Utopien sind die Hölle

Von Jordan B. Peterson.

Menschen wünschen sich Abenteuer, Chaos und Unsicherheit. Utopie ist anti-menschlich.

Ich denke, eine Sache, die wir vom 20. Jahrhundert hätten lernen sollen – was wir aber natürlich nicht taten − ist, dass totalitäre utopische Visionen etwas sehr Gefährliches beinhalten. Dostojewski schrieb übrigens darüber in seinem großartigen Buch „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“. Denn Dostojewski durchschaute bereits im frühen 19. Jahrhundert, dass der utopischen Vision der Perfektion etwas äußerst Pathologisches innewohnt, etwas, das zutiefst anti-menschlich ist.

Er dekonstruierte das Konzept der Utopie. Er sagte etwas, das mir sehr gut gefällt. Es ist brillant. Er sagte: „Stellen Sie sich vor, Sie haben die sozialistische Utopie erschaffen. Stellen Sie sich vor, Menschen haben nichts anderes zu tun, als zu essen, zu trinken und sich mit der Fortpflanzung der Spezies zu beschäftigen.” Er sagte, das erste, das unter solchen Umständen passieren würde, wäre, dass die Menschen verrückt würden und mit dem System brechen, es zerstören würden.

Es könne eben nur darum Unerwartetes und Verrücktes passieren, weil sich Menschen keinen utopischen Komfort und Sicherheit wünschten. Sie wünschten sich Abenteuer, Chaos und Unsicherheit. Deshalb ist das eigentliche Konzept der Utopie anti-menschlich, weil wir nicht für statische Utopie geschaffen sind. Wir sind geschaffen für eine dynamische Situation, in der Forderungen an uns gestellt werden, und in der es die optimale Menge an Unsicherheit gibt.

Nun, wir wissen, was im 20. Jahrhundert als Folge einer weitverbreiteten Beförderung utopischer Schemata geschah. Was passierte, war die Verstümmelung einer Fähigkeit, wie es sie in der gesamten Geschichte der Menschheit nie zuvor gab. Und das sagt wirklich etwas aus, denn es gab eine Menge Verstümmelungen vor dem 20. Jahrhundert. Doch es steckten nicht diese industriellen Massen dahinter.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich als Videovortrag ”Dangers of Totalitarian Utopian Visions“ auf dem Youtube-Kanal „Jordan B. Peterson Clips“.

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (5)
Karla Kuhn / 14.12.2017

Herr Willert, gut gekontert. Man muß eben in viele Richtungen denken. Wer nichts anderes gewohnt ist, vermißt auch nichts.

Christian Goeze / 14.12.2017

Noch schlimmer ist “brave new world”, hier wird die Utopie so auf die Spitze getrieben, daß einem lebenden Menschen nur noch schlecht werden kann.

Joachim Willert / 14.12.2017

Stellen sie sich vor , Christoph Columbus hätte Amerika nicht entdeckt, und auch niemand danach. Die Aborigen Hispaniolas, unfähig Waffen zu fertigen, lebten wahrscheinlich schon viele tausend Jahre. Man könnte annehmen daß sie mehr oder weniger glückselig waren, sonst hätten sie sich über mögliche Utopien Gedanken gemacht, um ihr trostloses Dasein zu ändern.  Höchst wahrscheinlich aßen, tranken sie und mehrten sich ohne sich selbst zu zerstören. Und so könnten sie auch heute noch ihrer eigenen Art frönen. HOW COME.  Das Geheimnis ihres Überlebens über Jahrtausende war die Beschäftigung mit sich selbst und der Natur. Ab 1792, also vor 525 Jahren beglückten sie die europäischen Domestizierer mit den Segnungen unserer Zivilisation. Es dauerte keine 25 Jahre und das Volk war ausgelöscht. Was will uns diese Geschichte sagen? Ist es wirklich segensreicher von einer Unterwerfung zur anderen zu schreiten, oder einfach nur die nächsten zehntausend Jahre vor sich hin zu dösen?

Dirk Jungnickel / 14.12.2017

Teilweise Widerspruch: Es bleibe dahingestellt, ob Dostojewski konkrete Vorstellungen vom Sozialismus hatte. Dieser wurde selbstverständlich seit der Begriff existiert verschieden definiert; so wie hier beschrieben - nämlich als Schlaraffenland - wohl eher selten. Utopien haben durchaus die Wissenschaften und deren Erkenntnisse und Fortschritte befördert. Nicht sie sind primär für “Verstümmlungen ” verantwortlich. Das Verheerende sind IDEOLOGIEN ! An sich keine Neuigkeit!

Leo Anderson / 14.12.2017

Agent Smith in “The Matrix”:  Do you know “... the first Matrix was designed to be a perfect human world? Where none suffered, where everyone would be happy. It was a disaster. No one would accept the program. Entire crops were lost. Some believed we lacked the programming language to describe your perfect world. But I believe that, as a species, human beings define their reality through suffering and misery ...”

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