Rainer Bonhorst / 05.11.2017 / 12:17 / Foto: Kokoo / 6 / Seite ausdrucken

Kein Stierkampf in Europa!

Mein Vorschlag: Die Spanier sollten sich freiwillig aus der Europäischen Union verabschieden und die Briten sollten den Quatsch mit dem Brexit aufhören und einfach bleiben. Also Spexit statt Brexit. Die EU braucht gestandene Demokraten. Auf Büffel, die mit gesenkten Köpfen aufeinander zurasen, kann Europa verzichten.

Spanien ist eine junge Demokratie. Ungefähr vierzig Jahre alt. Das ist keine lange Zeit. Einige Frauen brauchen so lange, bis sie den Mut finden, sich über eine sexuelle Belästigung zu beschweren. (Aber das ist eine andere Geschichte.) England ist eine der ältesten Demokratien und das merkt man. Zum Beispiel im Umgang mit heimischen Rebellen.

Die Spanier haben ihre Katalanen, die Briten ihre Schotten. Die Spanier haben daraus einen Stierkampf gemacht. Allerdings ohne Torero. Zwei Stiere verhaken sich, bis einer, der kleinere, blutend im Sand liegt. Oder weniger bildhaft: Die katalanischen Aufrührer landen im Gefängnis und ihr nach Belgien geflohener Chef wird mit europäischem Haftbefehl gesucht. Ist das das Europa von heute? Dass man politisch Aufmüpfige womöglich auf Jahre in den Knast steckt?

Die Rebellen stur in die Illegalität manövriert

Wie haben es die Briten mit den Schotten gemacht? Sie haben ihnen ganz offiziell erlaubt, eine Volksabstimmung zur Unabhängigkeit zu organisieren. Und dann hat es den in einer Demokratie üblichen Meinungswettbewerb gegeben. Und die Schotten haben sich knapp für den Verbleib im Königreich entschieden. Hätten die spanischen Zentralisten den Katalanen eine ähnliche Chance gegeben, die Abstimmung wäre womöglich genauso ausgegangen. Aber man hat es vorgezogen, die rebellischen Katalanen stur in die Illegalität zu manövrieren.

Zugegeben: Da ist auch Nordirland. Da hat es Blut und Tränen gegeben. Wie eine Zeit lang bei den Basken in Nordwestspanien. Aber das war eine andere Baustelle. Wo gebombt und geschossen wird, da kann der liberalste Staat nicht einfach zuschauen.

Was aber Schottland und Katalonien angeht, da ist der britische way of life doch um Längen sympathischer und demokratischer als die spanische Corrida. Und was demokratischer ist, sollte eigentlich besser in die Europäische Union passen. Oder?

Tja, da die EU selbst unter massivem Demokratiemangel leidet, hat es eine gewisse Logik, dass die Spanier drin und die Briten bald draußen sind.   

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Leserpost (6)
Heinrich Niklaus / 05.11.2017

Dass ein von einem Regionalparlament demokratisch gewählter Ministerpräsident nun aufgrund dubioser Anschuldigungen (Rebellion) mit europäischem Haftbefehl gesucht wird, ist ein europäischer Skandal erster Güte! Dass Minister der katalonischen Regionalregierung grundlos in Untersuchungshaft genommen werden, ist ein spanischer Skandal erster Güte! Und dass sich im “freien Europa” nahezu keine Hand rührt, der spanischen Regierung die Leviten zu lesen, ist ein Skandal, den die angeblich “mächtigste Frau der Welt” (Forbes) zu verantworten hat. Aber anscheinend haben sich alle gut mit dem Demokratiemangel in Europa eingerichtet. Was sich in Spanien und der EU vollzieht ist eine Schande!

M. Friedland / 05.11.2017

Was auch hier wieder vergessen wird: die spanische Verfassung verbietet diese Unabhängigkeitsbestrebung der katalanischen Regierung, wie dies im übrigen auch in anderen demokratischen Ländern geregelt ist; daher ist es zwangsläufig, daß der spanische Staat hiergegen vorgeht (über die Mittel im einzelnen kann man durchaus streiten) - einen Verfassungsverstoß einer staatlichen Stelle zu tolerieren, liegt nicht im Ermessen einer Regierung. In Großbritannien gibt es keine Verfassung, die eine schottische (oder walisische ..) Unabhängigkeit verbietet (genaugenommen hat GB überhaupt keine geschriebene Verfassung) - daher kann die britische Regierung mit diesen Unabhängigkeitsbewegungen sehr flexibel umgehen.

otto sundt / 05.11.2017

Die Kommentare überschlagen sich. Rainer Hank hat auf FAZ-online einen Kommentar unter Titel “Solidarität ist unmoralisch” veröffentlicht der indirekt sogar den Länderfinanzausgleich in der Bundesrepublik in Frage stellt und auch indirekt die EURO - Rettungsaktionen unserer Kanzlerin. Direkt wird natürlich nur der spanische Zentralstaat, der keiner ist, angegriffen, weil er mehr Steuern aus Katalonien kassiert, als er dahin zurückzahlt. Hank würde natürlich nie behaupten die EU sei eine unmoralische Veranstaltung, obwohl dies in der EU gang und gäbe ist und sogar noch vertieft werden soll. Neu ist auch, das die FAZ sich so für die “Basisdemokratie” und für “Volksabstimmungen” als Gegengewicht zur “Globalisierung” ins Zeug legt. (Merke: Referenden sind immer gut, wenn sie von NGO’s befördert werden, sie sind immer schlecht wenn sie allen Regeln der Legalität, (wie beim “Brexit”) entsprechen. Der Kommentar von Hank und die Kommentare dazu machen nur eines deutlich: Die Deutschen fühlen sich als Opfer und die Katalanen der EU. Der Slogan der Separatisten: España nos roba, heißt eben hier, die EU beraubt uns. Was in Spanien passiert, ob es im Ganzen untergeht oder in Teilen ist uns eigentlich völlig egal, solange die Stierkämpfe veranstalten und Franco in seinem Mausoleum liegt.

beat schaller / 05.11.2017

Ja, Herr Bonhorst, ganz genau so ist es! Den Briten wird es nach dem Austritt wesentlich besser gehen, weil sie sich wieder bewegen können. Und Spanien mit seinem Debakel zeigt auch einmal mehr auf, wie engagiert die EU die echten Probleme angeht. Besten Dank. b.schaller

Wolfgang Richter / 05.11.2017

Der Umgang mit den Katalanen ist ein treffliches Beispiel für das aktuelle Demokratieverständnis in der EU. Die einen stecken “Aufmüpfige” ins Gefängnis, die anderen beschränken sich (noch) darauf, sie als “Nazis”, mindestens (unansprechbare) Rechtspopulisten ins gesellschaftliche Aus zu stellen, was von den linken Fußtruppen als Billigung und faktisch rechtlich nicht mehr sanktionierte Sachbeschädigung und Körperverletzung aufgefaßt und in die Tat umgesetzt wird. Dabei gab es auch andere Zeiten, nämlich als sich eine rot-grüne Bundesregierung an der Spitze einer Bewegung fand, die den Wunsch der Kosovaren auf Abtrennung vom selbst ausgerufenen (Groß-) Serbien mit NATO-Bomben nachdrücklich zum Erfolg verhalf, einem im übrigen zweifelhaften Ergebnis, wenn man dortige Wirtschafts- u. Politsituation heute so betrachtet.

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