Wolfram Ackner / 19.02.2018 / 12:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 3 / Seite ausdrucken

Besuch im KiKa-Kummerkasten

Reichsapfel und Zepter sind nach wie vor Insignien der Macht. Zumindest in „der kleinsten Einheit des Faschismus“ – wie hierzulande die (offensichtlich ausschließlich biodeutsche) Kernfamilie paradoxerweise genau von denselben Leuten gerne genannt wird, die sich gleichzeitig dem Kampf um unbegrenzten Familiennachzug von Migranten mit subsidiärem Aufenthaltsstatus auf die Fahnen geschrieben haben. Allerdings tragen diese Reichskleinodien heute andere Bezeichnungen, nämlich „Fernseh-Fernbedienung“ und „Thermostatknopf“.

Ich will es nicht verhehlen – ich würde sehr gerne im Wohnzimmer thronen, mit diesen Symbolen von Macht und Überlegenheit in der Hand, meinem Volk mit gütiger Stimme meine Entscheidungen verkündend („Nein, der Reichsapfel bleibt auf Position 2! Wenn euch kühl ist, könnt ihr euch ja einen Pullover überziehen! Ich trage schließlich auch meinen Hermelinmantel!”).

Aber so funktioniert das in heutigen Zeiten nun leider nicht mehr, wenn man als einziger Mann mit vier Frauen zusammenlebt, und Zickfried und Zicklinde, die beiden präpubertären Töchter, im Kinderzimmer offensichtlich den Nibelungen-Debattierclub gegründet haben, wo sie den halben Tag lang trainieren, wie man den Lindwurm totlabert.

Aber was soll’s, für moderne Möchtegern-Patriarchen wie mich ist Gewaltenteilung ein durchaus akzeptables Wort, zumal ich herausgefunden habe, wie viel ruhiger ich lebe, wenn ich mir diese endlosen Diskussionen über die richtige Zimmertemperatur (die gemiedlische Zimmerdemberadur, wie man bei uns in Sachsen zu sagen pflegt) erspare und den kleinen Weibern hinterher schleiche, um Reichsapfel-Fehlstellungen von 4 und 5 klammheimlich zu korrigieren. Aber ich glaube nicht, dass es mir jemand verübeln kann, wenn ich nun um so verbissener das letzte Zeichen häuslicher Macht für mich beanspruche, die TV-Fernbedienung.

Lindnern und schulzen

Sie kennen sicher die Sorte progressiver Journalisten (wobei progressiver Journalist fast schon ein Pleonasmus ist), die immer stolz wie Bolle auf ihren selbstattestierten feinen Humor sind und gerne neue Wörter kreieren, mit denen der politische Gegner – DIE REAKTION – lächerlich gemacht werden soll. Beispielsweise „lindnern“ („sich aus einer gemeinsam geplanten Gruppenaktivität zum spätestmöglichen Zeitpunkt zurückziehen“, haha), oder „wulffen“ (jemandem eine lange Nachricht auf der Mailbox hinterlassen, hihi)…, von denen sie dann behaupten, es wäre „Jugendsprache“, und es sei „verblüffend“, wie schnell sich diese neuen Verben „im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hätten“ –, obwohl draußen auf der Straße absolut niemand auch nur die allerkleinsten Anstalten macht, diesen Unfug in seinen Wortschatz zu übernehmen.

Ich würde meinen verzweifelten Kampf um die Fernseh-Fernbedienung mit dem Wort „schulzen“ beschreiben. Einer, der schulzt, ist ein Mann, der sich in völliger Verblendung für den Allergrößten hält, aufgrund der wahren Machtverhältnisse widerwillig bereit findet, die Hälfte der Macht abzutreten und am Ende froh ist, wenn er nicht komplett in die Wüste gejagt wird, höhö.

Und dieses ewige Geschulze um die Fernbedienung ist aufreibend. Manchmal habe ich den Verdacht, dass die kleinen Weiber das Reichszepter gar nicht verlegen, wie sie behaupten, sondern absichtlich verstecken, um mich heimlich zu zermürben. Doch da ich irgendwann einsah, dass ich meinen Kindern nicht ständig Fußball, „Goldrausch in Alaska“, Fußball, „Asphalt-Cowboys“, „Carinis Classic-Cars“, Fußball, „Die Baumhaus-Profis“, „Das Survival-Duo“ und Fußball zumuten kann, einigten wir uns auf einen Kompromiss – mein altes iPad 2 ging quasi als Dauerleihgabe und Zweitfernseher in ihren Besitz über. Natürlich wollte ich meine Töchter nicht ohne ein kurzes Medienkompetenztraining unbeaufsichtigt ins world wide web entlassen. Das sollte sich allerdings als ein Medienkompetenztraining für mich herausstellen.

„Fix & Foxy Lady“ auf KiKa

In meiner Ahnungslosigkeit hielt ich den KiKA für ein kindergerechtes Medienangebot. Aber die Zeiten von „Fix & Foxy“ sind beim KiKA – nach eigenen Angaben ein zielgruppenorientiertes Programm für Jungen und Mädchen von 3 bis 13 Jahren – offensichtlich vorbei. Heutzutage läuft auf dem KiKA offensichtlich eher „Fix & Foxy Lady“ mit Theresa Orlowsky. Zumindest scheint es beinahe so, wenn man sich beim KiKA-Kummerkasten durch die Beiträge klickt, die einem mit reißerischen Schlagzeilen à la „St. Pauli-Magazin“ ins Gesicht springen.

„Brüste! Brüste! Brüste! Zock das Busen-Legespiel!

Nüsse? Glocken? Langweilig! Penis und Hoden International!

Haare ab, Haare kurz oder doch alles egal? (…) Es gibt nicht nur im Genitalbereich Stellen, die dich ausflippen lassen.

Alle reden davon. Es geistert durch die Klassenzimmer, hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt: das erste Mal Sex. Da schwingt ziemlich viel mit. Erwartungen, Fragen, Unsicherheiten, vielleicht auch Ängste. Denn vorm Unbekannten hat man immer ein bisschen Schiss. Im Aufklärungsunterricht werden nur die Grundlagen vermittelt. Aber die wichtigsten Fragen stellt keiner. Wahrscheinlich traut sich niemand.

Ohne Dings kein Bums – was möchtest du über das 1. Mal wissen?

… Lust auf Angeberwissen? Wie wär’s mit einem Fremdsprachen Spickzettel für geläufige Bezeichnungen von Brust und Vagina?…“

In Augenblicken wie diesen kommt es mir tatsächlich so vor, als würden wir aktuell eine Fortsetzung der alten 68er-Schamvernichtungskampagne erleben. Mit den zwei Unterschieden, dass die meisten „Ewigmorgigen“ (Michael Klonovsky) sich damals dankenswerterweise darauf beschränkten, ihre eigenen Kinder „sexuell zu befreien“, und dass der alte, vermeintlich aufklärerische Kinderladen-Ton durch eine infantile Teletubbie-Sprache ersetzt wurde: „Brüste! Brüste! Brüste!“

Wie man Mädchen den BH öffnet

Habt ihr eigentlich auch nur die leiseste Ahnung, wie man sich als Eltern von zwei, bald drei Töchtern im KiKA-Zielgruppenalter fühlt, wenn man entdeckt, dass auf dem Kinderkanal Beiträge laufen, in denen Jungs lernen sollen, wie man Mädchen den BH öffnet („geht nicht gibt’s nicht“)? Ganz zu schweigen von dem Bärendienst, den man dem eh schon schwer lädierten Ruf von Flüchtlingen erweist, wenn man dazu Jungs mit offensichtlichem Migrationshintergrund am BH einer Schaufensterpuppe fummeln lässt.

Liebe KiKA-Macher, bleibt doch bitte bei den alten Formaten à la „Löwenzahn“ oder „Die Sendung mit der Maus“, die auf kindgerechte Weise unterhaltsam und informativ sind. Man findet auch ohne euren neuen kumpelhaft-flappsigen Pseudo-Aufklärungsunterricht schon genügend Kinder in Deutschland, die von Tuten keine Ahnung haben. Eure ostentative „Unverklemmtheit“ ist in Wahrheit nur eines – peinlich. Als ob einem Hein Blöd das Masturbieren erklären möchte.

Darauf können die Kinder verzichten. Und wir Großen haben das Original – Bernie und Ert.

Danke!

Dieser Beitrag erschien auch  auf Publico.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (3)
Hjalmar Kreutzer / 19.02.2018

Vielen lieben Dank für diesen herrlichen Text, Herr Ackner. Zwar hatte ich nur eine Zicklinde, die inzwischen 30 wird, sich aber immer andere Zicklinden eingeladen hatte, kann ich also alles nachvollziehen. Vom kika allerdings bekommt man mittlerweile als Vater Nackenschmerzen - vom Kopfschütteln.

Horst Lange / 19.02.2018

Ich teile die Forderung, das der KikA bitte gerne (Rabe-Socke-Sprech) bei Löwenzahn oder Wissen macht Ah! bleiben sollte. Gerne auch Trickfilme und Märchen. Aber bitte keine Erziehung. Es ist doch das Recht der Eltern, Kinder zu erziehen. Und Sexualaufklärung? Wir nehmen den Kindern doch all die wunderbaren Erfahrungen, die Jugend so auszeichnet. Das Entdecken, die Neugier, den Reiz und vor allem den RESPEKT. Diese vorsichtigen und holprigen Annäherungsversuche sind doch das A und O für die Beziehungsausgestaltung zwischen Junge und Mädchen und später Mann und Frau. Ich möchte nicht von einer (früh-)Sexulaisierung sprechen, sehe es jedoch sehr kritisch. Als Eltern fühlen wir uns zunehmend unserer Rechte beraubt und sind traurig über den Verlust der Unschuld der Kindheit.

Gabriele Schulze / 19.02.2018

Mir ist eh schon immer ein bißchen schlecht wegen allem, jetzt ist mir noch ein bißchen schlechter. Ganz ehrlich: Hut ab vor allen Eltern, die mit diesem medialen Overkill konfrontiert sind und damit umgehen müssen. Übrigens, grenzt das nicht schon an den Tatbestand der Verführung Minderjähriger? Überbleibsel aus unseligen Grünen-Zeiten? Super- Rechtfertigung für sowohl Antänzer als auch Scharia-Apologeten!

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