Thomas Rietzschel / 16.10.2017 / 19:20 / Foto: Pete / 17 / Seite ausdrucken

Die verlorene Unschuld der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Was immer man von der FAZ bislang halten mochte, dass ihre Redakteure einmal in den Tonfall linker Kampfblätter verfallen könnten, war unvorstellbar. Selbst wer das Blatt, hinter dem stets „ein kluger Kopf“ stecken sollte, nicht mochte, konnte ihm nie vorwerfen, die Leser absichtlich belogen zu haben. Sicher wurde nicht immer über alles berichtet, ist das eine oder andere unter den Tisch gefallen. Was man schrieb, war aber allemal faktisch fundiert. Es hatte Hand und Fuß.

Auch der Versuchung plumper Verhetzung und Diffamierung sind die Autoren nicht erlegen. Sie wahrten Stil und Anstand - bisher. Tempi passati, liest man den Bericht über die Buchmesse in der Rhein-Main-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 15. Oktober 2017.

Auf kärglichen 33 Zeilen dieses Artikels - er trägt die Überschrift „Verlorene Unschuld“ - gelingt es Florian Balke, gleich vier Sachverhalte insinuierend zu verfälschen. Sei es, dass er nicht bewiesene Zusammenhänge konstruiert, Tatsachen darstellt, als handele es sich um Fake News, oder sei es, dass er Stimmung zu machen versucht, indem er Personen mit der Beschreibung ihrer körperlichen Erscheinung diffamiert.

Klappschere im Federmäppchen

Erstens berichtet er richtig über die verschärften „Einlasskontrollen“, bei denen dem Besucher sogar „die kleine chinesische Klappschere im Federmäppchen“ abgenommen wurde. Stellt dann aber übergangslos fest, dass dies „auch etwas mit der Präsenz rechtsgerichteter Verlage zu tun“ gehabt hätte. Mit anderen Worten, sie, die rechten Verlage, vor allem stellten die Bedrohung dar, derentwegen beim Einlass „zehn Minuten“ Wartezeit in Kauf zu nehmen waren. Kein Wort indes über die Gefahr islamistischen Terrors, auf den überall mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen reagiert werden muss. Auf welche Erkenntnisse sich nun die Vermutung einer besonderen Gewaltbereitschaft „rechtsgerichteter Verlage“ stützt, erfahren wir nicht. Es bleibt bei der Insinuation.

Zweitens heißt es, dass „Gegner dieser Verlage den Antaios-Stand in der Nacht zum Samstag ebenso leergeräumt haben sollen (sic!) wie eine Nacht zuvor den der Manuscriptum Verlagsbuchhandlung“. Die Wahrheit wird zum Gerücht herabgestuft. Vielleicht haben ja die Verlage selbst klammheimlich die Stände abgeräumt, die sie am nächsten Morgen geplündert und beschädigt vorfanden. Ein weitere journalistische Vertuschung, die von der Wahrheit ablenkt.

Drittens lesen wir gleich im nächsten Absatz: „Bei Antaios unterhalten sich am Nachmittag einige dickliche junge Männer mit bleichen Gesichtern und spärlichem Bartwuchs darüber, wie lange es bei ihnen gedauert hat, in die AfD oder deren Jugendorganisation aufgenommen zu werden.“ Nun weiß ich nicht, was Florian Balke auf die Waage bringt, ob er klein, groß, sportlich trainiert oder etwas beleibter ist, noch kann ich sagen, wie es um seinen Bartwuchs bestellt ist und wieweit sich daraus seine eigene Gesinnung ableiten ließe.

Kann mich aber gut erinnern, dass es seinerzeit, als ich selbst noch für die FAZ schrieb, untersagt war, Menschen mit ihrer körperlichen Erscheinung in Misskredit zu bringen. Die Stürmer-Manieren, die Verunglimpfung nach dem Vorbild nationalsozialistischer, auch kommunistischer Hetzpostillen lag unter dem Niveau des Blattes - damals. Außerdem, woher wusste Florian Balke, was andere untereinander besprachen? Hat er sie hinter ihrem Rücken belauscht?

Wortwechsel unter Aufsicht der Polizei

Viertens schließlich erfahren wir Erstaunliches über das, was sich vor den Ständen der „rechtsgerichteten Verlage“ sowie bei einer Podiumsdiskussion des Antaios-Verlages abspielte. Es sei, schreibt der FAZ-Mann, „zu lautstarken Wortwechseln zwischen zahlreichen Sympathisanten und einigen versprengten Linken“ gekommen. Das Ganze „beaufsichtigt von viel Polizei“. So weit, so verdreht.

Denn bei den „Sympathisanten“ handelte es sich schlichtweg um das Publikum der Veranstaltung, bei den „Versprengten“ laut Polizeiangaben um 150 bis 200 Personen, die aufmarschiert waren, die Vorstellung des bei Antaios erschienenen Buches „Mit Linken leben“ durch „lautes Gebrüll zu stören“. Wörtlich nachzulesen auf "hessenschau.de": Es kam „zu heftigen Wortgefechten und einzelnen Handgreiflichkeiten“. Um den weiteren Vormarsch der Aktivisten auf das Podium zu stoppen, musste die Polizei mit starken Kräften zwischen die  Fronten gehen, genauso wie anschließend, als die „Versprengten“ nach Absage der Veranstaltung durch die Messeleitung Anstalten machten, ihr Happening vor dem Stand des Verlages fortzusetzen.

Alles in allem war das vermutlich mehr, als Florian Balke den Lesern der FAS in seinem Messebericht zumuten wollte. Ihm genügt es, abschließend festzustellen, es hätte „sich aus unterschiedlichen rechten Strömungen eine Bewegung zu formieren versucht“. Das könnte ja unter Umständen sogar der Fall sein. Nur: Wenn es so war, liebe Kollegen von der FAS, warum habt ihr das dann nicht mit harten Fakten belegt? Allein mit dem Verweis darauf, dass „der AfD-Politiker Björn Höcke“ an der verhinderten Diskussion teilnehmen sollte, seid ihr nicht aus dem Schneider. Der Mann saß auch schon in den Talkshows der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Seriöse Berichterstattung erfordert eben mehr als im Mainstream zu planschen. Wer sich mit Vermutungen gefällig über die Tatsachen erhebt, hat die journalistische Unschuld verloren, auch wenn er sich weiterhin die FAZ und ihren sonntäglichen Ableger, die FAS, vor das Gesicht hält.

Leserpost (17)
mike loewe / 16.10.2017

Wir erleben zurzeit einen Kampf der besonderen Art.  Statt sich sachlich auseinanderzusetzen behandeln Linkr die Rechten als ob sie vom Teufel besessen wären oder eine selbstverschuldete Krankheit hätten, aber oft genug ist es andersherum nicht anders. Wenn zwei sich streiten freut sich der Dritte, sagt man . Der Dritte sind in diesem Fall Millionen arabischer Zuwanderer, die ungehindert einfallen, weil sämtliche Akteure, die irgendeine vernünftige Lösung erarbeiten könnten, einander blockieren. Die demographischen Veränderungen in diesem Land gehen immer schneller vor sich, man kann bereits dabei zusehen.

Hartmut Laun / 16.10.2017

Mit der Übernahme der Frankfurter Allgemeinen, der Gegenpol zur FAZ zu der Zeit wie Sie die FAZ noch kennen, einschließlich von Teilen der Belegschaft von dieser Zeitung bei der FAZ, ab da begann sich die FAZ in dem Sinne zu verändern wie Sie es richtig am Einzelfall beschreiben. Diese Veränderungen nennt sich “Der Marsch durch die Institutionen”. Bei der FAZ, und überall in der Politik und bei den Medien gilt: Wenn wir die Bürgerlichen zu schwach sind, dann sind die linken Kader zu stark.

A.W. Gehrold / 16.10.2017

2. Absatz, 2. Zeile: sie wah (!) rten Stil ..... Warten (!) kann man am Bahnhof usw. Bitte!

Rupert Drachtmann / 16.10.2017

In den letzten Jahren ist ja zunehmend festzustellen, dass die bisherigen Mainstream-Medien ein ganz erhebliches Problem damit haben nicht mehr der alleinige Herrscher zur Verbreitung von Informationen zu sein. Die Macht der Meinungsbildung gemeinsam mit der sog. politischen Eliten zu steuern, ist eine tolle Sache an die man sich über Jahrzehnte gewohnt hat. Das will man ungern missen. Die Verzweiflung mit der man nunmehr vielfältig versucht gegen diese Entwicklung vorzugehen ist zum Teil geradezu peinlich. Diese verzweifelten Versuche lassen tief blicken ins Innerste der Handelnden. Toller Beitrag !

Hubert Bauer / 16.10.2017

Ich muss zugeben, dass ich noch nie auf einer Buchmesse war. Aber mir kommt es irgendwie seltsam vor, dass dort ein privater Sicherheitsdienst benötigt wird und die Polizei mit einer größeren Einheit und in Kampfanzügen anwesend ist. Ist das internationaler Standard bei Buchmessen? In meiner Naivität bin ich immer davon ausgegangen, dass Orte an denen Bücher angeboten werden überdurchschnittlich friedlich sind.

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