112-Peterson: Was ist Gott?

Von Jordan B. Peterson.

Praktisch gesehen ist es überhaupt nicht unvernünftig, sich Gott, den Vater, als den Geist vorzustellen, der sich aus der existierenden Masse in die Zukunft hinein entwickelt. Wir sprachen darüber in Bezug auf den Opfer-Begriff. Sie bringen in der Gegenwart Opfer, damit Sie in der Zukunft zufrieden sind. Die Frage ist: Mit welcher Zukunft wären Sie zufrieden?

Die Antwort darauf lautet: Mit einer Zukunft, in der der Geist der Humanität herrscht. Das verhandeln Sie. Denn Sie sind der Auffassung, dass Sie jetzt zwar auf Vergnügen verzichten, um in 10 Jahren Ihr Examen in Medizin zu erreichen und Arzt zu sein, dass die Humanität schlechthin dann aber Ihr jetziges Opfer und Ihren jetzigen Einsatz belohnen und Ihnen alle Türen öffnen wird.

Sie behandeln also die Zukunft, als wäre diese ein einzelnes Wesen, und Sie behandeln sie auch, als wäre sie so etwas wie ein barmherziger Richter. Danach handeln sie. Und vielleicht müssen wir uns Gott in dieser Form vorstellen, bevor wir verstehen können. Wenn wir beginnen zu verstehen, dass es eine Zukunft gibt, müssen wir uns Gott vielleicht in dieser Form vorstellen, um etwas zu konkretisieren, mit dem wir verhandeln können, um herauszufinden, wie wir unser Opfer benutzen können, um herauszufinden, wie wir uns selbst in die Zukunft führen können. Denn das Opferbringen ist nicht ein Vertrag mit einer bestimmten Person, sondern ein Vertrag mit der Zukunft. Es ist ein Vertrag mit dem Geist der Humanität schlechthin. Etwas in dieser Richtung.

Eine erstaunliche Idee

Und wenn Sie darüber auf diese Weise nachdenken, dann wird Sie das in Erstaunen versetzen. Denn die Möglichkeit, mit der Zukunft eine Abmachung zu treffen, ist wirklich eine erstaunliche Idee. Mann, das ist wirklich eine verdammt gute Idee. Im Prinzip die bedeutendste Idee der Menschheit. Wir leiden. Und was tun wir? Wir finden heraus, wie wir mit der Zukunft eine Abmachung treffen können. Und dadurch minimieren wir das Leiden. Kein anderes Tier macht dies. Löwen zum Beispiel. Sie fressen einfach alles auf. Auch Wölfe sind so. Wenn sie Fleisch haben, fressen sie es auf. Es wird nichts für morgen aufbewahrt. Das ist keine Wolf-Sache, Mann. Das ist eine Menschen-Sache. Und das könnte bedeuten, dass wir heute hungern müssen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Farmer, der vor etwa 6.000 Jahren lebte. Sie verhungern beinahe. Sie warten auf den Frühling, auf das Anpflanzen. Sie haben Samen und denken, dass Sie diese Samen jetzt besser nicht essen. Und das bedeutet wirklich etwas: fähig zu sein, sich selbst unter Kontrolle zu haben, die Zukunft zu verwirklichen, zurückzulegen, was man heute produziert und nicht alles auf einmal zu konsumieren. Vielleicht hungern Ihre Kinder, doch Sie denken, dass die Samen jetzt nicht verzehrt werden dürfen, weil sie für die Zukunft gebraucht werden. Das ist eine wirklich große Sache für die Menschheit, die sie da entdeckt hat, und dass sie mit der Zukunft eine Abmachung treffen kann. Das ist die Geschichte, die in diesem Buch Genesis erzählt wird, zumindest erzählt sie einen Teil des Prozesses.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich als Videovortrag „What Is God?“ auf dem Youtube-Kanal „Jordan B. Peterson Clips“.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (7)
Gerhardt Klausthal / 03.01.2018

Tiere legen in allen möglichen Formen Reserven “für die Zukunft” an. Fettschichten, Honig, Nusslager etc.. Ganz ohne einen Begriff von Zukunft zu haben.  Regelmäßig wiederkehrende Zeiten der Ressourcenknappheit gibt es fast überall auf der Welt. Auf den Menschen gerichtet muss man sich die “Opfer” (die es zB kostet Mediziner zu werden) auch erstmal leisten können, sprich: die Studentenbude, Essen, Studiengebühren etc. müssen bezahlt werden. Meiner eigenen Erfahrung nach ist der kellnernde Medizinstudent die Ausnahme, die meisten leben vom Speck, den sich ihre Eltern angefressen haben, oder, wie Jack London’s Seewolf es formuliert: sie stehen auf den Füßen eines toten Mannes. Auf die Zukunft setzen kann nur, wer überzeugt ist eine zu haben.

Rainer Majchrzak / 03.01.2018

Ein Aufruf zu mehr Humanität ist ja immer gut und gerechtfertigt. Aber von Peterson gibt es auf youtube besser durchdachte Vorträge. Und die Tierbeispiele, na ja, Eichhörnchen und Waschbären und noch andere vergessen.

Dr. Andreas Dumm / 03.01.2018

Dieser Ansatz ist fruchtbar; im Grunde ist er der einzig mögliche. Allerdings ist er charakterisiert durch eine Gefahr ... diejenige nämlich, den Tod - und zwar den sicher bevorstehenden, eigenen Tod! - im Blick auf die Zukunft zu leugnen, sich also in die Zukunftsvision hinein selbst erlösen zu wollen: Wir Menschen sind stets versucht, uns die Zukunft in einer Weise auszumalen, die die Größe und den Ernst des (eigenen!) Todes nicht mehr spüren läßt. Nun ist es die Aufhebung genau dieser, in tausend Verkleidungen daherkommenden Verleugnung (Utopien!), die im Symbol des Kreuzes sichtbar gemacht wird: Derjenige, der den Vertrag mit der Zukunft klaren Blicks unterzeichnet, bringt in Gestalt der Anerkenntnis seines Sterbenmüssens ein anderes Opfer als derjenige, der die Verleugnung aufrecht zu erhalten versteht. Und “Er” ist es auch, der zum “Ewigen Leben” aufersteht und den Menschen “Erlösung” bringt.

helmut rott / 03.01.2018

Was soll das denn?

Wulfrad Schmid / 03.01.2018

Gott? Ich brauche keinen Gott. Es gibt keinen Gott, und erst recht nicht diesen merkwürdigen Typ, den uns die Amtskirche (kath.) seit 2 Jahrtausenden aufzwingen will. Da sind mir die antiken griechischen und römischen Götter lieber. Oder die Geister des Waldes. Oder Odin und seine Kumpane/innen. Diese Götter waren selbstverständlich und selbst erklärend. Sie bedurften weder eine Interpretation noch des Zwanges. Sie waren einfach da. Mitsamt ihren ach so menschlichen Charakterzügen und Eigenschaften - das macht sie so liebenswert. Erst mit dem Auftreten des monotheistischen Diktator-Gottes hat die Religion die Funktion der Geissel übernommen, mit der die Herrschenden die Beherrschten über Jahrhunderte pressten. Armut? Gottgewollt. Du verstehst das nicht? Unerfindlich sind Gottes Ratschlüsse. Unschuldige Kinder werden vergewaltigt, geschändet, ermordet? Gottes Wege… In Deinem Namen, Gott, schlachtete der “große” Karl die Sachsen (und nicht nur die)? Gottes Wege… Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen - sie alle missionierten die armen, ungläubigen Eingeborenen der Länder, die sie überfielen; und wer nicht konvertieren wollte, der wurde massakriert. Gottes Wege.. Eine menschenverachtende Ideologie rechtfertigt in Gottes Namen (Allah heisst nichts anderes als “Gott”) Verfolgung, Unterdrückung und Ermordung Andersdenkender? Allahs Wege… Die grundgesetzlich verankerte Freiheit der Religion ist dringend überarbeitungsbedürftig: es möge ein jeder glauben, was er will. Solange er das privatim tut, nicht öffentlich und vor allem nicht missionarisch. Zukunft mit Gott? Nein, ohne diese Erfindung ging es den Menschen besser und es wird ihnen auch in Zukunft ohne Gott besser gehen.

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