Ralf Ostner / 02.01.2017 / 16:00 / Foto: Mario Carneiro / 0 / Seite ausdrucken

Merkel und Trump in Gebärdensprache

Von Ralf Ostner.

Ich hatte bei einer Weihnachtsfeier die Gelegenheit eine Gebärdendolmetscherin kennenzuzlernen und wollte da einmal mehr wissen. Zuerst ist interessant, dass es keine internationale Gebärdensprache gibt, sondern wirklich jedes Land seine eignene Gebärdensprache hat–ob nun Deutschland, Österreich, England, die USA, China, Indien, Russland, Brasilien oder Palau. Dabei hatte ich gedacht, dass es so eine Art Leitsprache gibt, die sich international wie das Englisch durchsetzt–weit gefehlt. Nicht einmal zu einem Gebärdensprachen-Esperanto reicht es, auch der allen Jugendlichen verständliche “Fuck”-Mittelfinger ist nicht standartisiertes Gebärdensprachgut.
 
Vor allem aber interessierte mich: Wie "sagt" man Merkel und Trump in Gebärdensprache? Ich hatte bei Merkel eigentlich ihre Handraute erwartet. Weit gefehlt. Zumindest die österreichischer Gebärdensprache mimt mit den Zeigefingern der beiden Hände Merkels nach unten hängende Mundwinkel nach. Oder aber die andere Variante: Man zeichnte mit beiden Händen die Länge ihres Frisurendes auf den Schultern nach.

Trump wird ebenso frisurentechnisch in Gebärdensprache übersetzt. Mit der rechten Hand deutet man mit einer wischenden Handbewegung überhalb der Stirn einen  Rechtsscheitel an, der aber auch für wirr im Kopf gedeutet werden könnte. Die Gebärdensprahce ähnelt also etwas der Karikatur, da sie körperliche Alleinstellungsmerkmale als Hilfsmittel des Wiedererkennungswertes einsetzt. Des weiteren werden über die Stellung der Hände auch die Zeitformen angegeben. Sind die Hände nah an der Brust, so bedeutet dies Vergangenheit, sind sie auf mitteler Höhe ist dies Gegenwart und sind sie weiter vom Körper entfernt heißt dies Futur und Zukunft.

Ein weites Feld für Scharlatane und U-Boote
 
Gebärdendolmetschen findet man beim ARD, ZDF und ORF auf Phönix TV, ich schalte dann regelmäßig nach anfänglicher Neugier wieder auf die originale Tagesschau oder das Heute Journal oder die ZIB-Ausgabe ohne Gebärdendolmetscher, da mich das Gefuchtle nervös macht und eine Reizüberflutung ist, zumal man eben nichts versteht. Ich versuche zwar Erklärungen zu finden, was die eine oder andere Geste denn dolmetschtechnisch bedeuten könnte, aber das meiste bleibt ein Rätsel.
 
Witzig ist auch, wie hochrangige Politker und Prominente Gebärdendolmetschern ausgeliefert sind. Bei der Beerdigung von Nelson Mandela in Südafrika wurde ein Gebärdendolmetscher eingesetzt, der in Wahrheit ein Scharlatan war. Den tauben Menschen im Stadion fiel zuerst auf, dass es sich um einen Betrüger oder ein U-Boot handelte. Scheinbar fuchtelte der gute Mensch einfach nur wahrlos mit den Händen umher, während die angetretene Politikprominenz darauf vertraute, dass jedes ihrer bedeutungsschwangeren Worte auch angemessen in Gebärden übersetzt würde.

Es wäre übrigens auch denkbar, dass ein Gebärderndolmetscher die Gunst der Stunde nutzt, um eine demagogische, hochpolitische oder satirische Reden zu inszenieren. Also etwa “Es lebe die Revolution” oder “Wie gut, dass es Mc Donalds gibt” (Produktplacement) oder aber “Nieder mit den FIFA-Bonzen”. Ob es sich um einen Scharlatan handelte oder um einen gewitzten Demagogen, der unbotmässige Botschschaften in die Welt der tauben Menschen fuchtelt, könnten die meisten Hörenden jedenfalls nicht beurteilen.

Ralf Ostner, 51, ist Diplompolitologe und Open-Source-Analyst, er arbeitet als Übersetzer für Englisch und Chinesisch. Mehr vom Autor finden Sie hier

Foto: Mario Carneiro Di gama Eigenes Werk CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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