Alexander Wendt / 24.10.2014 / 18:23 / 6 / Seite ausdrucken

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst erfunden hast

Seit Jahren versorgt der Leipziger Psychologieprofessor Elmar Brähler die Öffentlichkeit mit Studien, die immer wieder zum gleichen Befund kommen: Der politische Extremismus in Deutschland quillt vor allem aus der gesellschaftlichen Mitte. Gerade in der Biederkeit gehe es in Wirklichkeit ausländerfeindlich, chauvinistisch und sozialdarwinistisch zu.

Eine neue Untersuchung der Universität Leipzig unter Leitung von Brähler und seinem Kollegen Oliver Decker frischt die alte These mit einer neuen Fragestellung auf: Wie denken die Wähler der AfD? Die Universität beantwortet die Frage in einer Pressemitteilung, die den Inhalt der Untersuchung zusammenfassen soll: “NPD- und AfD-Wähler sind am deutlichsten rechts eingestellt“. Und weiter: „Sie (die AfD-Anhänger) folgen in der Stärke der Ausprägung rechtsextremer Aussagen gleich hinter den NPD-Wählern. Auffällig ist, dass auch sie Muslime stark abwerten, Sinti und Roma anfeinden und die europäische Union nicht mögen.“

Das Resultat bestätigt also lückenlos die Urteile über die “Partei aus der Gruft der Geschichte“ (Jakob Augstein), die „braue Suppe“ (SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi), die „sich kaum von dem unterscheidet, was die NPD vertritt“ (SPD-Vize Ralf Stegner).

Bei einer so klaren Formel wie „AfD gleich NPD“ machen sich vermutlich die wenigsten Politiker und Journalisten die Mühe, in die eigentliche Studie mit dem lyrischen Titel „Die Parteien und das Wählerherz 2014“ zu schauen, die der Pressemitteilung der Uni zugrunde liegt. Dabei lohnt sich dieser tiefere Blick.

Die Forscher fragten in ihrer Untersuchung Meinungen und Vorurteile von Wählern quer durch das Parteienspektrum ab, von der Linkspartei über die Etablierten bis zur NPD. Schon bei der Frage „befürworten Sie eine rechtsautoritäre Diktatur“ stutzt der Leser allerdings. Erwartungsgemäß liegt hier die NPD mit einem Wert von 9,4 auf einer Punkteskala von 3 bis 12 ganz vorn, gefolgt von der AfD mit 7,1 und den unentschlossenen Wählern mit 5,9.

Das logische Gegenstück der Frage, nämlich „befürworten Sie eine staatliche Lenkung der Wirtschaft und die Enteignung von Millionären“ fehlt, obwohl es interessant gewesen wäre, wie die Wähler am linken Ende der Skala darauf geantwortet hätten.

Bleibt das Resultat: Wähler rechter Parteien befürworten die Diktatur. Ein schönes Lehrbeispiel für die erkenntnistheoretische Regel: Wer einen bestimmten Punkt umgehen will, muss schon die Frage danach vermeiden.

Tatsächlich pflegen AfD-Wähler nach den Daten der Leipziger Forscher stärkere Ressentiments gegen Einwanderer und verharmlosen das NS-Regime eher als die Anhänger der meisten anderen Parteien. Brählers Leute fassen das in einem Schaubild „rechtsextreme Einstellungen“ zusammen, in dem die AfD wieder gleich auf die NPD folgt. Hier gilt abermals: nach linksextremen Einstellungen, die genau so weit von der Mitte abweichen könnten, fragen sie gar nicht erst.

Aber selbst auf dem Gebiet der Fremdenfeindlichkeit ergibt sich aus den Daten nicht durchweg das klare Bild des Außenseiterpärchens NPD und AfD. In der Ablehnung von Sinti und Roma etwa (NPD-Gefolgsleute 95 Prozent) liegen die AfD-Befürworter mit 75 Prozent deutlich näher an den FDP-Wählern (66,7 Prozent) als an der rechtsextremen Partei.

Auch bei der Frage nach der EU relativiert sich das Bild erheblich. Dass Deutschland von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union eher profitiert, glaubt nur eine Minderheit von 26,1 Prozent der NPD-Wähler und von 32,7 Prozent der AfD-Anhänger. Aber auch bei den Piraten-Anhängern und den Linken-Wählern befinden sich die EU-Fans in der Minderheit (41,4 und 45,2 Prozent).

Zur wirklichen Überraschung gerät die Frage nach der Befürwortung der Demokratie als Gesellschaftsform: Hier schneiden die AfD-Wähler mit 96,2 Prozent fast am besten ab; begeisterter von der Demokratie zeigen sich nur noch die Grünen-Anhänger.

Dafür fällt die Zustimmung zur Demokratie in einer anderen Gruppe ziemlich deutlich ab, nämlich bei den Fans der Piraten (82,8 Prozent). Mit der realen Demokratiepraxis zeigen sich die AfD-Wähler in der Untersuchung am wenigsten zufrieden, allerdings liegen die Unzufriedenheitswerte bei NPD und den Linken-Anhängern nicht viel niedriger. Kurzum: die Daten der Studie ergeben ein ziemlich komplexes und teils verblüffendes Bild, selbst, wenn man die manipulative Fragestellung ausklammert.

Die Überschrift in der Pressemitteilung der Forscher hätte also lauten können: „NPD- AfD- und Linken-Wähler sind besonders EU-skeptisch“ oder „Piraten-Wähler haben ein Demokratieproblem“. Aber dann wäre sie aber kaum so dankbar in den Qualitätsmedien aufgegriffen worden. Die „Mitteldeutsche Zeitung“ schrieb über die Leipziger Forschungsergebnisse: „AfD-Wähler haben häufig eine rechte Einstellung“, und übernahm Formulierungen aus der Pressemitteilung der Universität teils wortgetreu. Das Deutschlandradio ging sogar noch weiter: „Die Wähler der ‚Alternative für Deutschland’ sind offenbar fast genau so rechtsextrem wie die der NPD.“ Rechtsextrem - das hatten noch nicht einmal Brähler und Kollegen behauptet.

Aber Ralf Stegner dürfte es freuen.

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Stephan Bergmann / 25.10.2014

Dass man die Frage „befürworten Sie eine rechtsautoritäre Diktatur?” auf einer Skala von 3 bis 12 beantworten soll, ist ja auch eigenartig. Die Skala 1 bis 10 hätte den gleichen Umfang gehabt und Umfrageteilnehmer und -leser hätten ein besseres Gefühl für die Zahlen. “7,1” klingt wohl einfach mehr nach Mehrheit, mehr nach zwei Drittel, als “4,1”. Mit der überflüssigen Qualifizierung der “autoritären Diktatur” zur “rechtsautoritären Diktatur” wird den konditionierten Blockparteienwählern auch schön mit dem Zaunpfahl gewunken, à la “Hier musst du ‘nein’ sagen! Hier fragen wir nach bösem, RECHTEM Zeug!”. Schließlich wäre ja, wie Sie schreiben, die Gegenfrage zu stellen gewesen. Antworten auf die Frage “Befürworten Sie eine linksautoritäre Diktatur?” würden mich interessieren, von mir aus auch auf einer Skala von pi bis e².

Klaus Brand / 25.10.2014

Müßte es nicht korrekt heißen “Die Leipziger Psychologieprofessorin Elmar Brähler ...”?

Hjalmar Kreutzer / 25.10.2014

Nun, Hauptsache ist, Herr ProfessorIn Brähler, Uni Leipzig! hat eine Studie veröffentlicht (en lassen) und damit seine Existenzberechtigung überzeugend dargestellt.

Gerhard Keller / 24.10.2014

Interessant ist auch folgende Zwischenüberschrift der Studie: “Unzufriedenheit mit der Demokratie bei AfD-Anhängern besonders stark” Laut Studie müsste es nämlich heißen: “Unzufriedenheit mit tatsächlicher Demokratie in der BRD bei AfD-Anhängern besonders stark”. Und: “AfD Partei mit den meisten Muslimen” (1,9%) Auch: “NPD-Wähler am ängstlichsten - AfD-Wähler am mutigsten” Informationswert hätte auch: “Grüne trotz drohender Klimakatastrophe putzmunter”

Günter K. Schlamp / 24.10.2014

Die Otto-Brenner-Stiftung der IG-Metall beteiligte sich finanziell an einer Panel-Untersuchung des Hernn Brähler. Der untersuchte 15 Jahre lang eine Gruppe von Ostdeutschen, die zur Zeit der Revolution 14, 15 Jahre alt waren. Sie befragte er zweijährlich aufs Neue. Was dabei herauskam? Die Unzufriedenheit mit der Demokratie, mit dem “Kapitalismus” und dem westdeutschen Gesellschaftssystem wüchse von Jahr zu Jahr. Immer besser würde von Jahr zu Jahr die Sicht auf die sozialen Wohltaten der DDR, auf den Sozialismus überhaupt. Die Hoffnung auf den Untergang des gerade herrschenden Gesellschaftssystems verzeichne ebenfalls Wachstumsraten. Das ist so dreist, dass ich es nochmal wiederhole: Der Medizinsoziologe Prof. Dr. Brähler befragte 15 Jahre lang in sieben Umfragen dieselben ca. 200 Personen, die beim Untergang der DDR im 10. Schuljahr waren, ob sie die DDR oder die BRD besser fänden. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung hat Herr Brähler schon einmal die rechtsextreme Gesinnung der Deutschen untersucht: “Die Mitte im Umbruch”. Gefördert wurde die Befragung auch vom Otto-Brenner-Institut der IG-Metall und der Rosa-Luxemburg-Stiftung der Partei Die Linke. Über die Hälfte der 2500 in ganz Deutschland Ausgewählten haben nicht geantwortet. Methodisch scheint die “Studie” ein Witz zu sein: 20% der Befragten waren Ausländer. Sie haben die höchste Antisemitismusquote, sind aber beim Gesamtergebnis nicht herausgerechnet worden. Im Osten ist der Antisemitismus bei Anhängern der SPD, Linken und Grünen am weitesten verbreitet. Besonders mies in der Umfrage: Wer sich bei einer Frage nicht entscheiden konnte, sondern “teils/teils” antwortete, wird von den Wissenschaftlern verdächtigt, sich nicht zu trauen, offen seine rechte Gesinnung zu offenbaren und einfach dazu gezählt.

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