Hans-Martin Esser (Archiv) / 30.03.2016 / 06:29 / Foto: Carlos Noble / 7 / Seite ausdrucken

Filmförderung: Aber bitte mit “Haltung”.

Bei allen Filmförderfonds, die es in Deutschland gibt, beschäftigt mich die Frage, warum die Qualität deutscher Filme eher mäßig ist. Und gerade in diesen Filmförderfonds ist der Grund zu suchen, warum der deutsche Film so ist, wie er ist. Es findet eine Vorstandardisierung statt, ohne auf künstlerische Freiheit oder Publikumsinteresse Rücksicht nehmen zu müssen. Im Grunde ist es wie bei einer Casting-Show, die auch nie wirkliche Stars hervorbringt. Jede Magie ist im Vorfeld herausgefiltert, jedes Geheimnis erklärt. Am Ende ist ein doch recht politisch wünschenswerter Standard, wäre man unhöflich, würde man es Einheitsbrei nennen.

Serien wie „Altes Geld“ aus Österreich sind hauptsächlich durch DVD-Verkauf finanziert. Förderfonds spielten hier eine untergeordnete Rolle. Zu sehr wollte man ins Drehbuch hineinreden, was sich die Autoren zu Recht verbeten haben. Inhaltlich ist „Altes Geld“ eine Groteske, eine Art Denver Clan vor schickem Hintergrund mit Burgtheaterschauspielern und Udo Kier. Handschuhe aus Menschenhaut, eine ins Albern-Tragische gehende Inzestbeziehung zwischen Bruder und Schwester, alles nicht ganz ernst gemeint. Das war den Standardwahrern von den Filmförderfonds wohl zu viel.

Um sich Einmischungen in die künstlerische Freiheit zu verbitten und Übergriffigkeiten zu vermeiden, hat man im Fall von „Altes Geld“ andere Wege gesucht, als eine hauptsächliche Finanzierung durch Filmfördergesellschaften. Ziel war es nicht, möglichst schnell in ORF und ARD ausgestrahlt zu werden, sondern eine ganz eigene Melange aus Tragikomik, Ästhetik und Absurditätenstadl zu liefern.Klar, dass dies die Standards der konventionellen, soll heißen staatlich finanzierten und daher staatstragend daherkommenden, Finanzierung sprengt.

Ein Zustandekommen der Miniserie funktionierte also durch den Rückkopplungsmechanismus von Angebot und Nachfrage, was zeigt, dass Unkonventionelles gerade besser durch Marktmechanismen als durch Überstandardisierung durch mächtige Gate-Keeper funktioniert. Das Gate-Keeping durch Filmförderfonds hat dazu geführt, dass die deutsche Filmlandschaft eine einzige Monokultur geworden ist. Filme mit Haltung und/oder mit Til Schweiger sind das magere Resultat der vergangenen 15 Jahre.

Mit Haltung ist die Aufforderung gemeint, sich in einer bestimmten Weise politisch zu positionieren und das auch mit Penetranz zu propagieren, andere Meinungen als unerwünscht mit kritisch bis angeekeltem Gesichtsausdruck für nicht diskutabel zu kommentieren, das ist Haltung. Genau das hat zu einer Flut von Schauspielern geführt, die sich von jedem Boulevardmedium – wie zufällig – bei Besuchen in verarmten Ländern filmen lassen, meist 2 Wochen vor der Premiere eines neuen Filmes. Haltung könnte man – wäre man böse – sagen, ist Mitläufertum 2.0, eine bestimmte Art von Opportunismus, um an Rollen oder Filmfördergelder zu kommen, wenn es die Qualität von Drehbuch oder Darstellung nicht hergeben.

Für einen Autor, Regisseur oder Drehbuchautor ist es daher fast wichtiger, Pate oder Schirmherr einer Goodwill-Vereinigung zu sein als den Othello am Wiener Burgtheater gegeben oder in einer wirklich guten Filmrolle brilliert zu haben. Neben „Altes Geld“ und dem Film „Das Leben der Anderen“ fällt mir fast nichts ein, was wirklich höchsten Ansprüchen gerecht wurde. Serien wir Breaking Bad oder Sherlock, House of Cards oder Filme wie „There will be blood“ sind undenkbar in der deutschen Filmförderlandschaft.

Nicht, dass die Stars nicht nach Deutschland kämen. Dank dem ehemaligen Berliner Ober-Bürgermeister Wowereit sind die Studios in Babelsberg wieder gut gebucht. Aber es kommen ja hauptsächlich jene Hollywood-Stars, die es eher auf den Friedensnobelpreis als auf den Oscar abgesehen haben: Matt Damon, George Clooney, Angelina Jolie machen eher durch Haltung – was immer das auch sei – als durch Ambitionen von sich reden, wirklich einzigartig gute Filme zu drehen.

Daher sind die Babelsberger ein bisschen stehen geblieben und spezialisiert auf „irgendwas mit Nazis oder Kaltem Krieg“. Deutsche Schauspieler kommen dann als Staffage besonders in Uniform daher. Die Zeiten von Murnau und Fritz Lang sind ja längst passé – es muss dringen politisch sein. Eine österreichische Freundin von mir, die jetzt in England lebt, fragte mich einmal: „Muss es bei Euch immer so politisch sein in Deutschland?“. Recht hat sie, aber man könnte ergänzen, nicht nur politisch, sondern auch noch mit Haltung.

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Leserpost

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Werner Weil / 31.03.2016

@Matthias Huth In “Oh boy”, einem deutschen Film mit englischem Titel, erzählt am Ende ein 70jähriger Schauspieler von seiner Jugend in den 1930er Jahren. Abgesehen von den Mathe-Defiziten, geht es in dem langweiligen schwarz-weiß Film also doch wieder um Hitler und so. Das ist so öde.

Matthias Huth / 31.03.2016

Es stellt für mich immer wieder ein Problem dar, wie Fakten ignoriert werden, und von einem offensichtlich kinofernen Standpunkt geurteilt wird. Sicher gibt es FIlme, die den politischen Standpunkt dieser Regierung übernehmen, aber das gute Gros der Produktionen weist m. E. diesen Makel nicht auf. Wenn ich schon die Titulierung “Machwerke” höre. Was für eine Qualität wollen sie denn haben? In “Oh boy” gibt es fast am Schluss einen Dialog mit Michael Gwisdeck, der durchaus in der Liga der preisgekrönten Serie “True detective” spielt. “Phoenix greift auf sehr ungewöhnliche Weise Schweigen und Duckmäusertum auf, und verharrt dabei eben nicht ohne Gegenwartsbezug. “Vier Könige” zeigt mit einfachsten Mitteln und großartigen Schauspielern Missstände im Gesundheitswesen und gesellschaftlichen Miteinander auf, und “Vier Minuten”, um noch ein Beispiel zu nennen, geht mit deutscher Vergangenheit ebenso souverän um, wie die wunderbare Satire “Finsterworld”. Nein, ich bin kein Filmschaffender, nur Konsument, aber ich musste nicht einmal nachschlagen, um diese Beispiele hevorzuholen. Menschen, die einfach nur zu träge sind, sich kundig zu machen, oder ins Kino zu gehen, sollten tunlichst nicht alles Mißlungene als Maßstab nehmen. Damit unterscheiden Sie sich nämlich nicht von den oberflächlichen AfD- oder Pegida-Kritikern. Dies ins Stammbuch der “Mitmailer” zu dem Artikel Ich lese die “Achse” gerne, weil sie eben nicht pauschalisiert, sondern hinterfragt. Aber das gelingt eben nicht in jedem Fall, leider ...

Wolfgang Schlage / 30.03.2016

Autor Esser ist es gelungen, über etwas klar, aber zurückhaltend zu schreiben, über das ich selbst mich nur mit viel mehr Bitterkeit und Aggressivität äußern könnte. Vielen Dank!

Magdalena Schubert / 30.03.2016

Ja, das ist mir in den letzten Wochen ziemlich unangenehm aufgefallen, dass in fast allen aktuell gedrehten Filmen (Tatort, Spielfilme etc) die Standardbotschaft unserer Regierung und Medien verpackt ist: “Hütet euch vor den bösen Rechten und nehmt die Schutzsuchenden mit offenen Armen auf.” Es wird selbst um Verständnis für die Terroristen geworben. Der schlimmste Terrorist ist offensichtlich ein besserer Mensch als der andersdenkende Deutsche. Einige Male hab ich den Fernseher abgeschaltet, weil ich diese augenfällige Penetranz nicht mehr ertragen konnte. Es macht einfach keine Freude mehr eine Zeitung zu lesen oder fernzusehen.

Matthias Huth / 30.03.2016

“Phoenix”, “Oh boy”, “Vier Könige”: Das sind nur drei Filme, die Herr Esser ignoriert. Wer so wenig in der deutschen Kinolandschaft unterwegs ist, sollte sich kein Urteil anmaßen ...

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