Menschen haben eine Menge Schuldgefühle. Trotzdem gibt es eine Strömung der Sozialpsychologie, die behauptet, dass die meisten Menschen das Gefühl haben, besser zu sein als andere. Das erscheint mir jedoch nicht plausibel, denn das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Vielleicht bin ich ein bisschen voreingenommen, weil ich ein klinischer Psychologe bin und daher verstärkt mit Menschen zu tun habe, die leidend sind und sich daher mehr öffnen. Vielleicht mehr als Menschen das im Allgemeinen tun, obwohl ich mir da nicht so sicher bin, denn man muss nicht besonders stark an der Oberfläche der Leben der meisten Menschen kratzen, um etwas wirklich Tragisches zu finden. Und damit meine ich nicht die Art von Tragödie, über die man gerne jammert. Ich meine damit, dass die Mutter Alzheimer, der beste Freund Selbstmord begangen, man einen nahen Verwandten mit Krebs, ein krankes Kind oder ein Problem mit sich selbst hat. Fast jeder schleppt mindestens eine wirklich schreckliche Sache mit sich herum, die mit ihm nicht stimmt, und wenn es momentan nicht so ist, kann man sich darauf einstellen, dass es so kommen wird.
Dieses tragische Gefühl des Seins begleitet viele Menschen und nach meiner Erfahrung kommt es stelten vor, dass jemand sagt: „Ich tue alles, was ich kann. Ich bin ein Teufelskerl und weiß nicht, wie ich mich überhaupt noch verbessern könnte.“ Natürlich gibt es auch solche Menschen. Man denkt automatisch, sie seien narzisstisch, richtig? Und das stimmt, aber die meisten Leute empfinden nicht so. Sie haben das Gefühl, sie könnten alles viel besser machen, als sie es tun, und sie sind sich ihrer Fehler sehr bewusst und haben das Gefühl, ihr Potenzial nicht voll auszuleben.
Und was anhand der Geschichte von Adam und Eva ersichtlich wird, ist aus meiner Sicht das Folgende: Wenn Menschen Bewusstsein erlangen, werden sie aus dem Paradies rausgeworfen und dann befinden sie sich mitten in der Zeitgeschichte. Und diese Zeitgeschichte ist ein Ort, an dem die Geburt eines Kindes Schmerzen verursacht und wo man von seinem Partner dominiert wird und wo man sich wie kein anderes Tier abrackern muss, weil man sich der Zukunft bewusst ist. Man muss arbeiten und die Freuden der Gegenwart für die Zukunft opfern, ständig, und man weiß, dass man sterben wird und dass man somit ein Gewicht auf seinen Schultern trägt. Wie kann etwas wahrer sein als das? Solange man nicht naiv und jenseits allen Verstehens ist, gibt es etwas in unserem Leben, das dieser Darstellung entspricht.
Wenn man plötzlich erkennt, dass man nackt ist
Wir sind so seltsame Wesen, weil wir in gewisser Weise nicht wirklich ins Sein zu passen scheinen. Und das drückt sich auch in der Vorstellung des Sündenfalls aus. Existentialisten sagen: „Die Menschen haben das Gefühl, Schuld zu haben wegen des Verbrechens, dass sie so sind wie sie sind.“ Und vielleicht liegt das daran, dass wir uns sehr bewusst darüber sind, dass wir den Menschen um uns herum etwas von Wert anbieten müssen, damit sie uns tolerieren können, während wir unser Geschick betreiben. Aber es scheint noch tiefer zu gehen als das. Die Menschen scheinen in einer postkataklysmischen (nach der Katastrophe, nachsintflutlich, Anm.d.Red.) Welt zu existieren und genau das ist es auch, was in der Genesis dargestellt wird.
In der Adam-und-Eva-Geschichte gibt es im Wesentlichen zwei Katastrophen. Es gibt die Katastrophe, die sich ereignet, wenn Adam und Eva aufwachen, sich ihrer Selbst bewusst werden, wissen, dass sie nackt sind und ihnen dadurch die Augen geöffnet werden. Das ist die gängige Terminologie. Und die Augen offen zu haben, bedeutet, dass man ein gesteigertes Bewusstsein hat, im Wesentlichen, weil die Augen für den Menschen mit dem Bewusstsein verbunden sind, weil wir stark visuelle Tiere sind. Und daher bedeutet die Metapher der geöffneten Augen dasselbe wie die Metapher des Bewusstwerdens. Und dann, sobald Adam und Eva zu Bewusstsein kommen, erkennen sie, dass sie nackt sind, und die klassische Interpretation davon ist, dass dies in Zusammenhang mit sexueller Sünde stünde, mir erscheint es jedoch nicht so. Ich glaube nicht, dass es das bedeutet, obwohl es Elemente gibt, die darauf hindeuten. Wenn man plötzlich erkennt, dass man nackt ist, ist das so wie wenn man träumt, dass man nackt auf einer Bühne vor Leuten steht. Und das ist kein sexueller Traum. Es sei denn, man ist eine Art seltsamer Exhibi- tionist, oder?
Man möchte sich bedecken und so schnell wie möglich von der Bühne verschwinden. Deshalb bedeutet nackt vor einer Menge zu stehen, dass sich das Urteil der sozialen Welt auf unsere offenkundigen Unzulänglichkeiten konzentriert, und das lässt uns unserer Selbst bewusst werden, und das ist ein echter menschlicher Zustand. Er wird im „Big Five“-Modell mit Neurotizismus verbunden. Aber natürlich gefällt uns das überhaupt nicht, wir mögen es nicht, wenn unsere Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit der Gruppe ausgesetzt wird. Das gehört zu einer der beiden größten Ängste der Menschen, denn die eine ist soziale Erniedrigung und die andere ist die Furcht vor der Sterblichkeit beziehungsweise dem Tod. Bei der typischen Agoraphobie zum Beispiel zeigen sich diese beiden Ängste gleichzeitig, weil die betreffende Person dazu neigt zu glauben, dass sie einen sehr spektakulären und exhibitionistischen Herzinfarkt an einem öffentlichen Ort haben und sich beim Sterben schrecklich lächerlich machen wird.
Und damit hätten wir zwei gute Beispiele für archetypische Ängste, die uns Menschen charakterisieren.
Dies ist ein Ausschnitt aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Ausschnitt und hier zum gesamten Vortrag.
In unserem neuen Podcast „Indubio“ geht es hier um Jordan B. Peterson.
Solange man sich als Geschöpf des Schöpfers begreift der jenen Körper für die Seele schuf, besteht keinerlei Grund sich seiner Nacktheit zu schämen, warum auch, man hat diesen Körper der einem verliehen wurde in seinem so-sein doch gar nicht zu verantworten. Die Scham ob der Nacktheit tritt allerdings genau dann ein wenn man sich gottgleich wähnt, und ein vergänglicher stinkender Körper dazu nun in Widerspruch gerät. Um uns den Sündenfall mit dem damit einhergehenden Widerspruch erträglicher zu gestalten, gab uns der Schöpfer in grenzenloser Güte, die Fähigkeit zum Lachen und den Witz mit auf den Weg. , Dieser beginnt bis auf den heutigen Tag in der Regel mit einem Zweibeiner auf dem "himmlischen Thron" die Erde, ja das Universum zu seinen oder ihrer Füßen, und endigt in schallendem Gelächter nicht nur ob seiner/ ihrer "Nacktheit" sondern auch hilflosen Abhängigkeit von dem was er /sie meint gottgleich zu beherrschen und zu regieren. Covid 2 ist ein wunderbares Beispiel hierfür. Ein winziges Virus macht jenen gottlosen, die meinen den Weg ins Paradies schlechthin entdeckt zu haben soeben einen gewaltigen Strich durch ihre Rechnung und entlarft sie als das was sie sind, nämlich so nackt, wie der Kaiser in Anderson's Märchen.
"Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis " ? - Ja, wir SIND unzulänglich . Wir sind : Erde - Feuer - Wasser - Luft . Seltsam, dieser ständigen Verwandlung, Verstoffwechselung unterworfen zu sein ; Werden und Vergehen , tötend (essend), um zu leben, wissend, dass wir sterben werden. Mich wundert diese Daseinsweise. Allerdings erleben (bzw. können erleben) wir ja auch : Freude, Glück, Fröhlichkeit ,ZuFRIEDENheit, Gelassenheit, tiefe Dankbarkeit, Erfüllung , "Seligkeit", unsere Fähigkeit,( uns) zu hinterfragen, Zuversicht... Wohin geht das Licht unserer Augen, woher kommen die wunderbaren Klänge, die Wärme unserer Herzen, das nie endende Wissen-Wollen, der Traum von -wie die Realität - der Liebe ? ("Wie kommt das Licht in die Sterne ?" wollte unsere 4jährige Tochter wissen) Weist über das rein materiell-Stoffliche hinaus . "...die Erde, die unterm Schnee vom Frühling träumt."(K. Ghibran) ?
Ich sage gerne immer wieder: Wenn alle (nur) so unzulänglich wären wie ich es bin, dann wäre die Welt einen bessere. Sagt mir ein Weib, dass ich ihr nicht passe, dann empfehle ich der: Such dir einen anderen. Männer sind Überschussware, gibt es zum Säue füttern. Neulich - vor über 40 Jahren - mosert ein Vorgesetzter herum; ich nehme ihn am Arm zum Fenster, wir gucken auf die Straße, und ich deute auf ein paar Leute da unten: Geh' runter, hol dir einen von denen und gib ihm meinen Job. Arrogant? Klar, aber von unten her betrachtet erscheint alles als arrogant, allez. Sinnspruch für Peterson-Alarm: Don't let the bastards grind you down.
Wenn man träumt, dass man nackt auf einer Bühne vor Leuten steht, drückt sich darin nicht unbedingt nur die Angst vor sozialer Erniedrigung aus. Es kann damit auch der Wunsch zum Ausdruck kommen, sich selber sein zu dürfen, alle falschen Vorspiegelungen aufzugeben. Der nackte Körper kann demnach das wahre Selbst symbolisieren; die Kleider können das gesellschaftliche Selbst symbolisieren, das dem gerade herrschenden kulturellen Muster entsprechend fühlt und denkt.
Auch nach außen selbstsicher auftretende Menschen leiden nicht selten unter (verdrängten) Ängsten. Doch sind sie bemüht, diese vor ihren Mitmenschen unter vor allem auch vor sich selbst zu verbergen. Der “Nacktheitstraum“ deutet wohl auf so eine Unsicherheit hin. Man befindet sich in einem Raum mit angezogenen Menschen und selber ist man nackt. Die Nacktheit ist peinlich und unangenehm. Oft tritt dieser Traum in Momenten auf, wenn man eine Aufgabe zu bewältigen hat und diese Aufgabe einem über den Kopf zu wachsen droht. Man hat Zweifel, ob man der Aufgabe gewachsen ist (der „Abiturtraum“ geht wohl auch in die Richtung). Ist man wirklich schon groß? Oder tut man nur so? Steht man nicht kurz davor, ob seiner Unzulänglichkeit bloßgestellt zu werden? Gestern begegnete mir ein junger Mann mit Down Syndrom. Er schien überaus glücklich und gut gelaunt zu sein. Befindet er sich noch im Paradies? Hat er überhaupt in den Apfel gebissen? Ist er sich sich „bewusst“ geworden? Wer kann von sich behaupten, seiner vollständig bewusst zu sein? Wer ist diese Person, die so wacker durch das Leben ackert? Die doch letztlich so hilflos ist. Die, wenn es am Ende darauf ankommt, wieder zu Staub wird? Sie ist und bleibt ein Geschöpf. Und unterliegt von Anfang bis Ende Einflüssen und Bedingungen, die dieses nicht beeinflusst. Es kann hilfreich sein, sich dessen bewusst zu sein. Es nicht zu vergessen. Das hohe Ross, es ist nur geliehen.