Gastautor / 24.12.2007 / 20:28 / 0 / Seite ausdrucken

Sibylle Berg: Warum Menschen ins Theater gehen

“Es wundert einen, dass die Leute immer noch ins Theater gehen, nach
allem, was sie in der Schule durchgemacht haben.” - Orson Welles

Finde ich mich in einem Theaterfoyer umringt von Menschen,die meine
Kinder sein könnten, es gottlob nicht sind (hätte mein Kind auch so
eine Plastikumhängetasche und würde sich unique fühlen?) dann läuft
etwas falsch.  Ein Theater, in das Zwanzigjährige strömen, ist mir
zutiefst unsympathisch. Vermutlich hat es den Ruf hipp zu sein, das
Theater, macht Spässchen mit Rockstars und Commedians, auf jeden Fall
ist es anbiedernd und abzulehnen. Junge Menschen haben im Theater
nichts zu suchen. Da geht man hin, als Kind, ins Weihnachtsmärchen, 
vielleicht noch als verwirrter Pubertierender, um den Schmerz der
intellektuellen Qual auszukosten, in jener Zeit, als Wachsender, da
man glauben mag, dass nur Bedeutung hat, was keine Freude bereitet—
aber danach muss Ruhe sein. Ablehnung. Revolution. Ekel.

Theater ist für die Generation der Eltern, ist kein Kino, ist
Anstrengung, unbequemes Gestühl und meist Langeweile. Junge Menschen
die sich für Kunst interessieren, sind verzogene Gören, denn Jugend
und Kunst gehören nicht zusammen. In der Jugend entdeckt man das
Leben, und dessen Kürze ist einem noch nicht klar. Man ist am Suchen
nach Realität. Und die hat mit Kunst nichts zu tun.

Kunst ist die Suche nach dem gnadenvollen Augenblick, nach dem
Vergessen der Sterblichkeit, ist Suche nach Trost und geriatrisch
unkörperlichem Orgasmus.

Theater kann Kunst sein. Ist es meistens nicht. So wie die meisten
Bilder, Bücher, Musikstücke, vieles nur hergestellt, um ein Honorar zu
verdienen, um sich in Eitelkeit zu gefallen, zu wirken. Kunst hat
nichts mit einem tiefen Anspruch zu tun, wer will den definieren, 
Komödien können Kunst sein, Satire kann Kunst sein, wenn sie im
aufrechten Bestreben, in der Suche nach einer höheren Wahrheit
entstanden ist. Auf der Bühne entlarvt man jeden. Wortverliebte Sätze
werden zu Schlafmitteln, eitle Schauspieler führen zum Koma. Das ist
das Unangenehme am Theater. Man sieht das alles .Das ist der Reiz am
Theater. Man kann eventuell der Herstellung eines großen Augenblickes
beiwohnen. Tut man meist nicht. Theater ist etwas Fragiles. Das
Risiko der Gruppenarbeit. Wie schwer mehrere Menschen dazu zu
bewegen, sich einem Ziel unter zu ordnen. Die Schauspieler wollen
meist lange Texte, gut aussehen, lange auf der Bühne stehen. Der
Regisseur will irgendetwas Intellektuelles, etwas hinter den Worten, 
der Autor will seine Sätze schwingen hören, am liebsten wäre ihm,
die Bühnen bliebe schwarz.

Theater heißt:  eitle Menschen müssen sich zurücknehmen, und sich finden.
Das misslingt meist. Weil fast alles misslingt auf der Welt, was von
Menschen gemacht wurde.

Das meiste , das wissen wir , die wir nicht mehr Zwanzig sind, ist  
Enttäuschung. Was haben wir uns alle schon gequält, in öden
Aufführungen, gelangweilt bis zum Tode. Und
uns geschämt dabei, ein wenig, gedacht: Vermutlich verstehe ich zu
wenig vom Ganzen, vermutlich bin ich dumm, hässlich sowieso, und dann
sind wir trotzig geworden, und haben an die teuren Karten gedacht, 
und gedacht, man kann doch wenigstens erwarten…

Wohl dem, der nichts erwartet. das allgemein glücklich machende
Theater gibt es nicht. Zu persönlich ist, was einen zum Träumen
bringt, atemlos macht. Bei zu einhelliger Freude muss man  
misstrauisch werden.

Zur Illusion des Theaters gehört auch der Generationskonflikt, den
es alle 30 Jahre gibt, alt gegen jung, die Wachablösung. Die
Revolutionäre kommen, und machen alles anders. Alles neu. Was kann
man neu machen, an Worten, an den immergleichen großen Themen -
Tod, Leben, Verrat, Liebe, Leiden, was kann man neu machen auf
abgezirkeltem Fußboden, mit Schauspielern, die die immer gleichen
Techniken lernen, seit hundert Jahren. Und doch müssen wir uns das
einreden, die Revolution, sonst wären wir ja schon tot. Der
Pollesch, der ist ein Revolutionär, der Schlingensief.
Ich liebe beide, vermutlich so wie Schleef geliebt wurde , zu seiner
Zeit, oder Zadek, oder Müller, oder Handke. Ganz neu gibt es nicht. 
Aber es gehört zum Spiel. Die Empörung der älteren, das läßt einen
alten Sack wie mich sich jung fühlen. Wir können noch was erreichen,
bewirken,die Welt ändern, da glaubt doch keiner mehr im Ernst daran. 
Kunst ändert gar nichts. Sie gibt einer kleinen Elite ein paar schöne
Gedanken, im besten Fall. Keine Kunst der Welt macht doch wen
losgehen, vom Mauler zum Akteur geworden, auf einmal nicht mehr
Quatsch reden über Nahostkonflikte sondern hey, dann ziehn wir los , 
und reden mit der Hisbollah, bringen testotseronverseuchte junge
Männer auf einen anderen Kurs, MIT THEATERGRUPPEN in den Libanon. 
Macht doch keiner. Das ist doch kolossale Selbstüberschätzung. Das
größte was Kunst kann , was Theater vermag ist: Menschen in Ekstase zu
versetzen, aus ihrem öden kleinen Körper fliehen zu lassen für
Minuten, ehe das Zeug wieder an seinen Platz gelangt, alles in sich
zusammenfällt, man sich überlegt, wo man noch was trinken geht.

Danach, da geht man heim, und regt sich über seine Kinder auf, 
alle mit den gleichen Taschen, dass die sich für nichts interessieren.
Sie interessieren sich für sich, weil sie denken, sie sind die
Welt, und wir, die wir wissen , dass alles egal ist, müssen sagen: 
Recht haben sie, und ein bisschen neidisch können wir sein, auf das ,
was sich genügt und uns nicht mehr. Wir müssen ins Theater gehen, 
oder in Konzerte, müssen lesen und denken, um uns noch ab und zu so
schwerelos zu fühlen, so größenwahnsinnig und unvergänglich wie sie.

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