Vince Ebert (Archiv) / 02.11.2015 / 14:01 / 5 / Seite ausdrucken

Charisma schlägt Kompetenz

„Wir schaffen das!” versicherte uns vor einigen Wochen die deutsche Regierung in Bezug auf die Flüchtlingskrise. Sollen uns diese Worte beruhigen? Naja, ich bin mir da nicht so sicher. Denn es immerhin ist es die gleiche Regierung, die den Berliner Flughafen baut.

Marketingtechnisch jedoch ist das sichere Proklamieren von optimistischen Parolen nicht dumm. Kein Wähler möchte in Wahrheit hören, dass die Regierung bestimmte Dinge eventuell nicht im Griff haben könnte. Wenn eine Führungsperson öffentlich zugibt, dass sie den aktuellen Entwicklungen hilflos gegenübersteht, fliegen ihr nicht gerade die Herzen zu. Auch, wenn wir manchmal sogar im Innersten wissen, dass „die da oben” keinerlei Idee oder Plan haben, lassen wir uns von charismatischem Auftreten nur allzu gerne blenden. Dazu hat vor einigen Jahren der Psychologe Alexander Todorov von der Princeton University einen bemerkenswerten Test durchgeführt: Er zeigte seinen Studenten einen kurzen Augenblick Portraitfotos von jeweils zwei, ihnen unbekannten Männern und forderte sie dann auf, spontan zu entscheiden, welche der beiden Person in ihren Augen kompetenter wirkt. Was die Studenten nicht wussten: Bei den Paarungen handelte es sich um reale Politiker, die bei unterschiedlichen Wahlen gegeneinander antraten. Das verstörende Ergebnis: In 70 Prozent aller Fälle entsprachen die Entscheidungen der Studenten dem tatsächlichen Wahlgewinner! Nicht, weil er möglicherweise kompetenter als sein Gegner war, sondern weil er den Wählern lediglich kompetenter erschien.

Selbst bei so etwas Wichtigem wie einer politischen Wahl spielen für uns Rationalität und logische Argumente offenbar eine untergeordnete Rolle. Vernunft kann uns davor bewahren, als kompletter Idiot dazustehen, aber sie wird uns nicht davon abhalten, unsere Stimme einer Flachpfeife mit tollem Haarschnitt zu geben.

Auch in anderen Branchen funktioniert das Prinzip der Kompetenzillusion. 1983 engagierte der Konzern AT&T die Unternehmensberater McKinsey um die Zukunft des mobilen Telefonmarktes zu prognostizieren. McKinsey prognostizierte: Bis zum Jahr 2000 werden höchstens 900.000 Amerikaner mobil telefonieren. Die Realität jedoch sah ganz anders aus. Im Jahr 2000 telefonierten bereits 109 Millionen Amerikaner schnurlos. Die Vorhersage der smarten Jungs mit Rollkoffer und Laptoptaschen lag um den Faktor 120 daneben! AT&T verlor die Marktführerposition und wurde 2005 von Southwestern Bell gekauft. Und McKinsey? Wuchs und wuchs und kam vollkommen ungeschoren davon.

Wer es schafft, nach außen hin Kompetenz auszustrahlen, der kann noch so oft den Laden gegen die Wand fahren, ohne an den Pranger gestellt zu werden. Wer kompetent erscheint, versagt nicht, er verursacht höchstens einen unabwendbaren Kollateralschaden, den man schon nach einiger Zeit wieder vergessen hat. Der charismatische Helmut Schmidt trieb während seiner Amtszeit als Bundeskanzler die Staatsverschuldung in historische Höhen und gilt dennoch in der Bevölkerung heute als umsichtiger Wirtschaftsweiser.

Charisma schlägt Kompetenz. Der eher uncharismatische Berti Vogts führte als Bundestrainer die Fußballnationalmannschaft 1996 zum Europameistertitel und wurde trotzdem vom Fußballvolk immer als „Bundesberti” belächelt.  Ganz anders der ewig lächelnde Jürgen Klopp. Der könnte vermutlich Bayern München in die Drittklassigkeit führen, und würde bei vielen Fans immer noch als Wundertrainer gelten.

Deswegen mein Tipp: Sollten Sie keine Ahnung haben und dummerweise in einer Führungsposition sitzen, dann sollten Sie es auf jeden Fall vermeiden, zuzugeben, dass Sie keinen blassen Schimmer haben. Tun Sie stattdessen alles dafür, um Ihre Ahnungslosigkeit gekonnt vertuschen. Arbeiten Sie sich oberflächlich in das Thema ein und simulieren Sie ab dann souveränes Expertentum. In Insiderkreisen spricht man von einer fundierten „Inkompetenzkompensationskompetenz”. Sie schaffen das!!!

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Leserpost

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Hjalmar Kreutzer / 03.11.2015

Verehrter Herr Ebert, da es gestern abend bei uns nur Tee gab, konnte ich mit meiner Frau so lange üben, bis wir beide das Wort Inkompetenzkompensationskompetenz fehlerfrei ohne zu stocken aussprechen konnten. Vielen Dank für den Artikel! Freundliche Grüße.

Herwig Mankovsky / 02.11.2015

Das Einzige, was einen Politiker von einem Laien unterscheidet ist: ,,ICH kann das!” Wichtig auch: null Reflexionsvermögen, keine Selbstzweifel. Witzigerweise stattet die Natur ja gerade unfähige Typen damit aus, andernfalls würden sie sich wohl im Angesicht ihres Unvermögens die nächste Klippe hinunter stürzen, was die Evolution im Sinne der Arterhaltung nicht vorsieht…..

Bernd Ufen / 02.11.2015

Köstlich geschrieben vor einem traurigen Hintergrund. Beim Lesen des Artikels musste ich sofort an die Information einer KVHS (Kreisvolkshochschule) in einer Norddeutschen Kleinstadt denken. Kurz vor Weihnachten 2009 hatten die in ihrem Programmheft einen Kurs zur persönlichen Entwicklung mit dem Thema “Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit” (sic!) im Angebot. Für eine Bildungsinstitution eigentlich ein grotesker Vorgang. Aber das der Kurs soviel Anklang finden würde, wer hätte das damals geahnt?

Stefan Schütz / 02.11.2015

Hallo Herr Ebert, guter Artikel. Dieses Verhalten kenne ich unter folgendem Label: “Sicheres Auftreten bei völliger Ahungslosikeit!”. Das hat mir selbst auch schon öfters aus der Patsche geholfen. Mit freundlichem Gruß Stefan Schütz

Ignaz Wrobel / 02.11.2015

Naja, Herr Ebert, sie maches es sich aber auch etwas zu leicht. Charisma hat schon immer Kompetenz geschlagen, da Kompetenz selbst entweder erst gar nicht existiert oder nur von sehr wenigen nachprüfbar ist. Ergo ‘hängen’ wir uns Symbole um, die uns entweder als kompetent ‘marken’ oder wir treten auf, als ob wir die personal gewordene Weisheit wären. Charisma verstanden als die Eigenschaft eines Menschen sich erfolgreich als in einer von anderen Menschen nachgefragten Hinsicht als derjenige vermitteln zu können, der diese ihre nachgefragten Hinsicht erfolgreich umsetzen oder lösen könnte. Es hängt also sehr davon ab, was denn nachgefragt wird - bei uns ist es eine ‘beruflich-fachliche Kompetenz’, zu anderen Zeiten waren es eine kriegerische oder eine gottgefällige. Und darauf aufbauend sich als derjenige diesen leuten zu vermitteln, der derjenige ist, der die Lösung ihrer Frage, ihres Problems oder ihres Bedürfnisses besitzt und den man deshalb als Führer der gemeinsamen Mission, der Problem-Lösung für die Gruppe, nachfolgt. Aber hat er denn die Lösung oder nicht? Besitzt er denn die Kompetenz dazu? Kann er sie überhaupt besitzen? Naja, bei einem Kriegsherrn sieht man es nach der Schlacht daran, dass sie gewonnen wurde. Bei einem Politiker - daran, dass er Erfolg hatte mit seiner Politik im nachhinein betrachtet. Aber was ist Erfolg hier: manchmal eindeutig bestimmbar - wenn alle hungern und die Katastrophe eingetreten ist, dann war er wohl nicht da. Aber sonst? - Es wird alles mögliche gerne als Erfolg gedeutet - weil eben alles mögliche so unbestimmt für die meisten ist, dass sie es erst gar nicht wirklich fundiert positiv oder negativ beurteilen können. Bei einem Zukunfstberater a lá ihrem Beispiel: woher soll das McKinsky wissen? Aber wenn jemand bereit ist da für eine Antwort mit netten Diagrammen Geld auszugeben…. Ist wohl auch nicht viel besser als zu würfeln, aber: es funktioniert wie es bei Horoskopen auch schon immer funktioniert hat oder bei den Weissagungen von Orakeln oder Glaskugelglotzern: Jemand kann sich nicht entscheiden, ist unsicher , und sucht letztlich einfach jemanden, der ihm das Gefühl der Sicherheit gibt - dafür zahlt er: und jede Antwort ist eh gleich gut (da nicht aus der Situation heraus entscheidbar) - und so hat er einen guten Grund all seine Anstrengung auf die Umsetzung der ‘Antwort’ zu fokussieren und vielleicht wird sogar was Gutes daraus, eben weil er all seine Anstrengung darauf gesetzt hat….. Und wenn nicht: zumindest hat es die Gemeinschaft der ‘Suchenden’ zusammengeschweisst. Aber Kompetenz? Worin soll denn die Kompetenz einer Physikerin oder eines Gymnasiallehrers oder eines Juristen für die komplexen Entscheidungen in einer Regierung bei solchen Ausnahme-Fragestellungen (=fehlende Erfahrungswerte) wie z. B. der Energiewende oder der Flüchtlingskrise liegen? Sie machen halt irgendwas, bei denen sie genug (inkompetente) Zustimmung in der Bevölkerung hinter sich wähnen, beschwören die gemeinsame Anstrengung und hoffen, dass da schon irgendwas herauskommt irgendwann, dass man dann als Erfolg irgendwie den Leuten verkaufen kann. Und das klappt auch immer, solange die Leute mehrheitlich relativ zufrieden mit den dann zukünftigen Zustand sind - und sonst ist es gut, wenn man irgendeinen hat, den man dann als Schuldigen deklarieren kann wie ‘das Weltjudentum’, die Bourgeoisie, das Kapital, die Ungläubigen, der sittliche Verfall usw.

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