Vince Ebert (Archiv) / 20.07.2014 / 14:14 / 3 / Seite ausdrucken

Ein Hoch auf uns!

Der Manipulationsskandal beim ZDF weitet sich aus. Offenbar hat die Redaktion nicht nur bei der TV-Show „Unsere Besten“ geschummelt. Wie in den letzten Tagen bekannt wurde, ist die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien bereits im Viertelfinale ausgeschieden! Das ZDF veränderte das Ranking und gaukelt der Nation seit Tagen vor, wir wären Weltmeister. Pfui!

Aber Spaß beiseite. Die gewonnene Weltmeisterschaft (wirklich!!) berührt das ganze Land. Nicht nur die deutschen Fans jubeln, sondern auch die deutsche Wirtschaft. Die US-Bank Goldman Sachs untersuchte, ob und wie sich ein WM-Titel auf den Aktien-Kurs der jeweiligen Nation auswirkt. Nach Auswertung aller Fußball-Weltmeisterschaften seit 1974 zeigte sich ein erstaunliches Muster: Im ersten Monat nach dem Titelgewinn entwickelten sich die Indizes der Siegernationen um 3,5 Prozentpunkte besser als der weltweite Durchschnitt. Selbst 12 Monate danach war die Siegernation noch im finanziellen Höhenrausch. Erst im zweiten Jahr flacht der WM-Effekt ab. Aber: Dann ist ja schon wieder Europameisterschaft! Und wenn die Jungs auch noch den Titel holen, durchbricht der DAX wahrscheinlich die 20.000 Punkte-Marke. Damit könnten wird dann sogar ganz nebenbei den zukünftigen Vize-Europameister Holland mitfinanzieren.

Auch die Politik könnte sich bei unserer Nationalmannschaft einiges abschauen. Das Team ist ein Paradebeispiel dafür, wie man durch Unbeirrbarkeit, dem unbedingten Willen zur Weiterentwicklung und einem konsequenten, langfristig angelegten Leistungsprinzip Erfolg und Sympathie zugleich erzielen kann.

Im Gegenzug stelle man sich nur mal vor, Andrea Nahles, Sahra Wagenknecht oder Toni Hofreiter hätten anstelle von Joachim Löw, Hansi Flick und Oliver Bierhoff die Mannschaft gemanagt. Zunächst wären sämtliche Deutschlandfarben von den Trikots verbannt worden (viel zu nationalistisch!). Im zweiten Schritt hätte man alle Spieler, deren Gehalt über dem zwanzigfachen des deutschen Durchschnittseinkommens liegt, aus dem Kader geworfen (solche Einkommensunterschiede sind in höchstem Maße sozial ungerecht und eine Ohrfeige für jeden ehrbaren Dachdecker). Ausgenommen von dieser Regelung wären natürlich Jerome Boateng, Mesut Özil und Sami Khedira. Denn die sind ein tolles Beispiel für gelungene Integration und haben schon alleine deswegen einen Stammplatz sicher. Egal wie gut oder schlecht sie in der Zukunft spielen. Auf Miroslav Klose jedoch hätte man bei dieser WM schweren Herzens verzichten müssen. Obwohl erfreulicherweise ebenfalls mit Migrationshintergrund gilt leider, leider ein gesetzlich geregeltes Renteneintrittsalter für Fußballprofis von 34 Jahren. In dem Punkt bleibt Frau Nahles einfach hart. Dafür wird vor jedem Spiel die Mannschaftsaufstellung im Stil der klassischen Sonntagsfrage ermittelt. Wenn’s dann schiefgeht, waren wenigstens nicht die Verantwortlichen schuld.

Übrigens: Als sich im Algerien-Spiel Shkodran Mustafi einen Muskelfaserriss zuzog, hätte er selbstverständlich im Spiel bleiben müssen (die Auswechslung diskriminierte eindeutig Behinderte – sorry, geht gar nicht!).

Auch das Brasilien-Spiel lief aus deutscher Sicht echt nicht okay. Gewinnen schön und gut, aber so deutlich? Vier Tore in sechs Minuten! Da liegt das Wort „Blitzkrieg“ ja praktisch in der Luft. Ja ist es denn schon wieder so weit??? Und dann auch noch dieser unsägliche Gaucho-Tanz auf der Fanmeile. Mit einer Quotenregelung für Frauen im defensiven Mittelfeld wäre so etwas nie und nimmer passiert. Da muss der DFB in Zukunft echt mal umdenken.

Einziger Lichtblick aus Sicht von Sahra Wagenknecht: Das protzige Stadion in Manaus, das nach der WM vollkommen sinnlos verrottet, erinnert sie an die goldenen Zeiten, in der der Sozialismus noch real existierend war. Aber in dieser Hinsicht ist in vier Jahren bei der WM in Russland sicher noch Luft nach oben …

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Leserpost

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Gerd Quallo / 21.07.2014

Na na, Herr Ebert, jetzt haben Sie sich’s aber endgültig mit dem Titanic-Magazin verscherzt.

Till Schneider / 20.07.2014

SEHR schöner Artikel, Herr Ebert. Am meisten hat mich Ihre Vision entzückt: “... wird vor jedem Spiel die Mannschaftsaufstellung im Stil der klassischen Sonntagsfrage ermittelt. Wenn’s dann schiefgeht, waren wenigstens nicht die Verantwortlichen schuld.” Genau! “Schuld” ist sowieso ein total vorgestriges, inhumanes “Konstrukt”. Und als Konstrukt muss es selbstverständlich schnellstens “dekonstruiert” werden. Könnte ja jeder kommen und behaupten, x oder y seien TATSÄCHLICH so! Nein, da sind wir heute weiter. Alles fließt ... und zerfließt ineinander ... Und was nochmal die Mannschaftsaufstellung betrifft, da haben die Grünen ohnehin den optimalen Trick in der Schublade: Das Rotationsprinzip. Abwechslung statt Leistung! Gerecht statt machtmissbräuchlich! Bunt statt – na, statt das andere halt! Das ist es, was die Nationalmannschaft in Zukunft braucht. Gut, der Jogi hat’s damit vielleicht bissi übertrieben beim EM-Halbfinale 2012 (Deutschland gegen Italien), aber dafür war das Ergebnis wenigstens nicht nationalistisch. Man sollte immer die ewigheutigen Prioritäten im Auge behalten.

Helfried Richter / 20.07.2014

Mister Ebert, you made my day, wie es so schön neudeutsch heißt. Gute Auffrischung nach Ihrem Auftritt in Dresden:) Ich wünsche mir Sie als Hofnarr bei Mutti Angela - dann wären wenigstens die Sitzungen des Bundestages wieder einer Beachtung wert…

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