Thilo Spahl, Gastautor / 15.03.2017 / 20:00 / Foto: Alison Bean / 4 / Seite ausdrucken

Shoppen für eine bessere Welt?

Von Thilo Spahl.

Konsum ist zu einer komplizierten Angelegenheit geworden. Vorbei sind die Zeiten, als es nur darum ging, was einem gefällt oder schmeckt oder das Geld wert ist. Der moderne Verbraucher soll nicht nur an die eigene Gesundheit denken. Er soll auch die Natur, das Klima, das Tierwohl und die Interessen seiner nahe sowie weit entfernten Mitmenschen berücksichtigen. Die Idee der Nachhaltigkeit soll seine Kaufentscheidungen leiten.

Zweifellos ist es eine positive menschliche Eigenschaft, nach Wegen zu suchen, die Welt in irgendeiner Weise besser zu machen und sich dafür zu engagieren. Die Frage ist, ob Konsum der richtige Weg ist. Und die zweite Frage ist, ob der Staat uns hier an die Hand nehmen muss.

Genau das tut er allerdings. Damit der Bürger lernt, wie man es richtigmacht, und die nötigen Anreize erhält, gibt es seit Anfang 2016 das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum (NPNK). Schreiben lassen hat es unsere Umweltministerin Barbara Hendricks. Die Botschaft lautet: Wir sollen so „konsumieren, dass die Bedürfnisbefriedigung heutiger und zukünftiger Generationen unter Beachtung der Belastbarkeitsgrenzen der Erde nicht gefährdet wird.“ Das ist ein Imperativ mit zwei Unbekannten. Weder kennen wir die Bedürfnisse zukünftiger Generationen, noch die planetaren Belastbarkeitsgrenzen. Zumindest gibt es bei beidem sehr unterschiedliche Auffassungen.

Das NPNK folgt fünf „Leitideen“. Und alle fünf zeigen, wie es um das Verbraucherbild der Bundesregierung bestellt ist. Es ist kein Verlass auf den Verbraucher. Deshalb muss man viel tun, um möglichst viele Menschen dazu zu bringen, Produkte zu konsumieren, die mit einem moralisch-ökologischen Zusatznutzen aufgeladen sind.

Erste Leitidee: „Verbraucherinnen und Verbrauchern einen nachhaltigen Konsum ermöglichen“

Nicht ums Verbieten, nicht ums Regulieren oder Verteuern soll es gehen. Sondern ums Ermöglichen. Wenn einer zum Beispiel Ökostrom verbrauchen will, dann kann er das nur, wenn ihm auch Ökostrom angeboten wird. Normalerweise führt eine solche Nachfrage zu einem Angebot. Ein unternehmerisch denkender Mensch sieht die Chance und stellt das gewünschte Produkt zur Verfügung.

Aber was tun, wenn der Verbraucher das gute Gewissen miterwerben, den Aufpreis für den Ökostrom aber nicht entrichten will? Wenn man ihm etwas ermöglicht, was er nicht wirklich will? Dann ist der Staat gefragt. Er verteilt die Kosten einfach auf alle Stromkunden. Jetzt können sich ein paar als verantwortungsbewusst betrachten, weil sie einen von hierzulande inzwischen über 8000 Ökostromtarifen gebucht haben. Der Rest gilt als unaufgeklärt und zahlt einfach nur.

Damit sich das ändert, muss dieser Rest mit Informationen und Bildungsangeboten versorgt werden, die relevant seien, „um das notwendige Wissen für mehr nachhaltigen Konsum erwerben zu können“, heißt es im NPNK. Aber Vorsicht: Es muss das richtige Wissen sein. Sonst entsteht Verwirrung. Deshalb muss auch die „Entscheidungskomplexität überschaubar“ bleiben und „Auswahlmöglichkeiten“ begrenzt werden. Hier hilft zum Beispiel der Atomausstieg. Es wäre für den Verbraucher sonst arg kompliziert, die Vor- und Nachteile grundsätzlich unterschiedlicher Arten klimafreundlicher Stromerzeugung abzuwägen.

Zweite Leitidee: „Nachhaltigen Konsum von der Nische zum Mainstream befördern“

Wenn die Regierung Bioprodukte als nachhaltig betrachtet, aber die Leute kaufen trotzdem weniger als 5 Prozent Bio, was kann man da tun? Wenn die Regierung beschließt, eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, aber keiner ist bereit, sie zu kaufen, was kann man da tun? Man braucht ein Programm, um Bio, Elektroautos oder Niedrigenergiehäuser aus der Nische in den Mainstream zu befördern. Laut NPNK kann die Politik „Richtung und Leitbilder vorgeben“ sowie „Anreize“ schaffen, also Werbekampagnen und Subventionen.

Was man dabei tunlichst vermeiden muss, ist die Frage zu stellen, ob Bio eigentlich besser für die Gesundheit ist, ob Elektroautos besser für die Umwelt und Wohnungen, in denen man die Fenster nicht öffnen darf, besser für die Bewohner sind. Und was macht die Regierung, wenn sie in jahrzehntelanger Forschung herausgefunden hat, dass gentechnisch veränderte Pflanzen gesundheitlich unbedenklich und ökologisch vorteilhaft sind? Dann setzt sie sich trotzdem für ein Verbot ein.

Dritte Leitidee: „Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen an nachhaltigem Konsum gewährleisten"

Nachhaltig aufgeklärte, postmaterialistisch gesinnte Mittelschichtsmenschen wissen natürlich, wo man ein Hybridauto bestellt und wo man die dazugehörige Prämie beantragt. Sie kennen auch den Weg vom Loft in den Biomarkt. Und sie wissen, wo man Ablasszahlungen leisten kann, um die ganzen Flugreisen in klimaverträgliche Aktivitäten umzudefinieren. Aber wie ist das mit dem einfachen Mann und der einfachen Frau und ihren Cola trinkenden Kindern? Eine Idee wäre, ihnen am Monatsende das Durchschnittsgehalt eines Grünenwählers zu überweisen. Aber so denkt die Regierung nicht. Es geht darum, dass Arme arm bleiben und trotzdem beim nachhaltigen Leben mitmachen dürfen. Denn: „Durch energieeffiziente, ressourcenschonende und langlebige Produkte werden über einen längeren Zeitraum betrachtet finanzielle Einsparungen auch für Geringverdiener ermöglicht.“ Eine Spielkonsole kostet viel und veraltet schnell. Sie ist für den nachhaltigen Lebensstil nicht so geeignet. Ein solides Holzspielzeug dagegen, das kann man über Generationen vererben. Das spart über die Jahrhunderte eine Menge Geld.

Vierte Leitidee: „Lebenszyklus-Perspektive auf Produkte und Dienstleistungen anwenden"

Das klingt kompliziert. Was ist gemeint? Dass man sich ein Produkt über das gesamte Produktleben, vom Rohstoff bis zum Recycling, genau anschaut, um zu beurteilen, wie umwelt- und sozialverträglich es wirklich ist. Aber der Anspruch ist hoch. Zu hoch für den Verbraucher. Wir können nicht den kompletten Entstehungsprozess von tausenden Produkten nachvollziehen und umfassend bewerten. Und eine Zertifizierungsindustrie kann es auch nicht. Deshalb sind akzeptable Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und Umweltschutzstandards Ziele, die in den Produktionsländern durch gesellschaftliche Auseinandersetzung erstritten werden müssen, und nicht etwas, was ein dem Ideal der Nachhaltigkeit folgender Konsument durch seine Produktwahl nebenbei erkaufen kann.

Fünfte Leitidee: „Vom Produktfokus zur Systemsicht und vom Verbraucher zum Nutzer“

Anders gesagt: Statt Produkte zu verbrauchen, sollen wir Systeme nutzen. Wir sollen keine Autos mehr kaufen, sondern Mobilitätsdienstleistungen nutzen. Nicht heizen, sondern durch geeignete Kleidung und Hausisolierung das Wärmebedürfnis befriedigen. Nicht eine Schweinshaxe verputzen, sondern ein nachhaltiges Esserlebnis (auf Schweinshaxenniveau, aber dann vegan) bestellen. Waschsalon statt Waschmaschine. Usw. usf.

Laut NPNK geht es um „nachhaltige Optimierungen ganzer Konsumsysteme“. So ein System strotzt geradezu vor Schrauben, an denen die Verbraucherpolitik mal zu drehen versuchen kann. Aber auch jeder ambitionierte Konsument ist hier gefragt, sich kraft seiner Verbrauchermacht einzubringen. Denn: „Das Verständnis von Konsum als System, d.h. die Betrachtung des individuellen Konsumhandelns als Teil eines komplexen sozio-technischen Gebildes aus angebots- und nachfragegetriebenen Komponenten, legt in vielen Handlungsfeldern neue Möglichkeiten für Bedürfnisbefriedigung, Ressourcenschonung und soziale Teilhabe frei.“

In dieser fünften Leitidee schwingt auch mit, dass Eigentum etwas Schlechtes sei. Eigentum, mit dem man tun und lassen kann, was man will, bedeutet Freiheit. Einen krassen Gegensatz dazu bildet die Vorstellung, nur Nutzungsrechte innerhalb eines staatlich regulierten oder gar administrierten Gütersystems erwerben zu können. Den gleichen Freiheitsentzug erleidet auch der Unternehmer. Er kann nicht mehr einfach ein Produkt erfinden und auf dem Markt anbieten. Er muss Komponenten liefern, die sich ins System fügen.

Das Leitbild der Nachhaltigkeit transportiert heute in erster Linie das Ideal des Verzichts. Es soll an allem gespart werden. Weniger essen, weniger putzen, weniger heizen, weniger reisen. Zufriedenheit soll vor allem aus dem Bewusstsein der vorbildlichen Lebensweise gezogen werden. Letztlich will man aber den eigenen Lebensstandard nicht wirklich senken. Ein paar symbolische Handlungen und ein bisschen Ablasszahlung müssen hier reichen – nicht umsonst ist der sogenannte CO2-Fußabdruck bei den finanzstarken Grünenwählern am größten. Die wahre Sorge, die die Kämpfer für nachhaltigen Konsum umtreibt, ist die Vorstellung, dass Milliarden ärmere Menschen dieser Welt mit gutem Recht ihren Lebensstandard anstreben. Die Vision vom nachhaltigen Konsum des gut situierten westlichen Mittelschichtsmenschen geht stets einher mit der Parallelvision des nachhaltigen Konsumverzichts der Massen. Ein zukunftsfähiges Leitbild für das 21. Jahrhundert ist das nicht.


Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor und Mitgründer des Freiblickinstituts. Dieser Beitrag erschien zuerst auf Novo-Argumente hier.

Foto: Alison Bean CC BY-SA 2.0 uk via Wikimedia

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Leserpost

netiquette:

Bernhard Freiling / 16.03.2017

@Klaus Geißelbrecht. Das geht mir ganz ähnlich. Bilder von Angehörigen unserer Regierung scheinen der ultimative Rohrschach-Test für mich zu sein. Zeigt man mir Merkel, denk ich an Honni. Zeigt man mir Nahles, denk ich an Honni. Zeigt man mir Hendricks, denk ich an Honni. Egal, wen man mir von der Regierungsbank zeigt: ich denk immer an Honni. Und wenn mich einer fragt, ob ich noch ganz bei Sinnen bin, kann ich nur antworten: Wer zeigt mir die ganzen Honni-Bilder denn? Nur bei Maas funktioniert das nicht. Wenn ich den sehe, muß ich immer an einen speichelnden Gerichtspräsidenten denken - aber der entstammt wohl einer anderen Epoche.  ;-) ;-)

JF Lupus / 16.03.2017

Langsam aber siche mutiert Deutschland zu einer DDR 4.0 - und leider muss man feststellen, dass die von einer Ex-FDJ-Funktionäring initiierte Umwandlung perfekter und übler ist als alles, was in der DDR herrschte. Merkel und ihr linksgrünen Freunde haben den Auftrag fast erfüllt: Deutschland zerstören, die deutsche Kultur zerstören, das Volk zerstören. Solange ich kann, werde ich so leben, wie ich will: fleischfressend, spritvergeudend, heizend, hedonistisch und jede mögliche Vergnügung mitbehmend.

Elke Schmidt / 15.03.2017

Da lob ich mir doch das Leben in der DDR! Wir haben saisonal und regional gegessen. Das sparte teure und lange Transportwege und schonte die Umwelt. So’ n Quatsch wie Avokado kannten wir nicht, haben wir auch nicht vermisst. Die Anzahl der Autos auf den Straßen war begrenzt, die Parkplätze nicht. Das bisschen Zweitaktergestank hat man nur bemerkt, wenn man eine Zeit lang nicht in Berlin war. Da es keine anspruchsvolle Elektronik in den Autos gab, konnte es auch keinen Abgasskandal geben, sprich: wir fuhren mit ehrlichen Autos. Unsere Kinder haben noch mit echtem Holzspielzeug gespielt, machmal war es auch aus Plaste. Spielkonsolen, die die Kiddies verblöden lassen, kannte kein Mensch, die Scrabbel-Spiele und Steine haben wir uns selbst gebastelt, das stärkte den Familiensinn und die Rechtschreibung. Die Straßenbahn kostete 20 Pfennig, der Preis war in Stein gemeißelt. (Trotzdem wurde beschissen und schwarz gefahren). Fernreisen gab es bis Bulgarchien, einige schafften es nach Kuba. Da die Kapazitäten bei weitem nicht reichten, fand ein ganz normaler Verzicht statt. Die letzten 25 Jahre hätten wir uns sparen können und das Fernsehehn ist mittlerweile auch wie damals, die Witze sind staatstragend und die Informationen lückig und regierungstreu. Die alten Staasizuträger machen wie damals einfach weiter. Jetzt wird mir klar, was Honnecker mit dem Spruch ” Überholen ohne Einzuholen ” meinte.

Klaus Geißelbrecht / 15.03.2017

Warum denke ich nur immer an die Honneckers wenn ich Barbara Hendricks oder Manuela Schwesig sehe? Margot war doch blauharig

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