Eine Herde in der Blase

Von Eugen Sorg.

Im Jahre 2008 hatte der Statistiker Nate Silver das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahlen mit verblüffender Treffpräzision vorausgesagt. Messiasfigur Obama siegte, Silver galt als sein Prophet. Im letzten Jahr kündigte der Prognose-Star einen robusten Sieg Clintons über Trump an. Er lag bekanntlich daneben, ebenso wie die allermeisten Politauguren mit ihm.

Auf seiner Website FiveThirtyEight versuchte nun Silver in mehreren lehrreichen Beiträgen zu analysieren, wie es zu diesem krachenden Versagen der medialen und politischen Eliten kommen konnte, wieso eine New York Times, Zentralorgan der globalen linksliberalen Stände, in unzähligen Artikeln bis zuletzt von einem Kantersieg Clintons ausging, ohne einen Trump-Erfolg je auch nur in Betracht zu ziehen.

Als Hauptgrund für diese Blindheit (ähnlich bei der Brexit-Abstimmung) identifiziert Silver «Gruppendenken» und «pack mentality» («Herdenmentalität»). Experten und Journalisten seien relativ homogene Gruppen, die primär auf andere Experten und Journalisten aus der eigenen «Blase» hörten. Und wenn ein «Meinungskonsens» sich einmal etabliert habe, neige er dazu, «sich selbst zu verstärken», und sei kaum mehr zu erschüttern. Widersprechende Realitäten werden übergangen oder umgedeutet, bis sie ins kollektive Narrativ passen. Ausdruck dieser geistigen Uniformität sei auch, dass lediglich sieben Prozent der Journalisten den Republikanern nahestünden und von den 59 wichtigeren Zeitungen nur zwei Trump unterstützten.

Und während vor 50 Jahren gerade 58 Prozent der amerikanischen Journalisten einen Uniabschluss hatten, seien es heute 92 Prozent. Doch ein akademisches Diplom führt offensichtlich nicht zu schärferem Urteilsvermögen, sondern eher zur Fähigkeit, die eigene Dummheit wortgewandt zu formulieren, oder gar zu Ignoranz und Verachtung gegenüber den nicht-akademischen Mitbürgern.

Silvers unaufgeregte Erörterungen sind die vernichtende Bilanz einer Medienkultur, die von «Herdenmentalität» geleitet wird und ihre Seele verkauft hat. Silver, ein Obama-Wähler, würde das ungewaschene Wort nie aussprechen, aber er meint in der Substanz dasselbe wie jene vielen, deren Urteil über die angeblichen Qualitätsmedien längst lautet: Lügenpresse.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung hier.

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Leserpost (3)
Ulla Smielowski / 17.03.2017

92 % der Journalisten in Amerika haben einen Uni-Abschluß... das ist in Deutschland sicher ähnlich.  Gerade an der Uni lernen junge Menschen sehr schnell zu buckeln und zu kratzfüßen, nämlich vor den Professoren, die sich fühlen wie die Herrgötter. Ist es da ein Wunder, wenn die Journalisten keinerlei Rückgrad haben, wenn es um ihre Existenz geht.. Was unterscheidet Gott von einem Professor - Gott weiß, dass er kein Professor ist…

Rüdiger Blam / 17.03.2017

Hervorragend die Formulierung, dass ein akademisches Diplom offensichtlich nicht unbedingt zu schärferem Urteilsvermögen führt, sondern eher zur Fähigkeit, die eigene Dummheit wortgewandt zu formulieren oder gar zur Ignoranz und Verachtung gegenüber nichtakademischen Mitbürgern. Wenn dann noch eine heute übliche Schamlosigkeit hinzukommt, haben wir einen erfolgreichen Politiker vor uns.

Herbert Frankel / 17.03.2017

“Doch ein akademisches Diplom führt offensichtlich nicht zu schärferem Urteilsvermögen, sondern eher zur Fähigkeit, die eigene Dummheit wortgewandt zu formulieren”. Das trifft den Nagel auf den Kopf.

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