Gunnar Heinsohn / 15.12.2013 / 08:48 / 2 / Seite ausdrucken

Bitcoins sind Vermögen, aber kein Geld

Die Ironie hinter “Bitcoins” besteht darin, dass höchste algorithmische Gelehrsamkeit für die neoklassische Theorie zum Einsatz gekommen ist, die Geld für ein Standardgut, also für eine Sache hält, die knapp gehalten werden müsse, damit alle anderen Güter dagegen getauscht werden können. Je rarer das Material, aus dem Geld gemacht werde - so der Glaube -, desto leichter werde es akzeptiert.

Gold in digitaler Form, das so schwierig zu schürfen sein müsse wie reales Gold aus Bergwerken, werde solche Knapphaltung gewährleisten und daher mit dem Bitcoin der Menschheit ein Zahlungsmittel auf der Höhe des digitalen Zeitalters verschaffen.

Juristen aus Norwegens Steuerbehörde haben nun am 13. Dezember 2013 befunden, dass seit 2008 aus “digital mining” gewonnene Bitcoins in der Tat als digitales Gold genauso knapp sein können wie reales Gold aus Bergwerken. Daraus ziehen sie den Schluss, dass Gewinne aus Preissteigerungen dieses digitalen Goldes ebenso versteuert werden müssen wie Vermögenszuwächse aus Preissteigerungen anderer Eigentumsarten. Wie die Verdopplungen von Haus-, Grundstücks- oder Realgoldpreisen höhere Steuern nach sich ziehen, so dürfe der norwegische Staat auch an Preissteigerungen von Bitcoins eine Abschöpfung vornehmen. Sie beweisen damit ein tieferes Verständnis der Bitcoins als die Oekonomen des Landes.

Der Ökonomieprofessor Paul Ehling von der “Norwegian Business School” hat die Entscheidung umgehend als engstirnige Verletzung seiner neoklassischen Lehre angegriffen: “Jedes Gut, auf das man sich einigt, kann für den Tausch von Gütern und Dienstleistungen als Währung dienen” (http://www.bloomberg.com/news/2013-12-12/bitcoins-fail-real-money-test-in-scandinavia-s-wealthiest-nation.html).

Doch Geld gewinnt seine Akzeptanz nicht aus einer Einigung darüber, bestimmte Güter als eben solches anzunehmen und auch nicht aus der physischen Konsistenz derselben. Geld stammt nämlich nicht aus der sächlichen Besitzseite von Vermögen, sondern aus seiner ganz unphysischen Eigentumsseite, also aus der Verbriefung eines Gutes und nicht aus dem Gut selbst.
Weil die Fähigkeit des Geldes zur Eigentumsübertragung (Kauf) absolut nichts mit seinem Materialwert zu tun hat, aber alles mit der Qualität des Eigentums, mit dem es seinerseits besichert wird, kann es in sich so wertlos sein wie eine digital generierte Zahl.

Selbstverständlich kann das Eigentum an Gold ebenso zur Besicherung von Geld herangezogen werden wie das Eigentum an Kuhweiden, Bürohauskomplexen oder verbrieften zukünftigen Steuereinahmen (Staatspapieren). Der Einsatz solchen Vermögens für die Geldbesicherung läßt ihre physischen Besitzseiten gänzlich unberührt. Die Vermögenden melken also ihre Kühe weiter, erhalten die Büromieten und sie kassieren auch die Erträge aus den Staatspapieren weiter. Mithin kommmen keinerlei Güter bei der Emission von Geld zum Einsatz. Es geht beim Geld immer nur um Forderungen gegen die Eigentumsseiten der Vermögen. Weil diese dabei belastet werden, also ihre Dispositionsfreiheit verlieren, muss dieser Verlust mit Zins ausgeglichen werden.
Eine Beschränkung auf Edelmetall-Eigentum für die Besicherung von Geld und auch von Kredit (durch Eigentumspfand der Schuldner) wäre eine grandiose Torheit, weil damit alle übrigen Eigentumsvarianten augeschlossen würden. Das Wirtschaften könnte aufgrund der Verlustes oder der Erschöpfung von Bergwerken zum Stillstand kommen. Deshalb erweist sich als optimale Währung jene, die weder in ihrer Bargestalt noch auf ihrer Besicherungsseite auf Edelmetall angewiesen ist.

Die Klassifizerung von Bitcoins als steuerpflichtiges digitales Goldvermögen zieht umgehend weitere Konsequenzen nach sich. Wenn es besteuert werden darf, sollte es auch als Pfand für Kredit und als Eigentum für die Besicherung von Geld dienen können. Man darf deshalb alsbald auf Entscheidungen darüber rechnen, ob sie – aufgrund der hohen Preisschwankungen womöglich mit kräftigen Abschlägen – wenigstens in dieser Verwendung eine Zukunft haben. Wenn aber einmal der Glaube vom Geld als einem Gut durchlöchert ist, wird auch die Vermögensqualität von Bitcoins schweren Schaden nehmen. Sie müssen schließlich ohne irgendeine physische Besitzseite auskommen, aus der man Nutzen ziehen kann, wenn die Eigentumsseite blockiert ist. Gold kann man immerhin noch in samtgefaßten Vitrinen zur Schau stellen und dafür eine Gebühr verlangen. Mit Bitcoins geht das nicht.

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Holger Chavez / 16.12.2013

Einspruch: “Geld stammt aus der Verbriefung eines Gutes und nicht aus dem Gut selbst”. Doch nur deshalb, weil es unpraktisch ist, mit Gütern anstatt mit Geld zu bezahlen. Jeder Verkäufer würde doch als Zahlung das zugrundeliegende verbriefte Versprechen selbst dem Versprechen auf dieses Gut vorziehen, wenn es nicht so unpraktisch wäre. Ist Grund und Boden versprochen, braucht der damit bezahlte,  diesen Grund und Boden nicht jemand anderem zur Zahlung anzubieten, sondern nur das Versprechen darauf. Gold als flexibelstes Warengeld würde er schon eher nehmen, 1. weil sein Preis transparent ist, 2.weil es nur durch hohen Aufwand vermehrbar ist und deshalb relativ wertstabil ist, d.h., mit Alan Greenspan: “Es wird immer genommen”. Doch wenn zuverlässig versprochen ist, Gold auf Verlangen für die Scheine zu erhalten, nimmt er aus praktischen Gründen auch Versprechen auf Gold. Selbstverständlich kann alles mögliche verbrieft werden und je größer das Vertrauen ist, daß es bei diesen Verbriefungen mit rechten Dingen zugeht und je mehr Marktteilnehmer diesen Verbriefungen vertrauen, desto weniger wird nach den Sicherheiten gefragt und desto mehr erhalten diese Blasencharakter. Dem Nachfrager nach Geld (hier: dem Warenverkäufer) geht es nur darum, Geld zu erhalten, das von möglichst vielen Marktteilnehmern akzeptiert wird, einigermaßen fälschungssicher und leicht zu händeln ist. Das ist selbstreferentiell, denn er akzeptiert nur Geld, das akzeptiert wird. Deshalb die Verbriefung, die besonders zu Anfang, bei der ersten Emission,  genau geprüft wird, bevor das Geld akzeptiert ist. Danach wird die Akzeptanz ein Selbstläufer, man prüft nicht mehr, vertraut dem staatlichen Emittenten, der auch die Schaffenskraft seiner Bürger verbrieft. Was zeigt, daß es nicht ein Gut sein muß, das verbrieft wird, sondern daß es um die glaubwürdige Verbriefung von Arbeit geht. Es werden   Güter verbrieft, weil verbriefte Arbeit Schuldturm bedeutet, d.h. sie wäre ein unglaubwürdiges Versprechen. Doch letztlich wird Eigentum nur deshalb verbrieft, weil es etwas wert ist, d.h. weil zu seiner Erlangung gearbeitet werden muß. Wer reich ist, wer also entscheiden muß, in welcher Form er sein Vermögen sichern will, legt wenig Wert auf Güter, schon gar nicht auf Konsumgüter, sondern auf die Potenz. Er will potentiell seine Mitmenschen springen lassen können.. Er will, wenn er Gold hortet, es nicht samtgefaßt in Vitrinen ausstellen, sondern er hat mit seinem Besitz die Gewißheit, daß sein Wert nie auf Null sinkt, denn er hat das Vertrauen in die verbrieften Versprechen verloren. Er will, wenn er Geld in Aktien investiert, seine Potenz vergrößern, d.h. seinen gesellschaftlichen Rang erhöhen. Verbriefte Versprechen als Geld interessieren ihn nur mangels Alternative. Er selbst möchte nicht in die Situation kommen, in das Eigentum des Schuldners zwangsvollstrecken zu müssen. Er akzeptiert verbriefte Versprechen (das Versprechen auf Werthaltigkeit des Pfandes), weil ihm gar nichts anderes übrig bleibt, will er leicht handelbares Geld erhalten und weil er die Prüfung dieses Versprechens vertrauensvoll bei den Emittenten der Währung abladen kann. Wenn das Versprechen nicht mehr notwendig ist, weil das versprochene Gut selbst schrankenlos handelbar und nicht beliebig vermehrbar ist, wird es überflüssig. Es ist ein Fehlschluß anzunehmen,  Marktteilnehmer würden nur Geld vertrauen, das verbriefter Kredit ist. Sie tun es notgedrungen, solange es nichts besseres gibt. Sie vertrauen dem Geld z.Zt. sogar besonders, und das ist wirklich bemerkenswert, wenn der Emittent dafür sorgt, daß die Versprechen auf Werthaltigkeit nicht eingehalten werden müssen – Je mehr Nachschub die Zentralbanken in das System pumpen, je weniger sie auf Sicherheiten achten, desto größer wird das Vertrauen der Geldhalter, daß die Kreditgeber und -nehmer nicht pleite gehen, daß das System der grenzenlosen Verbriefung wertloser Sicherheiten nicht einstürzt. Ob Bitcoins ein vertrauenswürdiges Geld werden, ist höchst unsicher, und hängt wahrscheinlich von der Dauer ihrer problemlosen Existenz ab.  Wenn alle vertrauen, wird jeder vertrauen. Eine andere Frage ist, ob Unternehmer genügend Kredite erhalten würden, wenn diese Kredite nicht aus neuen Geldschöpfungen, unterlegt mit verbrieften Sicherheiten, beständen, sondern aus Verleihungen konkreter Geldhalter. Wenn Kreditsachbearbeiter nicht mehr unpersönliches Geld verleihen würden, sondern wenn es nachvollziehbar wäre, wessen Vermögen von der Bank als Kredit an wen genau vergeben wurde. Diese Kredite könnten zwar auch besichert werden, doch wäre ihre Erlangung erheblich schwieriger, da nicht nur das Pfand (als Ersparnis des Schuldners) mobilisiert würde, sondern auch die Ersparnisse des Gläubigers angelegt würden. Das werden sie, wegen der Bankhaftung für faule Kredite zwar heute auch, doch ist die Allgemeinheit immer mit im Boot und zur Not haftet sie per weiterer Geldverdünnung. Zur Zeit kann, mittels Verbriefung, alles zu Geld gemacht werden. Die Allgemeinheit stellt das Geld zur Verfügung, indem sie den Banken die Genehmigung gibt, gegen Hinterlegung von Sicherheiten Geld zu schöpfen. Mit Bitcoins als alleinigem Zahlungsmittel würde sich das drastisch ändern. .    

Caroline Neufert / 15.12.2013

Dass “Bitcoins kein Geld, aber Vermögen” darstellen können, ist die Meinung der norwegischen Finanzbehörde. Und nun ? Nun versuchen Sie es, mit Ihrer “eigentümlichen” Wirtschaftstheorie zu beweisen. Nur komisch, dass Bitcoins im klassischen, neoklassischen und keynesianischen Sinn in der virtuellen und immer mehr in der realen Welt genutzt werden. Vieles kann man in beiden Welten vergleichen, aber manches eben nicht ;) - so kaufen wir eBooks, die nicht unser Eigentum sind und online Zeitungen nur mit Nutzungsrecht; nicht einmal mehr Fische können wir damit einwickeln ;-) Haben Sie schon mal was von Hawala-Banking gehört ? Vertrauen ohne “Zentralinstitution” ;-)

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