Thilo Thielke / 16.01.2016 / 09:25 / 3 / Seite ausdrucken

Merkel und die Entdeckung der Globalisierung

Wenn man die schräge Frage stellt, warum Deutschland plötzlich sperrangelweit offensteht und jeden Jungmann aus Arabien ins Land lassen muß, hört man immer wieder den Begriff Globalisierung. Ein besonders obsessives Verhältnis scheint Bundeskanzlerin Angela Merkel zu diesem modernen Phänomen zu haben, aber die war auch sehr lange Zeit ihres Lebens in der DDR eingesperrt.

Diese unglaubliche Globalisierung, wird sie nicht müde zu betonen, sorge dafür, daß unendlich viele Leute zu uns strömten und uns ganz plötzlich mit Kriegen und Elend konfrontierten. Und daß die Globalisierung uns dazu zwinge, nun ganz neue Wege zu gehen, und wir deshalb keine Grenzen mehr hätten und schon gar nicht mehr sichern könnten.

Weil sie keine gute Rednerin hört, sich das so an: „Die Globalisierung bringt uns in eine Situation, in der wir plötzlich merken: Wenn wir – auch über die europäischen Grenzen hinaus – außen- und entwicklungspolitisch etwas nicht tun, dann kann das innenpolitisch gravierende Folgen haben.“ Hier

Und so geht das weiter tagein, tagaus – ganz egal, ob Massenmörder durchs Land reisen, um Franzosen zu ermorden, oder die Schutzsuchenden versuchen, auf eine Art fickificki zu machen, an die man sich hierzulande erst gewöhnen muß; ob sie ihre Pässe verbrennen oder in der Unterkunft randalieren; ob die Flüchtlinge offenbar Flüchtige und keine Flüchtenden sind.

Kann man nix machen: Die Globalisierung hat‘s so gewollt.

Ich frage mich dann manchmal: Diese Globalisierung – wie ist die so schnell aufgetaucht? Wo kommt die her? Was will die? Und woher weiß ausgerechnet Merkel, die ja auch nicht gerade die Hellste zu sein scheint, das alles?

Ich habe dann nachgeguckt und gelesen, daß der Begriff „Globalization“ bereits 1961 in einem englischsprachigen Lexikon stand. In dem Jahr war Angela Merkel sieben Jahre alt und ging auf die Polytechnische Oberschule in Templin.

Und was war sonst noch los auf der Erde? In Algerien tobte ein Bürgerkrieg, in dessen Folge massenhaft Maghrebiner aus dem Schoß der kollabierenden Kolonialmacht nach Frankreich strömen würden, wo sie sich bis heute kaum für Liberté, Egalité und Fraternité erwärmen konnten. Chruschtschow polterte und drohte der Welt mit dem Atomkrieg. Die DDR baute die Mauer. Krieg auch im Kongo. Sogar Hemingway schied aus dem Leben. Man hätte damals schon hysterisch werden können. Und es ging so weiter: Biafra, Äthiopien, Bosnien.

Denn siehe da! Da gab es schon die Globalisierung; da gab es schon Krieg, und da gab es schon Elend. Ich hatte das, ehrlich gesagt, geahnt. Und auch, daß es damals Grenzen gab und kein Schlaumeier behauptete, man müsse sie einreißen, weil ganz plötzlich die Globalisierung vor der Tür steht und man nicht unhöflich sein will.

Es wird noch kurioser: Das Wort Globalisierung soll schon 1944 gefallen sein. Damals mußten die Deutschen ihre Globalisierungspläne allerdings aufgeben – auch weil die anderen das mit den offenen Grenzen nicht einsahen. Und Karl Jaspers meinte 1932 wohl etwas ähnliches mit dem Begriff „planetarisch“. Dem Philosophen war das Phänomen aber nicht ganz geheuer; er meinte, der “Rausch der Raumerweiterung” schlage in ein „Gefühl der Weltenge“ um.

Natürlich kann man auch der Meinung sein, die Globalisierung habe mit dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts begonnen; mit Vasco da Gamas Entdeckung des Seewegs nach Indien in den Jahren 1497 und 1498; mit dem Sturm der Hunnen, die 451 in Frankreich standen. Aber damals hatten die Europäer Merkel noch nicht, sie ließen sich von niemanden eine Politik der offenen Tür aufzwingen und jagten, Römer und Germanen gemeinsam, die Fremden aus Gallien hinaus.

Junge Menschen sollen ruhig glauben, alles geschehe gerade zum ersten Mal auf der Welt, und sie alleine hätten das herausgefunden. Sie sollen der Meinung sein, sie seien nun auserkoren, die Welt zu retten. Sie sollen träumen.

Sie sind in einem schwierigen Alter: Sie wollen alles, mit weniger geben sie sich nicht zufrieden. Und dafür darf man sie auch loben – zum Glück spielt sich ihr Größenwahn ja nur im Kopf ab; sie können noch nicht so, wie sie möchten. Und Empathie ist auch kein schlechter Zug.

Aber irgendwann man muß sie auch aus ihrem Traum wecken, man muß sie ganz behutsam an die Hand nehmen und auf das richtige Leben vorbereiten. Sonst handelt man verantwortungslos, und am Ende gibt es einen großen Knall.

Leserpost (3)
Hubert Cumberdale / 16.01.2016

In den Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften ist es Usus, dass wir es seit der Marktöffnung in den Siebzigern mit einer “zweiten Globalisierung” zu tun haben. Der Begriff wurde freilich schon in anderen Kontexten verwendet, aber als die “erste Welle” gilt der Durchbruch des Freihandels in Großbritannien, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. In all Ihrer Häme auf die Jüngeren sollten sie sich zwei Sachen eingestehen:  1) freie Märkte und freie Einwanderung gehören ihrem Wesen nach zusammen. Wie das genau ausgestaltet wird, und ob die Begrenzung des einen nicht auch automatisch zu einer Begrenzung des anderen führen muss, kann ja dann verhandelt werden - wir sehen das gerade bei den internen Debatten der Linkspartei. Marine Le Pens Ablehnung von TTIP ist da nur konsequent. 2) Die Globalisierung von heute hat einen anderen Charakter als 1979. Durch die enormen informationstechnologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ist die Welt eben tatsächlich im Guten wie im Schlechten näher zusammengerückt. Für die Älteren ist dies nicht immer leicht zu verdauen, für die Jungen ist es normal. Klar ist auch, dass die, die derzeit am lautesten vor dem Verfall warnen, die ersten sein werden, die sich mittels Auswanderung davon machen: sie kritisieren Zuwanderung und Grenzenlosigkeit, machen aber selbst von dieser Option Gebrauch. Die Analogie mit jungen syrischen Männern, die sich angeblich vor dem Kampf in ihrer Heimat gegen ISIS drücken, ist dabei ein lustiger Zufall. Der Verweis auf den europäischen Kolonialismus ist im übrigen verräterisch. Der sorgte nämlich für die erste Welle der Einwanderung - falls es denn überhaupt als solche zu bezeichnen ist. Britische oder französische Einwanderungsgegner wie Nigel Farage oder Marine Le Pen blenden interessanterweise diese sehr lange Tradition ihrer Geschichte aus und tun so, als ob die Geschichte irgendwann zwischen 1947 oder 1963 anfing oder es davor eine 400-jährige Pause gab. Aber egal ob in Accra oder Aden, ob Wellington oder Waziristan, ob in Kingston oder Kimberley, ob London oder Lahore - sie alle waren Bürger des britischen Empire. Was nach dem Commonwealth Act geschah, glich damit formaljuristisch mehr dem Umzug eines Sachsen nach Bayern als dem eines Ost-Anatolen nach West-Berlin.

Jürgen Althoff / 16.01.2016

Kleine Korrektur: Eingesperrt war Frau Merkel in der DDR nicht. Soviel ich weiß, gehörte sie zu den als besonders regimetreu angesehenen Reisekadern, die z.B. wissenschaftliche Kongresse im “nichtsozialistischen Ausland” besuchen durften und dafür Berichte über das Verhalten anderer mitreisender Kader abliefern mussten.

Wolfgang Schmid / 16.01.2016

Wer auch immer die Globalisierung erfunden hat: Die Kreuzzügler, die europäischen Kolonialmächte, die Nazis oder die Kanzlerin: Wichtig ist, das wir am Ende schuld sind. Und dass wir diese Schuld an den Armen und Beladenen dieser Welt begleichen. Notfalls mit einer neuen “Benzinabgabe” - die Steurn sollen ja für die Masseneinwanderungen nicht erhöht werden…

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