Quentin Quencher / 22.12.2020 / 16:00 / Foto: Tim Maxeiner / 6 / Seite ausdrucken

Der alte Mann im alten Haus

Oft komme ich an einem alten Gebäude, zwei Orte von meinem Zuhause entfernt, vorbei. Es liegt in einer 90-Grad-Kurve an einem Berg, nicht weit weg vom Ortszentrum eines Fleckens am Rande der Fildern, wie diese Gegend südlich von Stuttgart genannt wird. Es wirkt schon etwas verfallen, auf jeden Fall wurde dort schon lange nicht mehr renoviert, die Eingangstür schief und matt, die Farbe, sofern da mal welche drauf war, ist schon lange abgeblättert. Links und rechts davon liegt Gerümpel, offensichtlich schon sehr lange. Allerdings ist das kein Sperrmüll, sondern gleicht Dingen wie aus einer Werkstatt, Metall- und Holzteile, Gefäße, Kabel und dergleichen mehr, was irgendjemand nicht wegwerfen wollte. Dass dieses Zeugs aber noch mal für irgendwas benutzt werden könnte, scheint mir sehr fraglich, in einem solchen Zustand, wie es sich befindet, ist es sicher nicht mehr brauchbar. Es wirkt nur wie eine Erinnerung an eine Zeit, als es hier möglicherweise lebhafter zuging, jemand sein Tagewerk damit zubrachte und werkelte, nun aber nicht mehr die Kraft oder das Interesse dazu hat.

Alles an dem Haus, die Fassade, die Türen, Fenster, das Drumherum, ist im Verfall begriffen. Hier war mal pralles Leben, so der Anschein, doch dies ist vorbei. Nun sind es nur noch Erinnerungsstücke daran, die ums Haus herum liegen und es für die anderen Anwohner dort sicher zum Schandfleck machen. Man liebt es sonst doch so schön ordentlich und aufgeräumt in diesen kleinen Städten oder Orten im Ländle. An der Hauptstraße meines Wohnortes gab es auch mal zwei solcher Häuser, in beiden wohnten offensichtlich alte Leute, von denen ich als Zugezogener nichts wusste, mir nicht erklären konnte, warum sie sich von ihren Häusern nicht trennen konnten oder wollten. Ab und zu stand ein Auto der Diakonie davor, jemand schaute nach ihnen, zumindest hin und wieder, das beruhigte mein Gewissen: ich muss mich nicht um sie kümmern, nicht mal nachfragen, ob man hier irgendwie ein bisschen helfen kann. Wir haben in Deutschland doch für alles Institutionen, an die wir unsere Mitmenschlichkeit delegieren können. Irgendwer wird schon zuständig sein.

„Ist der Mann allein dort? Hat der keinen Strom?“

Dann geschah plötzlich die Veränderung, Container standen vor dem Haus, es wurde entrümpelt, Möbel, Teppiche, Gardinen, aller möglicher Krimskrams entsorgt. Es war klar, die alten Leute waren weg, vielleicht gestorben, vielleicht im Pflegeheim, ich wusste es nicht. Wenige Monate nur dauerte es und die alten Häuser waren abgerissen, neue stehen nun an ihrem Platz, saubere, gerade, ordentliche, charakterlose, moderne, eben wie aus dem Katalog bestellt, ohne Bezug zum Ort, den Menschen ringsum, ja selbst nicht zu denen, die nun darin leben. Doch ich will es nicht zu pessimistisch sehen, vielleicht entsteht mit der Zeit etwas Neues, die neuen Gebäude bekommen einen Charakter durch die Menschen in und um ihnen. Was mich nur verstörte, war, wie schnell alles ging, geradezu als hätten Erben nur sehnsüchtig darauf gewartet, endlich die Hinterlassenschaften der Alten zu versilbern. Haben die Alten gewusst, als sie noch lebten, dass die Geier ringsum bereits Platz genommen haben? Sicher wussten sie es, solcherart Verhalten gab es immer und wird es immer geben, es bringt nicht viel, es zu beklagen.

„Da ist ein alter Mann am Fenster, in dem Haus lebt noch jemand!“ Meine Frau hat keinen Führerschein, also ist sie immer Beifahrerin und kann die Umgebung betrachten, während ich als Fahrer natürlich hauptsächlich auf die Straße und den Verkehr achten muss, insbesondere in der 90-Grad-Kurve an dem alten Haus, zwei Ortschaften weiter. Im ersten Stock dieses dreistöckigen Hauses stand er am geschlossenen Fenster. Nur das runde Gesicht war zu sehen, kein Hintergrund, kein Körper, fast wie ein vom Künstler gemaltes Porträt wirkte es. Ich nahm es zur Kenntnis, so wie eben viele Beobachtungen zur Kenntnis genommen werden, Bilder bleiben in der Erinnerung, werden mit Empfindungen verknüpft, die dann noch eine Weile klar vorhanden sind, dann aber Stück für Stück wieder verblassen, um irgendwann nur noch unterbewusst zu sein.

„Ist der Mann allein dort? Es brennt kein Licht? Hat der keinen Strom? Braucht er Hilfe?“ Sie nervt mich mit Fragen, auf die ich auch keine Antwort habe. Für sie sind einsame, allein lebende alte Menschen eine Horrorvorstellung, bei jeder etwas betagten älteren Person, die sie sieht, kommen diese Fragen. Vor Jahren, als sie das erste Mal rüstige ältere Personen mit diesen komischen Skistöcken im Sommer spazieren sah, meinte sie dazu, dass in ihrer Heimat auf den Philippinen die Alten nicht mit Stöcken in der Hand herumlaufen würden, sondern die hätten Enkel an ihrer Hand.

„Er hat einen Hund, er hat einen Hund“

„Schauen wir einfach mal, ob es hier einen Bäcker oder Metzger in der Nähe gibt, vielleicht wissen die, was mit dem alten Mann in dem alten Haus ist“, so mein Vorschlag. Aber es blieb beim Gedanken, unternommen, irgendwo nachgefragt, haben wir nicht. Zur Entschuldigung muss ich vorbringen, dass es immer morgens gegen halb acht war, als wir dort vorbeifuhren, immer auf dem Weg, um eines unserer Kinder in die Schule zu bringen. Da war einfach keine Zeit, um anzuhalten und irgendwelche Nachbarn zu befragen.

Vielleicht einen Monat später kamen wir einmal nachmittags dort am alten Haus vorbei. Der Mann stand vor der Eingangstür und hatte einen Hund an der Leine. „Er hat einen Hund, er hat einen Hund“, meine Frau boxte mir auf den Oberschenkel, „er ist nicht allein“. Wir schauten uns an und lächelten, unser schlechtes Gewissen war verschwunden, der Hund hatte es uns genommen.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Quentins Quenchers Blog Glitzerwasser erschienen.

Foto: Tim Maxeiner

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

K. Schmidt / 22.12.2020

Ich hatte in der Vergangenheit zwei Erlebnisse mit alten, verwirrten Frauen. Seit dem bin ich erleichtert, wenn solchen Situationen ein Hund oder eher eine Begleitperson/Betreuer auftaucht. Diese runtergekommenen Häuser sind übrigens leicht eine kleine Millionen wert, oft schon der Bauplatz. Da liegt auch das Problem für die Familien. Wenn dieser Altbesitz nicht versilbert wird, haben die Kinder bei diesen Preisen oft keine Chance irgendwelches Eigentum zu erwerben,

Wieland Schmied / 22.12.2020

Anrührende Kurzerzählung. Zukünftig verkneife ich es mir, blöder Hund zu sagen. Für das Tier eine höchst ungerechtfertigte Herabwürdigung, für einen Menschen möglicherweise eine unverdiente Aufwertung. Herr Quencher, Sie schreiben gute Worte, besten Dank dafür. Gerade in dieser Zeit, da man fast ausnahmslos tagtäglich gegenteilige an den Latz geknallt bekommt. Gruß an Ihre Gattin und nehmen Sie sie möglichst oft als Sozia im Auto mit.

Jörg Themlitz / 22.12.2020

Jacques Tati “Mon Oncle” hat versucht zu verstehen und in seinem Sinne zu korrigieren. Was natürlich schief gehen musste. “Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe” hat sich mit selbigen aus dem Erdenstaub gemacht. “Der alte Mann und das Meer” hat nur für sich den größten Fisch, eigentlich ja nur noch das Skelett, seines Lebens gefangen. Und ein alter Mann steht am Fenster, schaut aus seiner Welt, in die Welt die ihm fremd geworden ist. Deren Abläufe er versteht, doch nicht mehr mitmachen will oder kann. Er kennt aus eigenem Erleben das Recht der Jugend. In seiner Welt ist er stolz und frei. Er muss nicht, vielleicht noch nicht, in einem Heim hocken, bunte Glasperlen auffädeln, im Kreis sitzen, klatschen und singen und das Zeit- und Organisationsregime der Einrichtung und der Gruppe ertragen. Der philipinische Großvater der mit dem Enkel an der Hand spazieren geht, der eine sieht seinen Sohn, der andere seinen Vater, nur einmal jährlich sieht. Weil der Vater irgendwo weltweit verstreut arbeitet, damit sein Vater und sein Sohn Hand in Hand spazieren gehen können. Warum hat jede Medaille zwei Seiten? Sicher ist hier wieder ein Komma zu viel. Keine Legasthenie! Ich will ein Zeichen setzen und Haltung zeigen.

Gerhard Hotz / 22.12.2020

Das ist der Preis der Zivilisation. Wir könnten schon zurück zu Grossfamilie und Clanwirtschaft. Aber dann wäre es mit unserem schönen Wohlstand auch wieder vorbei. Uebrigens bin ich nicht ganz sicher, ob in traditionellen Gesellschaften nicht manchmal nachgeholfen wird, wenn die Alten nicht sterben wollen.

Karl Eduard / 22.12.2020

Trösten Sie Ihre Frau, wir altern Alle und was wir jetzt nicht verstehen, verstehen wir dann. Wenn mir die Walker mit ihren Stöckchen entgegenkommen, grüße ich immer freundlich mit “Ski Heil!” und sage mir, besser so als gar nicht mehr. Im Übrigen ist die Welt so, daß Kinder fortziehen, wenn es überhaupt welche gibt. Die arbeiten da, wo sie Arbeit finden. Und daß die Enkel bei den Kindern leben und dann selbst fortziehen. Die kommen ein - oder zweimal im Jahr, um Geld abzusahnen. Ich kenne das noch so, daß man nicht zig Kilometer fahren mußte, für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz aber das war ja auch die Planwirtschaft. Und unsere Familie war die in der Nähe der Großeltern, zwei Kilometer zu denen aufs Dorf. Da kamen im Sommer dann auch die Cousinen aus der Ferne. Heute sind die Zeiten noch weniger familienfreundlich als zu denen, in denen eine Eisenbahnfahrkarte für jeden erschwinglich wurde. Und daß das heute so ist, wie es ist, hat auch mit der männergemachten Emanzipation der Frau zu tun. In traditionellen Gesellschaften gibt es die Einsamkeit im Alter nicht. Es gibt genügend Kinder und nicht nur eines oder maximal zwei, die sich kümmern, in denen das Alter geachtet und geehrt wird. Die Einsamkeit im Alter hat sich unsere Gesellschaft selbst eingebrockt. Es war nicht alles gut.

beat schaller / 22.12.2020

Sehr schöne “Weihnachtsgeschichte” und sie zeigt doch sehr gut auf, wie wir zwar fühlen, aber trotzdem anders handeln. Warum eigentlich nicht etwas spontaner? warum nicht mal anhalten und hin gehen. Sowas kann sehr bereichernd sein für beide Seiten.  Es wären eigentlich sehr offene Geschichtsbücher, sehr interessante Kontakte und der beste Weg für eine schöne Nähe zu anderen Mitmenschen. Das kann doch eigentlich gar nicht falsch sein.  Es würde auch nichts kosten dafür sehr viel bringen. Schöne Geschichte Herr Quencher, lassen wir sie doch einfach etwas wirken. Danke. b.schaller

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Quentin Quencher / 19.10.2021 / 11:00 / 45

Warum ich kein Grüner wurde

Da einige meiner Freunde, Ende der Siebziger, so begeistert Hesse lasen, dass ich manchmal den Eindruck hatte, die schlafen mit dem „Siddhartha“ unterm Kopfkissen, nahm…/ mehr

Quentin Quencher / 05.09.2021 / 16:00 / 19

Die Briefwahl und meine Sandalen

Die Briefwahl ist ihrer Heiligkeit beraubt. Keinerlei Ritus ist noch damit verbunden, ich kann ungewaschen in Unterhosen am Frühstückstisch sitzen und meinen Wahlzettel ausfüllen. „Aber…/ mehr

Quentin Quencher / 03.08.2021 / 16:00 / 3

Unser neues Inselleben

Inselbewohner sehnen sich oft nach dem Festland, weil es dort am Horizont immer weiter geht. Aktuell ziehen sich viele auf gedankliche Inseln zurück. Die für…/ mehr

Quentin Quencher / 13.07.2021 / 16:30 / 21

Die Amis im Haus

Wie die Erzählung meiner Großmutter über die kurze Zeit, in der 1945 US-Soldaten ihr Haus besetzten, auch mein Leben als später Geborener beeinflusste. Als meine…/ mehr

Quentin Quencher / 01.06.2021 / 16:00 / 5

Gedankenwege im Mai

So viele Gedankenwege bekomme ich angeboten, jeder erzählt mir, sein Weg wäre der zur Erkenntnis. Doch ich setze mich lieber auf eine Bank, beobachte wie…/ mehr

Quentin Quencher / 01.05.2021 / 11:30 / 9

Der 1. Mai und die Tribünen

Mir wurde das Interesse am Feiertag „1. Mai“ in der DDR gründlich ausgetrieben, musste als Schüler mit der Klasse, der ganzen Schule, dann immer demonstrieren…/ mehr

Quentin Quencher / 30.04.2021 / 17:26 / 19

Gedanken 4/21

Wer heutzutage glücklich sein möchte, muss Fatalist sein, ans Schicksal glauben. Er braucht sich über die Sinnhaftigkeit dessen, was geschieht, keine übermäßigen Gedanken zu machen.…/ mehr

Quentin Quencher / 06.04.2021 / 11:39 / 9

Die Gemütlichkeit des Mainstream

Meine letzten Jahre in der DDR, bis zur Ausreise 1983, waren geprägt von einer weitestgehenden Verachtung meiner Mitmenschen für ihren Opportunismus und ihr Mitläufertum. Ein…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com