Jesko Matthes, Gastautor / 09.02.2018 / 16:30 / Foto: Hani.md / 0 / Seite ausdrucken

Genießen Sie den Augenblick!

Derzeit steige ich gern aus aus dem Alltag der Koalitionsspielchen, der Gender-, Energie-, Europa-, Donald-Trump-Diskurse und Migrationsdiskussionen. In allen Fällen bin ich irgendwie froh, dass sie wenigstens stattfinden und erwarte mir nichts von ihnen. Ich bin schnell gelangweilt und werde leicht überdrüssig, das wussten schon meine Eltern. Ich bereite mich lieber vor auf die Dinge, die ganz von selbst kommen.

Nächstes Jahr ist es so weit, wir haben eine Jubilarin zu feiern. Es ist die Fotografie. Sie wird 180 Jahre alt. 1839 war ihr annus mirabilis. Daguerre und Niépce präsentierten die erste wirklich funktionsfähige Kamera, das heißt, eine, die die Fotos auch dauerhaft einfangen konnte. Sie mussten in einem gemeingefährlichen, alchemistischen Prozess mit Quecksilber beweihräuchert werden, und das nach absurd langer Belichtungszeit.

Darum ruhen auf frühen Fotografien Arme auf Stuhllehnen und sind Kinder oft verwaschene Schatten; Stillhalten war gefragt. Fotografie kostete Zeit, sie hatte mit Langeweile zu tun. Und dennoch ließ sich bald jeder fotografieren, der es sich leisten konnte. In Paris wurde es Mode – nachdem Fox Talbot sein einfacheres, reproduzierbares Negativverfahren erfunden hatte – seine carte de visite mit einem würdigen Bild seiner selbst auszustatten.

Binnen fünfzig Jahren war nahezu alles erfunden, das wir heute selbstverständlich finden, Hochleistungsobjektive kamen von Petzval aus Wien und von Goerz aus Berlin, die Filme wurden empfindlicher, selbst die Farbfotografie – sehen Sie die irrsinnig schönen Bilder des Sergei Prokudin-Gorski – ist schon über hundert Jahre alt. Vater erzählte, auf dem Jahrmarkt in Berlin stand ein Photo-Automat, Vorläufer unserer fast vergessenen Passfoto-Automaten, und irgendwo konnte man einen in einer Box rotierenden Ultrakurzfilm der Brüder Skladanowsky bestaunen.

Die Motive ändern sich nicht

Nur die Motive änderten sich lange nicht, sie entstammten der Malerei. Das Portrait, die Landschaft, das Stillleben, der Akt, das Tier, die historische Szene, die Genreszene. Sport und Reportage – der Schnappschuss – kamen erst mit dem ausreichend empfindlichen Film und den Objektiven mit niedriger Blendenzahl in den 1920er Jahren. Einer der ersten und gleichzeitig allergrößten Fotografen war der unvergleichlich freche und ebenso einfühlsame Erich Salomon, der König der Indiskreten, der mit seiner Ermanox bis in die geheimsten Zimmer der Diplomatie vordrang und müde oder genervte Politiker aufnahm: einen mürrischen Gustav Stresemann, einen lachenden Aristide Briand, später, schon mit der Leica, Marlene auf ihrem Bett. Salomon selbst muss ein Weiser gewesen sein, ein Meister der Einfühlung und der Diplomatie. Nur einen Fehler machte er. Er kehrte aus den USA nach Deutschland zurück. Er bezahlte diese einzige Undiplomatie seines Lebens mit dem eigenen Tod: in Auschwitz.

Fotografie hat immer mit den großen Dingen zu tun. Denken Sie daran, wenn sie ein Selfie machen. Vor allem, wenn Sie noch so altmodisch sind, es nicht im Handy oder auf der Festplatte verkommen zu lassen, sondern es in ein Album zu kleben. Gehen Sie auf Flohmärkte. Blättern Sie in alten Fotoalben. Neulich bekam ich eines in die Hand, das zeigte den Waggon in Compiegne und Hitler lachend im Kreise seiner Paladine und Schergen. Es hatte einem Freund eines Bekannten gehört, der Fotograf war in einer Propagandakompanie. Er war, laut Tagebuch, auch in Kiew, in Babi Jar. Außer, dass er dort Musik machen musste aus dem Propagandawagen, und dass der danach einen Motorschaden hatte und er sich freute auf den Heimaturlaub, hat er nichts notiert und nichts fotografiert. Auch die Leerstellen sind wie Momentaufnahmen, wenn man sie zu lesen gelernt hat.

Ich sehe die Fotos aus meinen Familienalben, sie beginnen etwa 1916. Ich erkenne meinen Vater, in einer Berliner Kneipe, sogar dort im Nadelstreifenanzug, mit Katze auf dem Arm, später in der Uniform des Kaiserreichs, Großmutter als sehr attraktive, elegante junge Frau in Clausheide, als Hauslehrerin bei den Krupps. Auch ein Foto meines Großvaters aus dem Jahre 1912 ist schon dabei, im Kreise von Kollegen der Universitäts-Frauenklinik Königsberg, einen Säugling auf dem Arm, dabei auch ein ausgestopfter Klapperstorch. Aus seinem zweiten Krieg gibt es ein paar Aufnahmen von Großvater in Uniform, eine Weinflasche und eine Zigarrenkiste in der Hand, auf Etappe, und zwei mit seinem Oberst, Hermann von Mallinckrodt, dem der Widerstand gegen Hitler zum Verhängnis wurde, wie so vielen anderen.

Dann Großvater im Trenchcoat und mit müdem Hut, auf Kur in Bad Salzuflen in den 1950er Jahren, und danach wieder im weißen Kittel in dem, was da schon ein paar Jahre lang DDR war. Irgendwann vorher taucht mein ausgemergelter Vater auf, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, viel später erst meine Mutter, als müde brünette Ärztin im Aufenthaltsraum des Operationssaales, mit Zigarette, und erst lange danach bin ich zu sehen, winzig und rosig in Agfacolor, neben der Badewanne, in Frottee gewickelt.

Die Fotografie hat mich gerettet

Sowas landet dann auf dem Flohmarkt oder im Müll, irgendwann. Die Fotografie hat eine sehr seltsame, eigenartige Besonderheit, die sie mit dem Tonband teilt, wenn es gut erhalten ist. Sie hält etwas fest, das aussieht oder klingt, als wäre es gestern gewesen. Dabei ist es ewig her. So kommt es, dass Susan Sontag schreibt, alle  Fotografie hätte mit dem Tod zu tun, weil sie einen Moment einfriert, der schon tot ist, sobald ich die Fotografie betrachte. Auch darum sorgen berühmte Fotografen für Baryt- oder Silberhalogenidabzüge, in jedem Fall für Prints, die lange halten. Wert und Dauer sind fast synonym, und so ist es mit allen Werten, auch denen, die zur Disposition stehen. Neue Werte sind lange nichts wert, bis jemand entdeckt, wie langlebig sie sind. Aber auch Seuchen sind langlebig, wie alles, das sich schnell verbreitet. Auch deshalb hat das Selfie mit dem Tod zu tun.

Sie merken schon, das Thema wird trist. Es hat damit zu tun, wie ich zur Fotografie kam, und ich kann sagen, sie hat mich gerettet. Mit etwa dreizehn Jahren wurde ich depressiv. Pubertätskrise. Ich erinnere mich, vorher, an die Ehekrise meiner Eltern, an die Krebserkrankung meines Vaters, den Tod meiner Halbschwester. Danach war alles bleischwer, wurde alles langweilig. Die Schule interessierte noch, ein bisschen. Und ich lernte den Pastor Hinrich Korporal kennen, wir saßen in Mampe's guter Stube am Tauentzien, in Berlin, und aßen Ragout Fin. Joseph Roth hatte auch dort gesessen, so erzählte der Pastor, und dort, stets angetrunken, einen seiner herrlichen Romane geschrieben, Radetzkymarsch.

Der Pastor hielt etwas Faszinierendes in den Händen, eine kleine schwarze Kamera mit ausklappbarem Objektiv, eine Minox 35. Erst später erfuhr ich, dass auch Andy Warhol sie benutzte. Ich langweilte mich zu Tode, alles war öde und leer, und es sollte noch schlimmer kommen, aber die Kamera interessierte mich. Ich fiel fast um und weinte, als sie zu Weihnachten auf dem Gabentisch lag, im Kerzenschein, und ich hüte sie noch heute, vor zehn Jahren repariert. Im Fotomagazin stand damals, dass ihre Bilder von denen einer Leica mit Weitwinkel nicht zu unterscheiden waren, und fortan waren wir unzertrennlich.

Mit knapp siebzehn war der Tiefpunkt erreicht. Ich erhielt meine erste und einzige Ohrfeige: „Wenn du das noch einmal denkst, was du da gerade gedacht hast, dann zwingst du mich dazu, das auch zu denken!“ So schrie mich Mutter an. Ich hatte kein Wort gesagt. An diesem Tag an Suizid gedacht, das hatte ich. Alle meine Freunde hatten sich zurückgezogen, auch der mit der Minolta XG-9, oder ich mich von ihnen? Meine Freundin hatte mich für einen fröhlichen Typen verlassen, mit dem ich eng befreundet gewesen war.

Wochen später, es war Sonnabend, warf Mutter mich hinaus, auf Zeit. Ich erhielt einen Auftrag, in deutlichen Worten: „Ich kann nicht mehr mit ansehen, wie du hier herumhängst. Du gehst jetzt in den Keller, nimmst dein Fahrrad und machst eine Tour, wohin du willst. Damit du weißt, warum, nimmst du die Kamera mit. Fahr zuerst zu Foto-Quelle im Forum Steglitz und kauf Filme, das Geld hast du. Wenn du etwas siehst, das dich interessiert, dann mach ein Foto. Wenn du willst, zeige sie mir. Und nun raus, es ist Frühling!“

Sport und Fotografie

In jedem zweitklassigen Lehrbuch lese ich heute, dass Sport und Kreativität gegen Depressionen genauso wirksam sind wie irgendwelche Pillen. Mutter, die Chirurgin, tat instinktiv genau das Richtige. Schon auf dem Weg zu Foto-Quelle war ich damit beschäftigt, das Licht einzuschätzen, trübe. Ich entschied mich für 27 DIN, 400 ASA, schwarzweiß. Der Film kostete 99 Pfennig. Heute lese ich, dass Depressive gern schwarzweiß fotografieren. Nebenbei wuchs ich. Aus einem Dickerchen wurde ein schlanker junger Mann, der jedes Wochenende zweimal vierzig bis sechzig Kilometer zurücklegte. Ich landete irgendwo, im Zoo, am Landwehrkanal, wo Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet worden waren, am Reichstag, am Teltowkanal, in Kreuzberg, am Wedding, am Flughafen Tegel, am versperrten Brandenburger Tor.

Ich begann, mit Touristen und Berlinern zu reden, häufig genug über die Kamera. Ich roch im Sommer den Zweitaktduft aus Ost-Berlin. Meine schulischen Leistungen zogen wieder an, das nächste Mädchen interessierte sich für mich, die Sache scheiterte. Automatisch stieg ich auf’s Fahrrad und begann zu fotografieren. Die Fotografie hat mich gerettet. Vor nichts habe ich so viel Angst wie davor, wieder depressiv zu werden, und nichts fasziniert mich annähernd so wie die Fotografie. Und Frauen. Und Politik.

Das danke ich vielen, zuerst Mutter, dann dem Pastor mit der Minox, danach den ganz Großen, Erich Salomon vor allem, Helmut Newton auch. Sie haben mir ein Geschenk gemacht: die Kamera und das Sehen, das Hinsehen, das Einfühlen, das Nachdenken, das Genießen einer so toten und langweiligen und banalen Sache, das absurde Spaßhaben an der Depression, den Schutz der Kamera zwischen mir und der Welt, dazu das Jungbleiben, das Fotografieren. Gerhard Schröder, Wolfgang Thierse und Angela Merkel habe ich auch schon fotografiert. Von ganz nah. Zufall. Näher ran gehen. Einfühlung. Wenn ich Zeit habe, klebe ich auch sie in mein Album.

Ich habe ein Bitte: Warten Sie mit Ihrer Kamera oder Ihrem Handy nicht auch noch auf die automatische Motivklingel. Genießen Sie den Augenblick. Bewegen Sie sich. Und kleben Sie Fotos in ein Album. Das hilft. – Fotografieren Sie!

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