Gastautor / 08.02.2016 / 10:00 / 2 / Seite ausdrucken

Flüchtlinge werden vom Kapitalismus nicht vertrieben sondern angelockt

Von Oliver Weber

Treibt der ungezügelte Kapitalismus die Entrechteten der Welt nach Europa? Ganz im Gegenteil - er ist oftmals ihre einzige Chance.

Fluchtursachen bekämpfen! Darin sind sich alle einig. Egal ob Linkspartei, SPD, Union oder AfD. Kein Wunder, bei über eine Millionen Flüchtlingen allein im letzten Jahr. Doch was ist das eigentlich, Fluchtursachen? Die Meinungen darüber gehen weit außeinander - zu weit.

Fragt man beispielsweise Katja Kipping von der Linkspartei, so ist die Sache klar. Der ungezügelte Kapitalismus sei die Wurzel allen Übels, heißt es in einem eingängigen Text auf ihrer Facebookseite. Der Post ist plakativ. Er bietet für für all Jene handgreifliche Argumente, die bei jeder aufgehitzten Flüchtlingsdiskussion am Arbeitsplatz und anderswo „pro Flüchtlinge" sein wollen und es trotzdem irgendwie befremdlich finden, mit der Bundeskanzlerin auf einer Linie zu liegen.

Für sie hat Kipping einschlägige Schlagworte parat. „Neoliberalismus" etwa oder „Globalisierung" stehen als Schuldige bereit. Diese beiden Börsewichte, die auf hinterliste Art und Weise gemeinsame Sache machen, seien an „einem Punkt angekommen, an dem alte Rechnungen fällig werden. Einerseits die Rechnung zwischen Erster und Dritter Welt und andererseits die zwischen Arm und Reich hier." Eine Millionen Migranten auf der Flucht vor dem Kapitalismus - in das Zentrum des westlichen Kapitalismus hinein?

Was auf der linken Seite des politischen Spektrums gebetsmühlenartig wiederholt wird, in der festen Absicht alte Feindbilder zu pflegen, erscheint mit Blick auf die aktuellen Flüchtlingszahlen wenig plausibel. 53 Prozent der Antragsteller stammen aus Syrien, 13 Prozent aus dem Irak und beinahe 10 Prozent haben eine Flucht aus Afghanistan hinter sich.

In allen drei Ländern vertreibt nicht der „ungezügelte Kapitalismus" Zehntausende aus ihren Häusern und Heimatstätten, sondern sehr reale Fassbomben und kopfabschneidene Terrorbanden. Es sind Verbrecher wie Bashar al-Assad und Abu Bakr al-Baghdadi, die der westlichen Hemisphäre „eine Rechnung ausstellen" - nicht Coca-Cola, Google und Apple. Dass Letztere, also „die Reichen und die Profiteure des Neoliberalismus" nun dafür zahlen sollen, ist pathetische Rhetorik mit der man sicherlich viel Applaus beim linksliberalen Mittelschichtenpublikum erntet, mehr aber auch nicht.

In Wahrheit gilt das Gegenteil. Der westliche Kapitalismus, eingebettet in funktionsfähigen liberalen Demokratien, mit Rechtstaat und allen drum und dran, klingt in den Ohren der millionen Vertriebenen wie das weit entfernte Paradies. Genau jenes System, das der politischen Linken seit jeher missfällt. Dabei ist es mehr als ein Treppenwitz der Geschichte, dass gerade der Versuch dem Kapitalismus Zügel anzulegen, indem man Anfang 2015 den gesetzlichen Mindestlohn einführte, nun hunderttausende wenig qualifizierte Migranten vom Arbeitsmarkt fernhält. Und andersals es Kipping und der Linkspartei vorschwebt, ist es keine besonders kluge Fluchtursachenbekämpfung, nun die Abschaffung dieses Systems zu fordern.

Oliver Weber ist Abiturient und schreibt als Blogger und freier Journalist über Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

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Leserpost

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Alexander Garnreiter / 08.02.2016

Die Linke(n) will/wollen eigentlich die Flüchtlingswelle bekämpfen. Sie haben den Kapitalismus als Ursache dafür ausgemacht, da dieser Millionen anzieht und somit tatsächlich die Fluchtursache darstellt. Durch Abschaffung des Kapitalismus bei uns gäbe es dann auch keinen Grund mehr zu uns zu flüchten, da es eben nichts mehr zu holen gäbe. Wenn wir Deutschen ebenfalls sozialistisch verarmt sind, bleiben die Armen bei sich zu Hause. Danke ihr Linken! Problem gelöst!

Hjalmar Kreutzer / 08.02.2016

“Diese beiden Börsewichte”, wunderschön, dieser “Rechtschreibfehler”! Interessant ist ja auch, dass nach der “Befreiung vom Joch der Kolonialmacht Frankreich” besonders viele Algerier und andere Nordafrikaner ausgerechnet in dieses kalte, verregnete mitteleuropäische Land und sein Sozialsystem einwandern mussten. Da können wir Europäer machen, was wir wollen, an den Zuständen in Afrika wird auch Generationen nach 1960 immer noch das koloniale Erbe und nicht die dort herrschende politische Klasse sein.

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