Alexander Wendt / 21.05.2014 / 01:26 / 10 / Seite ausdrucken

Juli Zehs intelligenter Kühlschrank

Lange, Juli Zeh, haben wir nichts mehr von Ihnen gehört. Keine unbequeme Mahnung an die Mächtigen in Berlin, keine Meinung für Zwischendurch zur Inklusion oder zum Dritten Weltkrieg, keine kleine Alarmschlägerei über die Weltläufte. Aber halt, selbst auf dem Schreibtisch der fleißigsten Aufzeigerin von Zusammenhängen steht noch ein Körbchen mit dem Zettel: Immer noch nicht erledigt. „Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, letztes Jahr habe ich Ihnen schon einmal geschrieben,“ beginnt ein längerer Aufsatz, den Sie, Juli Zeh, praktischerweise nicht nur Dr. Angela Merkel zukommen ließen, sondern cc auch der „Zeit“, die damit die erste Seite ihres Feuilletons ausschäumte. „Seitdem sind Monate vergangen, und ich habe von Ihnen keine ernstzunehmende Antwort bekommen.“

Dabei geht es bei Ihnen,  anders als in anderen Zuschriften an die Kanzlerin, um große Dinge, um Technologien, „die unsere Lebensrealität bis in den tiefsten Kern des humanistischen Menschenbilds verändern.“ Denn Ihnen, Juli Zehn, liegen erste Hinweise auf eine ungeheure Erkenntnis vor: „Was NSA und Internetkonzerne wie Google und Facebook betreiben, ist kein Datensammeln aus Spaß an der Freud.“

Sie besitzen nicht nur Einblick in diesen tiefsten Kern, sondern auch ein stochastisches Expertenwissen zum Welterschüttern und Steinerweichen: „Wer genügend Informationen über die Lebensführung des einzelnen miteinander verbindet, kann mit erstaunlicher Trefferquote voraussehen, was die betreffende Person als nächstes tun wird –  ein Haus bauen, ein Kind zeugen, den Job wechseln, eine Reise machen… Ihr Kühlschrank wird aufzeichnen, was Sie essen und Ihr Auto, wohin Sie fahren… Das ist keine Science-Fiction, Frau Merkel. Das ist Wirklichkeit.“ Wirklich, so etwas wie GPS und Navigator erlebt gerade die Markteinführung? Wer, Juli Zeh, verrät Ihnen so etwas? Ihr intelligenter Kühlschrank? Ist das möglicherweise der Prototyp,  der seit geschätzten sieben Jahren auf jeder Haushaltswarenmesse als Küchengerät von morgen angepriesen wird und den auch der verstrahlteste Early Adopter nicht will, weil er sich immer noch selbst merken kann, dass er frischen Joghurt kaufen muss, wenn der alte alle ist?  Sie schreiben Angela Merkel darüber hinaus noch dies und das über datensendende Fitnessarmbänder, das „totale Tracking“, und stellen damenbarthaarscharf die Frage: „Wollen wir, dass uns das Auto vorschlägt, welches Restaurant wir besuchen, und dass das Restaurant für diesen Vorschlag bezahlen kann?“ Das, Juli Zeh – jemand bezahlt für einen kommerziell nützlichen Vorschlag –  nennt man Werbung. Zu Zeiten Ihrer Großmutter sagte man Reklame.  Wollen Sie dazu nicht gelegentlich einen Brandbrief ans Feuilleton respektive den US-Präsidenten schreiben?

Aber einmal zu etwas ganz anderem: Wie kommt es eigentlich, dass es in Ihren und anderen einschlägigen Warnschreien gegen die Überwachungswelt immer nur um die NSA und Google geht, um spionierende Kühlschränke und Vorratsdatenspeicherung, aber nie um die Begehrlichkeiten des Finanzamtes? Interessanterweise diskutiert in Deutschland kaum jemand über die Datenspeicherung bei Banken – dort beträgt die gesetzliche Aufbewahrungspflicht übrigens 10 Jahre, und Finanzämter genießen das Recht, sich auch ohne konkreten Verdacht zu bedienen. Und ganz kurz erwähnen Sie in Ihren Grüßen an Dr. Merkel auch das Smart Grid, geben aber nicht weiter darauf ein. Das Smart Grid basiert in den Energiewendeplänen der Regierung auf dem sogenannten Smart Meter, ein Gerät, das künftig jedes einzelne Elektrogerät in der Wohnung eines Bürgers nicht nur überwachen, sondern auch ansteuern können soll. Ansteuern bedeutet: Befindet sich zu bestimmten Zeiten zu wenig Strom im Netz, soll in Zukunft die Leistung der Waschmaschine eben aus einer Rechenzentrale heraus reduziert werden.

Könnte, Juli Zeh, die auffällige Lücke in Ihrem Gedankengebäude daher rühren, dass Sie das Datenfischen in einen nicht weiter erwähnenswerten guten Teil unterscheiden –  die Überwachung der Konten, weil es um Steuern geht, und der Wohnungen, weil Energie gespart werden muss – und den Amerika- und Kommerzteil? Zwischen beiden Überwachungswelten existiert ein entscheidender Unterschied: Niemand muss sich ein Datenarmband kaufen,  niemand muss einen Navigator benutzen. Aber der Offenlegung seines finanziellen Lebenslaufs entkommt höchstens ein Totalaussteiger, und genau so wird es sich mit dem Smart Meter in Zukunft verhalten.

Was die Voraussehbarkeit künftiger Handlungen angeht – da haben Sie natürlich Recht. Nach meiner Datensammlung werden Sie in Kürze wieder ein bisschen von Ihrem Zettelkasten in ein Blatt Ihrer Wahl kippen, demnächst ein Thriller zur Überwachung abliefern und dafür ein paar Festmeter neuer Literaturpreise abräumen.

Auch zu diesem Missstand schweigt die Kanzlerin.

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Leserpost

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Max Wedell / 22.05.2014

“Frau Merkel, ich wiederhole meine Frage. Antworten Sie nicht mir, antworten Sie Ihrem Volk: Wie sieht Ihre Strategie aus?” Frau Zeh hat eine Frage, aber sie scheint zu glauben, daß es auch die Frage des Volks ist. Wie kommt sie eigentlich auf diese Idee? Ist das nicht - milde gesagt - etwas überheblich, das ohne weiteres so zu meinen? Der Grundton des Briefs ist der einer Überheblichkeit, einer Besserwisserei, gekoppelt mit einer völlig einseitigen Darstellung, die die Dramatisierung anstrebt, und bei nahezu jedem Satz ist die Realität so verzerrt oder unvollständig oder gefärbt dargestellt, daß sich mir die Frage stellt: Weiß Frau Zeh eigentlich, was sie daherredet, oder haben ihr bloß andere etwas vorgeplappert, was sie einfach nur nachplappert, weil es ihr “irgendwie” einleuchtete? Auch die “Rezepte” sind nicht durchdacht. Zeh macht z.B. im Brief großes Aufhebens um die europäische Datenschutz-Grundverordnung, und erwähnt das dort vorgesehene Recht des Bürgers auf Löschung personenbezogener Daten. Das mag ja alles schön und gut sein für den Fall öffentlich zugänglicher Daten. Die von Zeh angeklagten Firmen wie Google sammeln aber ja Daten (der Nutzung ihrer Dienste durch den Bürger) firmenintern. Diese Datensammelei ist von außerhalb der Firmen nicht zu erkennen. Wenn man sie ernsthaft unterbinden will, müsste man ein staatliches Überwachungssystem aufbauen, daß jederzeit Zugang staatlicher Stellen zu all jenen Rechnersystemen privater Unternehmen erlaubt, die von Bürgern über Internet nutzbare Dienst anbieten. Besteht diese Kontrollmöglichkeit nicht, hat man ein Gesetz, dessen Einhaltung unmöglich zu kontrollieren ist. Das wäre ziemlich genau dasselbe, wie dieses Gesetz nicht zu haben. Aber Zeh wird wohl den Aufbau dieses staatlichen Überwachungssystems nicht problematisch sehen… richtet es sich ja “nur” gegen private Unternehmen! Er fällt also wohl nicht in die Kategorie: “Sämtliche Regierungsprojekte, welche die Lage weiter verschlimmern, gehören vom Tisch”. Richtig lustig wird es dann, wenn Zeh behauptet, daß dieses europäische Gesetz dazu führen könnte, daß europäische Stellen die Rechner in außereuropäischen Territorien auf Einhaltung der europäischen Gesetze überwachen können werden: “Und sagen Sie jetzt nicht, so etwas sei nicht durchsetzbar. Sie wissen, dass das nicht stimmt.” Ach ja, das ist schnell mal so dahergesagt. Ob andere Länder die Strafverfolgungsbehörden fremder Länder auf ihrem Territorium operieren lassen, um die Gesetze fremder Länder durchzusetzen… ja sicher, ohne Weiteres “durchsetzbar”? :D Ich kann leider nicht alles von Zeh Formulierte und Behauptete in der gebotenen Weise kommentieren, wie ich das bei diesem einen Punkt gemacht habe, dazu fehlt hier der Platz.

Giuseppe Rigoli / 22.05.2014

Dachte mir fast, ich hätte das schon mal gelesen: eigentümlich frei online - “Juli Zeh: Ich liebe Dich!” von von Akif Pirinçci

Thomas Schlosser / 21.05.2014

Herr Wendt, ich finde es wirklich zuviel der Ehre, dass ein kluger Kopf wie Sie diesem linksdrehenden Phrasendreschmaschinchen derart viele Zeilen widmet. Die alten Preußen hätten gesagt: “So etwas ignoriert man noch nicht einmal…”.

Till Schneider / 21.05.2014

Ich hatte mal eine der “Petitionen” von Juli Zeh bzw. “change.org” unterzeichnet, und ich hatte verhängnisvollerweise das Feld angeklickt, dass ich über “weitere Petitionen” informiert werden will. Was danach in hektischem Rhythmus eintrudelte, war ein so unglaubliches Durcheinander von “Forderungen”, dass ich mich an Juli Zehs Roman “Adler und Engel” erinnert fühlte. Den hatte ich aufgrund von Presse-Lobeshymnen leider gelesen, und es war das chaotischste, quälendste, überflüssigste Buch, das mir je untergekommen ist. Inzwischen habe ich gesehen, dass Juli Zeh ihre realitätsabgehobenen Literaturwelten mit der (politischen) Wirklichkeit zu verbinden beabsichtigt, als wäre das ein und dasselbe. Vielleicht eine Folge ihrer vielen Literaturpreise, die heute bevorzugt für sog. “unbequeme” Werke vergeben werden. Da kann’s dann schon mal zu Verwechslungen kommen zwischen literarischer und realpolitischer “Unbequemlichkeit”, und die Folge ist groteske Überschätzung der eigenen Bedeutung, Zurschaustellung von “Engagement”, kurz: wild wuchernder Narzissmus. Für mich jedenfalls liegt Juli Zehs “Unbequemlichkeit” vor allem darin, dass sie so ungeniert mit Unfug nervt. Aber vielleicht hat sie es ja eingesehen – man hat schon lange nichts mehr von ihr gehört, wie Alexander Wendt zutreffend schreibt. Warten wir ab, was als nächstes von ihr kommt.

Martin Lahnstein / 21.05.2014

In ein paar Jahren werden dieselben (älter und bequemer geworden) ganz anders klagen. “Warum fährt mich mein Auto immer noch zu einem Sushi-Restaurant?! Seit Wochen schon könnte dem Netz bekannt sein,  dass ich keine Sushis mehr mag!”

Gabriele Schulze / 21.05.2014

Lieber Herr Wendt, danke für die Erheiterung! Beste Grüße Gabriele Schulze

Ronald M. Hahn / 21.05.2014

Gut gemacht, Alexander Wendt. Und schönen Schmunzelgruß von einem Science Fiction-Autor. ;-)

Willi Swora / 21.05.2014

Meinen Sie “Thriller” ?

Chris Deister / 21.05.2014

Ist sie nicht seit neuestem feste Kolumnistin der FAZ? Wenn’s zur Drehbuchautorin (Voraussetzung: klimakterisch-bescheuert) für den deutschen Film (Tatort oder eine der sonstigen Fremdschäm-Produktionen) nicht reicht dann wird man halt Kolumnistin. Als Frau ist alles möglich :-(

Franz Roth / 21.05.2014

Na ja, Herr Wendt, da lassen Sie ja einiges untern Tisch fallen, was, und kaprizieren sich aufs Finanzamt. Hätten mal besser den Artikel in der Zeit hier verlinkt, dass jeder ihn komplett lesen kann. Aber dann funktionierte ja Ihre Argumentation nicht mehr so richtig.

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