Gastautor / 24.09.2017 / 11:23 / Foto: Esraíta Araújo / 0 / Seite ausdrucken

Ein anarchistischer Bankier an der Wahlurne

Von Jesko Matthes.

Es gibt Theaterabende, die vergisst du nicht. Du erkennst und begreifst etwas, was du nie für möglich gehalten hättest, und ein trockenes Thema wird heiter, ergreifend, in jedem Falle emotional. So soll Theater sein.

Im Oktober 1995 war ich Zeuge der deutschen Erstaufführung eines Dialogs, den das Hamburger Schauspielhaus im intimst möglichen Rahmen, nämlich in seiner Kantine, aufführte: „Ein anarchistischer Bankier“. Die Karten waren abgezählt. Die Hauptrolle spielte der wunderbare Wolf Aniol, leise, sanftmütig im Ton, intellektuell-drohend im Unterton, ironisch, mit einem Schuss Arroganz und einer Prise lethargischer Melancholie. Dabei beweist er seinem jungen Freund - in der Inszenierung kongenial im Wechsel von Staunen, Widerspruchsgeist und Ironie verkörpert von Edmund Telgenkämper – in bestechender Logik, dass ein Bankier nicht nur Anarchist sein könne, sondern sogar sein und bleiben müsse. Dabei richtet sich der Dialog nicht grundsätzlich gegen Bankiers und auch nicht grundsätzlich gegen Anarchisten.

Es gab viel zu lachen und noch mehr, über das ich bis heute nachdenke. Zu verdanken ist dieses Zweipersonenstück, das in einem Lissabonner Kaffeehaus spielt (auch das Hamburger Publikum saß damals wie Cafe-Gäste an den Tischen) einem der bedeutendsten portugiesischen Autoren, Fernando Pessoa . Damals, knapp 60 Jahre nach seinem Tod, wurde er erstmals in Deutschland aufgeführt und „entdeckt“. Es folgte sogar ein kurzer Pessoa-Hype.

Meine damalige Freundin war eine hoch attraktive, blitzgescheite und enorm gebildete Medizinstudentin, im Gegensatz zu mir links-grün und... völlig parkettsicher; ich fiel in anderen „modernen“ Inszenierungen gern durch Zwischenrufe auf, was sie entsetzte; Theater war für sie kein Ort des Skandals. Skandalös war es dagegen, dass ich bei einer völlig anderen Ruth-Berghaus-Inszenierung im Thalia-Theater bei Höllenlärm sanft einschlief; meine zugegebenermaßen etwas besondere Form der Theaterkritik.

Am Ende glaubten wir es selbst, dass ein Bankier Anarchist sein muss

Bei Pessoa waren wir uns einig: Dieses sophistische Kabinettstück begeisterte uns. Denn am Ende glaubten wir es selbst, dass ein Bankier Anarchist sein muss. Hässlich fand sie nur meine anschließenden Anspielungen auf ihre arrivierten Eltern, bekennende 68er Germanisten, die eine Existenz aufgebaut hatten, die man sich gutbürgerlicher kaum vorstellen kann. Ich, notorisch Konservativer, staunte, dass Linke in jeder Hinsicht so Wert-orientiert und Struktur-konservativ sein konnten. Ich betrachtete das, wie viele 68er-Karrieren, als einen ironischen Kommentar zu dem Theaterstück, das wir soeben gesehen hatten. Damals machte ich mein Wahlkreuz noch konstant bei der stolzen Volkspartei CDU, sie bei den Grünen. Die Eltern, ihre, schwankten eher zwischen SPD und CDU, aber gegen Atomkraft war man einhellig. Außer mir natürlich. Wir machten daraus kein Drama. Gern warf ich mich abends bei ihren Eltern auf das Ledersofa vor dem Kamin, neben dem das Gemälde eines Worpsweder Meisters hing, und las gemütlich die „Zeit“ oder zappte in der Glotze, am liebsten 3sat, „Kulturzeit“.

Ich lernte beeindruckende Leute kennen, einen Journalisten des „Weltspiegel“, dazu einen ganzen Haufen kalifornischer Germanisten. Am beeindruckendsten war der verschmitzte Fritz Tubach mit seiner lässigen Frau Sally Patterson-Tubach. Fritz hat eines jener Bücher verfasst, die ich so mag: „An Uncommon Friendship“ . Es ist die Doppelbiographie eines Hitlerjungen und eines jüdischen Jungen, der das Konzentrationslager überlebt. Später landen beide als Wissenschaftler in den USA, ihre Frauen freunden sich an. Er und „Bernie“ Rosner auch. Die letzten Seiten sind ein flammendes Plädoyer für die offene, Werte-orientierte Gesellschaft, in der alte und immer noch potentielle Feinde zu Freunden werden können, wenn sie sich auf ihre Biographien einlassen. Von „Integration“ ist keine Rede, sie passiert einfach, wenn man sich auf die offene Gesellschaft einlässt – Und das nötige Kleingeld hat, dachte ich. Ziemlich links diesmal.

Auch die Tubachs kannten Fernando Pessoa; und da intellektuelle Spielereien allen lieb waren, fanden sie die Thesen des „anarchistischen Bankiers“ großartig. Ich blieb im Stillen bei meiner eigenen Lesart, denn den Aufruf Pessoas zur Selbstkritik der arrivierten Linken, und alle außer mir waren ihre Produkte, schienen sie zu überhören - bis auf den nachdenklichen Vater meiner Freundin, der die Selbstironie zu seiner Maxime erhoben hatte, vielleicht, um sich vor noch tieferen Erkenntnissen zu schützen. Das alles war wohl mein allerdings heiß geliebter Kontakt mit dem Mainstream der anywheres .

Die heutige Situation hat also eine reiche Vorgeschichte. Und auch Fernando Pessoa selbst ist so eine zwiespältige Natur, in etwa vergleichbar vielleicht dem ebenso genialen und ebenso notorischen Trinker Joseph Roth. Beide, Pessoa und Roth, hatten den Untergang ihrer Monarchien erlebt, waren mehr als latent elitär, demokratieskeptisch und auf allerdings faszinierende Weise gefangen in einer Zwischenwelt aus Tradition und Moderne, wie in Deutschland vielleicht der deutlich ältere Theodor Fontane, dessen Werk viel subversiver ist als man es in den Zeilen lesen kann – oder gar wie Franz Kafka.

Eine bekennend gespaltene Persönlichkeit

Pessoa war zusätzlich eine bekennend gespaltene Persönlichkeit mit einer Heidenangst vor komplettem Wahnsinn, eine noch knapp integrierte „multiple Persönlichkeit“. Er veröffentlichte seine Texte (wenn denn welche erschienen, fast alles fand sich erst nach seinem Tode in einer riesigen Kiste) unter einem guten Dutzend Pseudonymen, die er „Heteronyme“ nannte. Sie ermöglichtem ihm, „seinen“ Stil, die gesamte Bandbreite von klassischer bis moderner Lyrik und Prosa, abzudecken, ohne in persönliche Widersprüche abzugleiten, von denen er schon genug zu ertragen hatte.

Von Selbstzweifeln geplagt sah er seine Verlobung scheitern, bevorzugte das sichere, isolierte Leben eines Handelskontors – und das Leben der intellektuellen Boheme in den Lissabonner Kaffeehäusern. Die ich gesehen habe. „A Brasileira“ ist heute touristisch überlaufen, und Pessoa sitzt in grün patinierter Bronze vor dem Kaffeehaus an einem eigenen Tisch, mit einer goldenen Hand, denn es bringt Glück, das Glück des beständigen Zweifels, sie zu streicheln – die ganze Atmosphäre Lissabons erinnert ein wenig an Wien. Ein Wiener versteht, was Saudade ist: das Heimweh nach einer Zeit. Vielleicht liegt es am Verlust des Reiches und der eigenen Sicherheit. Deshalb musste ich in diesem Spätsommer auch an Fontane denken, der das selbe für Preußen lange vorausahnte, an Roth, der es erlebte wie Pessoa, an Kafka, der es durchlitt, ohne sich je zu erholen: Denker und deren Denken in Zeiten des totalen Umbruchs.

Und so schreibt Pessoa Bestürzendes:

Um verstehen zu können, habe ich mich zerstört. Verstehen heißt das Lieben vergessen. Ich kenne nichts, was gleichzeitig falscher und bedeutungsvoller wäre als der Ausspruch Leonardo da Vincis, wonach man etwas nur lieben oder hassen kann, nachdem man es verstanden hat.

Mit diesem ebenso arroganten wie bescheidenen Gefühl trete auch ich heute an die Wahlurne.

Foto: Esraíta AraújoCC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
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