Rainer Bonhorst / 09.12.2020 / 16:00 / Foto: Tomaschoff / 5 / Seite ausdrucken

Lange nicht gezoomt

Hier ein Gespräch, das so nicht stattgefunden hat, dieser Tage aber hätte stattfinden können.

A: „Hallo, lange nicht gezoomt!“

B: „Stimmt. Eigentlich schade. Man sollte es mit dem social distancing nicht übertreiben. Wie geht es denn?“

A: „Danke, ganz gut. Wir haben hier ja nur einen lockdown light.“

B: „Beneidenswert. Das waren noch Zeiten mit dem Teil-Lockdown. Inzwischen haben wir bei uns den verschärften Lockdown.“

A: „Oh, Mann. Seid ihr denn ein Hotspot?“

B: „Ja, leider. Wir haben schon seit einiger Zeit eine Sieben-Tage-Inzidenz von über zweihundert.“

A: „Das ist kein Spaß. Unsere Inzidenz ist zwar über fünfzig, aber deutlich unter zweihundert.“

B: „Du Glücklicher. Aber wenigstens haben wir noch keine Übersterblichkeit.“

A: „Das ist die Hauptsache. Andererseits: Keine Übersterblichkeit – da könnte man glatt zum Corona-Leugner werden.“

B: „Du warst schon immer ein Querdenker.“

A: „Ja, als das noch was Gutes war. Heute verhalte ich mich krisenbedingt gesamtverantwortlich. Damit schütze ich andere und mich.“

B: „Schön gesagt. Wie sieht es denn bei dir mit der Sperrstunde aus? Du darfst doch weiter nach 21 Uhr das Haus verlassen.“

A: „Stimmt. Aber ich kann nur spazieren gehen. Alles ist ja zu.“

B: „Immer noch besser als eine echte Sperrstunde wie bei uns. Wir müssen um 21 Uhr brav zu Hause sein.“

A: „Du könntest aber trotz Ausgehverbots deinen Hund Gassi führen.“

B: „Wenn ich einen hätte.“

„Gestoppt und sofort die Hände desinfiziert“

A: „Wenigstens kann man noch Besuch von einem zweiten Haushalt empfangen.“

B: „Du vielleicht. Aber mein Besuch muss vor 21 Uhr wieder zu Hause sein. Da geht eigentlich nur Kaffee und Kuchen.“

A: „Gehst du den Kaffee und den Kuchen noch selber einkaufen oder lässt du dir die Sachen liefern?“

B: „Ich geh selber. Aber ich hätte neulich im Supermarkt fast das Abstandgebot nicht eingehalten.“

A: „Oh, das kann teuer werden, wenn du von den verschärften Kontrolleuren erwischt wirst.“

B: „Ich hab gerade noch rechtzeitig gestoppt und mir sofort die Hände desinfiziert.“

A: „Glück gehabt. Ich kann ganz gut Abstand halten, aber mich nervt die Maskenpflicht.“

B: „Das kann ich verstehen. Du trägst Brille.“

A: „Genau. Die beschlägt immer gleich.“

B: „Das Problem hab ich nicht. Aber ich hab schon mehrmals meine Maske vergessen.“

A: „Da musstest du aber draußen bleiben wie der Hund vor dem Supermarkt.“

B: „Zum Glück nicht. Wenn du den Schal vor das Gesicht ziehst, genügst du der Maskenpflicht.“

„Zum Glück haben wir kein Neusprech“

A: „Ob das auch für die Schulen gilt?“

B: „Gute Frage. Bei uns gibt es ja noch Anwesenheits-Unterricht. Da muss auf jeden Fall das Zwei-Meter-Abstandsgebot eingehalten werden.“

A: „Bei uns im Hotspot gibt es fast nur noch Distanz-Unterricht mit der Mebis-Lernplattform.“

B: „Wie kommen denn deine Kinder damit zurecht?“

A: „Es geht so. Die Älteste muss morgen einen digital überwachten Deutsch-Aufsatz schreiben ...“

B: „Da wünsch ich viel Glück. Was hat sie denn für ein Thema? Etwas aktuelles?“

A: „Nein, etwas ganz klassisches aus dem Roman 1984. Sie muss die Frage beantworten: Was ist Neusprech?“

B: „Neusprech? Zum Glück haben wir sowas nicht. Da lag George Orwell ganz schön daneben.“

A: „Das kann man wohl sagen. Also, auf wiederzoomen.“

B: „Ebenfalls. Und danke für den netten Digitalkontakt.“

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

netiquette:

Hannes Krautner / 09.12.2020

Das ist keine Satire, allenfalls Realsatire: Es gibt am Rande des Schwarzwaldes ein kleines Städtchen. Na ja Städtchen, es ist von der Optik und vom Umfeld her eher ein Dorf, typisches Provinznest. Das Städtchen heißt Oberkirch. Hier gibt es nur ganz wenige Einzelhandelsgeschäfte, aber man höre und staune: Das Provinznest hat sogar eine Fußgängerzone. Jetzt bitte nicht lachen! Die Fußgängerzone (ich habe sie soeben via Google Earth ausgemessen) ist 128 Meter lang! Vor einigen Tagen wurde offensichtlich der Oberbürgermeister dieses Örtchen auch von der Corona-Regelungswut gepackt (vielleicht ist er Fan von Söder?) und hat verkündet, dass in der gesamten Fußgängerzone absolute Maskenpflicht gilt. In dieser Fußgängerzone bewegen sich tagsüber derzeit zur gleichen Zeit etwa 3 bis 5 Personen und ab 17 Uhr abends zwischen 0 bis 2 Personen gleichzeitig. Abstandhalten wg. Schutz vor Infektionen ist natürlich für diese Menschenmassen auf dieser ca. 15 Meter breite Straße so gut wie unmöglich. Klasse: So rettet der mutige und übersichtige Oberkircher OB seine Bürger vor der Corona-Katastrophe. Eine echte Realsatire zur Coronazeit. Eigentlich müsste man lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Boris Kotchoubey / 09.12.2020

Was ist eingentlich der Unterschied zwischen “bleib gesund!” und “bleib heil!”? Inhaltlich bedeutet es, soweit ich Deutsch kenne, dasselbe, aber der letztere Ausdruck ist irgendwie schöner, straffer, optimistischer, siegreicher…

Volker Dreis / 09.12.2020

Doppelplus gut - und zum Glück ganz weit weg von der Realität !?

Dietmar Richard Wagner / 09.12.2020

Sehr schön! Am Schluss ist jedoch noch nicht Schluss, denn für ein korrektes Gespräch fehlt “A: Bleib gesund! B: Bleib gesund!”

Thomas Kache / 09.12.2020

Da bleibt einem glatt der vegane Tofu- Bratling auf Bauchspeck an Käse- Sahnesoße im Halse stecken. Ich musste mit mehr als einem Liter extrastarkem Jahresenddoppelbock nachspülen. Jetzt muss ich mir zum Dessert noch eine Ladung Schaumküsse (vulgo: Mohrenköpfe) reinschaufeln. Und dann werde ich den kleidsamen Mund- Nasenschutz anlegen, und einen Verdauungsspaziergang mit Kniebeugen und Händeklatschen machen. Pünktlich zur Tagesschau werde ich dann vor der Glotze sitzen, und meine Demokratieabgabe abarbeiten. Wer kennt es nicht, das Märchen von den Brüdern Grimm: „Von einem, der Auszog das Fürchten zu lernen“. Deutschland im Winter 2020/2021.

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