Claudio Casula / 11.11.2016 / 14:02 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 10 / Seite ausdrucken

Bei Merkels unterm Sofa

„Was für eine Scheiße…“ Die Frustration stand der Kanzlerin ins Gesicht geschrieben, als sie sich auf ihrem Platz am Kabinettstisch niederließ. Zustimmendes Gemurmel folgte, in das sich nur schweres Schnaufen und Kaugeräusche aus der Ecke des Kanzleramtschefs und Ministers für besondere Aufgaben mischten. „Und ich habe diese Ratte schon ,Hassprediger’ genannt“, maulte der Außenminister zerknirscht. „Ja, das war jetzt nicht wirklich schlau!“

Diesen Tadel konnte sich die Kanzlerin nicht verkneifen, während sie nervös am Ärmel  ihres farbenfrohen Blazers zupfte. Der eulenhaft wirkende Chefdiplomat sah seine Ambitionen auf präsidiale Ehren rapide entschwinden. „Aber, aber“, ließ sich der agile Justizminister vernehmen, „wir machen nun mal aus unserem Herzen keine Mördergrube! Einem wie diesem Trump hätte ich schon längst die Amadeu-Antonio-Stiftung auf den Hals gehetzt, der säße im Januar schon im Knast statt im Weißen Haus! Hate-Speech vom Übelsten! Dass der nicht zerbricht unter seiner Gemeinheit…“

„Jetzt isser nunmal gewählt“, entgegnete die Frau im bunten Blazer resignierend, und die Mundwinkel schienen noch tiefer zu hängen als sonst. „So langsam gehen uns die Freunde aus. Europa ist so schrecklich unzuverlässig geworden. Gut, dass wenigstens wir unser Pack im Griff haben.“ – „So ist es", brummte der Vizekanzler. „Zum Glück wählen immer noch vier Fünftel der Leute unsere Block-, äh, die… die… demokratischen Parteien. Die Yankees haben natürlich keine Ahnung von Demokratie. Dass man die besser nicht dem Volk überlassen sollte, das hat der Augstein schon vor Monaten geschrieben.“

Nun ergriff die Verteidigungsministerin das Wort: „Also, ich bin zutiefst geschockt, entsetzt und auch ein Stück weit fassungslos. Was machen wir denn jetzt, wenn dieser Rechtspopulist darauf besteht, dass wir unseren Beitrag zum Bündnis drastisch erhöhen?“ Sie überhörte den Justizminister, der leise „Schon Plato war gegen die NATO“ nölte, und fuhr fort: „Was, wenn wir das Budget erhöhen müssen – und nicht mehr genug für die Kita-Plätze in den Kasernen haben? Dieser unberechenbare Mensch setzt doch bestimmt ganz andere Prioritäten!“ – „Na und? Das Geld ist doch erwirtschaftet worden“, warf der Justizminister ein, wurde aber von den anderen ignoriert. „Leute, lasst mich mit doch so was zufrieden!“ Der Vizekanzler schien nun ehrlich verärgert. „Ich kann mich um diesen Scheiß nicht kümmern, muss demnächst wieder nach Teheran. Unsere Freunde dort sind auch ganz und gar nicht glücklich mit der Amerika-Wahl. Da kann ich mich gewissermaßen auskotzen, hier muss man ja immer aufpassen, was man sagt.“ – „Kommt ganz drauf an, gegen wen“, warf sein wie stets in feines Tuch gekleideter Parteifreund ein.

„Ich rate zur Gelassenheit.“ Der altgediente Finanzminister, von den Kabinettskollegen hinter seinem Rücken „Die schwarze Null“ genannt, war wie immer die Ruhe selbst. „Lasst diesen Trump doch machen. Soll er doch die Mauer vor Mexiko hochziehen. Dann werden die Amerikaner früher oder später in Inzucht degenerieren, und Europa, vom britischen Klotz am Bein befreit und mit den vielen Millionen jungen, beschtens ausgebildeten und hochmotivierten Zuwanderern, wird Weltwirtschaftsmacht Nummer eins. Hajo, so isch des!“ 

„Wir schaffen das. Aber ich lass’ nicht mit mir Schlitten fahren. Nicht mit mir! Jetzt, wo uns Osteuropa und UK von der Fahne gegangen sind, Skandinavien fremdenfeindlich wird, dieser nassforsche Außenburschi aus Wien querschießt und die Amis meinen, sie müssten ihre Eigeninteressen in den Vordergrund stellen, wächst uns schließlich eine noch größere Führungsrolle zu. Erst recht, wenn der Franzose nächstes Jahr Le Pen wählen sollte.“

„Wen sollen wir denn dann noch anführen?“ war eine zaghafte weibliche Stimme zu hören, die mutmaßlich der „Küstenbarbie“ genannten Ministerin gehörte, doch die Kanzlerin ließ sich nicht beirren. „Wir haben immer noch Luxemburg hinter uns. Juncker und Asselborn sind zuverlässige Partner, die Achse steht wie eine Eins! Und Erdogan zickt zwar hin und wieder herum wie der Papst im Puff, aber letztlich sitzen wir in einem Boot.“ Sie holte tief Luft und verdrängte den Gedanken an ihre Alleingänge hinsichtlich Griechenland-Rettung, Atomausstieg und Jahr der offenen Tür an der Grenze: „Klar ist, dass ich Amerika in Sachen Demokratie noch mal auf den Topf setzen muss, damit die wissen, dass ich nur unter bestimmten Bedingungen mit ihnen arbeite. Wäre ja noch schöner! Und du, Frank-Walter, könntest wenigstens verlautbaren, dass wir das Ergebnis der Wahl akzeptieren, sonst wissen die ja gar nicht, ob das überhaupt zählt.“

Mit diesen Worten setzte die Kanzlerin eine Leichenbittermiene auf, schloss das bunte Sakko und strebte der im Foyer wartenden Pressemeute zu. „So, ich geh’ jetzt raus und mach’ mein Statement. Und, Sigmar: Sag' dem Stegner mal, er soll nicht immer betrunken twittern.“ 

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (10)
Andreas Bitz / 12.11.2016

Wieso Satire: Genau so wirds zugehen!

U. Langer / 12.11.2016

Ich hätte nie geglaubt, dass unsere Regierungsmitglieder kurz nach ihrer Wahlniederlage schon so klare Gedanken fassen könnten.

Roland Müller / 11.11.2016

Der Artikel ist schlicht genial. Vielen herzlichen Dank, lieber Herr Casula.

Sepp Kneip / 11.11.2016

Danke, Herr Casula, für diese herrliche Satire. Phantastisch. Sie verschönert den Abend.

Georg Dobler / 11.11.2016

......und beim Hinausgehen zum Statement griff sie nach der falschen Mappe, die eigentlich für Herrn Erdogan bestimmt war und sie ermahnte deshalb den zukünftigen Präsidenten der USA zum Respekt vor dem Recht und den Werten des Westens. Das merkte sie aber erst am nächsten Tag.

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