Die Demo in Erfurt hat mit Pegida Dresden nichts zu tun. Sie aber werfen die zwei Demos in einen Topf. Das nennt man Pauschalisierung oder fehlende Differenzierung. Pegida geht nicht gegen amerikanische Einflüsse auf die Straße. Aber das wird Sie wahrscheinlich nicht davon abhalten, es immer wieder zu behaupten.
Wohne in Berlin seit über 40 Jahren und finde Deutschland und Europa prima. In bezug auf jene Pegada-Bewegung kann ich als US Bürger nur milde lächeln, da ich mich seit Jahrzehnten an dieser Art Kritik längst gewöhnt habe. Kein Problem mit Kritik - destruktiv oder konstruktiv. Aber nicht vergessen: les extrèmes se touchent....toulours.
Ich gehe fest davon aus, lieber Herr Dr. Gutzmer, dass Sie sich den Rat von Rainer Bohnhorst aus dessen letztem Beitrag mit dem Titel "Schreiben, was ist!" ganz bestimmt zu Herzen genommen haben; wenn denn diese Haltung, die Herr Bohnhorst in seinem Beitrag beschreibt, nicht schon von jeher Ausdruck und fester Bestandteil Ihrer Schaffenskraft gewesen ist. Erlauben Sie mir dennoch den Hinweis, dass Ihnen in Ihrer Zustandsbeschreibung, PEGIDA und dessen bundesweite Ableger betreffend, eine lässliche Kleinigkeit durchgegangen ist: BAGIDA, der Ableger aus München, wird seitens NPD und BIA (Bürgerinitiative Ausländerstopp) via deren Facebook-Seiten für das verstärkte Zeigen von Israelfahnen auf den Demos sowie eine israelfreundliche Grundhaltung der BAGIDA-Veranstalter kritisiert. Dies nur als Hinweis und weiterhin alles Gute sowie allseits viel Freude beim "Schreiben, was ist!".
Hallo Herr Gutzmer. Ach, und antiamerikanisch sind sie auch noch! Die "Pegida-Pegada-Pegaga". Warum bleiben die bloß nicht zu Hause mit ihren "dumpfen" Parolen und stören uns nicht auf dem Weg in die leuchtende Zukunft! MfG
Ach ja, Herr Dr. Gutzmer, diese "demonstrierenden Kleinbürger", die sich immer wieder in etwas von Ihnen Missbilligtes verrennen - sind dummerweise der Souverän in diesem Land. Theoretisch zumindest.
Ja, Herr Gutzmer, Sie haben Recht: die extreme Linke hat mit der extremen Rechten weltanschaulich viel gemeinsam: unter anderem das antiamerikanische sowie das antijüdische Ressentiment. Islamkritische Reflexionen sind übrigens auf der extremen Rechten noch seltener anzutreffen auf der extremen Linken, nehme ich an. Die extreme Rechte mag ein diffuses Ressentiment gegen das Nichteigene verspüren, was in offene Ausländerfeindlichkeit umschlagen kann. Eine spezifische, rationale Islamkritik ist hier dahingegen fremd...eher im Gegenteil. Die fälschliche Identifikation einer Islamkritik mit der extremen Rechten, das Verschwurbeln von Islamkritik mit Ausländerfeindlichkeit dient lediglich dem Versuch, eine längst überfällige öffentliche Diskussion über den Umgang mit den Folgen einer stetig wachsenden Zahl muslimischer Bürger und Einwanderer zu verhindern. Man kann das Benennen des Problems hierdurch einhegen, aber nicht das Problem.