112-Peterson: Lähmende Schuldgefühle loslassen

Ich habe viele Menschen getroffen, die selbstmordgefährdet und nicht bereit waren, für sich zu sorgen, weil sie sich so schuldig fühlten. Schuldig dafür, wer sie sind und dafür dass sie überhaupt auf der Welt sind, sodass sie das Gefühl hatten, dass sie es nicht wert sind, dass man Aufhebens um sie macht. Sie alle hatten ihre eigenen besonderen Gründe, das zu glauben: Ihre eigenen Misserfolge, ihre eigenen unverhältnismäßigen Opfer, ihre eigenen Handlungen individueller Böswilligkeit.

All das ist in alten Geschichten auf eine schrecklich schöne metaphorische Weise zusammengefasst. Und diese Geschichten erklären uns auch, warum unser Gewissen nicht mit uns zufrieden ist, und warum wir immer das Gefühl haben, dass es etwas Unerledigtes gibt, das wir in der Welt tun sollten, was übrigens ein viel besserer Weg ist, als in Nihilismus und Katastrophe zu versinken. Also im Grunde geht es um Folgendes: Wir sollten uns selbst behandeln, als wären wir jemand, dem wir helfen müssen. Wenn wir das nicht tun, müssen wir uns fragen: Warum nicht? Die Antwort ist: Weil mit uns vieles nicht stimmt.

Es ist schwer, sich auf eine tiefe und nicht naive Weise in Liebe und Fürsorge zu üben, um mit solchen Schuldgefühlen umzugehen, aber man tut es für Menschen, die man trotz ihrer Unzulänglichkeiten liebt. Es gibt außerdem die Vorstellung, dass es einen Funken Göttlichkeit in uns gibt, und es ist möglich, dass die Tatsache, dass wir diesen Funken Göttlichkeit in uns tragen, auch bedeutet, dass wir die Fähigkeit haben, dieser schrecklichen Verletzbarkeit zu widerstehen. Wenn man seine Schultern strafft und aufrecht steht, kann man tatsächlich freiwillig den Ansturm der Tragödie des Seins akzeptieren. Und außerdem die Neigung zur Böswilligkeit, die ein Teil von uns und ein Teil der Welt ist, eindämmen. Darin können wir unseren eigenen inneren Wert und unsere eigene Noblesse erkennen und all das kann mächtiger sein als die Kräfte der Verletzlichkeit und Böswilligkeit. Ich persönlich glaube daran. Und ich glaube, dass dieser Komplex in gewisser Weise das grundlegende Merkmal des Glaubens ist.

Wir können uns selbst in Ordnung bringen

(...)

Ja, das Leben ist mitunter so schwierig, wie es scheint, und wir sind grundsätzlich so verletzlich und schwach, wie wir nun einmal sind, und gekennzeichnet durch die schreckliche Neigung, uns selbst und anderen bewusst Leid zuzufügen. Dennoch tragen wir etwas in uns, das auf Ordnung und das richtige Verhalten ausgerichtet ist, sodass wir dazu fähig sind, wie Abel die richtigen Opfer zu bringen. Wir können uns selbst in Ordnung bringen, wir können unsere Familie in Ordnung bringen, und wir können die Welt in Ordnung bringen.

Und allein die Tatsache, dass dies im Bereich des Möglichen liegt, bedeutet, dass wir eine moralische Verpflichtung haben, die Verantwortung auszuüben, uns um uns selbst zu kümmern. Weil wir wichtig sind. Und wenn wir das richtig machen, könnte sich herausstellen, dass das, was wir tun, tatsächlich von Bedeutung ist. Dass es für uns von Bedeutung ist, dass es auf die Art und Weise sinnvoll ist wie es Dinge von Bedeutung nun einmal sind, und zwar für alle um uns herum.

 

Dies ist ein Auszug aus einem Vortrag von Jordan B. Peterson. Hier geht's zum Auszug.

Foto: jordanbpeterson.com

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Esther Burke / 01.01.2020

“...bewahre uns - und die uns Anvertrauten - im Geist der Seligpreisungen : der Freude, der Einfachheit, der Barmherzigkeit…” (Fr.R., Taize´) Barmherzigkeit auch zu sich selbst.

Werner Arning / 01.01.2020

Im religiösen Sinne kann „Schuld“ bedeuten: Das Abwenden von Gott. Schuld verursacht Unruhe. Davon scheinen alle Menschen zunächst betroffen zu sein. Die Suche nach Gott kann den Versuch bedeuten, Schuld zu tilgen und die Unruhe zu beenden. Das (Wieder-)Finden Gottes kann die Erlösung von der Schuld bedeuten. Diese kann bedeuten, Ruhe zu finden in Gott.

Karla Kuhn / 01.01.2020

Als Agnostikerin bedanke ich mich beim “lieben Gott”, daß er mir nur nützliche Dinge in mein “Körbchen” gelegt hat. Agnostikerin deshalb, weil KEIN Mensch beweisen kann, daß es einen Gott gibt und KEIN Mensch beweißen kann, daß es keinen gibt. “Lähmende Schuldgefühle loslassen”  da muß die Frage gestellt werden, WAS für Schuldgefühle. Wer vorsätzlich und aus niederen Beweggründen einen Menschen ermordet, sollte solche Schuldgefühle haben. Hat sie aber meist nicht, wahrscheinlich ist im “Oberstübchen” nicht alles in Ordnung. Der Frankfurter Hauptbahnhof Mörder eines achtjährigen Jungen, der angeblich seit 15 Jahren in der Schweiz bestens integriert war, soll plötzlich psychisch krank geworden sein und hat mal aus diesem Grund erst die Mutter, dann ihren Sohn auf die Gleise gestoßen ? Und bei einer älteren Frau hatte er es ebenso versucht ??  Für mich scheint da sehr viel Haß im Spiel zu sein. Ob dieser Mann von “lähmenden Schuldgefühlen” erdrückt wird, möchte ich bezweifeln. Abgesehen davon, wird bereits im Elternhaus die Saat gestreut für unser weiteres Leben. Für solche Menschen scheint es schwer zu sein, sich davon zu befreien. “Wir können uns selbst in Ordnung bringen, wir können unsere Familie in Ordnung bringen, und wir können die Welt in Ordnung bringen.” AHA , erstes vielleicht, dazu gehört Selbsterkenntnis, zweites klappt selten ohne Zwang, und drittens ist eine riesengroße Illusion, die niemals umsetzbar sein wird, dazu ticken wir ALLE völlig unterschiedlich. Ich bin schon froh, daß ich mit mir selber im reinen bin und daß meine Familie ganz gut gelungen ist, die WELT verändern überlasse ich anderen. Den GRÖßENWAHNSINNIGEN !  Die sind ZUM GLÜCK allesamt gescheitert !  Die heute am Werk sind, werden scheitern !

toni Keller / 01.01.2020

Diese Beitrag steht, obwohl er wahr ist, diametral gegen den Schuldkult der hierzulande zelebriert wird.

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