Ralf Ostner / 18.10.2016 / 06:00 / Foto: StromBer / 7 / Seite ausdrucken

Daimler-Zetsche im grünen Waschgang

Von Ralf Ostner.
 
Die Grünen haben einen neuen starken Verbündeten. Nachdem Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Stuttgarter Autoproduzenten zuerst mit der Äußerung verunsicherte, dass das Auto ein Auslaufmodell sei und dann schnell zurückruderte, war Daimler-Chef Dieter Zetsche wohl angetan, der allerorten in Sakko, Jeans und Turnschuhen auftritt. Der erste Turnschuhminister der Automobilindustrie weiß sich immer in Szene zu setzen. Die Grünen haben nun erklärt, dass sie es seien, die die deutsche Automobilindustrie vor ihrem Untergang bewahren müssten. Sie wollen nach der Energiewende nun eine Verkehrswende hin zur Elektromobilität einleiten, unter anderem mit der Forderung, dass ab 2030 keine Benziner und Diesler mehr zugelassen werden. Und was macht Daimlerchef Zetsche? Er hat sich auf dem kommenden Parteitag der Grünen als Redner angekündigt.
 
Zetsche fiel in der Vergangenheit vor allem dadurch auf, dass er visionär ein „zweites deutsches Wirtschaftswunder“ durch die Flüchtlingszuströme proklamierte, während es darum inzwischen auffällig still geworden ist und auch die DAX-Unternehmen bisher nur 154 Flüchtlinge in Lohn, Arbeit und Ausbildung gebracht haben. Ein SPIEGEL-TV-Bericht über Porsche liess da den üblichen glatzköpfigen Betriebsrat der IG Metall als Integrationsvorturner auftreten, wobei Porsche 14 Bewerber aus den Hunderttausenden Flüchtlingskontingenten antreten liess und ganze 8 Leute eine Arbeitsstelle fanden. „So schafft man das!“ war der Schlusskommentar von SPIEGEL-TV.
 
Nachdem es nun nichts mit dem neuen Wirtschaftswunder wird, setzt man nun auf eine Verkehrswende – mit Herrn Zetsche als Vordenker und Visionär:
"Wir erwarten, dass sich das Auto von einem Produkt in eine ultimative Plattform verwandelt. Das ist ein fundamentaler Perspektivenwechsel", sagt Dieter Zetsche. Diese Plattform ruhe auf vier Säulen: Vernetzung (Connected), Autonomes Fahren, Sharing und Elektromobilität. Zusammen ergeben die Anfangsbuchstaben das Wort CASE. Zetsche: "Wir haben gerade einen neuen Unternehmensbereich mit diesem Namen gegründet, um diese Themenfelder zusammenbringen".

Wo soll der Strom für 60 Millionen Autos in Deutschland herkommen?

Jedenfalls hat sich mit dem Schlagwortacronym CASE so etwas wie ein Konzept und eine Strategie in den von Google, Apple und Tesla umwälzenden Märkten eingestellt, das wohl die wegweisenden Trends inkorporieren will. Doch während es noch Sinn macht, sich ein Auto als Plattform für andere Technologien und Produkte vorzustellen, so stellt sich nun die Frage. ob die Elektromobilität und das autonome Fahren in absehbarer Zeit kommen werden.

Zum einen bleibt bei der Elektromobilität die Frage, wo der Strom für  60 Millionen Autos in Deutschland herkommen soll, wenn nicht aus neuen Kraftwerken, die mit Kohle, Öl, Gas oder Atomkraft betrieben werden müssten, da man ansonsten Deutschland lückenlos mit Solarkraftwerken und Windparks zupflastern müsste. Ach ist die Batterie-Technologie alles andere umweltschonend, woher soll also der  „klimafreundliche Fahrspaß" kommen? Autonomes Fahren dürfte erst in 20 bis 30 Jahren wirklich praxisreif sein, Car Sharing und Connectivity mit neuen Big-data-Technologien machen aber durchaus heute schon Sinn.

Über den Sinn des "E" in CASE räsoniert auch die SZ:
 
"Dass die meisten Kunden 500 Kilometer Batteriereichweite gar nicht brauchen, ist die Ironie dieses Technologiewandels. Bisher hat kaum jemand die Stromer als Erstauto für die ganze Familie verwendet, geschweige denn Urlaubsfahrten damit geplant. Das Wettrennen um den größten Batterieradius wendet sich also nicht an die umweltbewussten Pioniere, sondern an den komfortorientierten Otto-Normalverbraucher: Einmal pro Woche Tanken ist gelernt. Bloß nicht umgewöhnen! Auch Matthias Müller beschwört in Paris ein 'neues Zeitalter': 'Die Elektromobilität und digitale Vernetzung werden zu Game Changern'. Welche Spielregeln für eine neue Generation von Kunden gelten werden, weiß aber auch das Oberhaupt des Volkswagen-Konzerns nicht sicher zu sagen."

Wohlgemerkt bleibt CASE ein eigenständiger Unternehmensbereich, da Daimler wie auch die meisten Automobil-Hersteller immer noch vor allem auf Benziner und Diesler setzen, die E- und Hybridautos mehr die Exoten bleiben, während die SUVs immer noch Zulauf haben. Aber möglicherweise sieht Zetsche die Grünen als neuen Lobbyistenarm für seine CASE-Unternehmensabteilung. Immerhin macht ja schon Joschka Fischer Fernsehwerbung für Elektroautos von BMW. Da wäre ein Kretschmann in einem E-Daimler oder eine Claudia Roth in einem CASE-VW die nächste Stufe der E-Mobilitätsrevolution.

Ralf Ostner, 51, Diplompolitologe, Open-Source-Analyst, arbeitet als Übersetzer für Englisch und Chinesisch. Mehr vom Autor finden Sie hier

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Leserpost (7)
U. Jakob / 18.10.2016

MIch würde dazu noch sehr interessierfen, wie der Ausfall der Mineralölsteuer durch E-Autos kompensiert werden soll und wem die Lasten dazu aufgebürdet werden. Dazu bewußt bisher kein Wort aus der Politik. Selbst der ADAC hielt eine diesbezügliche Anfrage als nicht beantwortungswert!

Martin Wessner / 18.10.2016

“Worst CASE.” Ansonsten gibt’s da nix zu zu sagen.

Wahl, Joachim / 18.10.2016

Was wird aus D’land? Jetzt buhlen schon Industriebosse um die Gunst der Grünen. Was man von den Vertretern der Energiewirtschaft bereits kennt, sich das Geschäft verderben lassen, um anschließend als anpassungsunfähig beschimpft zu werden, scheint Herr Zetsche jetzt abwenden zu wollen. Daß die E-Mobilität nur der Beschönigung der Flottenemissionen dient, scheint nicht sonderlich zu stören. Neben der Reichweite ist auch die installierte Leistung interessant. Obwohl sich heutige Mittelklassewagen mit 120 kW begnügen, wurden auf der Pariser Autoshow völlig überzogene Antriebe mit bis zu 800 kW gezeigt. Wo die Leistungsdichte herkommen soll? Egal. Wenn die E-Mobilität den urbanen Individualverkehr “sauberer” machen soll, reichen auch 40 kW aus! Das wäre eine Reichweitenverlängerung um das 20fache. Die Frage ist auch, ob sich CASE IH, der amerikanische Traktorenhersteller, seinen Namen ausspannen läßt. Die fahren alle mit sparsamen Dieselmotoren, Gott sei Dank!

Marc Bisop / 18.10.2016

Wann dürfen wir die ersten CASE-Formel 1-Boliden erwarten?

Franck Royale / 18.10.2016

Dieter Zetsche hat offensichtlich noch nicht ganz verstanden, dass die deutsche Automobilindustrie den Weg der deutschen Radio/HiFi/TV-Industrie gehen wird. Und die grünen Sozialisten mit ihrem ewigen Verbotsfetisch haben noch nicht begriffen, dass man “Benziner und Diesler” nicht verbieten muss - sowas erledigt der Markt von selber. Von Daimler wird Ende des Jahrhunderts vermutlich nicht viel mehr übrig bleiben als die Marke, im besten Fall ist Daimler noch ein rentabler Nischenproduzent, der Nostalgieträume für wohlhabende Araber, Asiaten und Amerikaner befriedigt. Elektromobilität wird sich durchsetzen, keine Frage - aber die Fahrzeuge dafür werden nicht in Deutschland entwickelt und gebaut. Die werden dort entwickelt, wo man sich um Fachkräfte und Bildung über Generationen bemüht, nicht um “Flüchtlinge” und Analphabeten aus aller Welt. Die werden dort gebaut, wo man sich für marktwirtschaftliche Prinzipien und gegen ideologische Borniertheit entscheidet.

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