Archi W. Bechlenberg / 21.10.2018 / 06:23 / 14 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum: Moondog

Mein Freund und Kommilitone Tobi besaß einen wohlhabenden Arzt als Vater und kratzte daher nicht, wie unsereins, die Tapeten von den Wänden, um mal wieder feste Nahrung zu sich nehmen zu können. Auch fuhr er in unregelmäßigen Abständen ausgeranzte Daimler Diesel nach Teheran, was pro Fahrt einen runden Tausender einbrachte. Einmal allerdings auch einen unangenehmen Typhus oder eine Cholera, was ihn für längere Zeit in die  Isolierstation eines Krankenhauses brachte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Tobi war jedenfalls finanziell gut bestellt. Das Geld setzte er in Miete und Einrichtung seiner „Bude“ um, die aus einer ganzen Etage eines alten Bauerngutes bestand und sich somit deutlich von den 12 qm kleinen Löchern in den Studentenwohnblocks unterschied. Da es in Tobis Bleibe wirklich viel Platz gab, befand sich an zentraler Stelle ein runder Tisch mit grüner Filzdecke, über dem sehr niedrig eine große runde Lampe hing. An diesem Tisch saßen wir so unregelmäßig wie möglich zu viert, fünft oder sechst und pokerten ganze Nächte hindurch. Um Streichhölzer.

Den wohl wesentlichsten Anteil am Mobiliar nahmen Regale ein, selbstgebaut aus dicken, sägerauen Fichtenplanken, die Tobi irgendwo an Baustellen fand und dann mit seinem VW Käfer nach Hause brachte, was dank Schiebedach auch mit längeren Planken möglich war. 

Auf den Regalen standen, eng gedrängt, hunderte, tausende, vielleicht Fantastillarden von Langspielplatten. LPs, 30 cm. Denn Tobi war nicht nur ein Musikliebhaber und Kenner vor dem Herrn, er wusste auch zuverlässige Quellen für Platten, die es noch gar nicht, wenn überhaupt, bis nach Deutschland geschafft hatten. Meist bezog er sie aus den Niederlanden, und was es in Maastricht nicht gab, bekam man eben in Amsterdam. Bis wo man es per Käfer in gut vier Stunden schaffen konnte.

Eines Tages lag auf dem Pokertisch eine Plattenhülle

Wir sind am Anfang der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Die Musikversorgungslage in Deutschland war in der Tat ein einziges Elend. Während man in Deutschland nicht einmal den Namen J.J. Cale kannte, hatte ein Plattenladen im 20 km entfernten holländischen Heerlen – übrigens dem Geburtsort von Thomas Bernhard, aber das nur am Rande – sein Schaufenster mit den drei bis dahin erschienenen LPs des „Schweigers von Tulsa“ dekoriert, und da drei Platten für ein komplettes Schaufenster wenig hergaben, hatte man noch einen Schaukelstuhl, eine Gitarre sowie ein (echtes?) Knäuel Tumbleweed drum herum platziert. Ich erwarb die Platten, erntete aber bei Tobi nur ein müdes Lächeln; er hatte bereits zwei Jahre vorher Cales sensationelles Debutalbum „Naturally“ aus Amsterdam mitgebracht.

Never forget a summer around 1974+/- I had a '68 van with an 8 track, paneling, sink, ice box, bed and a lovely long legged, long hair girlfriend. We would pop in j.j. Cale Naturally and drive thru the N.Western states, drinkin' brews, smokin' dubes (it was a different time) and that girl would kiss me and tell me she loved me when we crossed county lines. It was Heaven on Earth and i'll die a grateful man!" (Kommentar bei Youtube zu „Naturally“)

Eines Tages lag auf dem Pokertisch eine Plattenhülle, deren Motiv mich faszinierte. Darauf zu sehen im Profil ein offenbar steinalter Mann mit einem endlos langen, eisgrauen Bart. Eine Art weißer Umhang zog sich bis hoch zu seinem Hinterkopf, und obenauf trug er etwas, das wie eine Mütze, halb roter Samt, halb graues Strick, aussah. Die Augen des Mannes waren geschlossen, ja zusammen gekniffen. In großen Buchstaben stand MOONDOG darüber.

Ich hielt die Platte für ein Album einer Band, die ich noch nicht kannte und die ein fraglos auffälliges Covermotiv gewählt hatte. „Cooles Bild!“ sagte ich zu Tobi, und er nickte. „Das ist er selber.“

Und so lernte ich wieder einmal dazu. Moondog war keine Band mit einem pfiffigen Coverdesigner, sondern ein einzelner Mensch, dem man ohne Nachfrage ein biblisches Alter abgekauft hätte. Und der offensichtlich Musik machte. Tobi schüttete vorsichtig das Vinyl aus der Hülle, legte die Scheibe auf den dafür vorgesehenen Technics Plattenspieler (dieser stand auf einem massiven Marmorblock, der jegliche unerwünschten Schwingungen des hölzernen Bauernhoffußbodens eliminierte), und ich hörte zum ersten Mal die Musik von Moondog.

Sein Vater war von Beruf Wanderprediger

Ich will hier über die Musik gar keine weiteren Worte verlieren, unten finden Sie Links zu Beispielen von Moondogs Werk, und ich hoffe, Sie werden nicht durch die deutsche Gema-Sperre daran gehindert, sich darin zu verlieren. Statt dessen im Folgenden einige Worte über den Schöpfer dieser Klänge, die, wie er, aus einer anderen Welt zu stammen scheinen.

Moondog wurde nicht als Moondog geboren, sondern trug nach seiner Geburt im Jahre 1916 zunächst den ehe durchschnittlichen Namen Louis Thomas Hardin. Seine Eltern zogen ständig in der Gegend herum (hier muss ein Kalauer von Rodney Dangerfield hin: „Ich fand sie aber immer wieder“), denn sein Vater war von Beruf Wanderprediger. So verbrachte Louis Thomas die ersten Jahre seines Lebens im Mittleren Westen der USA. Früh begann seine Liebe zur klassischen Musik Europas, und er sah sich – seine Mutter stammte aus Deutschland, sein Vater hatte skandinavische Wurzeln.

Mit 16 Jahren fand der junge Bursche eine Dynamitkapsel; diese explodierte und nahm ihm für immer das Augenlicht. Er besuchte eine Blindenschule und kam dort mit Musik in Kontakt. Er lernte zahlreiche Instrumente sowie Harmonielehre und konzentrierte sich vor allem auf das Musizieren mit Schlaginstrumenten. Sein Gehör war bald so geschult, dass er seine Kompositionen ganz ohne instrumentale Hilfe direkt aus dem Kopf in Blindenschrift notieren konnte.

In den 1940er Jahren zog es ihn nach New York. Er legte sich den Namen Moondog zu und lebte ein überaus bescheidenes Leben auf der Straße. Sein Äußeres wurde nicht alleine durch den damals schon imposanten Bart bestimmt; Moondog trug eine Art Wikingerkleidung mit einem gehörnten Helm, einem wallenden Umhang und einem Speer. Noch bis in die 1970er Jahre stand er so stets an der gleichen Straßenecke in Manhattan an der Ecke 6th Avenue/54th Street, verteilte Zettel mit kleinen Gedichten und machte Musik. Während ihn der kleine Passant auf der Straße für einen merkwürdigen Eckensteher hielt, erkannten ansässige Musiker, die Moondog auf der Straße sahen und hörten, schnell sein musikalisches Genie; dabei spielte er an dieser Stelle ja stets nur mit seinen diversen Schlaginstrumenten sowie auf einer kleinen Zither und konnte somit sein musikalisches Potenzial überhaupt noch nicht offenbaren. 

Von einem Tag auf den anderen war Moondog verschwunden

Moondog gehörte jahrzehntelang so sehr zum Klang- und Straßenbild Manhattans, dass, so erzählt eine Anekdote, das an der gleichen Straßenecke liegende Hilton-Hotel in Anzeigen seine Lage so beschrieb: „Gegenüber von Moondog.“

Ich will Sie in diesem Rahmen nicht mit musiktheoretischem Wissen langweilen, Sie finden im Internet viele Informationen zu Moondog. Stattdessen zähle ich einige Namen von Verehrern aus der Musikwelt auf, für die Moondog eine eben so singuläre wie geniale Figur des 20. Jahrhunderts darstellte und darstellt. Arturo Toscanini, Igor Strawinski, Leonard Bernstein ("Dieses seltsame Genie, das da unten an der Ecke steht“); Julie Andrews (mit der er ein wunderschöne Platte mit Kinderliedern aufnahm), Charles Mingus, Janis Joplin und Paul Simon von Simon and Garfunkel.

Plötzlich, von einem Tag auf den anderen, war Moondog an seiner Straßenecke verschwunden. Niemand wusste, wo er war, und es lag die Vermutung nahe, dass er gestorben sei. Doch er war überaus lebendig, wenn auch nicht mehr in Manhattan, sondern in Europa. Der Hessische Rundfunk hatte ihn nach Deutschland eingeladen, für zwei Konzerte mit dem Motto „Bach, Moondog & Bach“. Und was geschah? Der Mann, der seit 30 Jahren zu New York gehörte wie die Freiheitsstatue, blieb in Deutschland. „Ich wollte ursprünglich gleich nach dem Konzert zurück. Als ich aber hier war, da war ich so beeindruckt von den Menschen, von ihrer Freundschaftlichkeit, ihrer Wärme, der ganzen Atmosphäre, dass ich mich entschieden habe, nicht mehr in die USA zurückzugehen“, wird Moondog von Michael Rüsenberg zitiert, der 1979 ein Gespräch mit ihm führte.

Es ist durchaus möglich, dass unter Ihnen, geschätzte Leser, der Eine und Andere, Moondog selber einmal begegnet ist. Denn In Hamburg, Hannover und Recklinghausen setzte er sein Leben als Straßenmusiker fort. Ja, Recklinghausen! Ein Musiker und Fan hatte ihn dorthin eingeladen. In Recklinghausen sprach ihn dann eine Passantin an, die allerdings nicht ganz zufällig vorbei kam, sie hatte eine seiner Platten daheim. Sie bot ihm im Haus ihrer Eltern eine feste Unterkunft an, und tatsächlich lebte der bis dahin so unstete Wikinger fortan in Oer-Erkenschwick, betreut und begleitet von seiner Förderin Ilona Sommer.

Ein Moondog Boom brach aus

Er komponierte unermüdlich und spielte mehrere Platten ein. 1989 ging er noch einmal nach New York, wo sein Erscheinen ebenso ungläubig wie enthusiastisch gefeiert wurde. Das New Music America Festival hatte ihn eingeladen, und er bekam die Gelegenheit, einige seiner Kompositionen aufzuführen. Ein Moondog Boom brach aus, ältere Platten wurden neu aufgelegt und die Presse feierte ihn in ausführlichen Berichten und Artikeln.

„Ich bin ultrakonservativ. Ich rebelliere gegen die Rebellen. Die Rebellen sind für mich die Atonalisten und Polytonalisten. Ich bleibe der Tonalität und den alten Formen treu, weil ich denke, dass ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft sind und auch nie ausgeschöpft werden können.“ (Moondog)

Dennoch blieb Deutschland Moondogs Lebens- und Arbeitsmittelpunkt. 1992 erschien das Album Sax Pax For a Sax, unter Mitwirkung zahlreicher Größen der damaligen Musikwelt. Die Kompositionen der Platte wurden gefeiert und vielfach aufgeführt, so auf der Dokumenta in Kassel. 1999 ist Thomas Louis Hardin in Münster gestorben, dort liegt er auch begraben. Niemand geringerer als Ernst Fuchs hat das Grabmal gestaltet.

Links: 

J.J. Cale „Naturally

Website „Moondogs Corner“ 

Moondog – Moondog II (ganzes Album) 

Moondog – H'art Songs (ganzes Album) 

Moondog – Chaconne in G major

Moondog – Witch of Endor

Moondog – Symphonique No. 3

Moondog – Bird's Lament (für Charlie Parker) 

Moderner Remix von Bird's Lament 

Moondog – The German Years 1977-1999 

Filmdokumentation über Moondog (in Produktion) 

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Leserpost (14)
Robert Jankowski / 21.10.2018

Lieber Archi: wenn du die Geschichte in den Anfang der 80er gepackt hättest, hätte ich Tobi gekannt. :) Cale habe ich in den 70ern durch meine Ma geniessen dürfen, auf einer Dual Anlage mit 2x6 Watt!  Für Moondog bin ich wahrscheinlich zu jung, aber eben noch nicht alt genug, um meinen musikalischen Horizont zu erweitern, deshalb danke ich dir für den Tipp. Die Antidepri Serie ist echt der Hammer!

Gabriele Schulze / 21.10.2018

Dieser Artikel zählt dann ja Gott sei Dank unter legale Stimulantien - vielen Dank für die Geschichte und die Links, Herr Bechlenberg.

Marcel Seiler / 21.10.2018

Vielen Dank für diese Geschichte!

Anders Dairie / 21.10.2018

JJ Cale ist in Youtube zu sehen und zu hören.  Sein “Cocaine” ist der Gipfel amerikanischer Coolness.  Der Text an Traurigkeit nicht überbietbar.  Den Moondog kanne ich noch nicht.  Danke, Herr Bechlenberg, für die Erinnerung an zwei Genies. Nun wird Moondog angehört !

Thomas Lehmann / 21.10.2018

Vielen Dank, Herr Bechlenberg! Nicht nur für ihren sehr gelungenen Artikel, sondern auch für den Musiktip. Moondog kannte ich vorher nur vom Namen her, und ich dachte, daß es sich dabei um esoterische Fahrstuhlmusik mit Wellness-Charakter handelt. Weit gefehlt! Heute habe ich meinen leidigen Frühjahrsputz nachgeholt und mir dabei alle Hörtips angehört, die Sie empfohlen haben. Ich bin sehr positiv beeindruckt, vor allem von Moondogs Bandbreite. Man findet Jazzelemente, Trommelmusik, Anklänge von Volksgesang und Kinderliedern, aber auch kontemplatives Orgelspiel (auf der Platte ´German Years 1977-1999´), das mich an Keith Jarretts ´Spheres´ erinnert. Wie Jarrett und Mingus ist auch Moondog ein Eklektizist, der sich unbefangen verschiedener Stile bedient. Mir gefällt das, weil es ein Zeichen geistiger Flexibilität ist. Moondogs Musik ist von Leichtigkeit geprägt, ohne oberflächlich zu sein und sich beim dritten Hören abzunutzen. Ein richtig raffinierter Ohrwurm ist ´Bird´s Lament´, das mich kompositorisch sehr an Charles Mingus erinnert und alle Voraussetzungen für einen Jazz-Klassiker hat.

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