Vince Ebert (Archiv) / 28.05.2015 / 19:00 / 6 / Seite ausdrucken

Dankeschön Schicksal!

Im Englischen gibt es die schöne Redewendung „don’t complain, don’t explain”. Nöhl’ nicht rum und erkläre der Welt nicht, warum nicht Du, sondern die Flachpfeife vom Büro gegenüber den Abteilungsleiterposten bekommen hat. Und nerve vor allem nicht Deine Frau damit, wie Du den Laden „so richtig auf Vordermann” brächtest, wenn man Dich nur ranließe. Sie kann nichts dafür, dass man Dich nicht ranlässt. Es sei denn, sie ist Deine Chefin.

Es ist zwar ein abgedroschenes Klischee, aber wir Deutschen meckern tatsächlich gerne und ausgiebig. Weil wir uns tendenziell ungerecht behandelt fühlen. Vom System generell, von der Politik und überhaupt. Deswegen neigen wir auch dazu, für alles, was uns nicht passt, einen Schuldigen zu finden: Angela Merkel, unseren Chef oder gerne auch Mutti und Vati, die einen nie so richtig gefördert haben.

Besonders im politischen Kabarett kriegen wir pointenreich erzählt, wie viele diesem Land zu kurz kommen (eigentlich alle, bis auf Banker, Top-Manager und CDU-Politiker). Da steht dann ein wütender Mensch auf der Bühne und macht uns klar, dass wir alle der Spielball von „denen da oben” sind. Mir ist das als Zuschauer jedes Mal ein bisschen peinlich. Ich stelle mir dann immer vor, wie ich einer indischen Turnschuhnäherin erklären müsste, dass wir es hier untragbar finden, ab 63 Jahren noch zu arbeiten. Wie würde wohl eine genitalverstümmelte, vollverschleierte Frau in Ägypten reagieren, wenn Sie erführe, dass wir es für diskriminierend halten, wenn die Frauenquote für DAX-Konzerne nicht eingehalten wird?

Zugegebenermaßen hat das Abwälzen von Verantwortung und die Suche nach einem Prügelknaben eine lange Historie. „Die Ernte ist schlecht, das Wetter ist hundsmiserabel - die Götter hassen uns! Irgendeiner muss schuld daran sein. Hey, da kommt Karlheinz. Lasst ihn uns umbringen.” So lief das schon vor Tausenden von Jahren. Irgendein Wichtigtuer mit Einfluss hat gesagt „wenn wir dem Karlheinz mit einem stumpfen Löffel das Herz rausschneiden, geht’s uns allen viel besser.”

Inzwischen geht es uns nicht nur besser, es geht uns gut. Verdammt gut. Wir leben in einem der freiesten Länder dieser Erde und haben eine Armutsquote, um die uns die gesamte Welt beneidet. Aber trotzdem sind so viele von uns der Meinung, das Leben schuldet uns irgendetwas.

Aufgrund eines unglaublich glücklichen Zufalls sind wir genau zu dieser Zeit an genau diesem Ort geboren worden. Ganz ehrlich, es hätte schlimmer kommen können. Deswegen finde ich, ein einfaches „Dankeschön Schicksal” wäre an der Stelle angemessen.

Gerade lese ich, dass Deutschland im aktuellen Wirtschaftsranking deutlich zurückfällt. Was bestimmt nicht nur an politischen Fehlern liegt. Zum Beispiel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten der Prozentsatz der Selbstständigen in Deutschland nahezu halbiert. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, aber eine Gesellschaft, in der sich viel zu viele als Opfer begreifen - in einer solchen Atmosphäre grübelt und meckert man allenfalls an seinem Arbeitgeber herum, aber gründet dann doch kein Unternehmen sondern bleibt lieber Angestellter. Jammern ist einfacher als handeln.

Natürlich sind wir nicht immer unseres Glückes Schmied, aber noch weniger sind wir nur das Opfer der äußeren Umstände. Seien Sie also dankbar und jammern Sie nicht herum. Das Schicksal schuldet Ihnen nämlich rein gar nichts. Höchstens vielleicht Mal einen Tritt in den Hintern. Und wenn Ihnen die Nachrichten da draußen partout nicht gefallen, dann gehen Sie raus und machen selbst Schlagzeilen. Manchmal ist es besser eine Kerze anzuzünden als das Elektrizitätswerk zu verfluchen. Wenn Sie allerdings nichts ändern wollen, dann ist die Opferrolle nachweislich die beste Strategie.

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Leserpost

netiquette:

Igor Iwanowitsch / 31.05.2015

Ich gebe Herrn Ebert recht. Bis auf eine Sache mit der Vollverschleierten. Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, die Verschleierten würden sich diskriminiert fühlen. Wenn, dann nur in Einzelfällen. Verschleierte sind i.d.R. stolz auf ihre Verschleierung sowie auf ihre gesamte Schleier-Kultur. Sehr stolz sogar.

Waldemar Undig / 31.05.2015

Von wegen, undankbar. Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon ein Asbach Uralt wert.

Hans-Günther Mädje / 29.05.2015

Wer meckert denn? Das sind entweder Leute die dies berufsmäßig tun oder Leute die zu diesem Zeitpunkt nicht arbeiten und sonst keine anderen Verpflichtungen haben. Diese Zeilen schreibe ich zum Beispiel in einer Pause. Wenn ich zu irgendetwas Stellung beziehe bin ich als Deutscher entweder ein Verhinderer oder sogar noch Schlimmeres, das ich einfach eine Klärung herbeiführen möchte kommt dabei nicht vor. Ich zum Beispiel finde es gut, dass es in meinem Umfeld so viele Weltverbesserer gibt. Weil jeder in der Lage ist, ein Problem weitgefasst zu durchdenken. Das gibt meistens ein sehr gutes Ergebnis. Es gibt bei uns im Ort einige die dazu aufrufen, unsere Schulen, Kindergärten zu renovieren! Was scheinbar in dem Sinne des Artikels ist. Dazu kann ich nur sagen, in einem Land mit einer so hohen Steuerquote gehört den Politikern in den Hintern getreten, anstatt so etwas zu tun. Unser Steuergeld ist zunächst einmal für unser Land gedacht und der Rest ist freiwillig und nicht umgekehrt. Die angesprochene Selbstständigkeit ist auch ein so tolles Thema. Wer es einmal versucht hat, in diesem unserem Lande, sich selbstständig zu machen, weiß wovon ich rede, wenn ich nur auf die Themen Ordnungsamt, Berufsgenossenschaft und Finanzamt zu sprechen komme. Es gibt außer Frankreich und Spanien kein anderes Land in dem der Amtsschimmel so laut wiehert und ausschlägt, wie bei uns. Das war ja dann wohl jetzt die Meckerecke. Es natürlich sehr bequem andere als Querulanten darzustellen als sich mit den Problemen auseinanderzusetzen. Was noch schöner ist, die anderen als Angsthasen oder ungebildet darzustellen, wenn zum Beispiel von Überfremdung gesprochen wird. Das diese Themen aber weniger mit Bildung als mit Sozialisierung zu tun haben, wird gerne unter den Teppich gekehrt. Es gibt kaum ein Land mit einer härteren Bildungselektion als Deutschland. Das Leute aus Akademikerhaushalten die heute selbst Akademiker sind, eine andere Weltsicht haben, dürfte jedem klar sein, der etwas länger nachdenkt. Die Anderen, im übrigen die Mehrheit, haben auch Wünsche und Hoffnungen und es ist nicht schön diese ständig zerstört zu bekommen. Ach ja, auch wenn es derzeit dem Zeitgeist zu entsprechen scheint, ist es nicht so, das wir Deutschen alles geschenkt bekommen haben. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass jemand in den letzten fast 43 Jahren (meinem Arbeitsleben) zu mir gekommen wäre und gesagt hat, toll du bist ein Westdeutscher jetzt bekommst du - weil du so toll bist-, einmal xy DM geschenkt. Nein, dass war so nicht, dass wir auch in manchen Dingen Glück hatten, bestreite ich nicht. Aber es ist uns auch nichts in den Schoß gefallen, wir (die Mehrheit) haben verdammt hart dafür gearbeitet. schöne Grüße Günther Mädje      

Helfried Richter / 29.05.2015

Einige Leute (Berufsopfer), Herr Ebert, nehmen Ihre freundliche Aufforderung, Zitat: “...wenn Ihnen die Nachrichten da draußen partout nicht gefallen, dann gehen Sie raus und machen selbst Schlagzeilen” schon immer recht wörtlich - machen also Schlag-Zeilen. Der stumpfe Löffel ist dann der Molotowcocktail oder auch schon mal eine AK47, wobei es bereits genügt, wenn einige Bilder dem eigenen Geschmack nicht entsprechen. So gesehen haben viele andere noch ganz schön Nachholebedarf. Und einige Zehntausend aus Dresden und Umgebung haben auch Schlagzeilen produziert, allerdings keine, die irgend etwas ändern, sondern lediglich zur an Deutlichkeit nicht zu übertreffenden Mitteilung der Politkaste und deren Medienbüttel führte, was sie vom “Rausgehen” der “Mischpoke” halten. Die von Ihnen beschriebene Mentalität ist natürlich auch fest im Durchschnitts-Deutschen verankert, wie schon Tucholsky wusste: “Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer ihm schadensersatzpflichtig ist.”

Dietmar Preuss / 29.05.2015

Und diese Opferrolle wird jetzt zusätzlich tausendfach in dieses Land getragen. Von Leuten, die weder still die Kerze anzünden, noch das EWerk verfluchen. Die zünden das EWerk an. Mit freundlichem Gruss Westfale

Martin Lahnstein / 28.05.2015

Ich finde es immer sympathisch, wenn Landsleute klagen: “Ach, wir Deutsche!” statt, wie sonst üblich: “Ach, die Deutschen!”

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