Blumige Formulierungen auf der Menükarte, wie sie zu Zeiten der „Nouvelle Cuisine“ üblich waren, gehören der Vergangenheit an. Heute geht es in der gehobenen Gastronomie nüchtern zu. Hauptwörter, getrennt durch Punkte oder Schrägstriche.
In der Mitte der 80er Jahre gesendeten Münchner Kultserie „Kir Royal“ ziehen Regisseur Helmut Dietl und sein Drehbuchautor Patrick Süskind auch die Gastroszene durch den Kakao. Leibhaftig mit von der Partie ist „Jahrhundertkoch“ Eckart Witzigmann, in dessen ebenfalls legendärem Sternerestaurant „Aubergine“ Klatschreporter Baby Schimmerlos einen blasierten Münchner Polizeipräsidenten dazu überredet, eine gegen ihn gerichtete Strafanzeige fallen zu lassen.
Und überall beten arrogante Kellner die gleichen Speisenfolgen der damals auch in deutschen Feinschmeckerkreisen ungemein erfolgreichen (und leider gründlich missverstandenen) „Nouvelle Cuisine“ herunter: „Als Vorspeise empfehle ich Ihnen ein frisches Carpaccio vom Lachs in Kaviarrand mit weißen Trüffeln. Dann hätten wir einen sehr schönen französischen Seewolf, einen Loup, pochiert in Champagner, anschließend Wachteln im eigenen Nest gefüllt mit Gänseleber, ensuite Käse, Dessert Likör, Patisserie.“ Als Dessert gibt es bei den damals (und zum Teil noch heute) angesagten Münchner Adressen stets und zum Missfallen von Babys vom „Nouvelle Cuisine-Scheiß“ genervten Freundin Mona „frische Walderdbeeren, Tiramisu, Mousse au chocolat“.
Blasierte Kellner sind noch nicht ausgestorben, zusätzlich treten in der gehobenen Gastronomie, vorzugsweise in mit „Sternen“ oder „Hauben“ dekorierten Restaurants, heute die Küchenchefs selbst an den Tisch, um stolz ihre tätowierten Unterarme zu präsentieren. Der Stil der Speisekarten indes hat sich radikal geändert. Statt „Dreierleis“ vom irgendwas oder einem wie auch immer beschaffenen „Duett“ oder „Dialog“ und den zu Molekularküchenzeiten offerierten „Sphären“ werden heute nur noch die jeweiligen Zutaten aufgeführt.
Staccato-Stil der WhatsApp-Kommunikation
Speisekarten gleichen unterdessen einer Einkaufsliste und zugleich einer Wundertüte. Als Vorspeise begegnet man beispielsweise „Tatar. Tomate. Belper Knolle. Brioche“, gefolgt von einer Suppe namens „Erdnuss. Yuzu. Garnele. Zucchiniblüte“, als Hauptgang wird „Reh. Sellerie. Enoki. Ponzu. Mangold.“ aufgetischt und als süßer Rausschmeißer „Kokosnuss. Passionsfrucht. Curry.“ Manchmal werden die einzelnen Posten mit Punkten, manchmal mit Schrägstrichen abgetrennt. Ganze Sätze wie die hochkomplexe Wortfolge „Seezunge mit Tomaten und Safransauce“ oder „Heimisches Kalbsfilet & Kalbsbackerl mit Selleriecreme und Frühlingsgemüse“ sind schwer aus der Mode gekommen. Es herrscht der Staccato-Stil der WhatsApp-Kommunikation bzw. jener „Klemmbrett-Minimalismus“, von dem zutreffend die Süddeutsche Zeitung sprach.
Was einen am Ende wirklich auf dem Teller erwartet, bleibt der oft überbordenden Kreativität von Chefköchen überlassen. Streng genommen gibt es nur noch Überraschungsmenüs, eine Einrichtung, die Kindergeburtstagen vorbehalten sein sollte. Wer heute wissen möchte, was einen auf dem Teller erwartet, muss sich so lange gedulden, bis aufgetragen wird. Dann stochert der Kellner mit dem hoffentlich makellos gewaschenen Zeigefinger oder dem umgedrehten kleinen Finger auf diese oder jene Komponente und wartet mit Erläuterungen zur jeweiligen Zubereitungsart auf.
Wenn er mit seiner Litanei durch ist, hat man schon wieder vergessen, um was es sich bei dem ersten Saucentupfer, Schaum, Gel, fermentiertem Irgendwas oder zur Unkenntlichkeit dekonstruierten Fleischstück gehandelt hat. Am besten, man lässt als Gedächtnisstütze unauffällig den Handyrecorder mitlaufen, um sich selbst zu erinnern oder den Lieben daheim berichten zu können, was man eigentlich gegessen hat. Besonders nachhaltig ist das nicht.
Ein Sternewirt aus Franken bringt es sogar fertig, seine Speisekarte mit Wirtshausklassikern ebenfalls im Telegrammstil zu formulieren: Bauernente/Kloß/Blaukraut“ heißt es da oder „Schäufele/Kloß/Salat. Spätestens beim „Wiener Schnitzel/Pommes/Salat“ wird es dann skurril. Niemand muss sich zu gestelzter Speisekartenlyrik verrenken wie einst die Matadore der „Nouvelle Cuisine“. Doch was hindert die Köche eigentlich daran, noch verständliche Sätze zu formulieren nach dem Muster „Wiener Schnitzel mit Pommes und Salat“? Manchmal schient es, als wäre es heute leichter, einen Michelin-Stern zu erringen als erfolgreich die Mittlere Reife abzulegen.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
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Beim „Steirereck“ in Wien gibt es kleine Kärtchen als Begleitung zum Menü. Wenn man die aufmerksam studiert, weiß man tatsächlich, was sich auf dem Teller befindet. Und das nette Personal braucht nicht immer die gleiche Leier anzustimmen… Zur Nachahmung empfohlen!
Ich dachte, alles, was ein Restaurant auf der Speisekarte hat, ist auch empfehlenswert. Oder ist das so gemeint, dass das Personal erraten solle, was entscheidungsunschlüssiger Gast mag oder Appetit habe?
Die ganze Aufregung um das Gekoche ist/war reine Verarschung von Leuten, die von Essen keine Ahnung haben und „teuer“ mit „gut“ verwechseln. Das größte Geschisse wird um Wein gemacht. Und jetzt gibt es auch noch „Wasser-Sommeliers“. Wie blöd muss man sein, um auf so einen Faulen Zauber reinzufallen? Und zu Hause gibt es die teure Küche als Statussymbol und darin werden die schlechtesten Lebensmittel verarbeitet …
„Doch was hindert die Köche eigentlich daran, noch verständliche Sätze zu formulieren?“ Antwort: Vielleicht mangelt es heute oft an der Fähigkeit verständliche Sätze zu formulieren? Wo lernt man heute denn so etwas noch?
„Geheimtipp in Lahnstein“, Google-Bewertung: „Unterm Strich haben wir pro Person 10 Euro für eine Tiefkühlpizza bezahlt. So schloss sich der Kreis und wir wussten, warum die Pizzabackecke so dezent abgeschirmt war.“ So oder so ähnlich läuft das doch mittlerweile überall… und wer mich ausgeschlossen hat (2G-3G), also alle, bekommt von mir keinen einzigen Cent mehr. Kochen kann ich selbst, und meist eh viel besser. Für etwa 20% des Gastro-Preises!
Addendum: Für alle, die wirkliches Interesse an guten Gastwirtschaften haben, auch wenn diese vielleicht kein Geheimtipp (mehr) sind…legen Sie sich eines oder mehrere der Bücher „50 historische Wirtshäuser“ des Pustet Verlages zu. Beschreibt besagte in Schwaben, allen drei Frankenländern, die Donau rauf, den Bodensee runter etc. Gutes Essen, freundliche Bedienungen, wunderbares Ambiente, manchmal mit eigener Brauerei und/oder Schlachtung, oft auch an vergangene Zeiten erinnernd, und damit noch empfehlenswerter. Corona hat leider auch hier ausgelichtet, und wer weiß, wie lange diese Wirtshäuser in Zeiten von Halal-Fraß, Gaspreisen, Personalmangel und Fleischverbot so noch Bestand haben werden. Zuletzt besucht, und mit einer uneingeschränkten Empfehlung: die Weinstube zum Goldenen Löwen in Memmingen. Hingehen, sich von freundlichen Damen der alten Schule beraten und bedienen lassen, wunderbaren Wein und eine kleine, aber sehr feine Brotzeit genießen, und einfach mal wohlfühlen!
Herrn Bode: Das SchniPoSa weckt Erinnerungen der manchmal gummisohligen Art an die Mensa im Freiburger Institutsviertel. Wenigstens die Pommes waren immer genug! Merci dafür! ;-)