Thomas Rietzschel / 26.01.2018 / 15:00 / Foto: Frantisek Dostal / 8 / Seite ausdrucken

Gesehen, gelesen, gehört, verpasst: Auf ein Glas mit Hamlet

Sind Sie schon einmal ins Theater gegangen, nur um zu schauen, wie es da zugeht? Nicht hinter den Kulissen, nicht auf der Bühne, sondern im Foyer, im Parkett, bevor das Spiel beginnt, in der Pause und zum Schluss, wenn der letzte Vorhang gefallen ist? Ich hab mir den Spaß vor einigen Tagen gemacht. Wo, das ist ohne Belang, da jeder das Gleiche andernorts erleben könnte, würde er sich unter seinesgleichen – im Publikum – umschauen.

Für mich war die Gelegenheit diesmal günstig. Für den Kritiker gab es, wie sich schnell herausstellte, nichts zu tun. Die Aufführung, die ich mir ansehen sollte, war der Rede nicht wert. Es blieben mir drei Stunden, um zu verfolgen, wie sich die Zuschauer aufführten, wie sie sich kostümiert hatten, sich in die Handlung einmischten und die Darsteller am Ende noch ordentlich in die Pflicht nahmen.

Aus Gewohnheit trug ich einen dunklen Anzug, ein hellblaues Hemd mit offenem Kragen (man geht schließlich mit der Zeit) und dazu schwarze Schuhe: Never brown after six. Dass das keineswegs mehr zwingend geboten war, wusste ich durchaus. Nun aber, bei der näheren Betrachtung meines Umfeldes, kam ich mir geradezu mumifiziert vor, overdressed zwischen all den Herren in bequem ausgetretenem Schuhwerk, Sandalen und Boots.

Die Etikette einer Fussballgesellschaft

Während die Kleidung der Damen nach wie vor die Freude an einer auffälligeren Eleganz erkennen ließ, wirkten die Männer wie vom Sofa gefallen. Meist nur angezogen mit einem Hemd, öfter kurzärmelig und mitunter großflächig kariert, locker heraushängend über Hosen, die seit ihrer Anschaffung von keinem Bügeleisen traktiert wurden. Vorherrschend war die Etikette der Fußballgesellschaft.

Der Kleidung entsprach das Verhalten während der Aufführung, gegeben wurde eine klassische Operette. Nach jedem Solo, kaum dass die Sänger auf der Bühne einmal Luft holten, brandete Beifall auf. Das Ensemble musste jedesmal kurz unterbrechen, der Reigen der Melodien stockte. Es ging zu wie bei Helene Fischer, wo die Fans nach jedem Schlager außer Rand und Band geraten. Dass sie jetzt nicht gleich mitsangen, war wohl allein mangelnder Textsicherheit zu verdanken. Kaum eine Frau, kaum ein Mann, die sich da nicht wenigstens applaudierend einbringen wollten. Hat man doch dafür bezahlt, seinen Spaß zu haben, sich in der Freizeit gehen zu lassen, nicht irgendwelchen gesellschaftlichen Normen zu genügen oder auf die Kunst Rücksicht zu nehmen.

Die Sänger waren genötigt, gute Miene zu dem dreisten Verlangen zu machen. Nur zaghaft wagte es die Regie, den mindesten Respekt einzufordern. Bevor sich der Vorhang hob, hatte eine Stimme aus dem Off darum gebeten, „während der Vorstellung nicht zu trinken und zu essen“. Ob das allen einleuchtete, muss hier dahingestellt bleiben. Sehr wahrscheinlich scheint es mir nicht. Ist es ja nicht zuletzt das moderne Regietheater gewesen, das den kreatürlichen Lebensfunktionen eine alles überragende Bedeutung verleihen wollte. Jahrzehntelang wurden die Darsteller dazu abgerichtet, auf offener Bühne zu kopulieren, zu urinieren und sich anders noch zu entleeren.

Eine Brotzeit im Parkett – warum nicht?

Warum sollten dann die Zuschauer nicht berechtigt sein, im Parkett und auf den Rängen ihren leiblichen Genüssen zu frönen, bei einer Brotzeit mit stillem Wasser, Wein oder Bier? Warum sollten sie nicht Hamlet auf ein Glas zu sich herunter bitten, damit er sich „locker macht“?

Nein, soweit ist es noch nicht. Soweit könnte es aber kommen, wo die Besucher ermuntert werden, sich im Theater aufzuführen, wie sie es sonst nach Feierabend in den eigenen vier Wänden tun. Noch lebt das Theater von den Restbeständen einer Aura des Herausgehobenen. Allein die Grenzen zwischen der Bühne und dem Saal verfließen zusehends. Schon heute müssen die Künstler, die singenden zumal, ihren Zuschauern gehorchen.

Mit dem Kauf einer Eintrittskarte glauben viele, nach dem Ende eines Konzertes oder einer Operette und sogar nach dem einer Oper den Anspruch auf Zugabe um Zugabe erworben zu haben. Bis zur Erschöpfung werden die Sänger herausgefordert. Mit Begeisterung hat das alles herzlich wenig zu tun. Eher erinnert es an einen Machtkampf: Wollen wir doch mal sehen, wer hier länger durchhält, ob wir für unser gutes Geld nicht noch einen oben drauf bekommen.

Ganz neu ist das freilich nicht. Als Richard Tauber, einer der überragenden Tenöre der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Dresdner Semperoper eines abends immer wieder vor den Vorhang musste, weil die Leute einfach keine Ruhe gaben, soll er ihnen schießlich zugerufen haben, dass sie ihn „am Arsch lecken“ könnten.

Wer würde sich das heute noch trauen? Täte es einer, würde ich ihm applaudieren, bis sich der letzte Zuschauer beleidigt davongemacht hätte. 

Foto: Frantisek Dostal CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (8)
Sabine Heinrich / 26.01.2018

Glücklicherweise geht es in der Kleinstadt, in der ich lebe, noch gepflegt zu - sowohl was die Kleidung als auch das Verhalten betrifft. Aber schon in der nicht weit entfernten Großstadt (Altstadt ist Weltkulturerbe) musste ich bei mehreren begeisternden Konzerten in Kirchen erleben, dass einige Zuhörer ihrer Begeisterung durch schrille Pfiffe Ausdruck verliehen. Dass während eines Konzertes - ich rede nicht von Rockkonzerten - auf Smartphones herumgetippt (sehr lästig, wenn man so eine Nachbarin hat) und auch noch fotografiert wird, ist ungezogen. Für den konzentrierten Besucher schmilzt der Genuss dahin. Warum Dirigenten meist nicht darum bitten, auf die Nutzung von Smartphones zu verzichten, verstehe ich nicht. Die meisten Besucher wären dankbar, während eines Konzertes/ einer Aufführung nicht durch die leuchtenden Displays von rücksichtslosen Handynutzern gestört zu werden. Übrigens: Anfang der 80er Jahre war ich in Peking und habe mir eine chinesische Oper angesehen. Es war selbstverständlich, dass während der Aufführung gegessen, sich laut unterhalten wurde und Kleinkinder, die mal mussten, dies einfach in den Gängen im Theatersaal tun durften. Ich nehme an, dass dies in Peking/in China nicht mehr üblich ist. Der Verfall der Sitten wird bei uns hoffentlich nicht so weit führen; wenn man sich allerdings ansieht, wie selbst in Opernhäusern und Theatern manchmal die Toiletten aussehen, kommen doch Zweifel auf. Begrüßenswert fände ich auch, wenn sich Frauen und Männer durchweg dem Garderobenpersonal gegenüber freundlich und höflich verhalten würden. Auch das hat etwas mit Kultur zu tun!  

Wieland Schmied / 26.01.2018

Tja Herr Rietzschel,  >Prole Drive< halt, allenthalben und überall, zu jeder Tages-und Nachtstunde. Weite Teile der Gesellschaft sind am Ende. Der Prophet kommt nicht zufällig zur für ihn richtigen Zeit in dieses Land und den Kontinent, den es einst - auch künstlerisch - so sehr befruchtete. Ihnen besten Dank für die ausschnittsweise tragikomische Revue des Zustandes hiesigen Theatergeschehens.

Franz Peter / 26.01.2018

Da hatten Sie mit der Wahl Ihrer Spielstätte offensichtlich noch Glück. Beim Theaterbesuch einer Kultur- & Landeshauptstadt sieht nicht nur ein Großteil der Männer wie von Ihnen beschrieben aus, nein auch die Damen wirken, als wären sie zum Geburtstag der Gartennachbarin in der Vereinslokalität “Zur schönen Aussicht” geladen. Nähere Beschreibungen erspare ich mir ..... Meine Frage in einem Forum, wo man noch entsprechend gut (nicht überzogen!) gekleidete Menschen treffen und einen netten Abend verbringen könnte, bekam ich den Hinweis: Im Spielkasino. Dort dürfe man nur mit guter Garderobe Eintritt begehren. Ich habe das noch nicht überprüft. Was lehrt es uns, wenn im (Regie)Theater eine allgemeine äußerliche Vernachlässigung akzeptabel wird und “die Hölle des Glücksspiels” sich zum letzten Refugium bürgerlicher Kultur aufschwingt? (Die netteste Anekdote: In der 1. Reihe einer musikalischen Revue-Show telefoniert eine Besucherin mit ihren Handy so laut, dass die Vorstellung unterbrochen wird, um die Dame zur Ruhe zu bitten. Woraufhin sie laut mitteilt: “Aber es ist wichtig” und weiter spricht. Nein das habe ich mir nicht ausgedacht.)

Karla Kuhn / 26.01.2018

“Während die Kleidung der Damen nach wie vor die Freude an einer auffälligeren Eleganz erkennen ließ, wirkten die Männer wie vom Sofa gefallen. Meist nur angezogen mit einem Hemd, öfter kurzärmelig und mitunter großflächig kariert, locker heraushängend über Hosen, die seit ihrer Anschaffung von keinem Bügeleisen traktiert wurden. Vorherrschend war die Etikette der Fußballgesellschaft. ”  In einem Land, wo das Fernsehen in viele Fällen vormacht, daß Moral und Anstand überholt sind, was erwarten Sie denn dann von einer bestimmten Klientel ? Abgesehen davon, daß einige (oder auch viele) Männer nur ihren Frauen zuliebe mit ins Theater gehen. Im Fernsehen kann ich immer mehr “bewundern”, daß die Akteure (ob Mann oder Frau) z. B. nach Hause kommen, sich nicht die Hände waschen, sofort zum Kühlschrank gehen und dann bereits am Nachmittag sich den Rotwein regelrecht reinsaufen. Manchmal nehmen sie eine Flasche Milch oder Wasser und trinken natürlich aus dieser, pfui Teufel.  Zum Glück sind in unserer Familie und bei meinen Freunden und Bekannten diese Sitten nicht an der Tagesordnung. Was das Theater angeht, die Inszenierungen sind oft derart gewöhnungsbedürftig, daß ich seit Jahren kein Theater mehr betreten habe. Ich hatte das große Glück, weil wir direkt im Theater gewohnt haben, daß ich von meinem achten Lebensjahr (Hänsel und Gretel) bis zu meinem dreißigsten, jedes Theaterstück, ob Drama oder Lustspiel, jede Oper, Operette, auch Varietee und Kabarett und wunderbare Lichtbildervorträge kostenlos anschauen durfte. Ich war Stammgast im Theater und damals waren alle Gäste festlich gekleidet. Allerdings waren auch die Inszenierungen und die Bühnenbilder wunderschön. Es hat sich sehr vieles geändert und leider oft nicht zum positiven.

Dirk Jungnickel / 26.01.2018

Die Kritik ist durchaus angebracht. In Berlin kann man bei einem exquisiten Residenzkonzert in Barock - Kostümen mit VIP - Abendessen im Charlottenburger Schloss durchaus Zuhörer in Jeans erleben; gleiche Stillosigkeiten in der Philharmonie. Bleibt zu hoffen, dass Berlin nicht die Regel ist. Nur: Wenn sich der Autor vielleicht “Die Fledermaus”  oder “Frau Luna”  oder ähnlichen musik - untermalten Schwachsinn antut, kann er auch seine Erwartungen an das ‘verehrte’  Publikum nicht zu hoch schrauben. Oder wenn sich profilierungssüchtige Regisseure am sogenannten modernen Regietheater versuchen, dann dürften lässig gekleidete Fans jubeln, wenn Hamlet mit Yoricks Schädel Fußball spielte…. usw.

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