Pappkameraden der Asyldebatte (Teil 5)

Von Malte Dahlgrün.

3. Migrationsanreize: Irrelevanz versus alleinige Kausalität. Wer im Herbst 2015 die von Deutschland ausgehenden Einladungssignale und Migrationsanreize kritisch ansprach, gelangte bei Unterstützern der Willkommenspolitik häufig nicht einmal bis zu dem Punkt, dass deren Existenz anerkannt wurde. Stattdessen stellten sich Willkommensfreunde dumm und taten so, als habe der Kritiker behauptet, ein bestimmter Sogfaktor sei ganz alleine dafür verantwortlich gewesen, dass sich Menschen aus anderen Kontinenten nach Deutschland auf den Weg machten. Diese lächerliche Behauptung, die kein Mensch aufstellte, wurde sogleich lauthals verworfen, der Einwand als erledigt betrachtet.

Kritisierte jemand zum Beispiel, dass die außergewöhnlich hohen hiesigen Leistungen für Asylantragsteller falsche Anreize darstellten, höhnte es aus dem grünen Bürgertum, dass wegen ein paar hundert Euro im Monat doch niemand aus einem anderen Weltteil nach Deutschland komme. Es handele sich um Menschen, die vor Krieg fliehen, tönte es einem empört entgegen — als stünde dieser kausale Faktor, wo er denn vorlag, in irgendeinem Widerspruch zum kausalen Faktor von Sozialleistungen als Anreiz für die gezielte Migration nach Deutschland. Kommentierte man die narzisstischen Jubelfeiern am Münchner Hauptbahnhof hinsichtlich ihrer Außenwirkung mit Skepsis, spöttelten Willkommensbewegte ebenfalls („Ach, deswegen kommen sie her?“). Ähnlich fielen Reaktionen auf Kritik an den Kanzlerinnenselfies mit Asylbewerbern aus. Oder auf Kritik an Merkels öffentlichem Bestehen darauf, das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenze.

Die frei erfundene Monokausalitätsthese

Wo immer ein besonderer Anreiz zur Migration nach Deutschland identifiziert wurde, stellten Willkommensfreunde den Pappkameraden der Monokausalität auf und suggerierten nach dessen idiotensicherem Abschuss, die Irrelevanz des fraglichen Faktors schlechthin erwiesen zu haben. Entweder Monokausalität oder kausale Irrelevanz  - mit dieser unausgesprochenen Falschdichotomie wurde von Willkommensfreunden immer wieder der Spieß umgedreht.

Und das Bizarrste an allem war: Öffentlich-rechtliche Journalisten, die bei einem derart billigen Trick erst warm werden müssten, ließen sich damit abspeisen. Oft schienen sie ihn nicht einmal zu erkennen.

Auch Merkel knöpfte sich verteidigungshalber eine frei erfundene Monokausalitätsthese vor. Von Anne Will am 7. Oktober 2015 auf die weithin behauptete Signalwirkung ihrer Selfies in einer Asylunterkunft angesprochen, ging sie erstaunlich frech tadelnd zum Gegenangriff über: „Glauben Sie denn, dass wirklich hundertausend Menschen ihre Heimat verlassen, weil es ein solches Selfie gibt? Ein Risiko auf sich nehmen? Im Schlauchboot fahren?“ Und kurz darauf — die Zitatwiedergabe erfolgt weiterhin in naturbelassenem Merkel-Deutsch: „Und wenn wir solche Erklärungsmuster uns für die Fluchtursachen herbeiführen, dass die Kanzlerin nur ein Selfie machen muss, und dann kommen hunderttausend! Das… ist nicht. Der Grund.“

Es ist heute unumstritten, dass Bilder und Verlautbarungen aus Deutschland, vermittelt durch Gerüchte und Selbstdarsteller in sozialen Netzen, einen Sog auf ohnehin schon migrationsbereite junge Männer von Westafrika bis Zentralasien ausübten. Das gilt für Äußerungen de Maizières und des BAMF im August 2015, und es gilt für Fotos von Bargeldempfängern, Bahnhofsjublerinnen und Kanzlerinnenselfies.

In der nächsten (und letzten) Folge lsen Sie: Man muss die irrige These ablehnen, derzufolge die einzige Alternative zu einem globalen Egalitarismus in völkischem Reinheitswahn liegt. Es gilt dem No-borders-Extremismus mit Antworten zu begegnen, die die Inkonsistenz seiner Argumentation offenlegen und auf die selbstverständliche Priorisierung nationalstaatlicher Gemeinschaften hinweisen.

Dr. Malte Dahlgrün ist Wissenschaftsphilosoph.

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Leserpost (4)
Dieter Franke / 30.01.2017

Das Beste und Schlüssigste was ich seit langem zur “Flüchtlings”-krise lesen durfte. Eigentlich sollte der Text in gedruckter Form allen Bundestagsabgeordneten zur Pflichtlektüre gemacht werden. Und man hätte sich einen mit diesem Text “bewaffneten” Journalisten als Interviewer für Martin Schulz gewünscht. Statt dessen kam nur wieder die Stichwortvorleserin Anne Will zum Zug.

Fanny Brömmer / 30.01.2017

Wir beschäftigen in unserer Familie ein Au pair aus Madagaskar, ganz legal über eine große (nicht-Internet) Agentur eingeladen und mit Pass, Visum und Arbeitserlaubnis eingereist. Diese junge Frau erzählte mir letzte Woche von den Fernsehbildern und Nachrichten , die im deutschen Herbst 2015 über die afrikanischen Bildschirme flimmerten: dass Deutschland seine Grenze für ALLE aufgemacht hatte, die kommen wollten, von den Massen an Afrikaner und Arabern, die täglich einfach so nach Deutschland kamen und hysterisch jubelnd empfangen und mit allem versorgt wurden, einschließlich Bargeld, von der “Willkommenskultur”. Natürlich kein Wort darüber, dass all das rechtswidrig war und schon damals massiven Widerstand bei Pack, besorgten Bürgern, Dunkeldeutschen und Nazis hervorrief. Nein, Deutschland freute sich auf weltweite Armutseinwanderung, DAS war die nicht hinterfragte Botschaft. Und die Familie unseres madagassischen Au pairs überlegte, Haus, Jobs, Studium und Heimat dort aufzugeben und sich auch auf die “Flucht” zu begeben. Hat sie dann doch nicht. So viel zum Thema “Flüchtlinge” und “Flucht"anreize aus allererster Hand.

Andreas Rochow / 30.01.2017

Die abgehandelten Beispiele falscher Dichotomien sind in mehrfacher Hinsicht wichtig für Denken und Wahrnehmung. Phrasen wie: “Genau das Gegenteil ist richtig”, verweisen bspw. auf die Taktik, den Gesprächspartner mit einer falschen Dichotomie zu überrumpeln. Es dürfte heute recht leicht sein, propagandistische Kampagnen und psychologische Kriegsführung unter Einsatz falscher Dichotomie zu gewinnen. Im digitalen Zeitalter ist das Denken in einfachen Schwarz-Weiß-Kategorien gefragter denn je. Problematisch ist der Umstand, dass sich heute gefühlte journalistische Mehrheiten entweder dieser Denkfaulheit anbiedern oder sich ganz auf die Seite der Propaganda geschlagen haben.

otto regensbacher / 30.01.2017

Den Schaden, den Merkel mit ihren dümmlichen Selfies und den weit geöffneten Grenzen anrichtete, kostete dem deutschen Steuerzahler im letzten Jahr runde 22 Mrd. Euro. Deutsche Interesse sind dieser Merkel egal, es geht nur um ihr Ego. Für viele Deutsche ist die CDU einfach nicht mehr wählbar. Aber es bleibt die Hoffnung, dass unsere Migrantenkanzlerin irgendwann von ihrer eigenen Partei davongejagt wird!

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