André Thess, Gastautor / 01.04.2022 / 06:25 / Foto: Löwe / 43 / Seite ausdrucken

Energie- und Wirtschafts-Realismus: Lernen von Namibia!

Von André D. Thess.

Wer in die ehemalige deutsche Kolonie reist, findet ohne Mühe Elefanten, Naturwunder, Armut und Korruption.  Doch wer genauer hinschaut, entdeckt Unerwartetes: Freiheit, Marktwirtschaft, Unternehmergeist und Pragmatismus, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können.

Manfred (1) stammt aus Brandenburg. Seit 2004 lebt er in Namibia. In atemberaubender Landschaft betreibt er eine urige Lodge mit fünf Bungalows im Stil von Fred Feuerstein. Photovoltaik-Kollektoren folgen, von Geisterhand bewegt, dem Stand der Sonne. Manfred berichtet: „Geldverdienen hier ist schwieriger als in Deutschland. Aber als Unternehmer und Mensch bist du frei von staatlicher Bevormundung. Und das ist mir wichtiger als alles andere.“

Das Bekenntnis des Auswanderers wirft ein Schlaglicht auf ein vernachlässigtes Kapitel der Berichterstattung über Namibia. Von Naturschönheiten, sozialen Gegensätze und Korruption wird seit langem ausgiebig berichtet. In jüngerer Zeit ist das Medienecho vom deutschen Kolonialerbe, von Verbrechen an den Hereros, von Entschädigungszahlungen und von grünem Wasserstoff geprägt. Wie repräsentativ ist dieses Bild für das Leben in der ehemaligen deutschen Kolonie? Wie geht es eigentlich der namibischen Wirtschaft in Zeiten coronabedingter Reisemüdigkeit – speziell dem Tourismussektor? 

In Namibia leben 2,5 Millionen Einwohner. Das sind ungefähr so viele wie in Brandenburg, allerdings auf der doppelten Fläche Deutschlands. Das jährliche Bruttosozialprodukt pro Kopf liegt mit 4.500 Euro etwa bei einem Zehntel des deutschen. Der Tourismus ist nach dem Bergbau der zweitgrößte Industriezweig. Er trug vor der Corona-Pandemie mit ungefähr 1,5 Millionen Touristen pro Jahr über zehn Prozent zum Bruttosozialprodukt bei. Rein rechnerisch entspricht dies der Wirtschaftsleistung von 250.000 Namibiern. Durch die Corona-Pandemie sind die Touristenzahlen ab 2020 gegenüber den Vorjahren um fast 90 Prozent eingebrochen. 

Gemäß www.ourworldindata.org liegt Namibia hinsichtlich der kumulierten Zahl von Corona-Toten pro einer Million Einwohner ungefähr in der gleichen Klasse wie Deutschland. Die namibischen Sterbezahlen sind niedriger als in den USA, in Spanien und in Frankreich und liegen unter dem EU-Durchschnitt. Für die folgenden Betrachtungen ist noch gut zu wissen, dass Namibia über ein opulentes Solarpotenzial verfügt. Mit über 3.000 Volllaststunden ist es etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. 

Nebenwirkungen deutscher Corona-Politik

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie berichten deutsche Medien über Infektionszahlen, Krankenhausbelegungen, Impfquoten und Mobilitätsbeschränkungen. Sie verengen die Erörterung von Corona-Maßnahmen meist auf die deutsche Perspektive. Gartenzwergmentalität statt Denken in großen Zusammenhängen. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die Nebenwirkungen staatlicher Reisehürden und persönlicher Gefahren­abwägungen.

Nach Beginn der Corona-Pandemie brachen die Touristenzahlen in Namibia ein. Statt für 250.000 Menschen deckten die Einnahmen bei einem Einbruch auf zehn Prozent nur noch das Bruttosozialprodukt für 25.000 Einwohner ab. Während es in Deutschland für die – rein rechnerisch – 225.000 Betroffenen Hartz IV-Grundsicherung und staatliche Corona-Hilfen gegeben hätte, waren die Bewohner Namibias der wirtschaftlichen Schockwelle nahezu schutzlos ausgeliefert. Doch gerade in dieser schweren Zeit schlug die Stunde der Partnerschaft zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern.  

John ist Manager einer Luxusherberge, die zu einer namibischen Tourismuskette gehört. Im September 2021 berichtet er: „Die Unternehmensangehörigen haben sich nach Corona-Ausbruch darauf geeinigt, Managergehälter auf 50 und Mitarbeiterlöhne auf 80 Prozent zu reduzieren. Kommt bitte schnell in unsere Lodges, damit es uns bald wieder besser geht.“ Martha betreibt eine Pension in Keetmanshoop. Sie erzählt: „Ich habe Zimmermädchen, Hausmeister und Gärtner über mehrere Monate hinweg aus meinen Ersparnissen bezahlt, um wertvolles Personal nicht zu verlieren. Zum Glück hat wenigstens mein Mann einen krisensicheren Job in der Landwirtschaft.“

In Namibia liegt der Mindestlohn bei 1.500 Namibischen Dollar, knapp 100 Euro. Manfred sagt: „Ich zahle meinen Mitarbeitern schon immer einen höheren Lohn als anderswo. Während der Corona-Zeit habe ich meine Angestellten teilweise auf eigene Rechnung finanziert.“ 

Luxustourist als wirkmächtigster Entwicklungshelfer

Der Tourenführer Wilhelm macht bei einer Wanderung klar, welch dramatische soziale Konsequenzen das Ausbleiben von Touristen hat: „Ich habe vier Töchter. Deren  Schulgeld muss ich unabhängig von meinen Einkünften finanzieren.“ Er berichtet: „Rezeptionisten, Kellner, Gärtner und Reiseführer müssen oft als Alleinverdiener vielköpfige Familien mit Frau, Kindern, Eltern und Schwiegereltern finanzieren. Arbeitslosigkeit wegen fehlender Touristen lässt ganze Großfamilien in Armut fallen. Nicht zuletzt, weil sie sich keine medizinische Versorgung leisten können.“

Die Folgen der Besucherflaute sind besonders schmerzhaft, weil mit dem Tourismus ein hocheffizientes Entwicklungshilfewerkzeug zerbricht. Während jugendliche Entwicklungshelfer mit Rasta-Locken und Hosen in Java-Batik-Muster auf ihren Selbstfindungstrips vor Ort oft eher stören als helfen, und während deutsche Ministerialbeamte mehr an planmäßigen Mittelabflüssen und wohlklingenden Abschlussberichten als an der Wirksamkeit der von ihnen finanzierten Projekte gemessen werden, verkörpert der Luxustourist in Wirklichkeit den wirkmächtigsten Entwicklungshelfer.

So injiziert ein Ehepaar mit einer einzigen Übernachtung in der Spitzkoppen-Lodge zum Preis von 400 Euro pro Nacht (Stand September 2021) ein Zehntel des namibischen Pro-Kopf-Bruttosozialprodukts in den lokalen Wirtschaftskreislauf. Ein Großteil des Geldes entfaltet über die Großfamilien von Zimmermädchen, Rezeptionisten und Kellnern schlagartig ökonomische Wirkung und pflanzt sich wohlstandsstiftend in regionalen Wertschöpfungsstrukturen fort. Die gleiche Summe würde in Deutschland nur ein Hundertstel des Pro-Kopf-Bruttosozialprodukts verkörpern und somit eine weitaus geringere soziale Wirkung entfalten. Tourismus dürfte schon deshalb effizienter als staatliche Entwicklungshilfe sein, weil sich Reisende zielgenau am Preis-Leistungsverhältnis touristischer Dienstleistungen orientieren und damit Wettbewerb und Leistungsdenken fördern. 

Manfred meint rückblickend: „Deutschland hätte auf Reiserestriktionen nach Namibia weitgehend verzichten und die Medien hätten umfassender über die schlimmen Nebenwirkungen in der globalen Tourismusindustrie berichten sollen“. An die Adresse klimasensibler deutscher Jugendlicher hat eine Lodge-Managerin noch den Hinweis: „Ich kann Euch die Flugscham nicht verbieten. Hoffentlich ist Euch jedoch klar, dass wir Afrikaner unter Arbeitslosigkeit und Touristenmangel weitaus stärker leiden als unter dem Klimawandel.“

Kontraste zur deutschen Energiepolitik

Namibia kennt kein Erneuerbare-Energie-Gesetz, keine Subventionen für Elektroautos oder Lastenräder und schon gar keine Solardachpflicht. Während Autofahrer, Häuslebauer und Unternehmer in Deutschland ihre Lebensentwürfe und Geschäftsmodelle oft auf das Abschöpfen staatlicher Subventionen ausrichten, existiert dieser Anreiz in Namibia nicht. Umso aufschlussreicher ist es, wie sich in Namibia ohne staatliches Zutun eine marktwirtschaftliche und technologieoffene Transformation des Energiesystems vollzieht. Dabei lassen sich in den Sektoren Wärme, Strom und Mobilität unterschiedliche Mechanismen im Zieldreieck zwischen Zuverlässigkeit, Bezahlbarkeit und Klimaneutralität ausmachen. 

Da die Energieversorgung in entlegenen namibischen Herbergen überschaubarer ist als im vernetzten Industrieland Deutschland, lässt sich an Fallbeispielen in Reinkultur erkennen, wieso eine allen drei Zielkriterien genügende Energieversorgung mit dem heutigen Stand der Technik nicht realisierbar ist. Vor dem Blick auf konkrete Beispiele sei aus persönlichen Gesprächen die Beobachtung erwähnt, dass für namibische Tourismusunternehmer die Klimaneutralität kein Investitionskriterium darstellt. Vermutlich ist den nüchtern denkenden Hotelbesitzern klar: Wer für seine Anreise über eine halbe Tonne Kerosin verfliegt und mit dem SUV durch die Wüste brettert, braucht sich um die CO2-Bilanz seiner Lodge keine Sorgen zu machen. 

Beginnen wir mit der Wärme: In den meisten Touristenherbergen hat sich die „Wärmewende“ in den vergangenen Jahren ohne jegliche Förderprogramme vollzogen. Statt mit Gas- oder Ölfeuerung wird Duschwasser heute überwiegend mittels solarer Warmwasserbereiter erzeugt. Warmwasser für Küche und Restaurant wird hingegen immer noch oft mit Gas erwärmt. In keiner der von uns besuchten acht Herbergen fanden sich Solarkollektoren aus deutscher Produktion. Meistens handelte es sich um chinesische Fabrikate. Diese Art der Energieversorgung ist umweltfreundlich und preiswert, aber nicht versorgungssicher. Zu Zeiten geringerer Sonneneinstrahlung – die es auch in Namibia zuweilen gibt – oder bei hohem Bedarf reicht das Duschwasser nur für eine Person. Die Dekarbonisierung des Wärmesektors ist im namibischen Tourismus somit recht weit vorangeschritten. Von den drei Zielkriterien bleibt freilich die Versorgungssicherheit auf der Strecke. Doch mit dem Duschen ist das Thema Wärme nicht erschöpft. Wie steht es mit der Heizung?

Zwei wohlig heiße Wärmflaschen

Ein weit verbreiteter Irrglaube besagt, im sonnigen Namibia keine Heizung zu benötigen. Im September 2021 fiel unser Thermometer in einer Lodge im Süden des Landes auf den Gefrierpunkt. Beim Heizen lassen sich je nach Preissegment zwei unterschiedliche Umgänge mit den Zielgrößen Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit beobachten. 

Lodges im niedrigen und mittleren Preissegment verzichten zugunsten der Bezahlbarkeit auf Versorgungssicherheit. In zwei Herbergen durften wir dabei eine besonders pragmatische Lösung erleben. Manfred sagt beim Abendessen: „Heute Nacht wird es kalt. Aber ich kann mir nicht leisten, für vier Kältetage im Jahr ein Heizungssystem einzubauen.“ Mit Augenzwinkern fügt er hinzu: „Trotzdem werdet Ihr heute Nacht nicht frieren.“ Als wir vom Abendessen in unser Fred-Feuerstein-Häuschen zurückkehren, schlummerten unter unseren Bettdecken zwei wohlig heiße Wärmflaschen. So bleiben weibliche Füße bis zwei Uhr nachts und männliche bis zum Morgen warm. Lodges im höheren Preissegment über 200 Euro pro Nacht verfügen hingegen über Photovoltaikanlagen mit großen Batteriespeichern. Dann kann die Klimaanlage nachts zum Heizen verwendet werden. In diesem Fall ist die Heizung zwar versorgungssicher, aber nicht für alle bezahlbar.    

Betrachten wir als nächstes die Stromversorgung: Entlegene Lodges sind nicht ans Stromnetz angeschlossen. Früher wurde elektrische Energie mittels Dieselgeneratoren erzeugt. Aus Zuverlässigkeitsgründen waren dafür in der Regel zwei redundante Systeme nötig. Angesichts der Verfügbarkeit preiswerter Photovoltaik-Kollektoren könnten deutsche Energiewendetheoretiker argumentieren: „Eine Kilowattstunde Strom aus Dieselgeneratoren kostet 30 Cent. Eine Kilowattstunde Solarstrom kostet 10 Cent. Bei einem Dieselgeneratorausstieg werden die Lodges klimaneutral und die Betreiber sparen außerdem Geld.“ 

An dieser Überlegung ist mathematisch nicht das Geringste auszusetzen. Zumindest solange deren Urheber bereit sind, nach Sonnenuntergang auf Beleuchtung, Internet, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Klimaanlage, Fernseher, Haartrockner, Elektrorasierer und Telefon zu verzichten. In der realen Welt sind zusätzliche Investitionen in Batteriespeicher nötig, so dass die Stromkosten für eine garantierte Vollversorgung selbst bei herausragendem Solarpotenzial wie in Namibia die Kosten des Dieselstroms übersteigen. Um die Kosten für die elektrische Energieversorgung zu minimieren, müssen die namibischen Tourismusmanager eine Abwägung zwischen hoher Kosteneinsparung mit starken Einbußen bei der Versorgungssicherheit oder niedriger Kosteneinsparung mit schwachen Einbußen vornehmen. 

Der Dieselgenerator nur noch als Notreserve

Da die deutsche Kohlekommission nach getaner Arbeit Namibia anscheinend noch nicht als Betätigungsfeld entdeckt hat, ist das Land bislang vom Dieselgenerator­ausstieg verschont geblieben. So können die Unternehmer die allmähliche Verdrängung von Dieselgeneratoren durch Solaranlagen mit Batteriespeichern eigenverantwortlich und nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten gestalten. Auch im Fall der Stromversorgung lassen sich im namibischen Energiesystem je nach Preislage unterschiedliche Transformationspfade beobachten.

In einigen Lodges aus dem niedrigen oder mittleren Preissegment wurden Dieselgeneratoren durch Solaranlagen mit kleinen Batteriespeichern ersetzt. Der Dieselgenerator steht dann still und dient nur noch als Notreserve. Da die Batteriespeicherkapazität aus Kostengründen nur für Beleuchtung und Kleingeräte ausgelegt wird, können die Gäste keine Vollversorgung erwarten. Als Konsequenz fehlen Klimaanlagen, Kühlschränke und Kaffeekocher. Außerdem werden die Gäste in Merkblättern freundlich darum gebeten, keine Haartrockner zu verwenden. Glühbirnenverbote sind in namibischen Lodges übrigens unnötig, weil die Betreiber von allein verstehen, dass der Einsatz von Energiesparlampen die Investitionskosten für ihre Batteriespeicher verringert. Als Zwischenfazit lässt sich sagen, dass im namibischen Low-Cost-Tourismus eine Solarstromversorgung zwar preiswert, aber nicht bedarfsdeckend ist. 

Wer das Hochpreissegment oberhalb von 250 € pro Nacht bevorzugt, ist solcher Sorgen ledig. In einer Luxusherberge konnten wir eine riesige Solaranlage mit Batteriespeicher bestaunen und durften Annehmlichkeiten wie Klimaanlage, Fön und Kühlschrank genießen. Dieses Marktsegment ist somit ökologisch und zuverlässig, aber nicht preiswert. 

In einer von uns besuchten mittelpreisigen Lodge gewährte mir John stolz eine Privatführung durch seine moderne Energiezentrale. Einen von zwei Dieselgeneratoren hat er stillgelegt und durch Fotovoltaik mit großem Batteriespeicher ersetzt. Der andere Generator ist jedoch nach wie vor unverzichtbar. Bemerkenswert ist, dass John all diese Veränderungen ohne staatliches Zutun vollzogen und aus eigener Tasche bezahlt hat. 

Der SUV ist das Arbeitspferd der touristischen Mobilität

Schauen wir nun auf die Mobilität: Die Werbebotschaften deutscher Reiseveranstalter und CO2-Kompensationsanbieter zu klimaneutralen Fernreisen sind ein Sündenpfuhl biblischen Ausmaßes. Denn hinter den Sprechblasen wie „Ökotourismus“ und „sanfter Urlaub“ steht der sprichwörtliche Elefant im Raum – in Form des CO2-Fußabdrucks der Anreise. Vor dem Blick auf die namibischen Verkehrsmittel ist es deshalb wissenswert, dass der mit heutigem Stand der Technik einzig seriöse Weg zur Dekarbonisierung von Interkontinentalflügen der Ersatz fossilen Kerosins durch synthetisches Kerosin zu einem Mehrpreis von etwa drei Euro pro Liter ist. Diese wissenschaftlich begründete Zahl hat zur Folge, dass eine echt klimaneutrale Anreise nach Namibia gemäß der AvM-Formel für eine vierköpfige Familie Mehrkosten in Höhe von knapp 10.000 Euro nach sich ziehen würde.

Aus der rein namibischen Perspektive ist die Dekarbonisierung im Mobilitätssektor am wenigsten fortgeschritten. Da die meisten Straßen unbefestigt sind und Lodges oft nur über Sand- und Schotterwege erreichbar sind, ist der SUV das Arbeitspferd der touristischen Mobilität. Elektroautos konnten wir bei unserer Reise nirgends sehen. Vor Ort bieten jedoch zahlreiche Herbergen Elektrofahrräder für Touristen an. Eine Lodge hatte für den lokalen Transport ihres Personals Golfcarts angeschafft, die mittels Solarenergie geladen werden. Auch dies erfolgt ohne staatliche Förderung. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Namibia der Wärmesektor am weitesten und der Mobilitätssektor am wenigsten dekarbonisiert ist. 

Großprojekte und die deutsche Außenpolitik

Im Jahr 2021 sagte der damalige Außenminister Heiko Maas angesichts deutscher Kriegsverbrechen an den Herrero die Zahlung von 1,1 Milliarden Euro an Namibia für Wiedergutmachungsprojekte zu. Die Gelder sollen über einen Zeitraum von 30 Jahren fließen, so dass pro Jahr ungefähr 30 Millionen Euro zur Verfügung stehen. 

Es ist geschichtswissenschaftlich nicht abschließend geklärt, ob es sich bei den schrecklichen Ereignissen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts um Kriegsverbrechen oder Völkermord handelt. Gleichwohl ist es aufschlussreich, wie Manager und Mitarbeiter in unterschiedlichen Touristenherbergen die deutsche Geste beurteilen. Auf die Frage: „Was halten Sie von der Wiedergutmachungszahlung?“ waren sich alle Befragten einig – egal ob Führungskraft oder Mitarbeiter, ob schwarz oder weiß. Unter den Befragten bestand Einigkeit darüber, die Gelder würden der Korruption anheimfallen und für das einfache Volk keinen Nutzen stiften.

Unter der Prämisse, die Zahlung sei unabwendbar, entstand in einem der Gespräche eine originelle Idee: „Wäre es nicht wirksamer und einfacher, jährlich 30.000 Gutscheine für Urlaubsflüge auf der Strecke Frankfurt-Windhoek im Wert von je 1.000 € zu verschenken? So wäre nach 30 Jahren die Milliarde ausgegeben, allerdings ohne Geldströme in namibische Regierungskanäle zu leiten. Stattdessen würde der Tourismus im Lande langfristig gefördert, weil die Urlaubsreisenden ihr Geld dezentral vor Ort ausgeben.“ 

Im gleichen Jahr begann ein anderes Kapitel deutscher Außenpolitik – dieses Mal im Energiesektor. Am 25. August 2021 unterzeichneten die Regierungen Deutschlands und Namibias eine Absichtserklärung, wonach Deutschland 40 Millionen Euro in eine Partnerschaft für die Erzeugung grünen Wasserstoffs investiert. Noch liegen weder nähere Informationen noch konkrete Ergebnisse vor. Einen kleinen Vorgeschmack auf das mögliche Schicksal einschlägiger Großprojekte liefert ein ebenfalls im Jahr 2021 angekündigtes Vorhaben im Umfang von 9,4 Milliarden Dollar nahe der namibischen Hafenstadt Lüderitz.

Dort sollen Wind- und Solarkraftwerke mit einer Leistung von insgesamt fünf Gigawatt und eine Elektrolyseanlage mit drei Gigawatt Leistung errichtet werden. Der Komplex soll perspektivisch durch Meerwasserentsalzungsanlagen sowie eine Ammoniaksyntheseeinheit ergänzt werden. Das Firmenkonsortium wird von der namibischen Projektentwicklungsgesellschaft Hyphen Hydrogen Energy unter Beteiligung der deutschen Firma Enertrag geleitet. Eine Internetrecherche über die Herkunft der 9,4 Milliarden Dollar sowie über technische Daten des Energiekomplexes blieb mit Stand März 2022 erfolglos. Ebenso zwei schriftliche Anfragen bei Hyphen und Enertrag. Wenn für ein Projekt im Umfang von Stuttgart 21 im Internet lediglich blumige Presseerklärungen ohne technische und finanzielle Details zu finden sind, so lässt dies für den Projektfortschritt wenig Gutes erwarten. Man darf insbesondere gespannt sein, ob sich die Ankündigung des Enertrag-Managers Tobias Bischof-Niemz erfüllen wird: „Das Projekt wird während der Aufbauphase mit der Dauer von insgesamt vier Jahren fast 15.000 Arbeitsplätze schaffen…“

Nach dem Ausflug in die Traumwelt ist es sinnstiftend, den Blick zurück in die touristische Realwirtschaft mit ihren pragmatischen und bodenständigen Menschen zu lenken. Auf meine Frage, ob das automatische Ausrichten von Manfreds Solaranlagen womöglich mittels Aktuatoren und künstlicher Intelligenz erfolge, gab der Hausherr mit verschmitztem Lächeln zu Protokoll: „Wenn unser Zimmermädchen gegen Mittag mit dem Bettenmachen fertig ist, dreht sie die Kollektoren mit Hand aus nordöstlicher in nordwestliche Richtung.“ 

Der Autor: André Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart und Autor des Buches „Sieben Energiewendemärchen?“

 

(1) Alle Namen geändert

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Norbert Brausse / 01.04.2022

Ich glaube, aber lasse mich auch gern eines Besseren belehren, dass man sich in Namibia auch des bösen alten weißen Mannes besinnen wird, wenn die Entbehrungen zu groß werden. Da spielt es keine Rolle, dass man nach dem Motto „Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all“ lebt, während der Lodge-Besitzer sich auf diesem Gebiet einschränkt. Ebenso wird man dann nicht erkennen können oder auch wollen, dass man selbst nicht in der Lage gewesen wäre, sich solch einen Arbeitsplatz zu generieren.

Bernd Keller / 01.04.2022

Na ja… Windrad habe ich versucht und verworfen. Ebenso Solar. Beides liefert zu wenig bis gar nichts. Die letzte Chance für “nachhaltig” ist jetzt ein hydraulischer Widder… PS: Wer Kontakte nach Namibia hat möge mich bitte informieren wenn er jemanden Namens Keller dort kennt. 1930 ausgewandert… b-kay@freenet.de

Michael Trost / 01.04.2022

Schöner Beitrag, der zeigt, dass regenerative Energieversorgung auch versorgungssicher möglich ist. Nur noch etwas teurer. Was die meisten Pessimisten nicht sehen, ist, dass mittlerweile Strom aus Pv in sonnigen Gebieten unter 2ct/kWh erzeugt werden kann. Die referenzierte Publikation (3€/l Kerosin) zeigt auch, dass dadurch der Kerosinpreis bei ca 1€/l läge. Dabei sind großtechnischen Skaleneffekte noch nicht eingerechnet. Und ja, es braucht einen Plan, weniger Naivität oder Lobbyismus, um die Energieerzeugung umzustellen. Das Geld dafür schlummert auf deutschen Konten (fast 3 Bill €) und würde für garantierte 3% Zinsen großzügig zur Verfügung gestellt. Nochmal, die 2 ct/kWh ermöglichen eine langfristig kostenneutrale Umstellung.

Frank Box / 01.04.2022

Der Bericht dieses Professors aus Stuttgart verschafft zwar einen guten Einblick in die namibischen Verhältnisse, er übernimmt aber leider völlig unkritisch die ganzen (deutschen) Kilmawandel-Dogmen. Die hätte er hier besser weggelassen! In Afrika werden Entscheidungen allein an den Kosten und der tatsächlichen Umsetzbarkeit vor Ort getroffen. Alles andere interessiert keinen!

Hjalmar Kreutzer / 01.04.2022

1884 bis 1915 deutsche Kolonie, dann von Südafrika besetzt, 1920 bis 1990 zunächst per Mandat des Völkerbundes von Südafrika verwaltet, de facto kolonialisiert. Mit deutschem Schuldkult wird m.M.n. hier, vom Autor wahrscheinlich nicht beabsichtigt, die nicht einmal 30 Jahre deutscher gegen die 65 Jahre südafrikanischer Kolonisation zu sehr betont. Davor gab es über viele Jahrtausende wohl nur die einheimische Bevölkerung, welche auch nach 1990 wieder das Sagen hat. Aber wir Deutschen müssen uns für alles Elend der Welt auch im Nachhinein verantwortlich fühlen und v.a. zahlen, zahlen, nochmals zahlen. 400 Öcken pro Nacht, um im Busch in etwa die gleichen Bequemlichkeiten wie zu Hause zu haben? Ach nö, lassma stecken!

R. Reger / 01.04.2022

Das ist ein guter Artikel mit Hand und Fuss. Die angesprochenen Punkte wurden nachvollziehba durch reale Fuss- und Recherchearbeit zusammen getragen. Soga der einzigartige Humor der Südwester kommt realitätsgetreu herüber. Ich hatte das große Glück, für 15 Monate in Namibia zu arbeiten und erkannte, dass die Deutsche Gemeinschaft dort das Land zusammenhält. Wer sich mit Auswanderung beschäftigt, sollte dort durchaus mal einen Urlaub einplanen, geniessen und lernen. Vor allem lernen, welche Voraussetzungen man im Kopf mitbringen muss, damit die Auswanderung dauerhaft gelingt. Dafür sind die Südwester beispielhaft. Jammern, anderen auf die Tasche fallen, andere für ihr Schicksal verantwortlich zu machen- danach wird man vergeblich suchen. Und natürlich ist es unerlässlich für einen Professor für Energiespeicherung, der dort alternative Energie unter die Lupe nimmt, unerlässlich, dass er dies unter Berücksichtigung der gängigen Kriterien und Begriffe wie Klimaneutralität, CO2 Fussabdruck im Ganzen tut. Es geht um seine Erkenntnisse. Seine Schlüsse sind dementsprechend glaubhaft. André erinnert mich auch an 2015, und die Sprüche der damaligen de-Regierung, wonach es von nun da an galt, “Fluchtursachen zu bekämpfen”. So illusorisch und hochtrabend das klang, man hätte diesen Anspruch doch im Falle Namibia unter Beweis stellen können. Einziges Problem für die fanatisch-hirnverbrannten Weltverbesserer hier war wohl der Umstand, dass es sich bei den Empfängern der Hilfen u.a. auch um weisse, obendrein Deutsche Siedler hätte handeln können. Die Deutschen dort hätten auch einpacken können, und ab nach Deutschland, dem Staat auf der Tasche liegen. Das liegt jedoch nicht im Charakter dieser einzigartigen Menschen. Hilfe wäre dort buchstäblich sinnvoll angekommen. Aber nein, Mali, Afghanistan, jedes shithole ist es dem Aussenminister wert, endlos Geld dort zu versickern. Die konterkarieren den Ausspruch: Wer sich selbst hilft, dem wird geholfen.

Fred Burig / 01.04.2022

@Stefan Ahrens:”... Namibia wäre einer meiner „Geheimtipps“ zur Auswanderung!” Klar doch! Wenn sie gesund und reich sind - dann aber nichts wie los! MfG

giesemann gerhard / 01.04.2022

Es ist völlig egal, was die machen.

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