Dirk Maxeiner / 21.09.2017 / 11:23 / 10 / Seite ausdrucken

Thyssen-Krupp: Deutschland wird Kohlenstoff-befreit!

Mit der geplanten Fusion der deutschen Thyssen-Krupp-Stahlsparte und der indischen Tata-Gruppe passiert genau das, was unsere ergrünten politischen Führer seit Jahren anstreben: Deutschland wird kohlenstoffbefreit. So bekommt die Nation den Klimaschutz einmal ganz praktisch vorgeführt.

Der deutsche Thyssen-Krupp-Konzern und die indische Tata-Gruppe wollen ihre europäischen Stahlwerke unter dem Dach einer gemeinsamen Firma zusammenlegen. Das neue Unternehmen wird seinen Sitz in den Niederlanden haben. Insgesamt 4.000 Stellen sollen wegfallen. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, dass dies erst der Anfang ist, mittelfristig darf man getrost eine Null hinzufügen: 40.000 verlorene Jobs. Die Stahlsparte von Thyssen-Krupp beschäftigt etwa 27 000 Mitarbeiter, Zulieferer und die übrige am Stahl hängende Infrastruktur ist dabei gar nicht mitgezählt.

Während die deutsche Autoindustrie kohlenstoffbefreit erst am Abgrund steht, ist die Stahlindustrie jetzt einen Schritt weiter.  So dürfte die böse Stahlerzeugung mit ihren Hochöfen in diesem Lande demnächst der Vergangenheit angehören. Und dies hat eben nicht nur mit dem verschärften internationalen Wettbewerb zu tun, sondern auch mit hausgemachten Vorschriften und Restriktionen.

"Das Ruhrgebiet ist die Herzkammer der deutschen Industrie. Dazu gehört unverzichtbar die Stahlindustrie", sagte der seinerzeitige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel zum Auftakt eines großen Aktionstages der deutschen Stahlindustrie noch im vergangenen Jahr. Hintergrund der Aktion war eine Krise der Traditionsbranche durch Dumpingpreise für Stahl-Einfuhren aus China und drohende höhere Kosten durch Klima- und Energieauflagen in Europa. Konkret protestierten die Stahlkocher gegen die geplante Verschärfung des EU-Emissionshandels. Doch diese sogenannten Klimaschutzmaßnahmen sind eben auch immer von der SPD mitgetragen worden. Ganz zu schweigen von unserer Klimakanzlerin und der EU, die Klimaauflagen nicht scharf genug ausgestalten kann. Besonders drollig ist daher, wenn sich der Heilige Martin jetzt als Retter der Witwen und Waisen aufspielt. Krokodilstränen kullern überall.

Über den Hintergrund dieses Emissionshandels lässt sich aus der Sicht der Stahlindustrie hier alles nachlesen.  (Und aus Sicht der Handelsbefürworter hier).  Aus der Verschärfung ergäbe sich nach Angaben der Stahlindustrie eine massive Unterausstattung an CO2-Zertifikaten. Und wer wartet schon gerne ab, bis ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Luft abgedreht wird.

Wenn die Verschärfungen so kommen wie geplant, dann würden die den Stahlherstellern zugestandenen Emissionsmengen nicht mehr ausreichen und sie hätten bis 2030 eine „Unterdeckung“ von bis zu rund 50 Prozent. Die Stahlindustrie müsste entweder die Stahlproduktion verringern oder Zertifikate zukaufen. Allein für die Unternehmen in Deutschland ergäbe sich daraus eine Mehrbelastung von rund einer Milliarde Euro jährlich. Diese Kosten können angesichts des intensiven internationalen Wettbewerbs nicht an die Kunden weitergegeben werden.

Ein Paradies für dubiose Geschäfte

Der sogenannte „Luftverschmutzungsmarkt“ (obwohl nicht um Luftverschmutzung, sondern Treibhausgase geht) wurde im Gefolge des Kioto-Protokolls etabliert. Hinter dem Handel steht die Idee, den Ausstoß von Kohlendioxid möglichst effizient zu begrenzen. Um ein limitiertes Gesamtvolumen an Abgasen nicht zu überschreiten, werden Emissionsrechte anteilig an Kraftwerke, Industriezweige oder bestimmte Firmen verteilt.  Wer danach mehr CO2 ausstößt als er darf, muss Rechte zukaufen. Wer unter seinem Limit liegt, kann die überschüssigen Gutscheine verkaufen. Also beispielsweise jemand, der seine Abgase wegen eines tollen technischen Tricks billig verringern kann. Theoretisch ist das gar keine schlechte Idee, praktisch sieht es oft finster aus. Insbesondere dann, wenn  Länder wie Indien oder China milderen Vorschriften unterliegen, als die in Europa oder den USA. Dann werden die Emissionen und mitsamt der Arbeitsplätze einfach dorthin exportiert, so wie das auch diesmal geschehen dürfte.

Der Handel mit „Emissionsrechten“ ist schon lange ein Renner auf dem Finanzmarkt und ein Paradies für dubiose Geschäfte. Beispielsweise hat das Frankfurter Landgericht sechs ehemalige Beschäftigte der Deutschen Bank verurteilt. Die Bankangestellten waren nach Ansicht des Gerichts wesentlicher Bestandteil eines Umsatzsteuerkarussells, mit dem eine internationale Tätergruppe in den Jahren 2009 und 2010 rund 850 Millionen Euro hinterzogen haben soll. Beim Handel mit EU-Rechten zum Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) wurden nach Erkenntnissen der Ermittler über deutsche Gesellschaften Emissionsrechte aus dem Ausland gekauft und im Inland über Zwischenfirmen weiterverkauft, ohne Umsatzsteuer zu bezahlen. Die jeweils letzte Gesellschaft in der Kette veräußerte die Papiere wieder ins Ausland. Dafür ließen sich die Betrüger vom Finanzamt Umsatzsteuer zurückerstatten, die nie gezahlt worden war.

Zurück zu den Arbeitsplätzen: Bei der Übernahme des britischen Stahlkochers „Corus Steel“ vor zehn Jahren  hat Tata schon einmal vorgemacht, was von Zusagen in dieser Hinsicht zu halten ist: Tata hat ein Corus-Stahlwerk im britischen Redcar  zugemacht und die CO2 Zertifikate in Höhe von 1,2 Milliarden Pfund weiterverkauft. Ein prima Geschäft, aber leider blieben 1.700 britische Stahlwerker im Regen stehen.

Für den Hintergrund ist zumindest interessant, dass es zwischen Tata und dem „Welt-Klimarat“ (IPCC) Beziehungen gibt. So war der langjährige Vorsitzende des  IPCC, der Inder Rajendra Pachauri unter anderem  Direktor des indischen „The Energy and Resources Institute“ (TERI).  Die Buchstaben TERI standen bei der Gründung ursprünglich für: „Tata Energy and Resources Institute".

Leserpost (10)
Andreas Rochow / 22.09.2017

Es wäre auch unglaubhaft, wenn die Erfinder und Autoren des Zertifikatehandels nicht gleich eine Option eingebaut hätten, um ordentlich mitverdienen zu können. Das IPCC ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie erfolgreich die Vereinten Nationen weltweit Aktivisten und Geldströme in Bewegung setzen. Wenn es um die Rettung des Klimas geht, gibt es schließlich nur Gewinner.

D. Weingardt / 22.09.2017

Der tschechische Film “na komete” zu deutsch “auf dem Kometen” hat das alles kommen sehen, keine Verschwörunstheorie, ischschwör.

Christian Schulz / 21.09.2017

12 Milliarden Pfund bei 1700 Arbeitsplätzen, das sind knapp 8 Millionen Euro pro Arbeitsplatz. So macht klimagerechtes Abwickeln Spaß.

Marc Hofmann / 21.09.2017

Thyssen-Krupp rettet seine Stahlbranche ins Ausland…nach Indien….und die Deutschen Arbeitsplätze gehen gleich mit. CO2-freie Gesellschaft = Mangel und Armut….Tagelöhner und Bauernstaat!

Robert Orosz / 21.09.2017

Vieles Richtig, was hier zum CO2-Ablasshandel steht: Gut gemeint ist das Gegenteil von Gut. Und obwohl der VDEh wie auch die WV erfolgreiche Verbandsarbeit leisten, beißt sich die beiden Teilverbände des Stahlzentrums bei den EUkraten in diesen Kernpunkten die Zähne aus. Als ob die auferlegten Handelshemnisse (globale Überproduktion und Strafzölle- hier hat die EU nur sehr zaghaft reagiert) nicht schon ohnehin eine große Bürde für die europäischen Stahlwerke wären, erweist sich die EU bei seinen Emissionsauflagen und Klimaschutzregularien als wenig flexibel, ja borniert. Hinzu kommt, daß die Deutsche Stahlindustrie in der öffentlichen Wahrnehmung gemeisam mit “Kohle und Stahl” als Sammelbegriff eine überholten “old economy” konnotiert wird. Dabei ist es gerade die Stahlindustrie, welche unter den Schwerindustrien in Deutschland zu den innovativsten und produktivsten Unternehmungen zählt : Bei einer Produktionsmenge von rund 50 Mio t Roheisen p.a. zwischen 1980-2016 (konjunkturelle Schwankungen kommen hinzu/ Weltwirtschaftskrise 2007/08 ausgenommen) konnte der Personaleinsatzes von 240.000 auf etwa 90.000 reduziert werden. Nicht zu vergessen die Stahlprodukte auf der “kalten” Seite: Deutsche Kaltwalzprodukte zählen zu den Besten weltweit in ihrem Segment. Hier liegt eine vergleichsweise sehr hohe Wertschöpfung inne, bis zu 10.000 Euro/Tonne Kaltwalzprodukt (im Vergleich zum “einfachen” Warmband ab etwa 1000 Euro/Tonne). Was das künftig für die Qualität bedeutet, wenn das Ausgangsmaterial lediglich “fertig konfektioniert” von AM, TATA oder POSCO bezogen werden kann, brauche ich nicht weiter auszuführen…

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