Alexander Wendt / 27.06.2016 / 09:00 / 3 / Seite ausdrucken

Gott strafe England - Journalismus Marke Pawlow

Im ersten Weltkrieg kam in Deutschland die Parole „Gott strafe England“ auf, die um so häufiger auf Briefumschläge, Untertassen und Briketts gedruckt und geprägt wurde, je länger sich der Kampf gegen Albion hinzog.

Seit dem 24. Juni 2016 legen deutsche Qualitätsjournalisten die technisch modernisierte Variante des Stempels gar nicht mehr aus der Hand. Wer als Leser noch nicht ahnte, was Propaganda ist, erfährt es nach der Brexit-Entscheidung der Briten. Noch verlaufen die Linien der Züchtigungsoperation allerdings etwas wirr: Im Zentralorgan Helldeutschlands, Spiegel Online, führt ein Schreiber aus, die Folgen des Brexits würden für das Königreich „dramatisch“ sein, für die EU dagegen „überwiegen die Vorteile“.

Wozu eigentlich die Aufregung, wenn die Briten das Bestrafen gleich selbst in die Hand nehmen? Endlich ist die EU ihren zweitgrößten Nettozahler los, es blockiert auch bald ein Land weniger den französischen Traum einer zentralistischen EU-Wirtschaftsregierung, der SpOn-Mann weiß daher gar nicht, welche positive Wirkung des Referendums er am ehesten loben  soll, entscheidet sich dann aber für eine dritte: Der Brexit werde Nachahmer abschrecken. Denn: „Dafür werden schon die Wellen an schlechten Nachrichten sorgen, die in den kommenden Wochen und Monaten von der britischen Insel auf den Kontinent schwappen.“  

Jeden Tag eine Meldung über Not & Elend auf der Insel

Die Welle schlechter Nachrichten schwappen zu lassen wird den Öffentlich-Rechtlichen,  SpOn und Kollegen Kampfauftrag und Verpflichtung sein. Jeden Tag eine Meldung über Not & Elend auf der Insel, um mögliche Deserteure einzuschüchtern – so macht Resteuropa endlich wieder Spaß.  Bei der Triumphmeldung über den im Postbrexit gefallenen Pfundkurs („stürzt ab wie nie“ – Süddeutsche) schoben die nach ihrem Septembererlebnis von 2015 erprobten Kampfjournalisten beispielsweise die Tatsache beiseite, dass ein sinkender Währungskurs einem exportorientierten Land unterm Strich mehr nützt als schadet. Propagandisten geht es schließlich nicht darum, sich zu Tode zu differenzieren oder den Gegner zu beeinflussen. Sie wollen den Zusammenhalt der eigenen Schäfchen stärken.  

Einerseits also sind die Briten Schmiede ihres eigenen Unglücks und sollen so schnell wie möglich auch formal raus, andererseits keimt in den Lageberichten deutscher Medien auch die Hoffnung, es könnte noch ganz anders kommen. Spiegel Online jedenfalls berichtet über den „gigantischen Zulauf“ für eine Onlinepetition, die eine neue Abstimmung erzwingen will. Jede neue Zahl („drei Millionen wollen neues Brexit-Referendum“) vermeldet die Plattform wie weiland versenkte Bruttoregistertonnen

Das Nachrichtenkompetenzzentrum T-Online juhut sogar über „3 Millionen Briten“, die ein Zweitreferendum wünschen. Während es sich bei T-Online offenbar um die einzige Plattform handelt, die die Nationalität von Computernutzern erkennen kann, suggeriert SpOn, über deren Motiv Bescheid zu wissen: es handelt sich nicht etwa um die unterlegene Remain-Fraktion, die begreiflicherweise Revanche fordert, sondern um viele, achwas, dutzende enttäuschte Brexiters, die jetzt erst begreifen, was sie angerichtet haben.

Nun hat Dirk Maxeiner in diesem Forum schon darauf hingewiesen, dass viele Online-Petitionsklicks nicht aus Großbritannien stammten. Aber selbst wenn alle von der Insel kämen: Gut 17 Millionen Briten stimmten für den Brexit; nach dem knappen 51,9 zu 48, 1 Prozent-Ausgang entschieden sich nur unwesentlich weniger für das Gegenteil. Bei einer Wahlbeteiligung von 72,2 Prozent dürften sich außerdem etliche der 27,8 Prozent Nichtteilnehmer für ihre Enthaltung verfluchen.

40 000 Stimmen aus dem Vatikanstaat

Angesichts dieser Zahlen wären selbst die Stimmen von drei Millionen echten Briten für ein zweites Referendum eher wenig. Dass eine unterlegene Seite bei einem knappen Ausgang noch einmal abstimmen lassen möchte, ist überall trivial – nur nicht in den deutschen Medien. Aber wie schon erwähnt: die Onlinepetition zählt Klicks von IP-Adressen. Mitnichten „unterschreiben“ – anders als in den meisten Berichten von der Heimatfront -  Personen mit nachprüfbaren Daten. Die Verwaltung des britischen Unterhauses entfernte mittlerweile  nach eigenen Angaben etwa 77 000 zu offensichtlich betrügerische Stimmen, darunter rund 40 000 aus dem Vatikanstaat –  ein bemerkenswertes Wunder der Technik, da die weitläufige Gegend um den Petersdom laut letzter Statistik 832 ständige Einwohner zählt.

Niemand in Großbritannien zweifelt daran, dass vor allem die unterlegenen Bremainer eine neue Abstimmung fordern und dabei alles nutzen, was das Internet an Möglichkeiten hergibt. Das Londoner Unterhaus wird sich zwar mit dem Ergebnis der Onlinepetition befassen. Allerdings besteht die Befassung traditionell nur in einer Debatte, nicht in einer Entscheidung. Und über das Brexit-Referendum muss ohnehin das Parlament mit einem letzten Wort befinden. Entsprechend gedämpft fällt die mediale Aufmerksamkeit für die Onlineklicksammlung auf der Insel selbst aus. Labour-Chef und Oppositionsführer Jeremy Corbyn rief inzwischen dazu auf, das Ergebnis des Brexit-Referendums zu akzeptieren.

In sehr vielen deutschen Qualitätsmedien fehlt dieses Zitat, um die Schutzbefohlenen nicht unnötig zu verwirren. Stattdessen steigt dort ein neuer Star auf: der bis eben selbst im Vereinten Königreich ziemlich unbekannte linke Labour-Abgeordnete David Lammy. Er rief die Parlamentarier dazu auf,  das Brexit-Votum zu ignorieren und den „Wahnsinn“ durch eine Gegenabstimmung des Unterhauses zu stoppen. Anders als im deutschen  Mutter- und Vaterland der modellierten Demokratie  überschütten außerordentlich viele Briten Lammy dafür mit noch mehr Hohn und Spott als die Wiederholungs-Petenten und deren IT-Techniker. „Even better, why don’t we ignore Lammy’s election result and put the candidate who came after him into office?“, fragt beispielsweise ein Independent-Leser im Onlineforum. Das erfährt der geneigte Beobachter allerdings nur, wenn er britische Medien konsumiert. Schon im ersten und zweiten Weltkrieg war das ein probates,  in Deutschland allerdings selten genutztes Mittel, um den Überblick zu behalten.

Wer das tut – oder sich einfach nur etwas skeptische Tugend bewahrt –  der dürfte aus der Qualitätsmedienoffensive eher eine Diagnose einheimischer Geisteszustände herauslesen.  Im ersten Weltkrieg schrieb Karl Kraus folgenden Kurzdialog: „Wie können Sie so mit den Engländern sympathisieren? Sie können ja noch nicht mal englisch.“

„Nein, aber deutsch.“

Vom Autor erschien zuletzt „Du Miststück. Meine Depression und ich“ bei S. Fischer. Mehr zu beidem auf www.alexander-wendt.com.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (3)
Karla Kuhn / 27.06.2016

Hallo Herr Wendt, wer liest denn den das überhaupt noch und wenn, dann glaubt eh keiner das Geschreibsel. Außerdem nutzt es sich ab, genau wie das Wort Nazi, mit dem Menschen, die ihre Sorgen geäußert haben geächtet wurden. Heute lassen sich die Menschen von dem Wort Nazi nicht mehr einschüchtern. Die Zunft der Schreiber der “Qualitätsmedien” muß doch ihre die Existenzberechtigung unter Beweis stellen, also wir munter drauflos geschrieben, meistens noch im Konjunktiv. Wer das liest ist selber schuld.

Michael Stegner / 27.06.2016

Zutreffende Analyse. Die deutschen Medien unterbieten sich derzeit, seit Jahren, möchte man anmerken, in billigem antidemokratischen Meinungsjournalismus. Differenzierte Analysen fehlen völlig. Die Schweizer zeigen in Deutschland weitgehend unbemerkt, wie man es besser macht. Das Lesen englischer, und allgemein ausländischer Publikationen empfiehlt sich allgemein. Eine intelligente, kritische Zusammenstellung einiger Texte findet sich übrigens hier: https://www.freitag.de/autoren/hoipolloi/journalismus-in-deutschland-und-der-schweiz

Carl Schurz / 27.06.2016

“Schon im ersten und zweiten Weltkrieg war das ein probates,  in Deutschland allerdings selten genutztes Mittel, um den Überblick zu behalten.” Ist es erstaunlich oder zu m Verzweifeln, dass sich darin bis heute nichts änderte. God bless www. :)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Alexander Wendt / 25.05.2018 / 12:00 / 41

Petition 2018 fordert Bundestags-Server heraus

Die Petition 2018 steht jetzt – nachdem sie vom Petitionsausschuss ordnungsgemäß angenommen wurde – auf der Seite des Bundestages zur Verfügung, wo sie alle bisherigen Unterzeichner…/ mehr

Alexander Wendt / 16.05.2018 / 06:29 / 50

Merkels toter See

Neben der Fake History, etwa in Gestalt der Saga, türkische Gastarbeiter hätten Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut, gibt es das vergleichsweise wirksamere Instrument der Gegenwartslegende. Sie…/ mehr

Alexander Wendt / 10.04.2018 / 06:17 / 41

„Erklärung 2018“: Kleine Soziologie der öffentlichen Debatte

Anfang dieser Woche überschritt die in eine Massenpetition umgewandelte „Erklärung 2018“ gegen die illegale Masseneinwanderung die Marke von 110.000 Unterschriften. Das ist eine beachtliche Größe,…/ mehr

Alexander Wendt / 10.03.2018 / 14:57 / 26

Ausweitung der Moralkampfzone

In normalen Zeiten bringen Verlage Bücher auf den Markt, aber keine Banalitäten in die Öffentlichkeit. Der Suhrkamp-Verlag hat das nun getan: Er twitterte nach einem…/ mehr

Alexander Wendt / 28.02.2018 / 12:41 / 47

Boris Palmer, springen Sie!

Vielleicht wird es später einmal heißen: In den letzten Februartagen des Jahres 2018 kamen zwei Ereignisse zusammen, die nicht kausal zusammenhingen, aber zusammen die Verhältnisse…/ mehr

Alexander Wendt / 28.02.2018 / 06:17 / 17

Deutschland steigt aus (2): Bäume fällen – aber korrekt

In Potsdam plant das Hasso-Plattner-Institut einen Erweiterungsbau seiner Universität. Darüber könnten die Lokalpolitiker eigentlich glücklich sein. Bei Plattner handelt es sich um einen von vier…/ mehr

Alexander Wendt / 17.02.2018 / 15:00 / 17

Die SPD und der Staat der Juden

Die Aktien Sigmar Gabriels steigen allmählich wieder. Sollte es die SPD-Basis mit ihrem Votum erlauben, dann hätte er gute Chancen, Außenminister zu bleiben. Für die…/ mehr

Alexander Wendt / 04.02.2018 / 16:00 / 7

Erst Licht ausknipsen, dann „Haltet den Dieb” rufen

Industriebashing gehört zu den bevorzugten Tätigkeiten von Journalisten, vor allem dann, wenn sie Deutschland vom Berliner Zentrum aus beschreiben. Die ganze Stadt dient bekanntlich als…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com