Archi W. Bechlenberg / 25.06.2017 / 06:25 / Foto: Jean-Pol Grandmont / 2 / Seite ausdrucken

Das Antidepressivum zum Sonntag: Ein Messer zum Anbeten

Den Ausweis kann ich vergessen, das Portemonnaie, ja sogar das Mobiltelefon. Aber immer dabei habe ich ein Laguiole-Taschenmesser. Seitdem ich vor vielen Jahren in Frankreich das erste Laguiole (sprich: „Laihjoll“) kaufte, sind viele weitere dazu gekommen. Wobei ich anfangs einiges Lehrgeld zahlte, denn längst nicht jedes Messer, sei es auf den ersten Blick auch noch so hübsch, ist ein authentisches, ein „veritable Laguiole.” Und das muss man erst einmal lernen.

Wer in Frankreich über die Hochebenen des Aubrac im südlichen Zentralmassiv fährt, kann sich auch heute noch vorstellen, welch einsame Gegend diese Landschaft einmal gewesen ist. Auch wenn es heute eine gute Verkehrsanbindung gibt: das Hochplateau mit einer Durchschnittshöhe von 1.000 Metern über dem Meeresspiegel besteht immer noch überwiegend aus weiten, menschenleeren Weideflächen, auf denen die berühmten Aubrac Rinder, eine robuste Rasse mit hoher Widerstandsfähigkeit, leben. Das Aubrac war stets eine arme und raue Gegend, und die Hirten, die sich um das Vieh kümmerten, führten ein hartes und beschwerliches Leben. In den Wintermonaten, wenn es für sie nichts zu tun gab, zogen sie nach Katalonien, wo sie als Saisonarbeiter tätig waren.

Von dort brachten sie einen Gegenstand mit, der das Leben in der freien Natur leichter machte, ein Klappmesser namens Navaja, mit dem sie sich auf vielerlei Weise behalfen und das dem bis dahin einheimischen Messer namens Capuchadou, das nur eine feststehende Klinge hatte, durch seinen Klappmechanismus überlegen war. Ein junger Schmied namens Pierre-Jean Calmels aus dem kleinen Ort Laguiole entwickelte ein neues Messer, das das Capuchadou ablösen sollte. Calmels erfand das Ressort, eine harte Feder, die sich durch den Druck der Hände bedienen ließ und eine zusätzliche Klingensperre, wie sie die spanischen Messer besaßen, überflüssig machte. Das Laguiole war geboren, und schon bald war es ein unentbehrlicher Begleiter jedes Hirten, Viehzüchters und Fuhrmanns.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte im Zentralmassiv eine massive Landflucht ein, zahllose Bewohner ließen sich in anderen Gegenden Frankreichs nieder. Und viele nahmen ihr Messer mit, das auf diese Weise nach und nach im ganzen Land bekannt wurde. Heute weiß jeder Franzose, was ein Laguiole ist.

Macheten im Laguiole-Stil sind nicht gefragt

Auch die Messerherstellung verließ damals ihren Ursprungsort und siedelte sich vor allem in Thiers, dem „französischen Solingen“ an, in dem bereits seit dem 14. Jahrhundert Schmiede ansässig sind. Dort wurden und werden bis heute Laguioles angefertigt, die als authentisch angesehen werden dürfen. Ein bekanntes Erkennungszeichen der geschichtsträchtigen Taschenmesser ist die Biene (manche sagen, es sei eine Fliege) auf dem Rücken des Ressorts. Selbst wenn dieses Motiv wohl das häufigste ist - es gibt auch andere wie Stierköpfe, Handwerkssymbole und nicht selten die Jakobsmuschel, da Laguiole am Jakobsweg, der Pilgerstrecke ins spanische Santiago de Compostella, liegt. Nur mit einem Che Guevara Kopf habe ich noch keins entdecken können und auch nicht mit Halbmonden; Macheten im Laguiole-Stil sind wohl nicht gefragt.

Die Griffschalen gibt es aus vielen verschiedenen Materialien, die ersten Messer dieser Art waren mit Horn gefasst, ein Material, das bei den Bauern und Hirten ganz selbstverständlich war. Wichtig waren früher die bis heute eingesetzten, metallenen Verzierungen auf einer Griffseite in Form eines Kreuzes; die frommen Männer steckten ihr Messer mit der Spitze der Klinge in den Boden der Weide und hatten so ein Kreuz, das sie anbeten konnten.

Viele, je nach Ausführung des Messers vierzig bis einhundert Arbeitsschritte sind notwendig, um ein hochwertiges und authentisches Laguiolemesser herzustellen. Alle Tätigkeiten werden bei den besten Schmieden vom gleichen Handwerker durchgeführt. Die Klinge wird in der Regel aus Stahl geschmiedet, einfachere auch ausgestanzt, besonders wertvolle in vielen Lagen nach Damaszenerart geformt, die Griffschalen werden aus Horn, Holz oder Knochen von Hand poliert, und das Ressort wird ebenfalls geschmiedet und mit der Biene (oder Fliege) und Guillochen verziert. Diese Muster sind bei manchen Exemplaren eine Art Signatur, man kann an ihnen erkennen, welcher Handwerker das Messer gefertigt hat. Ein so hochwertiges Kunstwerk  braucht seitens seines Besitzers Aufmerksamkeit und Pflege; auf einem sehr feinen Abziehstein wird die Klinge geschärft, und die Griffe werden mit Olivenöl poliert. Wer das beachtet, der kann sein Laguiolemesser, wie es in Frankreich Tradition ist, später an den ersten Sohn zu seiner Kommunion überreichen. Sofern dieser nicht lieber eine Playstation oder eine Drohne will.

Jahrzehntelang wurden im Ort Laguiole keine Messer mehr produziert, das Kunsthandwerk verlor zunehmend an Wertschätzung; doch 1987 entstand dort zur Wiederbelebung der Tradition die Forge de Laguiole, deren auffälliges Gebäude am Ortsrand vom französischen Designer Philippe Starck entworfen wurde, und gleich daneben ist ein weiterer Hersteller mit Atelier und Boutique zu finden, La Coutellerie de Laguiole Honoré Durand. Bei beiden werden Messer höchster Qualität hergestellt.

Aber sind dies die einzig wahren Laguiolemesser und alle anderen sind Fälschungen? Leider nein. Der Begriff Laguiole ist als Markenzeichen nicht schützbar; er steht somit nicht für einen bestimmten Hersteller, sondern ist einfach eine Bezeichnung für diese Art von Messer. Selbst Laguioles, die in Billiglohnländern wie Indien oder China hergestellt werden, sind keine Fälschungen, sondern Nachbauten oder Kopien. Es wären nur dann Fälschungen, wenn auf ihren Klingen das Logo der Forge de Laguiole oder eines der anderen besonders renommierten Hersteller eingeprägt wäre, und das ist nicht der Fall – mir ist jedenfalls keiner bekannt. Stattdessen ziert man die Messer einfach mit Fantasienamen, in denen natürlich der Begriff „Laguiole“ vorkommt.

Von billigstem Schrott bis zu höchster Handwerkskunst

Alleine in Frankreich gibt es weit mehr als 100 Hersteller von Laguiolemessern, Einmannbetriebe mit hohem künstlerischem Anspruch ebenso wie industrielle Hersteller. Hinzu kommt leider die unüberschaubare und namentlich nicht festzumachende Zahl von asiatischen und nordafrikanischen Nachahmer, deren Produkte – Geld stinkt halt nicht – sogar im Ort Laguiole angeboten werden, wie ich bei einem Besuch feststellen musste. Merd'alors! Vertrauenswürdig sind Laguiole Messer, die neben ihrem eigenen Firmen-Signet das LOG-Siegel auf der Klinge tragen. Der Verband „Association de Défense du Laguiole Origine Garantie“ vergibt dieses Siegel nur an Messer, die nachweislich und ausschließlich in der Laguiole Urprungszone, dem Aubrac, per Hand gefertigt wurden und die Qualitätskriterien der Association erfüllen. Fälschen lässt sich natürlich auch so ein Siegel, nicht anders als die Bezeichnungen für den verwendeten Klingenstahl, meist 12C27.

Die Sache mit den Fälschungen und Kopien ist eine schwierige und verwirrende, wozu die authentischen, hochwertigen Hersteller noch ihr übriges beitragen – da gibt es den ältesten, den echtesten, den laguiolsten, den wahrsten… Eins steht in jedem Fall fest: die Spannweite der Qualität bei den im Handel befindlichen Produkte reicht von billigstem Schrott bis zu höchster Handwerkskunst. Um es auf den Punkt zu bringen: Es gibt keine echten und keine falschen Laguiole Messer, es gibt nur gute und schlechte. Wer ein hochwertiges Laguiolemesser sein Eigen nennen möchte und die renommierten Hersteller namentlich nicht kennt, sollte sich vor allem am Preis orientieren.

Ein taugliches Messer ist niemals für 50 Euro erhältlich und auch selten für 100  Euro. Nach oben hin sind die Preise offen, so kostet ein Forge de Laguiole Taschenmesser „Le Bougnat” mit einer Klinge aus Inox-Damast, Elfenbeingriffen und Korkenzieher über 1.200 Euro, und das ist preislich noch lange nicht die Spitze. Es geht auch preiswerter, bei durchaus guter Qualität. Mein Laguiole für den Alltag, ein Arbalète G. David musste trotz intensiver Nutzung in den jetzt 17 Jahren, die ich es besitze, erst einmal nachgeschliffen werden und hat wenig mehr als 100 Euro gekostet. Selten habe ich es nicht in nächster Nähe. Zudem es ein echter Handschmeichler ist, mit seinen sinnlich-runden Griffschalen aus Thujaholz, die wie am ersten in meinem Besitz Tag so würzig-holzig duften. Es ist ein echter Alltagsgegenstand, mit dem ich sogar lieber meine Toscani-Cigarren teile, als mit einem Cutter.

Besonders wertvolle Messer stammen aus den Händen von Virgilio Munoz Caballero, der seit 30 Jahren bei der  Forge de Laguiole ein eigenes Atelier besitzt und dort Klappmesser nach eigenen Entwürfen und auf Kundenwunsch fertigt; auf die muss man durchaus einige Monate warten und so lange fleißig sparen. Bekannte und renommierte französische Hersteller sind - neben der erwähnten Forge de Laguiole und Honoré DurandArbalète G. David, Goyon-Chazeau, Thiers-Issard, Michel Seychal  und Fontenille Pataud aus Thiers sowie Laguiole en Aubrac in Espalion, nahe Laguiole. Hier kann man beim Kauf kaum etwas falsch machen, ebenso wenig wie bei den kleinen Herstellern, die im Aubrac arbeiten; da sollte man zum Kauf am besten selber hinfahren, zudem die Region geradezu atemberaubend schön ist. Wer ein so berühmtes und traditionelles Messer wie ein Laguiole besitzen möchte, darf nicht am falschen Ende sparen, an billigen Nachbauten wird er mangels Qualität von Material und Verarbeitung keine Freude haben. Und eine Seele besitzt ein solches Plagiat erst recht nicht.

Kleiner Hinweis für denjenigen, der sich so ein Messer jetzt zulegen will: „Ressort silencieux vivra vieux“ zu deutsch: „Leise geschlossen lebt es länger“ - diese Regel besagt, dass man die Klinge des Laguiolemessers stets leise einklappen und nicht durch die Kraft der Feder einschnappen lassen soll, diese kann sonst leiden.

Links:

Ein Artikel (französisch) über die Problematik des Markenbegriffs

Videoreportage über die Messerfertigung bei Laguiole en Aubrac 

Leserpost (2)
Wilfried Cremer / 25.06.2017

Bei manufactum sind solche Beschreibungen aber kürzer.

Hjalmar Kreutzer / 25.06.2017

Vielen Dank. Mittlerweile warte ich schon immer sehnsüchtig auf Ihr Antidepressivum. Beim Lesen habe ich mich allerdings wegen der Toscano auch gleich auf Cigarrenraucher-Seiten verirrt. Schönen Sonntag!

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