Gastautor / 27.01.2017 / 06:13 / Foto: Vmenkov / 8 / Seite ausdrucken

Pappkameraden der Asyldebatte (Teil 2)

Von Malte Dahlgrün.

Drei emotionale Falschdichotomien

Da sind zunächst drei charakterliche, emotionszuschreibende Dichotomien, mit denen in Debatten über die Merkelsche Asylpolitik globale Deutungsmacht beansprucht wurde. Bei allen drei Falschdichotomien steht einer Befürwortung der Willkommenspolitik die Zuschreibung charakterlicher oder wenigstens emotionaler Schwäche an ihre Gegner gegenüber. Bei allen dreien wird die Gesamtheit aller Fundamentalgegner der Asylpolitik — in mehr oder weniger lächerlichen Reduktionen — mit einer ganz bestimmten Teilmenge dieser Personen gleichgesetzt. Eine inhaltliche Adressierung von Einwänden findet nicht statt.

1. Willkommenskultur vs. Hass. Vor allem die Frühphase der Asylkrise wurde von einer umfassenden polemischen Dichotomie aus Willkommenskultur und Hass dominiert. Für diese Bipolarisierung gab es wirkungsmächtige Bilder. Auf der Hass-Seite standen die Bilder der Pöbeleien und Ausschreitungen vor der Heidenauer Asylunterkunft im August 2015. Zwei Wochen später verloren die deutschen Medien den Verstand über die Willkommensjubler im Münchner Hauptbahnhof. Dies waren die zwei asylpolitischen Gesichter des deutschen Volkes. Von diesen Idealtypen unterstützt, verfestigte sich die Falschdichotomie. Wer nicht mitjubelte, war hasserfülltes Pack.

2. Willkommenskultur vs. Angst. Eine raffiniertere Variante dieser Dichotomie setzte sich durch, als die anfängliche Euphorie abebbte. In ihr wurde die Willkommenskultur gegen die Angst gestellt. Die Angst-Willkommens-Dichotomie nahm an medial-politischer Beliebtheit zu, je unausweichlicher sich Willkommensjournalisten mit der Alltagstatsache konfrontiert sahen, dass auch viele weltoffene und zivilisierte Menschen Merkels Asylpolitik fundamental ablehnten.

Die Angst-Willkommens-Dichotomie war auf weniger offensichtliche Weise absurd als die Hass-Willkommens-Dichotomie. Aber ihr Einsatz als polemische Taktik beruhte ebenso zuverlässig auf dem Ignorieren stichhaltiger Argumente gegen die Willkommenspolitik. Und an die Stelle etwaiger Argumente für die Willkommenspolitik setzte diese Strategie: eine herablassende küchenpsychologische Diagnose.

Deutsche Willkommensfanatiker scherten sich freilich nicht darum, klar zwischen Hass- und Angst-Karikaturen des Willkommensgegners zu trennen. Spöttelnd übernahm man den Begriff des „besorgten Bürgers“, der bereits eine Zeitlang in Politik und Medien kursierte. War der Begriff der Sorge eigentlich im semantischen Umfeld der Angst angesiedelt, wurde „besorgter Bürger“ bald zum Spottbegriff urbaner Eliten für fremdenhassende, pöbelnde Kleinbürger umfunktioniert. Gleichzeitig legte der Ausdruck seine ursprüngliche, buchstäbliche Bedeutung nicht einfach ab. Die resultierende Doppelbödigkeit machte den Ausdruck attraktiv für feixende Fans der Merkelschen Asylpolitik: Jeder noch so freundliche und vernünftige Deutsche, der aus guten Gründen besorgt war, durfte sich im Spott über „besorgte Bürger“ ruhig mitgemeint fühlen. Letztlich diffamierte der doppelbödige Ausdruck einfach alle Deutschen, die nicht willkommenspolitisch auf Linie waren.

3. Willkommenspolitik vs. Egoismus. Die dritte debattenprägende Falschdichotomie, die Kritik an der Willkommenspolitik auf einen Charaktermangel reduzierte, stellt dem angeblich gebotenen Helfen der Willkommenspolitik den Egoismus engherziger Deutscher gegenüber. In dieser kindischen Gegenüberstellung wird nicht nur, wie in den vorigen Fällen, die Gegenseite auf einen Pappkameraden reduziert. Es wird auch die Willkommenspolitik ausdrücklich zu etwas verklärt, was sie nicht ist.

Angesichts dessen, dass Deutschland als Wunschmigrationsort und nicht als Nachbarland angesteuert wird; angesichts der um einen aberwitzigen Faktor größeren Hilfseffektivität, die außerhalb Europas möglich wäre; angesichts dessen, was rechtsstaatlich geboten ist; angesichts eines längst bekannten Staatsversagens bei den Abschiebungen; angesichts all dessen, was man Kriminelle, Islamisten, Mobber unter Asylbewerbern ungestraft in Deutschland tun ließ, ohne sie abzuschieben; angesichts des moralisch oft perversen Vergleichs mit dem Aufwand, der für Obdachlose und von anderen Härten betroffene Menschen in Deutschland betrieben wird; angesichts all der längerfristigen Konsequenzen dieser Neumigration, die großteils jung-männlich-bindungslos, ungebildet, arm und viel zu oft islamismusaffin, frauenverachtend, antisemitisch und homophob ist; angesichts dessen, dass sie sich in Deutschland zu einer Migrantenpopulation mit ohnehin schon massiven Assimilationsproblemen hinzugesellt; und, nebenbei bemerkt: angesichts dessen, was eine mitleids- und verantwortungslose Kanzlerin Merkel vor dem Sommer 2015 an vergleichsweise lächerlicher Hilfe verweigerte und auch angesichts ihres Türkei-Deals — angesichts von alledem und noch einigem mehr ist die Reduktion der Willkommensfrage auf die moralische Dichotomie von Helfen und Hilfsverweigerung hoffnungslos simplizistisch, ja idiotisch.

Die moralische Dichotomie von Hilfe und Kaltherzigkeit ist eine, die kein politisch informierter Mensch ernstnehmen kann. Denn sie unterlässt jede Berücksichtigung der ethischen Bilanz politischer Handlungen. Sie berücksichtigt keine Konsequenzen. Sie berücksichtigt auch keine Rahmenbedingungen. Sie ersetzt den raumzeitlich breiten Blick des Politischen durch einen lächerlich engen Blick auf ein paar telegene Szenen in einem oberflächlich wahrgenommenen Hier und Jetzt. Sie ist Ausdruck eines zutiefst apolitischen Infantilismus, der ahnungsloses Tugendpräsentieren für einen Beitrag zum politischen Diskurs hält.

In der nächsten Folge morgen lesen Sie: Die absurde Alles-oder-nichts-Argumentation, man müsse alle Einwanderungswilligen ins Land lassen, weil eine Grenzsicherung nicht garantiere, dass alle von ihnen draußen blieben, veranschaulicht einen fundamentalen Zug verblödeter politischer Diskurse: die Weigerung zu gradiertem Denken über Populationseigenschaften.

Dr. Malte Dahlgrün ist Wissenschaftsphilosoph.

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Leserpost (8)
Fridolin Kiesewetter / 27.01.2017

Dank für diese brilliante Analyse. Gefühlt habe ich das auch immer schon, kann es aber nicht so präzise analysieren und nicht so klar ausdrücken. Vor allem eines macht mich in der öffentlichen Diskussion wütend: Wie kann man Rechtsbruch als moralisch bezeichnen? Der absichtliche und offene Bruch geltenden Rechts durch die Vertreter des Staates, die in ihrem Amtseid hoch und heilig geschworen haben, das Recht zu wahren und zu verteidigen, kann doch niemals moralisch begründet werden. (Es sei denn, das Recht selbst wäre offenbar unmoralisch, aber selbst dann gibt es in unserem Staat klar definierte Regeln, dies ordnungsgemäß zu bereinigen.) Niemand darf sich selbst über das Recht stellen - niemals und unter keinen Umständen. Das ist für einen Rechtsstaat die Grundregel Nr. 1. Daß diese Selbstverständlichkeit ausgerechnet in unserem Land nicht selbstverständlich ist, macht mich rasend.

Peter Silie / 27.01.2017

Ich habe den Zusammenhang zum “Pappkameraden”  noch nicht verstanden. Ich warte mit Vorfreude auf die nächsten Folgen.

Dieter Gehret / 27.01.2017

Haben Sie recht herzlichen Dank, Herr Dahlgrün, für diese - im Grossen und Ganzen - sehr sachliche Analyse der aktuellen Situation des hiesigen Diskurses über die Migrationsfrage. Genau diese Sachlichkeit fehlt der - medialen - Auseinandersetzung mit dem Thema “Flüchtlinge”. Freue mich schon jetzt auf Teil 3…

Tonicek Schwamberger / 27.01.2017

Herr Hampp, auch Ihnen gilt mein uneingeschränkter Dank für Ihre Zeilen -  nur: Ich kann mich leider nicht so wie Sie ausdrücken, es fehlt mir die einschlägige Bildung dafür, man möge mir verzeihen. Jedes Ihrer Worte und Ihrer Zitate, siehe “Hexenmeister” unterstreiche ich, verbunden mit einem herzlichen Dank und lieben Grüßen; gerne lese ich wieder von Ihnen.

Michael Tharandt / 27.01.2017

Lieber Dr. Dahlgrün, beim Lesen ihrer Abhandlung merkt man, dass sie mir (uns) beweisen wollen, dass Sie Wissenschaftsphilsosoph sind. Leider liest sich Ihr Artikel Dank Ihrer ausgefallenen Worwahl jedoch schwer. Ich war oft geneigt, das Lesen abzubrechen. Ich vermute, dass auch Teil 3 so geschrieben ist. Schade, denn inhaltlich bin ich bei Ihnen. Meine Oma meinte immer, wie man denkt, so schreibt man. Demzufolge denken Sie kompliziert. Es geht auch einfacher und für Jedermann verständlich. Vielleicht beim nächsten Mal?

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