Deutschland, deine Namen: Rettet den Christian

Jedes Jahr wird die Liste der häufigsten Vornamen für Neugeborene veröffentlicht. Der Trend geht zum Kurznamen wie seit Jahren, teilweise nur einsilbig. „Fu ruft tut“ schrieben Erstklässler in ihrer ersten Schreiblektion als Satz. Möglicherweise wird Fu bald ein gängiger Name sein, schließlich ist er kürzer als Mia und Ben, wobei dann wirklich nicht mehr klar ist, ob es ein Männlein oder Weiblein bezeichnet.

Man mag es ja für antiquiert halten, aber neben ästhetischen Erwägungen haben Namen traditionell eine Bedeutung gehabt.  Entweder will man die Großeltern oder die Paten ehren, weshalb der Zweitname oft nicht zum ersten passte. Die Häufung von Ewalds oder Gertruds in der Generation der Ur-Großeltern war auch nicht so dolle. Dennoch war ein Vorname wohl nie so bedeutungslos wie heute.

Eine andere Motivation war ja Ausdruck der Verehrung für bestimmte Heilige bei Katholiken. Hieß ein Kind Maria, Anna, Andreas, Christian, Michael, Stefan oder Hildegard, konnte man jedenfalls einen möglichen Rückschluss auf die religiöse Ausrichtung der Eltern ziehen. Bei einem Blick auf die Liste der Top 100 Vornamen kann am ehesten bei den muslimischen Vornamen eine religiöse Motivation unterstellt werden. In einem Land, eher atheistisch als christlich-jüdisch grundiert, was natürlich vollkommen in Ordnung ist, tauchen Namen wie Christiane und Christoph, die vor 50 Jahren noch ein religiöses Statement waren, es aber heute kaum noch sind, auf den Plätzen um 70-80 herum auf. Verirrt sich ein Joshua, Elias, Paul oder Manuel in die vorderen Ränge, liegt das eher am Wohlklang.

Phonetisch könnte man „L“ als Liquide bezeichnen. Harte Konsonanten, im Englischen stops genannt, spielen in den Top 10 der Namen kaum eine Rolle. Markant ist nicht gefragt. Sollte sich jemand dennoch dazu verirren, sein Kind aus religiösen Gründen Christian oder Johannes zu nennen, wird er sich höchstwahrscheinlich nicht outen – vor allem nicht in scheinbar so toleranten Großstädten - und es einfach auf den Wohlklang des Namens schieben, bevor man ihn für einen Freak halten wird.

Was normal ist, ändert sich mit der Zeit, variiert von Land und Land sowie zwischen Land und Stadt. Religiöse Namen zu wählen erscheint vielen, sofern sie Christen sind, verfänglich, um nicht zu sagen peinlich und es gehört beinahe derselbe Bekennermut und wirkliche Haltung dazu, wie genüsslich Schweinefleisch zu essen oder gar ein Zigeunerschnitzel zu bestellen.

Nun könnte man es für weit hergeholt halten, Namen bewusst zu wählen. Es gibt aber eine ganze Reihe von Eltern, die gezielt Namen ansteuern, die keinerlei Kontur aufweisen, so dass das Kind nicht anecken möge. Sag mir, welchen Namen Du wählst und ich sage Dir, wer Du bist.

Foto: Jan Tomaschoff

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Leserpost (3)
Karla Kuhn / 07.04.2016

Da muß ich Herrn Esser widersprechen. Meine eigenen Enkel heißen. Paul, Alexander, Kilian, Korbinian. Die Kinder, bzw. Enkelkinder von Freunden, Bekannten und Nachbarn haben die Namen: Christiane, Maria Anna, Maria Sophia, Lukas, Johannes, Karl, Friedrich, Gustav, Wilhelm, Julia, Michael, Rebecca etc.pp. Noch nie mußte sich jemand verteidigen, weil diese Namen peinlich sind.  Es wurden auch niemals Erklärungen verlangt. Man muß auch keinen Bezug zur Kirche haben, um solche Namen schön zu finden. Und gleich gar keinen Bekennermut. Es gibt von den verschiedenen Autoren sehr gute, realistische, zum Teil herrlich satirische Artikel auf der Achse.  Dieser gehört leider nicht dazu.

Hubert Cumberdale / 05.04.2016

Ich weiß nicht, worauf der Autor hinaus will, aber seine Argumentation beißt sich hier gewaltig in den eigenen Schwanz. Anna, Marie und Hannah bei den Mädchen, Elias, Noah, Paul, Lukas bei den Jungs - christlicher geht es wohl kaum. Aber da ihm das offenbar entgeht, muss er es in sein Koordinatensystem pressen, nach dem die jungen, dekadenten Großstädter natürlich völlig entwurzelt leben, oberflächlich denken (“Wohlklang”) und keinen Bezug zur “christlich-jüdischen” Grundierung mehr haben. (Ich habe noch in der Schule gelernt, dass Christen gegenüber den Juden in Europa jahrhundertelang nicht gerade freundlich gesinnt waren, aber seit ein paar Monaten ist seltsamerweiser diese Bindestrich entstanden). Wie wäre wohl die Empörung des Autors 1990 ausgefallen? Damals tummelten sich noch so “undeutsche” Namen wie Patrick, Jennifer, Jessica und Dennis in den Top 10. Die DDR wurde scheinbar in den Achtzigern noch nicht erfasst, sonst wäre der Schock noch größer: Steve, René, Maik, Roy, Danilo, Jacqueline, Sandy, Mandy, Janine. Die Pauls, Johannes, etc. kamen hingegen erst in den Jahren danach in großer Zahl. So schlimm kann es also nicht sein. Mohammed taucht übrigens nicht in den Top 50 auf und liegt damit sogar noch hinter “Liam”: Sagt uns das nun aus, dass es in Deutschland mehr Oasis-Fans als Moslems gibt? Auch frage ich mich, in welchem Land der Autor lebt. Bekennermut fürs Schweinefleisch essen? Die Metzgereien sind voll und erfreuen sich weiterhin großer Kundschaft, gegrillt wird draußen auch noch. Es täte auch der “Achse” mal gut, Alltagshandlungen weniger zu politisieren.

Martin Krieger / 05.04.2016

Man möge dem Autor zurufen: Heul doch! Ganz erhrlich, Eltern, die sich selbst über den Namen des Kindes verwirklichen (s. “anecken”) tun dem Kind auch nicht immer wirklich was Gutes. Wobei ich noch niemanden getroffen habe, der einen “Christian” verteidigen oder erklären musste. In welchen Sphären auch immer der Autor sich bewegt, das normale Leben scheint es nicht zu sein. Meine Kinder heißen Jan (friesische Kurzform von Johannes) und Leo (so hießen schon Päbste), was sagt das denn jetzt über mich? Viel Spaß beim Raten! Martin Krieger

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