Gastautor / 12.06.2017 / 16:05 / 4 / Seite ausdrucken

An den Intendanten des WDR, Herrn Tom Buhrow

Von Peter Finkelgrün.

Sehr geehrter Herr Buhrow,

gestatten Sie mir, daß ich, stellvertretendes Mitglied im Rundfunkrat, mich heute zum zweiten Mal direkt an Sie wende:

Vor knapp drei Jahren, während des damaligen Krieges in Gaza, schrieb ich Ihnen einen Brief, in dem ich meine Besorgnis über die Ausbreitung eines sich als Kritik an Israel verkleidetem Antisemitismus ausdrückte. Festgemacht hatte ich meine Besorgnis damals an einem Kommentar von Sabine Rau vom 22. Juli 2014.

Mein Schreiben an Sie heute ist ausgelöst durch die Debatte um und das Verhalten des WDR bezüglich des Films „Auserwählt und Ausegrenzt“. Ich schrieb Ihnen damals :

"Ich habe zwischen 1951 und 1959 als junger Mensch in Israel gelebt. 1959 bin ich nach Deutschland gekommen, aus dem meine Eltern vor der nationalsozialistischen Verfolgung bis nach Shanghai geflohen  waren. Bereits kurz nach meiner Ankunft in Deutschland habe ich Weihnachten 1959  erlebt, daß die Synagoge in Köln mit Parolen von Rechtsradikalen beschmiert wurde. Danach habe ich immer wieder andere Erlebnise antisemitischer Art erlebt. Dennoch bin ich  in Deutschland geblieben, habe hier eine Familie gegründet und einen Beruf ergriffen. Ich wurde Journalist.

1974 fuhr ich mit meiner Fau zu  einem Besuch nach Israel. Ich erlebte dort das Ma’alot-Massaker. Es war eine Folge der Besetzung einer Schule und der Geiselnahme aller Anwesenden durch DFLP-Terroristen im nordisraelischen Ort Ma´alot am 15. Mai 1974. Alle 21 Schüler kamen ums Leben. Es war noch nicht die Zeit der modernen technologischen Medien, und ich war mit einigen Schwieirigkeiten in der Lage, bei meiner Redaktion im Funkhaus anzurufen und zu fragen, ob ich einen telephonischen Bericht durchgeben sollte. Der dienstuende Redakteur erwiderte: "Nein. Aber melde Dich, wenn die Israelis zurückschlagen."

Heute kann ich dem hinzufügen, daß ich in den Jahrzehnten danach Antisemitismus in den Kölner Rundfunkanstalten immer wieder erlebt habe.

Sei es ein Abteilungsleiter der DW, der es für nötig befunden hatte, Interviewpartner von mir telephonisch mit den Worten „Achtung, Vorsicht, Jude“ zu warnen.

Sei es ein leitender Redakteur beim Kirchenfunk das damaligen DLF, der seine antisemtiischen Vorbehalte nicht unterdrücken konnte.

Seien es Redakteure des WDR, die die damalige Abteilungsleiterin des Frauenfunks, die mich öfters in Israel besuchte, auf den Fluren am Wallrafplatz mit Aussagen wie: „Du fährst immer noch in dieses zionistische Gebilde?“ abkanzelten.

All diese Erinnerungen und Erfahrungen sind in den letzten Tagen bei mir lebendig geworden.

Die öffentliche Debatte und das Verhalten der Leitung des WDR droht nach meiner Überzeugung das Renommee  des Westdeutschen Rundfunks nachhaltig zu beschädigen.

Dies sage ich, nachdem ich den inkriminierten Film gesehen habe:

Ich habe beim Betrachten des Films nichts erfahren, was mir neu oder unbekannt gewesen wäre.

Dabei hatte ich eher das Gefühl wie beim Hören des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern. In dem Film wird auf komprimierte Art und Weise all das gesagt und darüber informiert, was über Jahre und Jahrzehnte jedermann bekannt ist – aber kaum je offen ausgesprochen wird.

Ich unterstelle dabei, daß die in dem Film genannten Fakten und Aussagen alle belegt sind. Teilweise sind sie mir selbst durch die letzten Jahrzehnte bekannt. So wie ich den Ruf der journalistischen Leitung der zuständigen Redaktion des Hauses kenne, bin ich von ihrer Gewissenhaftigkeit und Integrität überzeugt.

Der Film beleuchtet die Situation in Europa, die in den letzten Jahren der Grund für die Auswanderung zahlreicher Juden aus Europa, insbesondere aus Frankreich, der Heimat des Programmdirektors Alain Le Diberder.

Zum Schluß, Herr Intendant, möchte ich Ihnen in wenige Zeilen berichten von meinem Besuch in der palästinensischen Stadt Jericho, in Begleitung meines Enkels im März  dieses Jahres. Eine Stadt, die ich bis Ende der achtziger Jahre als blühende Oase mit zahlreichen Restaurants, Geschäften und Touristen kannte. Sie ist heute in einem erbärmlichen  Zustand, dominiert von Bauruinen, die alle mit angerosteten Schildern ausgezeichnet sind, auf denen die jeweilige europäische Institution oder der Staat benannt sind, die Mittel für den Bau gestellt haben. In Jericho kann man die Auswirkung der Korruption konkret erfahren.

Ich bitte Sie, Herr Intendant, sich, wie Sie es auch in anderen Fällen getan haben, vor die Redaktion zu stellen.  Sie würden damit auch die kleine Zahl der in Deutschland heute lebenden Juden dahingehend beruhigen, daß man aussprechen kann, was diese existentiell seit Jahren verunsichert.

Es wäre vielleicht auch eine gute Idee, diesen Film den Mitgliedern des Rundfunk- und des Verwaltungsrates, möglichst bald zu zeigen.

Ich bin überzeugt, Herr Intendant, dass Sie diese meine Sichtweise verstehen werden.

Da es sich in dieser Sache inzwischen um eine öffentliche Debatte handelt, erlaube ich mir, eine Kopie diese Briefes dem Zentralrat der Juden zu schicken.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Finkelgrün

Peter Finkelgrün, 1942 in Shanghai geboren, wuchs in Prag und Tel Aviv auf, war Redakteur und Auslandskorrespondent der Deutschen Welle und hat neben seiner Arbeit als Journalist einige Bücher geschrieben, u.a. über den Fall Malloth. Er lebt in Köln.

Leserpost (4)
Roland Müller / 13.06.2017

So sind die eifrigen Oberlehrer von Toleranz, Demokratie und Rechtsstaat halt. Jede Menge Scheinheilige. Wie auch diejenigen, die überall braunen Wind wittern, aber den eigenen braunen Wind, der kräftig und ohne Zwang von ihren Kanzeln herunter geweht hat, einfach unterschlagen, geschweige sich davon distanzieren.

Christoph Späth / 13.06.2017

Listigerweise hat bild.de den Film für 24 Stunden bereitgestellt - deckt sich zu 100% mit meinen Eindrücken aus den Aufenthalten vor Ort.  Unbedingt ansehen!

Andreas Rochow / 13.06.2017

@ Michael Lorenz “Mühsam getarnter Antisemitismus” ist leider eine Beschönigung. Man darf heute von offen linkem Antisemitismus reden. Wer Kauft-nicht-bei-Juden-Kampagnen lostritt, hat den Heiligenschein des um den Frieden besorgten Gutmenschen verloren. Wie es dazu kommen konnte, dass eine solche Haltung die ö.-r. Medien der Bundesrepublik Deutschland dominiert, ist rätselhaft und tragisch zugleich. Meine Hoffnung, dass es sich nur um eine geistlos-zeitgeistige Mode handeln möge, schwindet rasant. Auch hier scheint das “Friedensprojekt EU” zu versagen!

Michael Lorenz / 12.06.2017

Sehr wahr, sehr treffend, sehr wichtig - aber unter den gegebenen Umständen völlig nutzlos. Denn solange ein (damals allerdings noch: zukünftiger) SPD-Kanzlerkandidat vor der Knesset eine Rede mit so widerwärtigen Bestandteilen halten kann, dass zahllose Mitglieder unter Protest den Saal verlassen - so lange sitzt der nur noch mühsam getarnte Antisemitismus ganz besonders in den willfährigen speichelleckenden Medien fest im Sattel. Und wird sich durch ein auch noch so richtiges Schreiben um keinen Jota verändern. Was etwas ändern könnte: ein organisiertes Nichtzahlen der Zwangsgebühr, unter der es sich die heutigen Judenhasser von Dienst so richtig gemütlich gemacht haben, da ihnen so gut wie keine Folgen drohen. Herr Broder: Sie hatten doch angekündigt, diese schändlichen Gebühren nicht mehr zahlen zu wollen. Wie wäre es, das etwas öffentlicher und unter Aufforderung zum Mitmachen zu tun? Ich übrigens bin auch gerade dabei, meine ersten Erfahrungen im Nichtzahlen zu machen. Das müsste nur konzertiert werden - Sie, Herr Broder, wären dafür durchaus der Richtige. Und spenden würde sicher nicht nur ich für dergleichen sowieso kräftig - Hauptsache, diesem amoralischen Moloch ginge es mal spürbar an den Kragen!

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