Rainer Bonhorst / 28.02.2018 / 16:00 / 5 / Seite ausdrucken

Danke Heiko Maas, Retter der Satire!

Unter Freunden der Meinungsfreiheit wird das ernstlich und keineswegs satirisch sogenannte Netzwerkdurchsetzungsgesetz gerne kritisiert. Auch mich erinnert es an den alten Wunsch unserer geschäftsführenden Kanzlerin, schön „durchregieren“ zu können. Durchregieren und Durchsetzung sind ja enge Verwandte. Die Politik entlarvt sich manchmal eben selbst. Trotzdem möchte ich das legislative Meisterwerk unseres damals noch in voller Würde amtierenden Justizministers Heiko Mass einmal unter rein künstlerischen Gesichtspunkten betrachten. Und da komme ich doch zu einem deutlich positiveren Ergebnis.

In den vergangenen bundesrepublikanischen Zeiten, in denen noch das Grundgesetz galt, wonach eine Zensur nicht stattfindet, befanden sich Satiriker und Kabarettisten in einer – wie ich finde – verzweifelten Lage. Sie konnten sagen, verhöhnen, verarschen, lächerlich machen, wen oder was sie wollten: Es hat niemanden gekümmert. Die große Freiheit stellte die einschlägigen Künstler vor die schier unlösbare Aufgabe, in einem Umfeld zu provozieren, in dem sich einfach keiner provoziert fühlte. Anything goes, war die Parole, um ein amerikanisches Musical zu zitieren.

Diese Sorge sind wir nun los. Es wird wieder nach Herzenslust zensiert, und die Satiriker und Kabarettisten haben wieder eine lohnende Aufgabe. Sie müssen ihre Worte endlich wieder auf die Goldwaage legen, um die Zensoren schlau zu unterlaufen. Eine Kunst, die in Diktaturen ihre höchste Form erreicht hat, hat nun auch bei uns eine neue Chance.

Ein Meister des genialen Stotterns

In Deutschland hat diese Kunst der trickreichen Formulierung ja eine herausragende Tradition. In der DDR erlebte der politisch doppeldeutige Witz eine prächtige Blüte, die er ohne die diktatorischen Strukturen nie erreicht hätte. Und erst einmal in der Nazi-Zeit! Nur sie konnte einen Mann wie Werner Finck hervorbringen. Der war nicht nur ein Meister der kunstvollen Doppeldeutigkeit und ein Meister der kunstvollen Pausen. Er war – und das ist die Krönung dieser Kunstform – ein Meister des genialen Stotterns.

Werner Finck hatte nach den Nazis noch einen zweiten kurzen Frühling, als sich die Herren der jungen Bundesrepublik noch nicht ganz an die von den Amerikanern verordnete Freiheit gewöhnt hatten und entsprechend schnell beleidigt waren. Aber das hielt nicht lange vor. Die freie Rede wurde immer selbstverständlicher, und damit wurde die Arbeit der Satiriker immer frustrierender. Zwar sehnt sich der Satiriker nach der Meinungsfreiheit, aber wenn er sie hat, merkt er plötzlich, dass er ins Leere provoziert. So war es dann auch.

Diese Frustration der Leere haben wir nun endlich hinter uns gelassen. Dank Heiko Maas wird wieder energisch zensiert. Und der Satiriker ist wieder in seinem Element. Und das ist die Satire unter satirefeindlichen Bedingungen. Heute muss er sich zwar nicht mehr mit den Zensoren nationalsozialistischer oder realkommunistischer Prägung messen. Heute muss sich seine sprachliche Florett-Fähigkeit an den Systemen der Algorithmen und der Alarmwörter erweisen, die im Zeitalter der Netzwerkdurchsetzung über Sein oder Löschen entscheiden.

So kann sich eine zeitgemäße Variante einer alten Kunst entwickeln. Die fast schon verlorene Kunst der trickreichen, subversiven Satire, die es versteht, sich unter dem Radar der Zensoren zu entfalten, hat die Chance auf eine neue Blüte. Dies verdankt die Gemeinde der Satiriker dem Zensur-Minister Heiko Haas. Es wird Zeit, dass ihm der große deutsche Satire-Orden am Bande verliehen wird. 

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Leserpost (5)
Bargel,Heiner / 28.02.2018

Herr Bonhorst, da liegt Zukunft drin! Die gelernten DDR-Bürger können dann an der Volkshochschule Kurse für die Schon-länger-in- den-veralteten-Bundesländern-Lebenden geben “Wie lese ich zwischen den Zeilen?”, “Wie erkenne ich den Doppelsinn von Aussagen im Kabarett?” “Doppeldeutig Sprechen leicht gemacht” und viele weitere. Man muss nur staatlicherseits aufpassen, daß keiner unter diesem Deckmantel subversive Kurse gibt, wie man eine friedliche Revolution auslöst. ;-)

Werner Kirmer / 28.02.2018

Hallo, das hatten wir in der DDR. Wir haben mit den Füßen abgestimmt und nicht mit dem Kopf. So sind wir in die jetzige Diktatur geschlittert, war ja alles so gleißend und glänzend. Ja warum gilt das GG nicht mehr? Wer hat es zugelassen? Die angeblichen Verteidiger von Rot bis Schwarz. Nach der Wende hat mir ein (Wessi) gesagt:“Warum habt ihr das zugelassen? Wir wären alle Widerstandskämpfer gewesen!” Ha, ha! 150%tige Genosse allesammt egal welcher Farbe.

Karla Kuhn / 28.02.2018

“So kann sich eine zeitgemäße Variante einer alten Kunst entwickeln. Die fast schon verlorene Kunst der trickreichen, subversiven Satire, die es versteht, sich unter dem Radar der Zensoren zu entfalten, hat die Chance auf eine neue Blüte. Dies verdankt die Gemeinde der Satiriker dem Zensur-Minister Heiko Haas. Es wird Zeit, dass ihm der große deutsche Satire-Orden am Bande verliehen wird.”  Diese Art Satire erfordert allerdings einen hohen IQ. In der DDR gab es einige Kabarettisten, die diese Kunst beherrscht haben. Es ist allerdings keine Kunst und ich finde es erbärmlich, wenn sich “sogenannte Kabarettisten”  auf anderer Leute Kosten lustig machen. Ein wirklich guter Kabarettist war Dieter Hildebrand, er hat sein Handwerk verstanden.

Thomas Rießinger / 28.02.2018

Leider sind die deutschen Kabarettisten nur noch in der Lage, politisch korrekten Müll zu produzieren und das für mutiges Querdenken zu halten. Eine “trickreiche, subversive Satire” ist von solchen Leuten nicht zu erwarten.

Lutz Muelbredt / 28.02.2018

Naja. Da brauchts ja nur noch Kabarettisten, die dieses Stil(l)mittel verwenden und ein Publikum, welches das auch versteht.

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