Gunnar Heinsohn / 07.02.2018 / 10:30 / Foto: Bundesregierung/Denzel / 5 / Seite ausdrucken

Das Drama mit den Jungen (2)

Global tritt im 21. Jahrhundert an die Stelle hochgerüsteter Imperial-Armeen das Andrängen vielfach größere Heere von Waffenlosen. Gerade ihre Hilflosigkeit erschreckt die Heimgesuchten, weil sie einen Anspruch auf lebenslange Sozialhilfe begründen. Es sind die daraus erwachsenden Belastungen, die den modernen Separatismus befeuern. Seine drei Varianten sind (1) der Wiedergewinn der Grenzhoheit (Populismus), (2) das Einhegen von noch konkurrenzfähigen Teilregionen (Sezessionismus) und (3) die Flucht der Innovativen, die durch das Zahlen für die Neuankömmlinge entmutigt werden (Auswanderung).

Gut gewappnet gegen diese Bewegungen sind die 70 Millionen Bürger auf den 18 Millionen Quadratkilometern in Kanada, Australien und Neuseeland. Gegen die 70 Millionen Fleißigen allein im Perlfluss-Delta haben sie nur dann eine Chance, wenn sie eigene Könner binden, fremde anwerben und Leistungssenker draußen halten. Als Kompetenzfestungen – Pässe nur an Asse! – sind sie Magneten für Hochqualifizierte aus der übrigen Ersten Welt, deren Regierungen nicht nur Grenzkontrollen, sondern auch Separation verhindern.

Die Anglos schaffen sogar die Anwerbung von Ostasiaten, weil Chinesen mehr Freiheiten finden als in der Volksrepublik. Nun hat dieser Gigant in der ehrgeizigen Alterskohorte der 25-29-jährigen fast 130 Millionen Ehrgeizige (2015: USA 22 Mill., Deutschland 5 Mill.) und kann einige davon entbehren. Auch ihretwegen stehen die Kinder der drei Staaten in Mathematik bereits vor dem Nachwuchs Deutschlands, Italiens, Spaniens oder Frankreichs (TIMSS 2015). Nicht zuletzt dieser Vorteilsgewinn befeuert – neben dem 2015er Öffnen der deutschen Grenzen und der Wahlfreiheit beim Sozialhilfebezug in der EU – den Brexit.

Das Königreich hat an die beneidet souveränen Ex-Kolonien 2,1 Millionen Bürger verloren, die Locksignale in die alte Heimat senden. Wenn London diesen Abfluss bremst, kann es mit seinem Sprachvorteil, der eigenen Währung, den Top-Universitäten und den Astute-U-Booten zum Anker einer Handels-Union von Nord- und Osteuropäern werden. Denen muss man die Unverzichtbarkeit eines Nuklearschutzes gegen die rogue states des 21. Jahrhunderts ohnehin nicht erklären.

Bayerns Zukunft ohne Norddeutschland?

Die sympathische Inés Arrimadas aus Andalusien, das von Barcelona jährlich Milliarden erhält, illustriert unfreiwillig das Vergraulen von einheimischen Könnern. Als ihre Gruppierung bei der Katalonien-Wahl im Dezember 2017 stärkste Partei wird, will Madrid zwar mit ihr verhandeln, aber nicht mit den drei indigenen Parteien, von denen keine allein die Südspanierin überstimmen kann. Die gedemütigten Katalanen sind verbittert, erteilen jedoch dem Rest Europas eine kostbare Lehre: Flüchte in eine Kompetenzfestung, wenn die eigene Region dazu nicht mehr werden kann! Das ist gewiss schmerzhaft; denn wie Drittweltmigranten am Verlust einer Heimat leiden, die ihnen wenig bietet, so erdulden hier Weggehende noch Härteres, weil das angestammte Milieu noch gestern eine sichere Bank war.

Deutsche Gegenstücke für Andalusien sind Bremen und Berlin. Mit den schlechtesten Schülern sowie den meisten Hartz-Vierern wären sie ohne die Gelder aus München und Stuttgart verloren. Könnten 13 Millionen Bürger des Freistaats Bayern – Heimat der bundesweit drittbesten Schüler – ihre Zukunft retten, wenn sie nach Norden nicht mehr zahlen, souverän wie 9 Millionen Österreicher werden und ihre Zinnen von den besten Hanseaten und Preußen bewachen lassen? Sie könnten sogar die angrenzenden Freistaaten Sachsen und Thüringen inspirieren, mit ihren besten und zweitbesten Schülern der Republik dabei zu sein

Der Druck auf einen Katalanen wie Puigdemont oder auf einen Markus Söder kann nur zunehmen. Der Münchner will deshalb hinter die deutsche Grenzpolizei noch eine bayrische stellen. Es eilt. 700 Millionen Umsiedlungswillige ermittelt Gallup – bei einer Weltbevölkerung von 6,7 Milliarden – schon für 2009. Eine Milliarde heute (7,6 Mrd.) und das Doppelte bis 2050 (9,8 Mrd.) sind deshalb konservative Schätzungen.

Überdies stellt sich – mit der New York Declaration for Refugees and Migrants – die UNO im September 2016 an die Spitze der Hyper-Wanderungen. Sie organisiert die „globale Steuerung einer geordneten und regelmäßigen Migration“ und will dafür „jederzeit gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung“ einschreiten können.

Die nächste Folge dieser Serie erscheint morgen.

Gunnar Heinsohn (*1943) lehrt Kriegsdemografie am NATO Defense College in Rom.

 

Teil 1

Teil 3

Foto: Bundesregierung/Denzel

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Leserpost (5)
H.Roth / 07.02.2018

Einzig Punkt 3, nämlich die massive Abwanderung gut ausgebildeter Deutscher, ist für die nächsten 4 Jahre realistisch. Die Wiederherstellung einer schützenden Bundesgrenze wird unter der neuen GroKo nicht realisiert werden. Allerdings habe ich große Hoffnug, dass sämtliche Nachbarländer schon bald Deutschland mit dem schliessen IHRER Grenzen einhegen. Zum Selbstschutz.

Nele Werrmann / 07.02.2018

Schöne Aussichten, die hier an die Wand gemalt werden, um dem „Andrängen vielfach größerer Heere von Waffenlosen“ zu begegnen. Wenn also die (1) Grenzhoheit als Populismus diffamiert wird und (2) ein Separatismus noch eine konkurrenzfähige Teilregion erfordert bleibt also nur noch die (3), wohin auch immer, Flucht. Wenn mir das nicht mehr möglich ist, bleibt doch nur noch (4), die Anschaffung eines neuen Kartoffelschälmessers übrig, um das Heer dieser „waffenlosen“ Jungen aufzuhalten! Nee, ne?

Chr. Kühn / 07.02.2018

>>so erdulden hier Weggehende noch Härteres, weil das angestammte Milieu noch gestern eine sichere Bank war.<< Als Weggehen-Wollender kann ich das voll und ganz unterschreiben. Aber wenn die Heimat nicht mehr laenger Heimat ist, was bindet mich noch an sie?

M. Haumann / 07.02.2018

Die furchtbare Groko in neuem Trikot lässt tatsächlich die Fluchtimpulse erneut übermächtig werden. Was für ein geradezu schmerzhaft schöner Traum von innerdeutschen Refugien, in denen Frieden, Freiheit und Sicherheit erhalten blieben.

Jens Keller / 07.02.2018

Glauben Sie nicht, dass die Bevölkerungsentwicklung in Afrika überschätzt wird? Schon in DE geht man doch bereits von einer Unsicherheit von 1-3 Millionen in der Bevölkerungsstatistik durch Fehlzählungen durch Meldeverfahren aus. Wie kommen denn die Zahlen für Länder wie z.B. Niger oder Guinea zustande? Und haben gerade Institutionen wie die UNO nicht ein Interesse daran, diese Zahlen so hoch wie möglich anzusetzen? Immerhin ist es doch deren Geschäftsmodell, das Geld anderer Leute einzuziehen um die erklärten Schutzbefohlenen zu betüdeln.

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