Karim Dabbouz / 18.04.2017 / 19:01 / Foto: Tim Maxeiner / 7 / Seite ausdrucken

Vergesst Facebook!

Du kannst nicht in das Haus eines anderen gehen und den Menschen dort vorschreiben, wie und worüber sie sich zu unterhalten haben. Das war mein erster Gedanke zu dem geplanten "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" (NetzDG). Facebook hat das Hausrecht. Wenn es Nippel anstößig findet, dann reden wir bei Facebook nicht mehr über Nippel. Wenn Facebook Imad Karim nicht mag, ist das schade, aber womöglich nicht zu ändern. (Update: Oder doch) Da können wir jetzt herumkeilen oder wir wenden uns den wichtigen Dingen zu. Zum Beispiel der Frage, warum wir uns überhaupt der Illusion hingeben, Facebook trage irgendetwas zur Meinungsfreiheit bei.

Nichts auf Facebook gehört wirklich euch

Zwei Fälle möchte ich unterscheiden: 1.) Man nutzt Facebook als Publishingplattform. 2.) Man nutzt Facebook als Netzwerk zum Teilen von externen Inhalten.

Zu 1: Es gibt Menschen, die Facebook als Blog nutzen. Facebook begrenzt die Wortanzahl nicht und das Publikum ist nur einen Mausklick entfernt in Form von Freunden, Freundesfreunden und - bei öffentlichen Beiträgen - in Form von allen, die sich auf eure Seite verirren. Dies sind die Vorteile. Das Problem: Die Inhalte gehören euch nicht.

Imad Karim hat erfahren, was dies bedeutet. Wird der Druck zu groß oder entscheidet Facebook, euch nicht mehr zu brauchen, sind sowohl eure Inhalte als auch eure Öffentlichkeit weg. Wer soziale Netzwerke als Plattform für publizistische Inhalte nutzt, muss sich darüber im Klaren sein, dass ihm weder die Inhalte noch das Publikum gehören. Allein Facebook entscheidet, wer mitspielen darf. Das war schon vor dem NetzDG so.

Zu 2: Andere Menschen nutzen Facebook nur, um externe Inhalte zu teilen und ein großes Publikum zu erreichen. Auch die "Achse" tut dies. Die Inhalte sind sicher, nämlich auf der eigenen Webseite und können jederzeit wieder bei Facebook oder auf anderen Seiten geteilt werden. In diesem Fall nutzt ihr nur die Netzwerkfunktion von Facebook. Der Wert von Facebook besteht in euren Kontakten, die ihr im Laufe der Zeit aufgebaut habt.

Facebook ist kein Gemeingut

Facebook sollte kein Ersatz für eine eigene Seite sein. Wenn ihr schreiben wollt, startet ein eigenes Blog. Diesen Gedanken habe ich mir am Wochenende bei den Ruhrbaronen abgeschaut. Ein Punkt wird dort allerdings unterschlagen, denn mit einem Blog allein ist es nicht getan. Es fehlen die Öffentlichkeit und ein zentraler Ort, an dem die unterschiedlichen Inhalte diskutiert und per Mausklick geteilt werden können. Genau das ist der eigentliche Affront des NetzDG: Heiko Maas maßt sich an, bestimmen zu dürfen, wer worüber mit wem redet. Er möchte verhindern, dass sich Menschen an diesem Ort im Internet treffen.

Dementsprechend gibt es eine gewisse Anspruchshaltung gegenüber sozialen Netzwerken. Sie entspringt dem Eindruck, es handele sich bei Facebook um ein Gemeingut. In dieser Sache sind sich die selbsternannten Kämpfer gegen Hatespeech und ihre Gegner einig. Beide wollen mitbestimmen, wie diese privaten Unternehmen zu funktionieren haben. Dabei ist die Meinungsfreiheit via Facebook nur angreifbar, weil wir diesen Ort im Internet zur Schaltstelle der Meinungsvervielfältigung erheben. Die Lösung ist simpel: Vergesst Facebook. Dann beißt sich Minister Maßlos mit seiner Politik die Zähne aus.

Beiträge bei Facebook haben ohnehin keinen Einfluss

Noch ein Grund mehr spricht dafür, Facebook als Diskursmedium zu vergessen. Ein Gedankenspiel: Was würde passieren, träfen sich bei Facebook nur noch Sittenwächter und Meinungsasketen? Irgendwann ginge ihnen der Stoff aus und sie würden sich kannibalisieren. Ansatzweise sieht man dies jetzt schon: Wenn gerade kein echter Nazi zur Hand ist, weitet man den Begriff einfach auf andere Gruppen aus oder empört sich gegenseitig zu Tode. Das größte Problem politischer Diskurse ist ja ohnehin, dass sie zunehmend in Silos stattfinden. Gerade vor ein paar Tagen las ich bei Facebook, wie sich jemand weigerte, einen Text von "achgut" zu teilen, obwohl er ihn gut fand. Ich glaube, ich könnte den besten Text der Welt schreiben, einige meiner besten Freunde würden ihn dennoch nicht teilen.

Diese Abgrenzung von "den anderen" ist bei weitem nicht nur ein Problem unter Linken. Auch Konservative und Liberale, also diejenigen, die sich angesichts des NetzDG besonders stark bevormundet fühlen, scheinen oft lieber unter sich bleiben zu wollen. Das Ausmaß der Empörung über die fehlende Neutralität von Facebook spricht da Bände: Man beschwert sich, dass einem der Ort genommen wird, der die eigene Meinung und Wahrnehmung mit Algorithmen einhegt, isoliert und festsetzt. Denn wirklich miteinander geredet wird auch auf Facebook nicht. Es ist naiv zu glauben, Imad Karims Beiträge auf Facebook hätten einen großen Einfluss auf diejenigen, die er in ihnen anprangert. Diese Leute lesen sie nämlich gar nicht. Dafür sorgt die Meinungsblase, der wir uns bereitwillig aussetzen, wenn wir unsere Öffentlichkeit auf dem Geschäftsmodell eines privaten Unternehmens aufbauen. Warum also die ganze Aufregung?

Die Meinungsblase ist bequem – gebt sie auf!

Wir scheinen uns an Diskurse in Silos gewöhnt zu haben. So weit, dass viele die Dienstleistung eines privaten Unternehmens für den Hort der Meinungsfreiheit erachten. Das ist sie aber nicht. Im Gegenteil: Soziale Medien verführen dazu, sich an den Komfort der Meinungsblase zu gewöhnen. Eigentlich bräuchten wir ein Netzwerk mit besonders dummen Algorithmen und selbst dann wäre das Silodenken nicht gelöst, schließlich umgeben wir uns gerne mit Gleichgesinnten. Auch im echten Leben. Es ist ein Trauerspiel.

Was also tun? Die Lösung kann vorerst nur sein, Debatten aus sozialen Netzwerken herauszuholen oder sie parallel in verschiedenen Netzwerken zu führen. Es gibt neben Facebook eine Reihe weiterer Netzwerke, in denen sich Inhalte leicht teilen und kommentieren lassen: Twitter, Reddit, Medium.com. Auch der klassische RSS-Reader ist alles andere als ausgestorben. Und solange man sich in den USA (vom innovationsfaulen Deutschland scheinen wir wenig erwarten zu dürfen) weiter so gründungsfreundlich gibt, dürfen wir noch viele weitere tolle Lösungen erwarten, die zwar noch nicht erfunden wurden, aber angesichts der Problematik sicher noch kommen werden.

Den Blog von Karim Dabbouz finden Sie hier.

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (7)
Volker Rubach / 18.04.2017

Sehr geehrter Herr Dabbouz, Sie haben mit dem was Sie schreiben absolut Recht. Das ist es ja aber, worum es vielen Gruppen im Moment überwiegend geht - die Zentralisierung und Bündelung von interessanten Artikel, Meldungen, etc. und Verteilung an möglichst viele Personen. Oft macht man dadurch die Leute erst auf diverse Blogs, Foren, etc. aufmerksam. Es ist ein wenig Marketing. Nachdem man es bekannt gemacht hat, schauen die Leute dann selber dort nach und verbreiten ihrerseits wieder in anderen Gruppen oder Bekanntenkreis. Nur so funktioniert eine weite Streuung von alternativen Informationsportalen. Und neben Facebook gibt es ja noch genügend andere Möglichkeiten, es findet sich immer etwas, sich zu organsieren.

Horst Nietowski / 18.04.2017

Das Usenet ist das freies Netz im Netz.

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