Pierre Heumann, Gastautor / 21.07.2014 / 10:17 / 1 / Seite ausdrucken

Tunnel als Waffe

Die mysteriösen Geräusche, das Klopfen und das Bohren unter dem Boden, waren eigentlich verräterisch. Doch keiner nahm sie ernst oder dachte daran, dass es sich dabei um Vorbereitungen für einen Terrorakt handle. Erst jetzt, da die Armee im Gazastreifen das dichte Netzwerk von Terrortunnels aushebt, wird klar, was es mit dem Klopfen auf sich hatte. Es war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Hamas an ihrer gefährlichsten Waffe arbeitete: Tunnels.

Was sich unter der Erdoberfläche abspielt, ist ein neuer und zunehmend wichtiger Teil der Kriegsführung von Terroristen geworden. Ein Teil der Tunnels war zum Beispiel so angelegt, dass er Kibbuzim von unten her durch das Zünden einer Bombe zerstören sollte.

Die israelische Armee macht sich jetzt daran, die unterirdischen Schächte auszuheben. Das sei das primäre Ziel der Invasion des Gazastreifens mit Bodentruppen, sagte Premier Benjamin Netanyahu letzte Woche.

Israel betrachtet die unterirdischen Schächte als strategische Gefahr. Terroristen würden durch diese Verbindungen nach Israel eindringen und hätten den Auftrag, möglichst viele israelische Zivilisten umzubringen und Soldaten zu entführen. Die Hamas würde die Entführten in Verhandlungen mit Israel benutzen wollen, um palästinensische Gefangene freizupressen.

Die Hamas hat den Beweis für die Richtigkeit des Vorwurfs bereits vor Jahren geliefert. 2006 wurde der Soldat Gilad Shalit durch einen Schacht nach Gaza entführt. Jetzt finden Soldaten in den Tunnels Betäubungsmittel und Handschellen – ein klarer Hinweis auf Entführungsabsichten.

Seit Beginn der Bodenoffensive hat die israelische Armee 40 Tunnels aufgespürt, die von Gaza auf israelisches Gebiet führen.

Bei der Zerstörung der Tunnels werden Roboter eingesetzt. Sie zeichnen mit Videokameras die Struktur und die Richtung des Schachts auf. Danach wird mithilfe eines Spürhundes geprüft, ob sich im Tunnel Explosionsmaterial befindet. Wird der Hund fündig, wird ein Spezialroboter zur Entschärfung der Bombe in den Schacht geschickt. Erst nach diesen Vorsichtsmassnahmen gehen die Truppen in den Tunnel, um ihn zu zerstören.

Bekannt waren bisher die Tunnels von Gaza nach Ägypten, die in den letzten Monaten von den ägyptischen Sicherheitskräften zerstört wurden. Einige Tunnels waren auch im Grenzgebiet zwischen Gaza und Israel im Herbst 2013 entdeckt worden. Doch jetzt weiss die Armee, dass ihr damals die meisten unterirdischen Verbindungen von Gaza nach Israel entgangen waren.

Die von der Hamas angelegten Tunnels – bis zu 20 Meter unter der Erde – sind raffiniert ausgebaut und komfortabel ausgerüstet. Die Arbeiten haben jeweils bis zu drei Jahre gedauert. Die israelische Armee vermutet, dass die Hamas eine Spezialeinheit unterhalte, die auf den Tunnelbau spezialisiert sei.
Im Schacht gibt es Stromleitungen und Telefonverbindungen, und in der Regel haben die Tunnels mehrere Ausgänge nach Israel, um möglichst «komplexe» Terroroperationen durchführen zu können. Die Hamas verfolge das Ziel, die Kämpfe auf israelisches Territorium auszudehnen, meint ein Offizier. Die Armee hat in den vergangenen Jahren versucht, Tunnels ausfindig zu machen. Sie setzte Geologen ein, Experten für Öl- und Gasexplorationen – doch eine Lösung wurde nicht gefunden. Und aus der Luft lassen sich Tunnels nicht entdecken.

Das war schon bei den Tunnels nach Gaza so: Während die Friedensfreunde aus Europa und Amerika den Palästinensern in Gaza zur Seite standen, wurden sozusagen unter ihren Füssen die nächsten Terrorangriffe auf Israel vorbereite t. Um den Schmugglern das Handwerk zu legen, zerstörte die israelische und später die ägyptische Armee entlang der Grenze nicht nur die Häuser, sie trieb auch eine Metallwand metertief ins Erdinnere. Jetzt sind die meisten Tunnels nicht mehr in Betrieb.

Um ihre Buddelei geheim zu halten und das «Auge des Tunnels», den Eingang, zu verstecken, legen die Schmuggler den Zugang zur Unterwelt in ein Haus, das sie mieten oder besitzen. Unter den Keramikplatten eines ehemaligen Kinderzimmers oder in der Stube beginnt dann die Grabung. Den Sand schichten die Tunnelbauer in den leeren Zimmern des Hauses auf. Dass Zivilisten dadurch gezwungen werden, den Terror mitzutragen, ist Teil des Kalküls der Hamas. Und dass die Jugendlichen und Kinder, die für das Ausheben der Tunnels angeheuert werden, die Arbeit oft mit dem Tod bezahlen, nimmt die Hamas ebenfalls in Kauf.

Der Artikel von Pierre Heumann ist zuerst in der Basler Zeitung erschienen

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Joachim Neander / 21.07.2014

Wie wirkungsvoll Tunnels als Waffe eingesetzt werden können, haben die Briten am 7. Juni 1917 bei der Eroberung der Messines Range gezeigt. Zitat aus Wikipedia: “Die anschließende britische Großoffensive begann um 3:10 Uhr mit der Sprengung von 19 Minen. Durch die Explosion erlitt die 3. bayerische Division schwerste Verluste; bis zu 10.000 Soldaten kamen dabei ums Leben.[3] Die deutsche Verteidigung dieses Frontabschnittes brach zusammen. Britische, kanadische, neuseeländische und australische Mineure hatten in 15 bis 30 Metern Tiefe innerhalb von zwölf Monaten Stollen unter die deutschen Stellungen gegraben und dort insgesamt 22 Minen platziert.[4] Jede Mine bestand im Schnitt aus 21 t Sprengstoff, die größte Mine bei St. Eloi bestand aus 42 t. Bei dem damals verwendeten Sprengstoff handelte es sich um Ammonal, dessen Grundlage Ammoniumnitrat und Aluminium ist. Die Explosion der Minen war das lauteste bis dahin von Menschen erzeugte Geräusch und konnte angeblich bis Dublin und von Premierminister David Lloyd George in der Londoner Downing Street No. 10 gehört werden; sie gilt als eine der größten nichtnuklearen Explosionen aller Zeiten. Eine Mine wurde von den Deutschen entdeckt und entschärft, zwei Minen zündeten nicht. Die Länge der Tunnel unter dem Schlachtfeld betrug an die 8.000 m.”

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