Oliver Marc Hartwich, Gastautor / 23.02.2007 / 13:30 / 0 / Seite ausdrucken

Am deutschen Wesen ...

Die Kolumnen des Chefökonomen der Financial Times Deutschland, Thomas Fricke, habe ich immer schon mit Interesse, wenn auch in der Regel ohne Zustimmung gelesen. Einmal etwas überspitzt formuliert, erklärt Herr Fricke seinen Lesern an jedem Freitag (und das seit Jahren), dass es um die deutsche Wirtschaft viel besser bestellt ist, als uns die Propheten des Untergangs - allen voran der “Basar-Ökonom” Hans-Werner Sinn - glauben machen wollen. Alles, was der Wirtschaft fehle, sei eine bessere Konjunkturentwicklung, die sich durch Drehen an ein paar makroökonomischen Stellschrauben auch problemlos erreichen ließe, wenn denn nur die Europäische Zentralbank nicht ständig auf die Entwicklung der Inflationsrate schielen würde. Strukturprobleme spielten hingegen laut Chefökonom Fricke kaum eine Rolle bei der Erklärung der deutschen Wachstumsschwäche der vergangenen Jahre, und insofern sollte die ganze Reformiererei am deutschen Sozialstaat nun auch endlich einmal ein Ende haben. Wie gesagt, das war bewusst etwas zugespitzt, gibt aber wohl die grundsätzliche Ausrichtung Frickescher Analysen wieder. Ich sehe das anders, was wohl auch daran liegt, dass ich die Wurzel der deutschen Wirtschaftsprobleme eher auf der mikro- als auf der makroökonomischen Seite verorten würde.

In seiner heutigen Kolumne treibt Thomas Fricke seinen Glauben an die Stärken der deutschen Wirtschaftsordnung auf die Spitze, indem er sie als Modell für Großbritannien und die USA empfiehlt. “Während die Deutschen mit ihrer sozialen Marktwirtschaft hadern, findet die Idee gerade bei Amerikanern und Briten plötzlich unverhofft Anhänger,” schreibt er da. Herr Fricke bezieht sich auf eine Rede des Chefs der US-Notenbank, in der dieser gefordert hatte, dass niemand der Gefahr eines bodenlosen wirtschaftlichen Abstiegs ausgesetzt sein sollte. Fricke kommentiert:

Seine Rede steht vielmehr höchst symbolhaft dafür, wie intensiv anderswo derzeit über das Soziale an der (globalisierten) Marktwirtschaft nachgedacht wird - in einer Zeit, in der die Deutschen mit dem eigenen Modell heillos hadern. Dabei gäbe es reichlich Anlass, die gute alte Idee sogar zur Referenz für manch liberales Land und einen neuen globalen Ordnungsrahmen zu machen. Nach deutschem Modell.

Klar würde das keiner so nennen. Der Trend an sich zeichnet sich dennoch schon seit einiger Zeit ab. Das Soziale ist in Mode, gerade bei denen, die lange als die (bessere) Antiwelt herhielten. Die Briten haben 1999 den Mindestlohn eingeführt, der seitdem um rund 50 Prozent gestiegen ist.

Am deutschen Modell sollen also Briten und Amerikaner genesen? Dagegen wäre vielleicht zunächst einzuwenden, dass das, was Thomas Fricke für das Modell der sozialen Marktwirtschaft hält, nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was sich die Väter der Sozialen Marktwirtschaft einst darunter vorgestellt hatten. Mindestlöhne gehörten jedenfalls nicht zur Politik Ludwig Erhards, und es gibt sie bislang in Deutschland aus guten Gründen nicht.

Zwar ist es richtig, dass in Großbritannien seit 1999 Mindestlöhne existieren, allerdings war die britische Beschäftigungsentwicklung seither wenig ermutigend. Natürlich suggeriert eine offizielle Arbeitslosenquote von etwas über fünf Prozent zunächst, dass auf dem britischen Arbeitsmarkt alles in Ordnung wäre. Die Wirklichkeit ist jedoch eine andere. Längst nicht alle tatsächlich Erwerbslosen sind in den offiziellen Statistiken enthalten, und nicht weniger als 2,7 Millionen Menschen beziehen Erwerbsunfähigkeitsrenten, obwohl ein großer Teil von ihnen durchaus arbeitsfähig wäre. Insgesamt hat sich die Zahl der wirtschaftlichen inaktiven Personen in der Regierungszeit Tony Blairs sogar erhöht - und das trotz eines vergleichsweise stabilen Wirtschaftswachstums.

An anderer Stelle schreibt Herr Fricke:

Ähnliches gilt in Sachen neuer Staatsliebe für die Briten, wo die öffentlichen Ausgaben gemessen an der Wirtschaftsleistung 2007 erstmals seit Thatcher-Gedenken wieder höher sein werden als in Deutschland. ...

All das macht noch keine soziale Marktwirtschaft, zumal man einwenden könnte, dass sich Amerikaner und Briten zwischenzeitlich weit davon entfernt hatten und bei manchem von niedrigem Niveau kommen. Das Spannende ist dennoch, dass de facto das passiert, was die Väter der sozialen Marktwirtschaft im Kopf hatten: gerade weil die Marktkräfte dahin tendieren, große Ungleichheit zu erzeugen, gilt es, diese Ungleichheit sozial abzufangen und damit erst zu gewährleisten, dass die marktwirtschaftlichen Kräfte sich möglichst frei entfalten können.

Es ist richtig, dass die Briten dabei sind, Deutschland bei der Staatsquote zu überholen. Während dies jedoch für Herrn Fricke ein Beweis dafür ist, dass man sich in Großbritannien einem bewährten kontinentaleuropäischen Sozialmodell zuwendet, wird die Angelegenheit von britischen Kommentatoren durchaus kritischer gesehen. Der Economist schrieb jüngst, dass die Ausdehnung der Staatsausgaben unter Schatzkanzler Gordon Brown keinen strategischen Sinn gehabt habe. Das vernichtende Urteil des Londoner Wirtschaftsmagazins lautete:

The chancellor’s undesirable legacy will be a bigger state that is palpably failing to deliver value for money for its hard-pressed taxpayers. ... The chancellor has spent, taxed and borrowed too much.

Auch der Kolumnist des Daily Telegraph, Jeff Randall, kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen, wenn er unter der Überschrift Brown’s shining illustration of the economics of the madhouse schreibt:

Where are we? Answer: stuck in a horror movie, with the Chancellor chasing us, chopping away at our wealth and income, testing to destruction his predilection for saying one thing and doing another.

Britain’s productivity remains well below the average of other G7 countries (Canada, France, Germany, Italy, Japan and America). That’s not surprising when you look at the scale of Brown’s profligacy. Since 1997, more than one million jobs have been lost by British manufacturing.

In the same period, public-sector employment has risen from less than 5.2 million to about 5.85 million. It would be nice to think that the increases were accounted for entirely by extra teachers, nurses and policemen. Sadly not. While engineering posts vanish, in their place come state-sponsored positions, such as £30 million worth of fresh-air inspectors to make sure that nobody is smoking in venues where it is banned. A victory, perhaps, for health campaigners, but hardly a locomotive of wealth creation.

As one of the Chancellor’s Labour colleagues, the estimable Frank Field MP, wrote in the Guardian this week, Brown’s “economic expansion is fuelled by public and private debt. The level of taxation has risen, while the budget deficit has escalated.”

Thomas Fricke sieht die Dinge hingegen anders. Er begrüßt die Hinwendung zum angeblich Sozialen und empfiehlt den Briten noch mehr davon, wobei sie sich ein Beispiel an Deutschland nehmen sollten:

In solchen Dingen hatten die Deutschen mal Erfahrung zu bieten. Bis in Mode kam, alles gut zu finden, was Amerikaner, Briten und andere machten, die von sozialer Marktwirtschaft wenig hielten. Es ist Zeit, die Rollen wieder zu tauschen.

Während die Briten also langsam bemerken, dass ihnen die Annäherung an das kontinentaleuropäische Modell unter der Regierung Blair/Brown vor allem steigende Haushaltsdefizite, steigende Steuern und einen expandierenden Staatsapparat beschert hat, ruft ihnen die Financial Times Deutschland zu: “Mehr davon! Nehmt Euch ein Beispiel an uns Deutschen!” Und auch wenn es der deutschen Wirtschaft zur Zeit endlich einmal wieder etwas besser geht (wenn man auch nicht sicher sein kann, wie lange der Aufschwung noch anhält, kommentierte jüngst die Times), so zuckt man in London doch bei solchen Empfehlungen zusammen. Nein, mit dem deutschen Arbeitsmarkt und der deutschen Gesamtstaatsverschuldung möchte man hier dann doch lieber nicht tauschen.

Und wenn Herr Fricke dann auch noch den US-Amerikanern empfiehlt, am deutschen Wirtschaftswesen zu genesen, dann sollte er einmal einen Blick in einen Bericht des schwedischen Instituts Timbro werfen:

If the European Union were a state in the USA it would belong to the poorest group of states. France, Italy, Great Britain and Germany have lower GDP per capita than all but four of the states in the United States. In fact, GDP per capita is lower in the vast majority of the EU-countries (EU 15) than in most of the individual American states. This puts Europeans at a level of prosperity on par with states such as Arkansas, Mississippi and West Virginia. Only the miniscule country of Luxembourg has higher per capita GDP than the average state in the USA. The results of the new study represent a grave critique of European economic policy.

Stark differences become apparent when comparing official economic statistics. Europe lags behind the USA when comparing GDP per capita and GDP growth rates. The current economic debate among EU leaders lacks an understanding of the gravity of the situation in many European countries. Structural reforms of the European economy as well as far reaching welfare reforms are well overdue. The Lisbon process lacks true impetus, nor is it sufficient to improve the economic prospects of the EU.

Manchmal wundert man sich doch darüber, was Chefökonomen deutscher Wirtschaftszeitungen so schreiben.

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