„Wir müssen über Rassismus sprechen“

Wir müssen über Rassismus sprechen: Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein“ („White Fragility“ im Original) ist bereits zwei Jahre alt, die deutsche Übersetzung aber noch sehr jung, die Ereignisse dieses Jahres wirken sich entsprechend auf die Verkaufszahlen beider Ausgaben aus. Um gleich zu Beginn ein Missverständnis auszuräumen: Es ist keineswegs ein antirassistisches, sondern ein rassentheoretisches Buch. Bei Robin DiAngelo wird die gesamte Menschheit in nur zwei Gruppen eingeteilt: „Weiße“ und „People of Color“. Die letztgenannten treten dabei als grundgute, weise, aber auch einfach strukturierte Charaktere in Erscheinung, Weiße hingegen als tragische und fehlerhafte, dadurch aber eben auch als wesentlich interessantere Lebewesen. Die Festlegung von „People of Color“ als antirassistische Autoritäten bedeutet aber auch zwangsläufig, dass die weiße Autorin DiAngelo selbst keine ist. Ihrer eigenen Logik folgend, sollten wir ihr gar nicht zuhören.

Der eigentliche Wirkmechanismus nicht nur dieses Buches, sondern des gesamten Lebenswerks der Autorin ist die Vereinfachung in der Maske der Verkomplizierung. Doch das akademische Verschlagworten verdeckt die inhaltliche Dürftigkeit nur sehr unzureichend. DiAngelo gesteht ein, dass „Rasse“ ja nur ein soziales Konstrukt ist, argumeniert aber anschließend dennoch durchgehend so, als sei es das nicht. Sie räumt ein, dass die Annahme, alle Weißen seien grundsätzlich rassistisch, letztlich auch sie selbst zur Rassistin macht, doch diese Feststellung bleibt konsequenzenlos, denn DiAngelo geht es nicht um Aufarbeitung des eigenen Rassismus, sondern dem der Anderen. Und wer als Weißer von sich weist, dass er rassistisch ist, befindet sich in einem Zustand der Leugnung.

DiAngelos Thesen sind nicht falsifizierbar. Daher sind sie auch keine wissenschaftlichen Thesen. In ihrer Ideologie wird sowohl zustimmendes wie auch ablehnendes Verhalten als Richtigkeit ihrer Thesen interpretiert – ein alter Taschenspielertrick in neuer Gewandung. Wer abstreitet, rassistisch zu sein, bestätigt dadurch seinen Rassimus. Wer zugibt, rassistisch zu ein, bestätigt ihn natürlich auch. Bleibt die Hexe bei der Wasserprobe an der Oberfläche, dann ist sie auch eine Hexe; geht sie unter – auch gut.

Entsprechend unternimmt DiAngelo auch eher Versuche, ihre Thesen mit Anekdotischem zu belegen als mit Evidenzorientierung. Wie aber nun kommt DiAngelo dazu, zu behaupten, alle Weißen seien Rassisten? Im Spiegel mit der Frage konfrontiert, ob die Weißen vielleicht alle einfach von Geburt an Rassisten seien, antwortet DiAngelo: „Nicht qua Geburt. Jeder Weiße ist Rassist durch die Sozialisation in einer rassistischen Kultur.“ Wie es möglich sein sollte, dass alle Weißen der Welt, in unterschiedlichen Kulturen lebend, auf gleiche Weise sozialisiert werden, wird uns an dieser Stelle nicht verraten.

Und weiter wird gefragt: „Gibt es einen Weg für Weiße, den eigenen Rassismus zu überwinden? Kann ein Weißer irgendwann sagen, er sei kein Rassist mehr?“ Und weiter wird geantwortet: „Nein, und das wäre auch nicht gut. Wenn ich einigen Weißen diese Möglichkeit eröffne, dann wird sich jeder Weiße darauf berufen.“ Warum aber sollte man das Werk einer Antirassismus-Autorin und Diversity-Beraterin lesen, wenn sie a) laut eigener Aussage selbst rassistisch ist, b) alle Weißen als Rassisten betrachtet und c) diese Dinge ihrer Ansicht nach nicht geändert werden können?

Ganz einfach. Weil die Autorin, im Gegensatz zu ihrem Buch, genial ist.

Als Weiße Geld mit Rassismus verdienen

Im März dieses Jahres kostete ein halbtägiger Workshop, den Robin DiAngelo in Los Angeles veranstaltete, den erwachsenen Teilnehmer 165 Dollar und Kinder 65 Dollar. DiAngelo verdient an einem einzigen solchen Event 10.000 bis 15.000 Dollar, das ist mehr Geld, als die durchschnittliche US-amerikanische schwarze Familie in drei Monaten einnimmt. Man kann also als Weiße gut Geld damit verdienen, darüber zu sprechen und zu schreiben, wie schlecht es Schwarzen geht. Und durch ihre Behauptung, dass der Rassismus nie überwunden werden kann, wird die Geldquelle auch ewig sprudeln. Es wird immer einen Kundenstamm geben, der bereit ist, sich für viel Geld über Rassismus belehren zu lassen. Immer wieder.

Und damit das auch so bleibt, entsteht ein Bestseller: ein bisschen Kafka-Falle, etwas Ursünde, sehr viel Priorisierung von „Rasse“ und sehr viel Anti-Individualismus, Anleitung zum Flagellantentum anstelle des No-Blame-Approach, über das alles dann sehr viel Psycho-Babbel ausgestreut – am Ende sieht es dann fast so aus wie akademische Esoterik.

Und so schmeckt es auch.

Foto: DiAngelo/Facebook

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Frank Danton / 09.08.2020

Endlich mal ein Buch das sachlich zwischen Weiß, Deutsch, Alt= Nazi, und Alle Weißen= Rassisten unterscheidet. Man muß nämlich kein Nazi sein um Rassist zu werden. Aber noch kurz zur Evolution und dem biologischen Anpassungsdruck aller Lebewesen. In ein paar Generationen werden die hier eingewanderten Dunkelhäutigen eben auch zur Pigmentierung mitteleuropäischen Blässe mutieren, und dann sind sie auch Weiße. Wenn die dann in Europa geboren sind, sind das dann auch Rassisten!? Alle Menschen sind gleich, heißt es immer, alle Menschen haben die selbe Urmutter. Wenn Weiße Rassisten sind dann müssen auch alle anderen Rassisten sein. Dann bedingt der Rassismus augenscheinlich das Mensch-Sein. Und wenn das so ist, dann hat das wohl die Natur so eingerichtet und es dient als Schutz. Frau DiAngelo, wollen wir wirklich der Natur reinpfuschen?

Ellen Vincent / 09.08.2020

Wie viele Menschen der Erdbevölkerung sind “weiss”? Wenn man sich die Zahlen auf Statista uä. anschaut, sind weisse Menschen eine absolute Minderheit, etwa 11% der Erdbevölkerung. Worüber reden wir hier eigentlich?

Gottfried Meier / 09.08.2020

Wer Geld für so einen Schwachsinn ausgibt, hat doch nicht alle Zacken in der Krone.

Dieter Kief / 09.08.2020

@ Rolf Menzen - nein, das meine ich nicht. Auch die Soziologie oder die Geschichtswwissenschaft sind eine Wissenschaft. Das sagte übrigens auch der von Thomas Baader oben zitierte Philosoph und Schreiner und Sozialarbeiter und Krankenpfleger und Heimerzieher Karl Popper. Die Sache ist eher so: Man soll nicht einfach jeden Motor mit ein und demselben Treibstoff betanken. Es gibt verschiedene Motoren (= verschiedene Wissenschaften) und die brauchen verschiedene Treibstoffe (=Methoden/Begründungssysteme). Wenn man das durcheinanderbringt, schafft man nicht ein einfacheres System, sondern eine Menge schlecht laufender oder kaputter Motoren (= Aufsätze, Kritiken/Bücher usw). - So unglaublich es klingt, die meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler, aber auch viele Naturwissenschaftler und so weiter, kennnen diese basale Regel nicht und bringen daher häufig nicht ganz zutreffende Argumente ins Spiel. Um nochmal auf Robin di Angelo zurückzukommen - ich stimme Thomas Baader vollumfänglich zu, dass dere n vermeintlich antirassistische Volkspädagogik ein vollkommen verdrehtes Machwerk ist. Ich meine lediglich, er habe an einer Stelle in seiner ansonsten trefflichen Kritik quasi mit dem falschen Maß gemessen und seine argumentation dadurch unnötig vernebelt.

Peter Ackermann / 09.08.2020

@ Hans Reinhardt: Das wäre final. Der orgiastische Reiz liegt aber in der Wiederholbarkeit, wann immer die ursächlichen Spannungszustände auftreten.

Dr. Wolfgang Monninger / 09.08.2020

Ich mache mir die Sache mittlerweile sehr einfach: Wenn das Thema Rassismus aufkommt, oute ich mich: Ja, ich bin ein Rassist! Hat jemand damit ein Problem? Ich nicht! Habe ich deshalb Schuldgefühle?  NULL - Das beendet die Diskussion.

Hjalmar Kreutzer / 09.08.2020

Und wieder hat die Autorin 20€ (Kindle-Ausgabe) eingenommen, weil Sie das Buch lesen mussten ;-) Danke, dass Sie vielen anderen damit die Ausgabe erspart haben. Was ist wann mit dieser Autorin passiert? Laut Wikipedia Scheidung der Eltern, Armut, Tod der Mutter, zurück zum Vater, trotz Erlebens einer Klassen-Unterdrückung (Heiliger Marx!) das Empfinden, als Weiße privilegiert zu sein? Stockholm-Syndrom, nachdem man im Armenviertel oft genug von der Überzahl der schwarzen Kinder vermöbelt wurde? So wie hier einheimische Kinder an Problemschulen, denen frühzeitig von Migrantenkindern eingeprügelt wird, Scheiß-Deutsche zu sein? Oder erst in der Retrospektive von der Höhe akademischer Weihen herab? Unglaublich, mit welchen verschwurbelten Titeln und Theorien und „Wissenschaften“ man zu gut dotierten Professor*In—Xen-Planstellen gelangen kann! Aus armen Verhältnissen stammend, sei ihr der Verdienst gegönnt, wenn Leute so blöd sind, für ihren Müll zu zahlen.

Peter Ackermann / 09.08.2020

„ Ihrer eigenen Logik folgend, sollten wir ihr gar nicht zuhören.“ Ich rate davon ab, Kernbotschaften eines Textes direkt in der Ouvertüre zu platzieren. Der Spannungsbogen kann sich nicht aufbauen, nicht einmal über die drastische Kürzung des Textes selber. Ich würde aber immer wieder Texte von Ihnen anlesen - Ehrenwort!

Hubert Bauer / 09.08.2020

Interessant wäre auch, wie viel Prozent der Käufer ihres Buches weiß und wie viel Prozent POC sind. In Buchhandlungen und Büchereien gibt es ähnlich viele POC wie auf einen Parteitag der NPD.

Rolf Lindner / 09.08.2020

Ich wette, dass die Geschlechterverteilung bei sowohl den Produzenten als auch den Konsumenten von solchem Stuss der Geschlechterverteilung bei den Genderprofessuren entspricht.

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