Wolfgang Röhl / 19.09.2017 / 06:24 / Foto: yeowatzup / 5 / Seite ausdrucken

Luise Rinser heißt jetzt Sung-Hyung Cho

Zu den fast vergessenen Schandtaten des westdeutschen Verlagsgewerbes der Nachkriegszeit gehört eine Publikation, die 1981 unter dem Titel „Nordkoreanisches Reisetagebuch“ erschien. Und zwar im angesehenen Frankfurter Fischer-Verlag, der die Propagandaschrift zugunsten des damals amtierenden Diktators Kim Il Sung allen Ernstes unter dem Rubrum „Informationen zur Zeit“ aufführte.

Die linkskatholische Dichterin Rinser, die sich nach Kriegsende in eine Rolle als Nazi-Verfolgte hineinphantasiert hatte und damit lange durchkam, war auf Einladung der Machthaber in Pjöngiang zum Kuscheln mit einem Staat angetreten, dessen Strukturen in mannigfacher Weise denen von Nazideutschland glichen.

Rinser war aber nicht einfach nur dämlich beziehungsweise außerstande, die ihr aufgetischten Lügen über ein glückliches Teilvolk, welches geschlossen seinen Großen Führer anhimmelte, zu durchschauen. Aus jeder Zeile der furchtbaren Huldigungsschrift trieft, was Rinser mit ihrer als Reisereportage getarnten Lobhudelei von Anbeginn bezweckte: eine exotische Diktatur schönzuschreiben, die sie als Gegenentwurf zum verhassten imperialistischen Westen, aber auch zum korrumpierten Sowjetsystem verstand.

Kurz, die einstige Verfasserin von Schmachtpoemen an die Adresse von Führer Adolf ("Wir, des großen Führers gezeichnet Verschworene, / Ungeborgen in scharfen Morgenstürmen, / Halten auf Türmen und Gipfeln klirrende Wacht … Wir jungen Deutschen, wir wachen, siegen oder sterben, denn wir sind treu!"), viele Jahre später glühende Willy-Unterstützerin und zuletzt Partisanin der Grünen, ließ sich bei ihrer zweiwöchigen Tour durch das Reich von Führer Kim keineswegs Bären aufbinden. Die Bären hatte sie bereits im Kopf aus Deutschland mitgebracht.

Oh, unkritisch war sie nicht, die Rinserluise! Grillte schon mal einen Funktionär hart aber fair auf dem Reisfeld:

Aber es ist nicht gesund, wenn Leute, vor allem Frauen, immer im kalten Schlamm stehen.

Funktionär: Aber sie tragen ja wasserdichte Strümpfe, und sie werden sehr oft ärztlich untersucht. Wir wissen nichts von Krankheiten.

Innige Verbindung von politischer Verblendung und religiöser Einfalt

Wie ein Weltbild ausschaut, in dem sich politische Verblendung und religiöse Einfalt vermählen, zeigt ein Höhepunkt des Buches, im Fischer-Buch auf Seite 110 nachzulesen. Aufzubewahren für alle Zeit in der literarischen Hall of Shame:

Aber Ihr, liebe atheistische Nordkoreaner, ihr LEBT das Christentum, ihr seid die ’anonymen Christen’. Ihr lebt die Liebe und nennt das: eine sozialistische Revolution machen. Ihr mordet nicht, ihr macht keine Raubüberfälle, keine Großbetrügereien. Ihr denkt nicht in Geld und Geldeswert, ihr lebt einer für den anderen. (...) Plötzlich denke ich: Christus ist ausgewandert nach Nordkorea.

Rinsers Korea-Märchen ward ein Flop, zu verrückt sogar für ihre treuesten Fans. Auch das Feuilleton zeigte sich irritiert, machte aber keinen großen Skandal daraus. Rinsers Wikipedia-Eintrag belässt es bei „Kritik und Unverständnis“, auf welche die Kim-Apologie gestoßen sei.

Seit Rinsers Liebesaffäre mit dem Totalitären ist im Prinzip nicht viel Neues passiert. Nordkorea ist inzwischen weithin unbeliebt geworden, aber auch auf eine Art sexy geblieben. Alle naslang kommt irgendein Blatt, irgendeine TV-Station mit irgendeiner Reportage um die Ecke, welche „neue“, „nie gesehene“, ja sogar „erstaunliche Einblicke“ „in ein abgeschottetes Land“ und „eine uns verschlossene Welt“ namens Nordkorea verheißt. Natürlich handelt es sich dabei in aller Regel um einen Haufen Bullshit. Jeder Journalist weiß, dass er nicht einmal von Helene Fischer etwas erfährt, was nicht einer Werbestrategie dient.

Erst recht wird jeder Journalist durch Nordkorea am Nasenring geführt. Er mag sich vielleicht ein Dorf oder ein Arbeitskollektiv selber zum Besuch „aussuchen“ dürfen, diese oder jene Wohnung zum Anschauen auserwählen, wie die Rinser es tat. Letztere war mächtig stolz darauf, auf ihrem Trip gelegentlich vermeintlich kesse Sonderwünsche an ihre Bewacher zu stellen. Dadurch, so machte sie sich selber und ihren Lesern vor, habe sie ein „authentisches Bild“ vom nordkoreanischen Alltag einfangen können.

In Wahrheit werden die Potemkinschen Dörfer eben dort fix aufgebaut, wo der scheinbar autonome Besucher mal hineinblinzeln möchte („Noch nie im Fernsehen gesehen!“). Da plärren dann die gleichen handverlesenen Stimmen das Lob des Großen Führers wie bei der Visite der Rinser vor fast vierzig Jahren. Die Namen der Herrscher wechseln, die Inszenierung nie.

Der äquidistante Begriff "Säbelrasseln"

Bereits die Ankündigung hiesiger Medien, nichtkontrollierte, wenigstens zeitweise unbeeinflusste Filmaufnahmen oder Interviews aus Nordkorea zeigen zu können, erfüllt den Tatbestand von Fake News aka Zuschauerbeschiss. Moderatoren, die nicht klipp und klarstellen, dass jede Drehsekunde solcher „Reportagen“ unter penibler Bewachung von Aufpassern erfolgte, welche nichts dem Zufall überließen, solche Journalisten wären eigentlich ein Fall für den Presserat. Aber der hat dafür keine Zeit, weil er Boulevardblätter für die Ungeheuerlichkeit rüffeln muss, Personen unverpixelt abgebildet zu haben, Terroropfer oder mutmaßliche Straftäter zum Beispiel.

In einem 3sat-Gespräch  plaudert „Kulturzeit“-Moderator Peter Schneeberger mit der Filmemacherin Sung-Hyung Cho aufs Einverständigste über ein „abgeschottetes Land, wo man nie genau weiß, was ist Propaganda und was nicht“ (Schneeberger).

Schon dieser erste Satz der Anmoderation ist falsch. Alles dient der Propaganda, was ein Westler in Nordkorea vorgeführt bekommt. Ganz besonders dann, wenn das Regime mal wieder, wie derzeit, mit Raketen um sich schießt und global für Kriegsängste sorgt. Was manche westliche Medien gern so darstellen, als sei Trump beziehungsweise Amerika daran genauso schuld wie Nordkorea. „Säbelrasseln“ heißt der äquidistante Begriff für diese Erzählung.

Demnächst im deutschen Staatsfernsehen läuft einmal mehr der Film der gebürtigen Südkoreanerin Sung-Hyung Cho, die dank ihres deutschen Passes im faschistischen Hungerland ein bisschen kurbeln durfte (Südkoreaner kriegen prinzipiell keine Drehgenehmigung). Was dabei herauskam? Gucken Sie am 21. September um 22.45 Uhr im Hessischen Rundfunk den preisgekrönten Film über eine farbenfrohe Reise durch einen Staat mit netten Menschen und kleinen Fehlern. Ein Jammer, dass Luise Rinser das Werk „Meine Brüder, meine Schwestern in Nordkorea“ nicht sehen kann. Sie wäre entzückt. Und die Leni erst!

Siehe auch hier und hier.

Leserpost (5)
Stephan Lüno / 19.09.2017

In einem solchen Land ist Alles gestellt und es droht Sippenhaft oder auch Tod bei geringsten Fehlern oder Unfähigkeit! Wenn man sich stets vor Augen hält, dass bei solchen Inszenierungen dann wirklich alles Dort Derzeit nur Mögliche getan wird, um eine unfassbar zufriedene, bestens ausgestattete und versorgte und Seine Führung kollektiv, absolut, vergötternde Bevölkerung zu präsentieren, kann es dann Teilweise schon irgendwie Mitleid erregen was gezeigt wird!

Wolgang Petermann / 19.09.2017

“Und die Leni erst”. Herrlich. Und das Ganze ausgerechnet im Hessischen Fernsehen (war das nicht mal ein linker Sender ?) Na gut, wenn man Nordkorea als “linken” Staat ansieht, dann passt es ja.  Aber unser Staats-GEZ-Fernsehen ähnelt ja ohnehin immer der “Aktuellen Kamera”.

Frank Bleil / 19.09.2017

Sie tun Sung-Yung Cho Unrecht ! Ich hatte schon ihre höchst unterhaltsame und vielseitige Dokumentation über das Festival der Heavy Metal-Fans in Wacken im Kino gesehen und war auch von ihrem Nordkorea-Film beeindruckt. Kurz gesagt ist es natürlich kein Propagandafilm sondern eine Dokumentation über die Mentalität von Menschen der mittleren Funktionsebene eines totalitären Staates mit spezifisch koreanischen Traditionen kollektiver, aber auch persönlichkeitspsychologischer Natur. Als gute Dokumentaristin führt Sung-Yung Cho dabei diese Menschen nicht mit dem bei uns so beliebten erhobenen Zeigefinger vor, sondern sie lässt sie selbst im Rahmen ihrer durch staatliche und Selbstkontrolle gegebenen Möglichkeiten sprechen. Letzteres ist immer ganz offensichtlich und jeder halbwegs vernunftbegabte und kritikfähige Mensch bildet sich daraus sein Urteil selbst. Gerade dafür schätze ich diese Regisseurin.

Ulla Smielowski / 19.09.2017

Danke für den Hinweis auf den Film der Südkoreanerin… Und zu Luise Rinser. Da kann man doch mal sehen, was dieses verschwurbelte Denken der links Gerichteten so anrichtet. Es ist eine Mischung aus Wunschdenken und sich wichtig machen, aber auf eine unerträgliche Art und Weise… Dass diese Linken Phantasten überhaupt ernst genommen wurden… Den meisten ist doch das was die geistig hervorbrachten nicht so präsent…

Anders Dairie / 19.09.2017

So, wie Ruf und Ehre des III. Reichs in 1945 zerstob, als die Allierten die Konzentrationslager fanden und die Zustände begriffen, wird Frau Linser einestags auch ihre Reputation ganz verlieren.  Wie Flüchtlinge aus dem Kim-Reich in Südkorea berichteten, macht der große Führer alles zu Geld, was er kriegen kann:  Inklusive die Ergebnisse der Kampfmittel-Versuche an Häftlingen im Auftrag Dritter.  Schon deswegen muss Kim’s Kamarilla um ihre Existenz kämpfen.  Die Komman-deure landen vor den internat. Gerichtshöfen statt in südkoreanischem Wohlstand.  Es sei denn, ein Friedensvertrag gewährt ihnen, rein taktisch,  Amnestie.

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